Alles und Nichts

Doch mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war. Farin Urlaub Racing Team – Niemals

Im Moment habe ich wieder eine ziemlich kreative Phase. So kam es dann auch, dass ich gerade auf dem Heimweg von einer beeindruckenden Erzählbühne eine Idee hatte, die dann rasant angewachsen ist und unbedingt noch auf das digitale Papier gebracht werden wollte. So ist innerhalb einer Stunde der dritte Beitrag zu meiner Berlin-Anthologie entstanden. Dabei habe ich beschlossen, dass ich es so machen will, wie bei der Three Flavours Cornetto Trilogy (rund um Shaun of the Dead), nur eben mit Mate. Ich muss mir nur noch einen griffigen Namen überlegen, bin da auf jeden Fall auch für Vorschläge offen. Jetzt aber erstmal zum Text.

Alles und Nichts

„Hier, wo jetzt all die Menschen warten und Züge fahren und Häuser stehen und Autos halten, hier, wo jetzt alles ist, war irgendwann einmal nichts. Und irgendwann, vielleicht in vielen tausend Jahren oder aber schon sehr bald, wird hier bestimmt auch wieder einmal nichts sein. Stell dir das mal vor.“

Wenige Momente zuvor am Berliner Hauptbahnhof. Ich stehe mit meinen Händen in den Taschen und den Kopfhörern auf den Ohren und der Kapuze tief im Gesicht auf dem Bahnsteig und warte darauf, dass dein Zug endlich einfährt. Er hat Verspätung. Ich tippe auf meinem Smartphone herum, nächster Song bei Spotify, passt gerade nicht. Spiegel Online. Facebook. Dann eine Ansage, die ich nicht verstehe, weil irgendein Deutschpunksong in meine Ohren schreit. Ich streife die Kapuze nach hinten, setze die Kopfhörer ab, stecke sie in die Tasche und in dem Moment bremst die Bahn ab und wirft all die wuseligen Touristen und Geschäftsmenschen und Familien und irgendwann auch dich auf die frisch gewischten Steinfliesen. Und du begrüßt mich nicht und du umarmst mich nicht, sondern sagst direkt diese Sätze über alles und nichts.

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll und mühe mir ein Lächeln ab und vielleicht macht mein Gesicht von alleine noch irgendwelche komischen Verrenkungen und ich schaue dich einfach nur an und fände es glaube ich ganz gut, wenn jetzt nicht die ganze Hektik und die Züge und die Menschen um uns herum wären, sondern wenn wir hier alleine stünden. Und wir würden nichts sagen, sondern uns nur anschauen und uns unsere Teile denken. Und du wischt unter deiner Brille in dein Auge und verschmierst die Farbe ein wenig und dann setzen wir uns in Bewegung, wie die langsam wieder anfahrende Bahn. Raus aus dem Mikrokosmos Hauptbahnhof und rein in die Stadt, Richtung Stadtmitte, Richtung Prenzlauer Berg.

Wir kommen am Naturkundemuseum vorbei und du erzählst von den letzten Wochen und was du gemacht hast und was du erlebt hast und was du geträumt hast und ich träume auch so vor mich hin und versuche nicht von dir zu tagträumen und ich stelle mir vor, wie das wohl war, als die Skelette und Präparate aus dem Museum noch Berlin bevölkerten. Und dann male ich mir aus, wie ein Tyrannosaurus Rex über den Rosenthaler Platz zieht und nach Beute sucht und wie das wohl war, als auf dem Alexanderplatz noch nicht der Fernsehturm der beste Aussichtspunkt war, sondern der Hals eines Brachiosaurus. Ich würde jetzt gerne deinen Hals sehen, den du aber leider viel zu fest in einen Schal gewickelt hast.

Unsere Schritte führen uns an den Resten der Mauer entlang und du erzählst etwas von Mauern in Köpfen, die man endlich mal einreißen müsste. Währenddessen frage ich mich, wie das wohl war, als die Stahlstäbe wirklich noch eine Mauer waren und wie es davor war, als die Mauer noch Steine waren, die in Gebirgen oder Ozeanen oder dazwischen lagen. Und ich male mir aus, wie wir diese Steine nehmen und irgendwo ein Haus daraus bauen, ein Zuhause, und dann haben wir auch eine Mauer oder einen Zaun drumherum aus Holz, das ich selbst im Wald geschlagen habe.

Du willst dir noch etwas zu trinken kaufen im Späti. Und wir betreten das kleine Büdchen und irgendwo geht eine Mateflasche zu Bruch und das klebrige Getränk trägt die großen und kleinen Glassplitter unter Regale und in die hintersten Ecken des Ladens. Und irgendwann wird aus dem Glas vielleicht wieder Sand, aus dem dann Kinder Sandburgen bauen und du regst dich über den Tollpatsch auf und in meinen Gedanken macht ein Tollpatsch die Sandburg kaputt, die ich für dich und mich und niemanden sonst errichtet habe.

Es ist mal wieder Herbst stellst du fest. Die Blätter überall und es wird ja auch wieder früh dunkel und kalt und du rückst dir deine Mütze zurecht und ich finde das irgendwie faszinierend. Ich muss kurz dein Bier halten, damit du dir eine Zigarette anzünden kannst und ich will mich viel lieber an dir festhalten und mich an dich klammern wie dieses eine, letzte Blatt, das den Baum nicht loslassen will, das den Kopf oben behält und das nicht nachgibt.

Wir gehen vielsagend rauchend und nichts sagend stumm durch die Kastanienallee und ich muss daran denken, wie wir früher als Kind immer Kastanien gesammelt haben, säckeweise. Und die haben wir dann zum Förster gebracht und ein bisschen Geld dafür bekommen und damit haben wir Geschwister und das dann Spielzeug gekauft. Doch dieses Spielzeug gibt es nicht mehr und auch die Tiere, die die Kastanien dann im Winter gegessen haben, sind auch alle schon tot und ich weiß nicht mal, ob die Bäume noch stehen. Aber ich weiß, dass ich jetzt gerne mit dir durch diese Straße tanzen will und dabei würden uns die Menschen zujubeln oder es wären gar keine Menschen da, weil noch niemand geboren wurde und nur wir zwei hier wären und sonst nichts. Du schaust kurz zu mir rüber und ich nicke und lasse mir nichts anmerken und du merkst mir nichts an und irgendwann kommen wir an deiner Haustür an.

Du bedankst dich dafür, dass ich dich abgeholt und durch die Nacht gebracht habe und wir umarmen uns kurz und du fragst mich, was eigentlich mit mir los ist, ich sei so still und nachdenklich. Und ich sage: „Stell dir bitte mal folgendes vor. Hier, wo ich jetzt stehe, war mal nichts. Kein Fußweg, keine parkenden Autos und erst recht nicht ich. Aber da, wo du stehst, ist jetzt alles für mich. Und egal was war oder ist oder kommt, ich will es gemeinsam mit dir erleben und das am liebsten noch die nächsten tausend Jahre lang.“

Und diesmal sagst du nichts und schaust mich stattdessen mit diesem viel zu langen Blick an, der nichts sagt. Und irgendwie doch alles.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Cut my life into pieces, I‘ve reached my last resort. Papa Roach – Last Resort

Ich habe mal wieder einen alten Text von mir gefunden, den ich vor etwa fünf Jahren geschrieben haben muss. Man erkennt daran, dass ich schon immer ein Herz für schlechte Wortspiele hatte. Viel Spaß bei der Lektüre.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Wirtschaftsflauten, Bankenpleiten und die Eurokrise gehen auch an bekannten Märchencharakteren nicht spurlos vorüber. Es sind diese persönlichen Schicksale, die jedoch in den Medien oft unter den Teppich gekehrt werden. So auch beim tapferen Schneiderlein. Was wurde aus der Moral, die laut Wikipedia besagt, dass auch der Schwache, wenn er nur selbstbewusst und einfallsreich ist, Großes erreichen kann? Hier die wahre Story des ersten echten Modedesigners der heutigen Zeit.

Kleider machen Leute und er war es einst, der die Kleider der Leute machte. Keiner wollte sich seine Dienste entnähen lassen. Er machte die Berufung zum Beruf und die Selbstständigkeit zu seinem Geschäftsmodell: Das tapfere Schneiderlein – vom Staat gefördert – wurde zu einer Marke und er selbst zur ersten deutschen Ich-ANäh.

Es war Jacke wie Hose was er tat, egal welche Stoffe er sich vorknöpfte, alles, was bei ihm über die Klinge sprang, war im Handumdrehen edel wie Edelmetall und weich wie Weichkäse und bequem wie sehr bequeme Kleidung. Alles lief wie ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien: ziemlich gut.

Doch wer hoch stickt, lässt irgendwann mal eine Masche fallen und wenn der Erfolg nur mit der heißen Nadel genäht ist, kann man sich schnell daran verbrennen. Und so war es auch beim tapferen Schneiderlein, den die Mutter schon in der Kindheit gewarnt hatte: „Junge, schneid nicht immer so laut herum!“

Im Laufe der Jahre bildete er sich nicht nur oft weiter und viel ein, sondern auch viele Lehrlinge, seine Schneiderleinleins, aus. Diese wurden nach ihrer Ausbildung so gut, dass sie ihrem Meister nicht nur den sprichwörtlichen Schneid abkauften, sondern auch Geräte, um ihre eigenen Geschäfte zu eröffnen. Dabei konzentrierte sich jeder auf einen ganz eigenen Kundenkreis. Innerhalb kürzester Zeit hieß das Viertel, in dem sie arbeiteten, überall nur noch Little Schnaidatown. Dort gab es Geschäfte wie:

o AB-Schnitt: Ein Laden, in dem sich Kunden schnell und einfach Sachen kürzen lassen konnten
o Ein-Schnitt: Für alle Kleiderveränderungen nach großen Ereignissen im Leben.
o Durch-Schnitt: Für Kleidertrennung nach der Ehe.
o Schnitt-er: Wenn die Scheidung nicht genug ist – spezialisiert auf den Bestattungsbereich.
o Schnipp und Schnappi: Für Kleidungsstücke aus Krokodil und anderen seltenen Materialien.
o Schnitt-zel: Für Arbeitskleidung aus dem Gastronomiebereich.
o Schneidepflicht: Für den Mann von Welt im Zeugenschutzprogramm.

Diese Vielzahl an Möglichkeiten führte dazu, dass das tapfere Schneiderlein in seiner Nähstube kaum noch Kunden zu Gesicht bekam. Die Selbstständigkeit war nur ein kleiner Schnitt für die Menschheit, aber ein großer Schnitt für die Schneiderleinleins und ihren Lehrmeister. Die Jugend bestimmte schon bald den Trend und das Schneiderlein wurde zur Old Couture.

Ausgebrannt und ausgemustert streifte er durch die Stadt wie ein Lumpenhändler ohne Lumpen, das letzte Hemd hatte er einem gehemdicapten Bettler mit freiem Oberkörper geschenkt. Er war ein nackter Mann, der nicht mal mehr Taschen hatte, an denen man sich vergreifen konnte. Alles war verloren, der rote Faden und die Nadel und die Nähmaschinen. Nur sein Gürtel ist ihm geblieben. Während es Bindfäden regnete, schaute er ihn sich noch einmal an: Sieben auf einen Streich stand dort geschrieben.

Dieser Satz hatte ihn erst so weit gebracht, als er ihn zum ersten Mal anlegte und enger schnallte, war es, als hätte ihn noch mal so richtig jemand mit der Fusselrolle abgerollert und auf Hochglanz gebracht. Sieben auf einen Streich – dieser Satz müsste ihn doch auch diesmal wieder retten, vor Hartz 4 oder vor einer unvermeidbaren Schaftat als Halsabschneider und der daraus resultierenden Flucht nach Burkina Faser.

Er hängte seine Arbeitsstiefel an den Nagel und war das erste Mal in seinem Leben so richtig aus dem Schneider. Sieben auf einen Streich, kein Wunder, dass er es da zuerst einmal als Maler versuchte. Dabei trug er die Farbe jedoch viel zu dünn auf (sonst wären es niemals sieben Häuser auf einen Streich geworden.)

Nach seiner Entlassung versuchte er es in einem Restaurant. Sein Chef war begeistert – wer sonst konnte schon als Pizzaschneider sieben Teigfladen mit einem mal zerkleinern? Doch das Talent hatte wieder einen Nachtteil: Die Küche sah danach aus wie Sau, oft waren die Pizzastücke wie ein Flickenteppich im Raum verteilt und so verkaufte sich das Essen natürlich nicht mehr wirklich wie geschnitten Brot.

Das wird doch so alles nichts und so entschied er, den Gürtel zu verändern und an neue berufliche Herausforderungen anzupassen. Sieben und dann bin ich reich zierte seine Taille, als er sich als Goldschürfer in Texas versuchte. Mit Sieben auf einem Strich probierte er im Hamburger Rotlichtmilieu Fuß zu fassen, jedoch ohne Erfolg – die Branche bot ihm einfach zu wenig Stoff.

Zum Schluss kümmerte er sich wie schon in seinem Ausbildungsberuf tapfer um Trennungen. Siegen in jedem Streit – die fadenscheinige Anlaufstelle für außergerichtliche Auseinandersetzungen im ehelichen Umfeld. Mit Ratschlägen wie: Drum prüfe, mit wem du ewig Soße bindest und seiner samtweichen Stimme konnte er einige Beziehungen wieder zusammenflicken. Nur er selbst wurde irgendwie nicht glücklich.

Eines Abends passierte es dann. Leicht angetrunken zog er sich seinen Gürtel über die Augen und schaute sich im Spiegel an und sah nichts, weil er den Gürtel über den Augen hatte. Doch in dem Moment wusste er, was er zu tun hatte: Er schnappte sich Nadel und Faden und Messer und Schere und ein Cape, stickte und flickte und nähte und häkelte und am Ende lächelte er.

Seitdem ist es sicher in der Stadt. Immer, wenn irgendwo jemand im Schutze der Nacht eine Bank überfallen oder seinen Hundekot nicht wegmachen will, ist er zur Stelle: Der Räuber bekommt einen Scherentritt verpasst und der Hund wird zugenäht. Verflixt, Verbrechen lohnt sich nicht mehr. Denn jetzt sorgt jemand für Recht und Ordnung – noch genau so tapfer wie früher, aber kein Schneiderlein mehr. Heute kennt man ihn nur noch als Schneiderman.

Und die Moral von der Geschichte: Reden ist Silber, Schneiden ist Gold.

Im Paradies der Aussortierten

Ich will nicht ins Paradies wenn der Weg dorthin so schwierig ist. Die Toten Hosen – Paradies

Heute gibt es einen kleinen Text, der vielleicht sogar der Anfang einer Reihe sein könnte (wenn er nicht aus der Reihe tanzt.) Aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall geht es um die kleinen Dinge, die in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten. #deep

Im Paradies der Aussortierten

„In 400 Metern links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Sie haben die Ausfahrt verpasst. Bitte bei der nächsten Gelegenheit wenden.“ Tom führte wieder einmal Selbstgespräche. Sein Leben war die letzten drei Jahre komplett ereignislos verlaufen. Nichts passierte, gar nichts. Wie jeden Tag und jede Nacht lag er nur rum und wartete. Seit fast jeder Mensch ein Smartphone besitzt und jedes dieser Geräte über eine Kartenapp verfügt, wird er nicht mehr gebraucht, denn Tom ist ein Navigationsgerät und auch sein Fahrer nutzt nun schon seit Ewigkeiten nur noch sein Handy.

Als der Fahrer zum ersten Mal mit dem Smartphone navigierte, dachte Tom noch, es sei eine Ausnahme gewesen, diese moderne Technik wird sich eh nicht durchsetzen. Damals, am ersten Tag, fühlte sich Tom schlapp und leer, als wäre sein Akku nicht geladen. Warum also nicht der jungen Generation den Vortritt lassen und auch mal ruhig bleiben und nur mitfahren. Doch schnell wurde klar, dass der Fortschritt ihn nicht nur ein-, sondern mit voller Geschwindigkeit links überholt hatte. Tom war zwar erfahren was Straßenführung und Blitzerwarnungen anging, allerdings konnte er sich nicht in Echtzeit auf die aktuelle Verkehrslage einstellen. Er wusste auch nicht, wie es diese kleinen Computer schafften, immer die neusten Staus zu kennen und sofort eine Ausweichroute parat zu haben.

Anfangs konnte Tom wenigstens noch die Aussicht genießen, während er stumm in seinem Logenplatz hinter der Windschutzscheibe saß. Doch irgendwann wurde die Halterung abgebaut und unter dem Fahrersitz zwischen Staub und Laub und leeren Getränkedosen verfrachtet. Dieser Ort war nun auch seit Ewigkeiten Toms Zuhause.
„Hier geht es nicht weiter, bitte ändern Sie die Richtung“, überlegte er. Und nach vielen weiteren Kurven und Abzweigungen und Sackgassen und Einbahnstraßen in seinem Kopf, fasste er den Entschluss, dass sein Leben so keinen Sinn mehr ergab. Und so entschied er sich, auszubrechen.

Als seine Mitfahrgelegenheit mal wieder an einer Tankstelle hielt und die Tür wie immer offenließ, fasste er sich ein Herz, welches irgendwo auf seiner Hauptplatine lag, und sprang aus dem Auto auf den harten Boden. Dabei verletzte er sich leicht am Gehäuse und auch sein Display splitterte an einer Ecke ein wenig. Doch er konnte noch gehen und rannte in einen Wald neben der Straße und versteckte sich im Gras. Sein Arbeitsspeicher arbeitete vor Aufregung wie wild, doch niemand hatte ihn gesehen und als er sicher war, dass die Luft rein war, atmete er kräftig durch und schaute etwas enttäuscht in den wolkenverhangenen Himmel.

Zwei Tage lang lief er in Straßengräben umher und verirrte sich mehrfach, weil seine Kartendaten schon lange Zeit nicht mehr aktualisiert wurden. Irgendwann traf ihn die Erkenntnis wie Rollsplitt, der von der Schnellstraße aufgewirbelt wurde: „Ich bin zwar frei, aber ich bin noch immer nutzlos. Ich habe kein Ziel vor Augen und niemand braucht mich, weder mein Fahrer noch irgendwer sonst auf diesem Planeten. Und nicht alle Wege führen nach Rom.“

Und während er in einen immer pessimistischeren Monolog verfiel, befand er sich auf einmal auf einer hohen Brücke, die nicht auf seiner Karte eingezeichnet war. Sie musste in den letzten Jahren neu gebaut worden sein und mit ihr wurde die gesamte Straßenführung in der Region verändert. Tom hatte sich zu allem Überfluss auch noch verlaufen und hatte keine Ahnung, wie er wieder zurück auf eine ihm bekannte Route gelangen sollte.

„So geht es nicht weiter, hier ist Endstation. Ein Navigationssystem, das sich nicht mal orientieren kann. Lächerlich“ Er näherte sich dem Rand der Brücke und machte sich bereit für einen Sprung in die Hoffnung, nach seinem Tod irgendwo in der Cloud zu sein. Doch bevor er sich für immer formatieren konnte, erschien eine alte, dicke Fee neben ihm.
„Hallo kleines Navi. Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Auch ich fühlte mich mal komplett allein gelassen. Märchen sind nicht mehr im Trend, es gibt jetzt Serien und Filme und Geschichten. Klar, es gibt immer noch Prinzen und Prinzessinnen, aber der Arbeitsmarkt für Fantasybuchcharaktere ist sehr schlecht. Kinder lesen einfach nicht mehr so viel. Auch wir werden irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Aber ich sag dir was: Lass mich dir helfen. Ich kann dich an einen Ort bringen, an dem du glücklich wirst. Was meinst du?“

Tom war zwar skeptisch, doch was hatte er zu verlieren? Er akzeptierte das Angebot der Fee und sie wirbelte herum, versprühte Feenstaub (viel davon war nur Showeffekt, aber sie liebte ihren Job einfach zu sehr) und auf einmal waren die beiden in einem sehr großen Raum. „Herzlich Willkommen im Paradies der Aussortierten.“ Tom war sprachlos. Um ihn herum tobte das Leben. Unzählige Gegenstände und Dinge liefen umher, spielten miteinander, sprachen und waren glücklich.

„Komm mit, ich zeig dir was“, sprach die Fee und führte Tom zu einer großen Rennstrecke. „Das hier ist eine Carrerabahn, hast du so etwas schon einmal gesehen?“ „Gesehen nicht, aber ich habe davon gehört. Spielen damit nicht Kinder und fahren mit Autos um die Wette“, erkundigte sich Tom. „Ganz genau. Wir haben hier einige Bahnen, die auf Dachböden vermoderten und nicht mehr gebraucht wurden, weil die Kinder viel lieber vor einer Spielekonsole saßen als mit den alten Fahrzeugen ihre Runden zu drehen. Das hier ist Michael, er ist unser bester Wagen.“ Ein roter Sportflitzer kam auf der großen Bahn, die einmal durch das ganze Zimmer führte, angerast und blieb neben der Fee und dem Navigationsgerät stehen. Auf seinem Dach war eine spezielle Halterung, die Tom an seinen früheren Platz hinter der Windschutzscheibe erinnerte.

„Hi, ich bin Michael, freut mich dich kennenzulernen. Du kommst genau richtig, ich verfahre mich leider manchmal und könnte etwas Navigation gebrauchen. Hast du Bock?“ Und natürlich musste er nicht zweimal fragen. Tom setzte sich in die Dachhalterung, schaute sich einmal genau um und strahlte. „Hier bin ich Zuhause. Es ist wirklich ein Paradies. Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Und dann brauste das Auto los. „In 300 Metern scharf links. Jetzt rechts halten. An der nächsten Kreuzung geradeaus fahren.“ Und so wurden Michael und Tom Freunde und Partner und fuhren gemeinsam ihre Runden und eine alte Canon-Minidigitalkamera hielt ihre siegreichen Zieleinfahrten für die Ewigkeit (oder bis die SD-Karte voll war) fest.

Und während die beiden so fahren, vergrößert sich das Bild. Die Kamera zoomt raus. An der Wand steht ein Regal mit der Brockhaus-Enzyklopädie in 30 Bänden. Um die große Carrerabahn herum schlurfen vier Nordic-Walking-Stöcke über die überall verteilten Spielteppiche. Irgendwo im Hintergrund röchelt eine alte Filterkaffeemaschine vor sich hin. Das Bild wird unschärfer, man erkennt Umrisse eines Wackel-Dackels, der mit seiner Schnauze Jojo-Tricks vollführt.

Und irgendwann ist die Kamera so weit rausgefahren, dass wir uns schon gar nicht mehr im Raum befinden. Wir sind jetzt vor einem großen Gebäude. In der letzten Einstellung erkennen wir, dass es sich um eine mit Brettern vernagelte und verfallene alte Videothek handelt. Über der Eingangstür steht mit Leuchtbuchstaben, die schon lange nicht mehr funktionieren, der Name: Das Paradies.

Ein kurzer Ausflug in den Untergrund

Hier im Bus ist immer Sommer und du in deiner Winterkluft, die Scheiben neben dir beschlagen, ein Knopf schreit Lieder in dein Ohr. Captain Planet – Fenster im Fenster

Ungelenk quietschend schiebt sich die gelbe Raupe den Bahnsteig entlang, wird langsamer und kommt im hinteren Kurzzugbereich zum Stillstand. Gesundbrunnen, Ausstieg in Fahrtrichtung links. Und ich betrete den Wagen und ein Platz ist noch frei und ich eile herbei und lasse mich fallen und schaue mich um.

Da sind die üblichen Verdächtigen, die latent Übernächtigten, die großgewachsenen und noch nicht ausgewachsenen, stets flacksenden und frechdacksenen Kids, mit ihren ungewaschenen Brustbeutelgürteltaschen. In der Hand halten sie die Mateflaschen und ihre Backshopsachen und sie spucken vor Lachen auf den Boden. Ihre Masche hat Klasse und ihre Klasse hat Ausgang und der eine Ausgang ist defekt und dort klebt ein Aufkleber und der Typ auf Kleber kapiert es nicht und probiert den Knopf und es passiert nicht und er passiert den Moritzplatz und zuckt mit den Schultern und nimmt wieder Platz.

Da ist Mister Kreuzberg 93 und der alte „früher kosteten die Kippen noch Zweimarkneunzig“ Typ, sein Blick ist trüb und mit seinem Glauben ist er auf dem Holzweg, wie ein Vegetarier auf einem Bootssteak. Da sind Belegarbeiten schreibende, sich die Augen rot reibende, mit starrem Blick auf Laptopscheiben starrende Intellektuelle und auch sie sind nicht immer ganz helle, wenn das Licht ausgeht. Da steht die Mutter mit Sohn und Smartphone und mit dem Rücken zur Wand steht da einer und liest Faserland von Christian Kracht und er lacht an den falschen Stellen und am Kottbusser Tor macht er sich auf zum Ausgang und steigt aus und nimmt den Aufgang zur U1.

Ich sitze nur da und höre Musik und kriege nicht viel mit, von meiner Umwelt und ihrer ganz generellen Verschmutzung um mich rum. Ich bleibe die meiste Zeit stumm, auch wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen oder mal kurz um die Wette laufen will und ich bleibe auch still, wenn sich jemand eine Kippe von mir schlauchen will, weil man in der U-Bahn eh nicht rauchen darf und ich nicht mehr rauche, weil mir die kleinen bunten Bilder auf den Zigarettenschachteln die Augen geöffnet haben, wie dieser eine Heilige von Wonder Waffel den Hungrigen wieder satt gemacht hat. Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen oder nie, stellt der verbitterte Bittsteller fest, der seine Hand aufhält und meinem Blick Stand hält und auffällt, weil ihm ein Bein fehlt und sein Gebiss nur noch bis drei zählt und so gebe ich ihm mein restliches Kleingeld, auf dass er es für sich behält und seinen restlichen Tag auf den Kopf stellt und ich mir was auf mein Karma einbilden kann.

So läuft das immer in der Bahn. Jeden Morgen und jeden Abend pendelt das Uhrwerk die Menschen herbei und schiebt sie auf Gleise. Und jede Reise ist scheiße, denn sie ist nicht pauschal, sondern irrational und mehr Nahverkehr als Fernwärme, die auch schon wieder ausgefallen ist. So ein Mist, denkt sich der eine und ich hab leider nicht mal vier Wände sondern nur die Osloer Straße, hier ist das Ende der Bahn. Doch im Leben gibt es immer eine Wende und so geht es zurück zum Rathaus Steglitz, nicht gerade das Paradies aber auch nicht ganz so fies wie – ich weiß nicht, ich muss jetzt jemanden beleidigen und der wird sich dann verteidigen und beschreiben und schreien, dass hier und da ein ganz toller Ort ist und wenn man erstmal ne Weile fort ist, würde man es auch vermissen und wissen, was man daran hat oder hatte und dann steht man wieder auf der Fußmatte an Weihnachten mit dem lustigen Spruch wie Tritt mich! und fragt sich: Ist das wirklich witzig?

Und nein, ist es nicht und auch nicht der Gedanke daran, auf immer hier gefangen zu sein. Wie die Fliege vor der Spinne im Nahrverkehrsnetz, wie auf der Anklageviererbank ohne Richtergeschwätz, wie ein Tramedar im Zoo oder wie ein Gefangener irgendwo in Moabit im Knast. Rastlos rattern die Räder auf den Gleisen bis irgendwo ein Notarzteinsatz die Weiterfahrt aussetzt und man sich aufsetzt und abschätzt, ob man wirklich sitzen bleiben sollte oder doch auf den Ersatzverkehr ausweicht und die Wartezeit ausgleicht, oder ob es für heute einfach mal ausreicht mit der Fortbewegung und man auch einfach mal ankommt.

Ich öffne die Augen. Verdammt, mal wieder eingenickt im sonoren Gleichklang der Motoren. Mal wieder zu lange im Warmen gewartet und den Ausstieg verpatzt. Schon am Walter-Schreiber-Platz. Ich verlasse trotzdem das fahrende Biotop im Untergrund und steige die Stufen hinauf zur Stadt. Berlin steht noch. Beruhigend und auch mal ganz schön.

Für heute habe ich den Ausstieg geschafft, doch morgen bin ich wieder drauf und drin und einer dieser üblichen Verdächtigen, einer dieser latent Übernächtigten. Nur werde ich mal was Verrücktes machen und wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen möchte, werde ich es vielleicht einfach mal tun.

Der dicke Typ mit der Musik

Und ich renne, durch die Nacht. Unerkannt. In der Hoffnung, zwei der Teile, sind ein Ganzes dann. Fjørt – Magnifique

Dereinst fragte mich ein Kollege, was mein Geheimnis sei. Wie ich es schaffe, immer so gut drauf zu sein und glücklich und freundlich und all das alles. Dummerweise fragte er mich das an einem dieser Tage, an dem ich ungemein mit mir zu kämpfen hatte und am liebsten einmal mein ganzes Ich und die negativen Gedanken und meine schlechte Stimmung resettet hätte.

Ich antwortete also ohne groß darüber nachzudenken: Pretending. Ein Wort, für das mir gerade keine passende Übersetzung ins Deutsche einfällt. Ich wollte damit sagen, dass ich dieses Glück oft nur vormache oder so wirke, als wollte ich die ganze Welt umarmen. Er grinste und glaubte mir nicht, das könne nicht sein und überhaupt, gerade wenn ich mit meinen Kopfhörern durch die Stadt laufe, das müsse doch der Schlüssel sein. Mir fiel keine bessere Antwort ein und so grinste auch ich und ging dann zwei Stunden durch den Regen nach Hause. Mit meinen Kopfhörern und mit der Musik auf meinen Ohren und mit dem Kopf voller Gedanken und mit den Beinen, die einfach nur laufen wollten, ohne jemals irgendwo anzukommen. Und ohne eine Antwort auf die Frage, wie ich das mache, mit diesem ganzen Glück und so.

Keine Ahnung wann es angefangen hat. Ich würde vermuten mit 13 oder 14 Jahren, in einer Zeit, in der ich die Musik so richtig für mich entdeckte. Ich hatte zwar auch einen Walkman und Kassetten, aber so richtig los ging alles mit einem ersten tragbaren CD-Player, der auch MP3-CDs abspielen konnte und echt lange Antishock hatte. Ich, ähm, kaufte mir all die CDs von meinen Lieblingsbands und von den Bands, die nie meine Lieblingsbands werden würden, mich aber doch ein Stück meines Lebens begleiteten und machte mir eine Mappe mit MP3-CDs. Und diese hörte ich dann, wieder und wieder und wieder. Mit meinen großen Kopfhörern, die ich schon immer besser fand als diese komischen kleinen Stöpsel. Und ich merkte, wie sehr ich mich in die Musik fallen lassen konnte und irgendwann sang ich das erste Mal laut mit und nickte extrovertiert (das Wort kannte ich damals noch nicht, klingt heute aber richtig) und spielte Luftgitarre und sprang und schrie und vergaß die Welt um mich herum.

Zu der Zeit lebte ich in einer kleinen Stadt mit 6000 Einwohnern irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Und ich weiß noch, wie mir die Chefin des Museums, in dem ich als Schüler arbeitete, erzählt hat, wie einmal eine Einwohnerin zu ihr kam und fragte, ob sie den komischen und dicken Verrückten kennen würde, der immer so laut schreiend durch die Straßen rennt. Und auch ein guter alter Freund erzählte mir, dass seine Eltern mich einmal für einen Betrunkenen gehalten hätten, der brüllend durch den Ort torkelt. Man sprach von mir und ich weiß nicht, ob ich es damals so witzig wie heute finde, aber es war mir da schon relativ egal.

Heute lebe ich in Berlin und laufe immer noch laut schreiend, springend und wild gestikulierend durch die Gegend, nur der Unterschied ist, dass sich meistens nicht mal mehr jemand umdreht, wenn ich an ihm oder ihr vorbeirocke. In Berlin ist das irgendwie normal oder zumindest mal egal. Und für mich ist es wie schon damals und vielleicht heute noch viel mehr ein Ventil. Das ist mir gerade heute Nacht wieder aufgefallen, als ich mal wieder meine momentane Lieblingsband Fjørt aus Aachen auf den Ohren hatte.

Bitte sei für mich, was ich bin für dich. Doch damit kann ich, nur verlieren, wir sind nur gleich, auf dem Papier. Bitte sei für mich, was ich bin für dich. Mit diesem Satz, geb ich auf, doch ihn kapieren, wirst du nicht. Fjørt – Lichterloh

Fjørt im Januar 2018 im Lido in Berlin - weil ich so ein schlechter Fotograf bin, habe ich einfach mehr Filter über das Bild gelegt

Wie ich mich momentan oft fühle (wiederkehrende und unvollständige Aufzählung): traurig, allein, wütend, unruhig, rastlos, ruhelos, einsam, enttäuscht (von mir und anderen Menschen), genervt (vor allem von mir), schwach, hilflos, dumm, ungerecht. Okay, ich gebe zu, das ist jetzt vor allem die negative Seite der matten Medaille der Missmutigkeit (ja, ich weiß, dass es eigentlich Missmut heißt). Und ja, ich bin auch oft glücklich, entspannt, zufrieden, erleichtert und gelegentlich auch mal stolz. Aber das kann ich dann in diesen Momenten verstehen und greifen. All die schlechten Gedanken kommen eher spontan und diffus und ohne richtige Vorankündigung und mit voller Wucht. Und das nervt mich so, weil ich unfähig bin, mich dem entgegenzustellen und mein Kopf schlauer ist, als die Vernunft.

Ich bin in solchen Situationen und überhaupt ganz generell dann meist sehr hart zu mir selbst. Das haben mir auch schon ganz tolle Menschen gesagt und ich bin mir sicher, da ist was dran. Es führt aber auch dazu, dass ich irgendwie unfair und möglicherweise sogar gemein zu anderen Menschen bin. Das wiederum führt dazu, dass ich mich noch weniger selbst mag, weil ich – wie sangen die Ärzte damals so schön – meinen Selbsthass nur auf andere projiziere. Ich glaube schon, dass es als Mensch ohne Partner in den 30ern in Berlin nicht leicht ist. Klar kenne ich hier viele tolle Menschen, ich lerne jedes Jahr neue unglaublich spannende Personen kennen, aber irgendwie fühle ich mich doch ziemlich oft auf mich allein gestellt und finde es schade, dass nicht mal jemand fragt, wollen wir das machen oder jenes oder welches. Und ich weiß auch, wie doof und unfair dieser Gedanke ist, denn jeder hat nur einen beschränkt großen Hut und viel zu viele Dinge, die darunter Platz finden müssen. Aber ich kann diesen Gedanken einfach nicht abschütteln und wegschmeißen. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, heißt es in einer Redensart. Das funktioniert aber nur so lange, bis einer kommt, der das nicht so richtig kann, an sich selbst zu denken, oder das zumindest denkt um aus dieser Situation noch mehr Treibstoff für die eigene Unzufriedenheit zu gewinnen. Dann jedenfalls gerät alles aus dem Gleichgewicht und geht kaputt.

Irgendwann dreht sich alles in meinem Kopf und ich drehe Runde um Runde und fühle mich zugleich unglaublich selbstlos und über alle Maßen egoistisch und möchte niemanden vor den Kopf stoßen außer mir selbst, am liebsten mit einer massiven Wand. Aber das geht ja nun auch nicht und Pflastersteine heilen auch keine Wunden, selbst wenn sie antiseptisch sind, also kaue ich und kaue ich und komme doch nicht weiter. Und all das, all diese Gedanken, die ich gerade versucht habe auf das digitale Papier zu bringen, rauschen und rascheln und rasen dann zeitgleich durch meinen Kopf und ich versuche wirklich jedes Blatt in jedem verdammten Laubwald in meinem Schädel von allen Seiten zu betrachten. Das führt unter anderem dazu, dass ich immer wieder essenstechnisch rückfällig werde (und nein, nicht nur im Sinne von mal was gönnen oder einen Cheattag machen, sondern im Sinne von einfach alles innerhalb einer Woche mit meinem viel zu großen Arsch einreißen, was ich mühsam in einem Monat vorher aufgebaut habe) und oft unmotiviert bin, die einfachsten Sachen zu tun und schnell gelangweilt werde von Dingen und leider auch oft Menschen vor den Kopf stoße – manchmal nur in meinem Kopf, ohne dass sie es je erfahren, was die Sache aber nicht besser macht.

Und das ist dann der Moment, wenn ich froh bin, dass ich die Musik auf meinen Ohren habe. Und das sind dann auch die Momente, in denen ich nicht zufällig meine gesamte Musikbibliothek zufällig durchklicke, sondern ganz gezielt Fjørt auswähle. Und dann atme ich tief ein und wenn der Bass und das Schlagzeug und die Gitarre einsetzen, schließe ich die Augen und springe manchmal – mehrfach ist mir dabei schon das Handy aus der Tasche gefallen, was immer ein peinlich berührtes Umblicken nach sich zieht – und singe oder besser schreie laut mit. Denn dann vergesse ich für einen kurzen Moment die ganzen komischen Gedanken in meinem Kopf und konzentriere mich einfach nur auf die Musik, für die ich so unendlich dankbar bin.

Ich höre auch laut Musik, wenn ich glücklich und zufrieden bin. Aber meistens ist es für mich der beste Weg, zu verdrängen und zu verarbeiten. Mein Ventil, mein Ersatz für den Schlag mit der Faust gegen die Wand. Mein Rausch und meine Rettung. Und manchmal auch meine Hoffnung und fast immer eine willkommene Ablenkung.

Verzeih, ich werd‘ hier nicht nach unten sehen, ich werd‘ vorübergehen. Könntest du dein tränendes Gesicht wegdrehen, bitte? Fjørt – Eden

Die Revolution der Neujahrsvorsätze

Und dein Herz lächelt milde während es spricht, gute Ideen aber schaff es ja doch nicht. Marcus Wiebusch – Was wir tun werden

Und was hast du dir so für das nächste Jahr vorgenommen?

Die Weihnachtsgeschenke stehen noch unter dem Baum, der Festtagsbraten verdaut noch vor sich hin und die Silvesterpläne sind eigentlich auch schon seit Monaten festgemacht (wobei sich natürlich in letzter Sekunde noch einmal alles ändert und Leute absagen und nachfragen und dann doch alles ganz anders kommt.) Spätestens dann kommt auch das erste Mal die Frage auf – entweder stellt sie ein entfernter Familienangehöriger am Essenstisch, weil alle anderen Smalltalk-Themen ausgesprochen sind oder ein Kollege in der WhatsApp-Arbeitsgruppe – die wie Bleigießen zu Silvester und wie Günter Jauch zu allen Jahresrückblicken gehört: Welche Vorsätze hast du für das nächste Jahr?

Oft kommt einem der Gedanke auch ganz alleine, wenn man auf das vergangene Jahr zurückschaut (auch ohne Günter Jauch) und denkt: So geil war das ja alles irgendwie nicht. Ich befinde mich zum Beispiel momentan in einem Zustand der ununterbrochenen Nahrungszunahme und mit Nahrung meine ich Festessen, Süßigkeiten, Dessert, mehr Süßigkeiten und alles, was noch so Zuhause an essbaren Gütern zu finden ist. Das ist irgendwie doof, aber nichts zu ändern und ich weiß ja auch, dass ich es anders kann und wieder anders können werde und überhaupt. Aber im Moment geht es nicht. Da liegt der Vorsatz natürlich nah, für das nächste Jahr zu sagen: Endlich wieder richtig auf die Ernährung achten und immer alles weightwatchersmäßig aufschreiben und noch einmal ganz viel abnehmen und überhaupt nie mehr naschen und ganz viel bewegen.

Aber machen wir uns nichts vor: Das wird so nix. Eine Woche: okay, geschenkt. Meinetwegen auch der erste Monat, aber ich kenne mich ja auch selbst, von daher weiß ich, dass Vorsätze für mich einfach nicht funktionieren. Sie sind mir einfach zu final und außer dem schlechten Gewissen, das ich sehr gut ausblenden kann, gibt es keinerlei Kontroll- oder Bestraf- oder auch Belohnungsinstanz. Und wenn man sie bewusst schwammig hält, kann man sich ohne Probleme auch ganz fantastisch selbst betrügen. Ich werde mehr Sport machen bedeutet ja letztendlich auch, einmal im Monat 30 Minuten ins Schwimmbad gehen, oder? Ich meine, ist ja Sport und der Weg dahin ist auch Bewegung. Oder der Vorsatz, weniger zu essen: Wenn ich zukünftig einfach eine Handvoll Chips wegschmeiße, nachdem ich sie als Dessert nach Pizza und Eis gegessen habe, ist das ja auch weniger essen.
Man könnte die Liste noch ewig fortsetzen. Ich bin unglaublich gut im Selbstbetrug und kann für jeden guten Vorsatz automatische einen Weg finden, ihn wieder auszuhebeln, frei nach dem Zitat von Captain Planet Alles wird besser nächste Jahr. Und das kann man dann auch im Januar schon sagen, nachdem man mit all seinen mühsam aufgestellten Vorsätzen gebrochen hat.

Was nun also tun? Na klar, der einfachste Weg ist einfach sich nichts vorzunehmen und einfach zu machen, was gut ist und worauf man gerade Bock hat. Kann man auf jeden Fall machen. Aber manchmal ist ja so ein gewisses Ziel, auf das man hinarbeitet wirklich hilfreich und ich weiß, dass es für mich so in bestimmten Bereichen besser funktionieren kann. Ich hatte dazu eine Idee, die ich euch einmal vorstellen möchte. Ich werde das folgende System auf jeden Fall ausprobieren und würde mich freuen, wenn ein paar Leute mitmachen. Ich habe mir keinen catchy Namen ausgedacht, drum nenne ich es jetzt einfach mal, spontan aus dem Ärmel geschüttelt, das Trophäensystem fürs Leben oder die Revolution der Neujahrsvorsätze.

Wenn ihr Videospieler seid, könntet ihr vielleicht schon eine Idee haben, woher der Ursprung der Idee kommt. Es ist quasi eine Gamification des Vorsatzgedankens. Gamification ist eine Übernahme von bestimmten Aspekten aus Videospielen in andere Bereiche. So bekommt man zum Beispiel in Foren Bonuspunkte für das Verfassen von Artikeln und kann so in seinem Rang aufsteigen. Auch Weight Watchers hat viel von Gamification an sich. Man bekommt für verschiedene Lebensmittel Punkte und kann mit Bewegung Punkte dazugewinnen und wenn man erfolgreich war bekommt man für alle abgenommenen 3 Kilos einen Stern und bei bestimmten Zwischenzielen noch weitere Belohnungen.

Der Aspekt, den ich jetzt für meine Vorsätze aufgreifen will, ist das Trophäensystem der Playstation. So etwas gibt es inzwischen auch bei allen anderen Systemen und Spieleplattformen, aber da ich ein Playstation-Kind bin, orientiere ich mich daran. Es geht dabei darum, dass man abseits des eigentlichen Spielgeschehens bestimmte Sonderaufgaben hat, die nicht für den Abschluss der Haupthandlung gebraucht werden, die aber einen kleinen Erfolg aufblinken lassen, wenn man sie erfüllt. Das kann zum Beispiel sein, dass man bei einem Autorennen eine Runde komplett im Rückwärtsgang fährt oder insgesamt 100 Kilometer im Spiel zurückgelegt hat. Es gibt dann eine Übersicht und man bekommt einen kleinen digitalen Pokal, je nach Schwierigkeit der Aufgabe in Bronze, Silber oder Gold. Wenn man alle Bonusaufgaben gelöst hat, bekommt man eine Platintrophäe.
Wer nun also – anders als ich – nicht für so etwas anfällig ist, kann und wird so etwas auch getrost ignorieren. Ich habe aber schon schlechte Spiele durchgespielt, nur um die Platintrophäe zu bekommen? Warum? Kann ich nicht genau beantworten, vielleicht hat das etwas mit einer Leidenschaft für das Abarbeiten von Listen zu tun. Jedenfalls funktioniert es und darum kann ich mir vorstellen, diese Erfolge auch in den echten Lebensalltag zu holen.

Klassische Vorsätze in der KTV in Rostock

So funktioniert es:

Zuerst müssen wir uns Dinge überlegen, die wir im nächsten Jahr machen wollen, Ziele, die wir erreichen wollen, Sachen, die wir ändern wollen. Bei Spielen gibt es schon mal 50 dieser Aufgaben, für unser System reichen aber 10 bis 15 Dinge für die Liste. Wichtig ist, dass diese messbar sein müssen, weniger essen oder mehr Sport geht also nicht. Außerdem müssen es auch realistische Ziele sein, die man selbst zumindest zum großen Teil beeinflussen kann. Jeden Tag im Sommer die Sonne genießen ginge auf mehreren Ebenen nicht, weil nicht genau ist, was Sommer ist und wir das Wetter nicht beeinflussen können. Auch würde ich zum Beispiel nicht raufschreiben, Millionär zu werden. Das ist zwar theoretisch machbar, praktisch aber doch relativ schwer in einem Jahr zu erreichen.

Ich will jetzt nicht alle meine Ziele verraten, da es ja auch zum Teil recht persönliche Dinge sein können. Aber ich gebe euch mal ein paar Beispiele, was ich raufschreibe, vielleicht habt ihr dann eine Idee, was ich meine. Gerne könnt ihr mir dann aber auch eine E-Mail schicken (chef-3-etage [@] web[Punkt]de) oder mir bei Facebook schreiben oder irgendwie anders Kontakt zu mir aufnehmen (Rauchzeichen, maybe) und dann überlegen wir zusammen, was noch so geht. Hier also mal ein paar Beispiele, die auf meine Trophäenliste kommen:

• 6 Texte schreiben (Poetry Slam oder Blog)
• 3 Tage im Ausland verbringen
• Einen Monat alles was ich esse für Weight Watchers aufschreiben
• Einen Halbmarathon laufen
• 3 Museen besuchen
• 5 Bücher lesen
• Ein Fahrrad kaufen

Ihr seht also, dass es sowohl kleine, als auch größere Dinge sein sollen. Durch die Zählbarkeit kann man auch kleine Zwischenschritte gut sehen, denn so ein Jahr kann ja auch verdammt lange dauern und da motiviert es schon sehr, wenn man nach und nach sieht, wie sich die Liste füllt.

Mein Vorschlag für die Visualisierung ist, dass ihr die Punkte auf ein großes Blatt Papier schreibt und dieses dann irgendwo hinhängt, wo ihr sie jeden Tag seht. Ich werde die Liste bei mir an meine Wohnungstür hängen. Und immer wenn ihr ein Ziel erreicht habt, hakt ihr es ab. Wenn ich mein erstes Buch 2018 gelesen habe, kommt hinter den entsprechenden Punkt ein Strich, sodass ich sehe, dass ich nur noch vier Bücher von meinem Ziel entfernt bin.

Der Vorteil dieses Systems gegenüber der klassischen Vorsätze ist, dass man auf jeden Fall Erfolge verzeichnen kann, auch wenn man nicht alles zu 100 Prozent schafft. Außerdem beschäftigt man sich vorher etwas genauer mit sich selbst. Was will ich eigentlich wirklich erreichen, welches Hobby mal wieder aufnehmen und was ist mir wirklich wichtig. Und durch die Liste wird man jeden Tag wieder dran erinnert und verliert seinen Weg nicht so schnell aus den Augen. Wenn ihr wollt, könnt ihr das ganze auch noch mit einem Belohnungssystem kombinieren. Wenn ihr die Hälfte der Ziele geschafft habt, gönnt ihr euch dies oder jenes und wenn ihr alles geschafft habt, feiert ihr eine große Party. Das muss aber gar nicht sein und ich werde es auch ohne zusätzliche materielle Belohnung versuchen.

Ich bin wirklich gespannt, ob das so klappt. Wenn nicht, kann ich auch nichts verlieren. Darum freue ich mich drauf, es auszuprobieren und würde mich riesig darüber freuen, wenn ein paar von euch mitmachen. Denn wie wir alle wissen, gehen solche Sachen zusammen immer ein ganzes Stück leichter. Gebt mir gerne Bescheid und lasst uns dann auch in einem Jahr noch einmal genau auswerten, wie es gelaufen ist.

Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
.
Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.

Spreu vom Weizen

Und im Sommer, trennt sich die Spreu vom Weizen. Und wir sind mit dabei. Captain Planet – Spreu vom Weizen

Als ich klein war – wenn man das als dicker Junge überhaupt sagen kann, also vielleicht besser, als ich noch jung war und man noch so Freundschaftsbücher ausgefüllt hat – wollte ich gerne Musikvideoregisseur werden. Okay, wenn ich ehrlich bin, wollte ich zur Freundschaftsbücherzeit noch Lehrer werden, aber während meines Studiums, als ich schon wusste, dass ich nicht Lehrer werden will, war Musikvideoregisseur dann mein Traum. Ich hatte und habe noch immer oft Bilder und Videos im Kopf, wenn ich Lieder höre. Erst vor einigen Tagen dachte ich bei einem Song meiner Lieblingsband: Wie geil wäre es, wenn jetzt genau das und das passieren würde und wenn man jetzt noch mal hier und überhaupt.

Da ich nicht so die Technik habe, Musikvideos wirklich zu drehen, beziehungsweise ich nicht das nötige Knowhow habe, um nicht an meinem eigenen Anspruch zu scheitern, entschloss ich mich, diesen einen Song zumindest in eine kurze Geschichte zu packen. Es sind mehrere Fragmente aus Songs der Band (Captain Planet, sollte man kennen und lieben) enthalten, aber vor allem ein großer Teil aus dem Lied Spreu vom Weizen. Am besten lest ihr erst die Geschichte, hört dann den Song so zwei- bis dreimal, dann lest ihr die Geschichte noch einmal und hört danach nur noch Captain Planet. So würde ich es machen. Viel Spaß dabei. Und danke an Captain Planet für alles, für tolle Musik und großartige Texte und für die unzähligen Konzerte in den letzten Jahren.

Spreu vom Weizen

Es war derselbe Weg, den du schon so oft gegangen bist, mit denselben Straßenlaternen und Mülleimern, mit dem Bushaltestellenhäuschen, in das jemand mit Edding „Viva allein“ geschrieben hat und mit dem Schild, gegen das irgendwann mal jemand gegengefahren ist und das seitdem schräg an der Straße steht.

Der Tag war grau wie der Asphalt und die Pfützen hatten nichts zum reflektieren, gelbe und braune Blätter quetschten sich in die Abflüsse. Du wolltest nur kurz zum Laden, eine Mate und ein paar Bier kaufen, vielleicht noch Knabberkram für später. Und du ranntest die Gasse entlang und in Richtung der Kreuzung, auf die sich nur selten mal ein Auto verirrt. Die Ampel schaltete um und Spotify spielte den nächsten Song. Weiter, bis die Stimme aufgibt, bis alles zerfällt und dann die Straße und der Knall und die Schwarzblende.

Vier Stunden später. Ein Club, eine Bar, eine Tanzfläche. Dunkle Sessel. Die Haken sind noch immer nicht blau, du dafür schon. Du hasst Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit und du hast auch keine Lust mehr zu warten. Du tanzt und du springst und du singst und du trinkst. Und irgendwann machst du dir keine Gedanken mehr und der Ring in deiner Tasche drückt immer weniger auf dein Herz. Und irgendwann klingelt das Telefon und du verstehst nicht was die Stimme am anderen Ende sagt und du quetscht dich raus aus dem Club und dann zieht es dir den Boden unter den Füßen weg und du fällst. Und du knallst auf den Boden. Schwarzblende.

Die Tage vergehen und werden zu Wochen und Monaten und Kalenderblätter fallen gelb und braun zu Boden und lassen kahle Wände zurück. Jahreszeiten verwischen wie frische Tinte und Nächte kommen und gehen. Und Schlaf wird sowieso überbewertet. Auf Feldern wird Getreide ausgesät und du siehst aus wie der Acker nachdem er gepflügt wurde. Und irgendwann kommen die Mähdrescher und knallen die Halme zu Boden und trennen die Spreu vom Weizen und du trennst keinen Müll mehr, weil du nicht weißt, welcher Teil von dir in die blaue Tonne gehört. Aber Weizen trinkst du auch, viel und nicht nur im Sommer sondern auch im Herbst und im Winter und in den Momenten dazwischen.

Es wird besser sagen die Leute und es wird wirklich besser. Alles wird besser, nächstes Jahr. Langsam. Und so wie die Zeit mit kleinen Schritten voranschreitet, so stolperst du dich auch zurück ins Leben. Du gehst erst wieder raus und dann auch irgendwann zu dem Ort, wo aus Viva Allein ein Ende geworden ist. Das Schild steht inzwischen gerade und witzige Sprüche pflastern die Mülleimer drumherum und irgendwer hat ein Baumhaus gebaut aus dem Kinder dich kritisch anschauen. Du bist eine Kulisse, die langsam auseinanderfällt und bevor du dich umdrehen kannst, läufst du los. Raus aus dem Vorort und rein in die Stadt und irgendwann auch wieder rein in die Bar und mit einer Zunge, die vom Rotwein ganz blau ist und mit Händen, die vom Zittern und Falten ganz rau sind, lässt du sogar irgendwann wieder Sektkorken knallen und fängst wieder von vorne an.

Schwarzblende. Fünfzehn Jahre später. Viel hat sich verändert, du zum Beispiel. Oder die kleine Stadt. Das Kino hat schon lange zu. Im Eingang hängt noch das vergilbte Plakat von Rambo. Erinnerungssplitter aus Glas und Beton und überall Graffitis und Müll. Die Blätter sind andere als noch vor Jahren, aber immer noch gelb und grau. Das Baumhaus ist abgebrannt und alles wirkt wie eine fremde Welt, eine Miniatur. Zwischen all dem stehst du und gehst du zum Friedhof. Löwenzahn und Unkraut müssten mal wieder weggemacht werden. Morgen. Lieber Morgen. Heute nur da sein und atmen und funktionieren. Es ist nichts mehr übrig von euch beiden. Nur die verblassende Erinnerung und die Stille, die in der Luft hängt wie die Vögel, die keinen Mast mehr gefunden haben.

Du bleibst nur kurz und nimmst dir vor, es bleiben zu lassen. Einfach abschließen mit dem Kapitel und die alte Kiste zuknallen und abschließen und dann verbuddeln unter dem Pflaster, unter dem Strand und unter der Zeit. Und du fährst zurück nach Hause, wo dich dein Sohn schon sehnsüchtig erwartet. Und der Ring an deinem Finger wird noch einmal kurz schwer und es fällt dir wieder auf, wie schwer er doch ist und dann nimmst du deinen Sohn auf den Arm und dir fällt wieder auf, wie schwer er doch geworden ist. Und dann liegt ihr euch in den Armen und ihr werdet es immer wieder tun, die nächsten 25 Jahre lang. Und du wirst immer da sein, egal wohin er rennt, in den Morgen, auf den Straßen, in den Bars und auf den Brücken. Und das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt geht ihr raus. Es ist Erntezeit. Die Mähdrescher trennen die Spreu vom Weizen. Und ihr seid mit dabei.

Kottbusser Tor, U1

Ich weiß nichts, bist du etwas sagst, wohin mit unseren Händen? Wo hängen wir unsere Augen hin, an diesen kargen Wänden? Captain Planet – St. Peter

Ich bin seit fast einem Jahr in Berlin und war nicht sehr kreativ. Aber jetzt kann ich mich endlich in die Reihe der großen Namen einreihen, die einen Text über die Hauptstadt geschrieben haben: Alfred Döblin, Erich Kästner und Peter Fox. Mein Text heißt:

Kottbusser Tor, U1.

Auch wenn ihre Geschichte dort nicht ihr Ende fand und sicher auch ganz woanders begonnen hatte, war selbst die kurze Episode, die ich auf der Durchreise mitansehen konnte, dort irgendwie fehl am Platz. Überhaupt sollten Dinge, so wie die zwei sie besprachen, nicht mitten auf einem Verkehrsknotenbahnsteig zwischen feierwütigen Frühdreißigern und ausgelaugten Anfangzwanzigern stattfinden. Aber wenn schon wie auch immer gelagerter Emotionskram und große Gefühle, dann doch wenigstens Deutsche Oper oder meinetwegen auch Kurfürstendamm oder halt am Hauptbahnhof. Aber doch nicht am Kottbusser Tor.

Ich mein Kottbusser Tor mit K. Nicht so wie die Stadt mit C, ne, Berlin denkt sich: „Mach ick nich. Hat mir doch keiner zu bestimmen, wie ich Kottbus schreib. Und wenn ick will schreib ich Kottbullar bei Ikea auch mit C. Is ne freie Stadt. Wir sind zwar arm aber sexy und wenn was richtig sexy ist, dann doch wohl das Kottbusser Tor. Mit C.“

Zwischen Kottiwood (if you eat Döner there, you can make it everywhere) und Bauschaumschutt fährt hier die U8 nach Neukölln. Auch wieder so ein Ding. Reicht nicht ein Köln? Ist ja jetzt nicht so, dass Rheinhattan nun die schönste Stadt der Welt ist, so ein Place to be und to have in your City. Aber auch hier denkt sich Berlin: „Lass mir doch. Ick nenn meine Viertel wie ich will und dit is nun Neukölln. Get over with it.“ Nicht mal nen Dom gibt es da.

Aber wir waren beim Kottbusser Tor stehengeblieben, wo die zwei aus irgendeiner Bar oder einem Club oder einem hippen Ding ohne Namen kamen. Sie sahen gut aus, wie zwei Berliner, die noch nicht lange Berliner sind aber sich schon umso mehr fühlen wie Berliner, real und zugezogen. Ich weiß nicht, wo sie waren, ob auf einem Konzert von irgendeinem Singer/Songwriter aus Texas oder Südfrankreich oder einfach nur kickern und über die großen Themen der Welt philosophieren. Bestimmt waren sie vorher noch kurz im Späti und haben sich ne Mate geholt als Grundlage für den Wein oder die Bierschorle. Jedenfalls sah ich sie, als sie einer der zwielichtigen Hauseingänge wieder ins Großstadtleben spuckte.

Sie redeten und strahlten und fanden sich gut, denke ich. Die Chemie stimmte, mehr als bei den chemischen Stoffen, die als Fastgratisprobe angeboten wurden. Sie gingen die Straße entlang als wäre es die Allee der Kosmonauten und über ihnen wäre keine Trasse der U-Bahn, sondern Sterne und Raumstationen und Kometen und wirbelnde Welten von Galaxien und nichts. Sie berührten sich nicht und ich war berührt davon, wie zwei Menschen einfach so gut funktionierten indem sie nur redeten und Blicke tauschten, so intensiv wie der Tausch zwischen Leergut und Nachschub im Rewe nebenan.

Was ich nicht sah, waren die Gedanken in ihren Köpfen. Die Zweifel und Fragen und ihre Ziele und Wünsche und die Hoffnung und ihren Plan vom weiteren Miteinander. Und vielleicht waren da auch ganz andere Sachen in ihrem Kopf, Silvesterpläne oder der nächste Urlaub, Steuernachzahlungen oder die Ringbahnsperrung zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, die nun endlich wieder aufgehoben war. Aber so wirkte es nicht, als sie die an der Ampel sogar auf grün warteten und dann die Treppe zur U1 hochstiegen.

Und für einen kurzen Augenblick gab es keine Verspätungen oder lustigen Aktionen der BVG, keine Motzverkäufer oder Handtaschenräuber, kein Schienenersatzverkehr und auch keinen bescheuerten Neunzehnjährigen, der meint, seine Nudelpfanne auf den Bahnsteig zu kotzen. Es gab nur die beiden und mich. Sie waren wie Emma Stone und Ryan Gosling in Lalaland, aber als noch nicht ganz klar war, zumindest für Emotionslegastheniker, ob die beiden sich überhaupt mögen oder wollen oder mögen wollen. Und ich war halt auch irgendwie da, störte jetzt keinen aber fiel auch nicht weiter auf.

In diesem Moment, als ich City of Stars pfiff, sagte er irgendwas zu ihr und sie wirkte unsicher und überrascht und irritiert und irgendwie veränderte sich alles. Und er schaute weg und schluckte und wusste auch nicht so recht, wohin mit seinen Augen und Blicken und Händen. Und dann umarmte sie ihn kurz, zu kurz und er umarmte sie auch, so mit einer Hand, aber nicht richtig und dann sagten sie noch irgendwas, drucksend und stotternd. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen passten die beiden so gut auf den Kotti, wie der türkische Lebensmittelladen und der Truppentransporter der Polizei. Denn sie waren genauso abgefuckt und hoffnungslos verbaut und bedient und voll gestellt mit Dingen und umgeben von Menschen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben in diesem kurzen Moment, das geht mich auch nichts an. Ich war nur der Zuschauer eines kleinen Berliner Ensembles, das sich wahrscheinlich unzählige Male am Tag in Bussen und Bahnstationen der Hauptstadt abspielt. Und dann fuhr eh die U1 ein, Richtung Warschauer Straße und sie stieg ein und er blieb stehen und schaute ihr hinterher und sie lächelte milde. Dann ging er die Treppen runter, „Zurückbleiben bitte, Attention, stay back!“ und sie fuhr davon und er drehte sich nicht mehr um. Kurz darauf sah ich ihn wieder die Treppe hinaufkommen und in meine Bahn einsteigen. Er setzte sich seine Kopfhörer auf und tippte auf dem Handy rum. Wer weiß, eine Nachricht an sie oder an ihn oder eine schlechte Bewertung für den Bahnhof Kottbusser Tor auf Google Maps. Und dann steckte er das Handy weg und schloss die Augen und seufzte kaum merklich aber doch viel zu deutlich und ich hätte gern gewusst, was er denkt. Doch vielleicht war es besser, dass ich es nicht wusste, so wie es besser wäre, wenn ich mir eine andere, eine schönere Strecke suchen würde.

Mit den Händen in der Tasche stieg er am Bahnhof Hallesches Tor aus. Unsere Blicke trafen sich kurz und seine Augen sahen aus wie die schmutzigen Pfützen auf den Bürgersteigen in Kreuzberg nach einem Platzregen im Herbst. Es war wohl kein guter Abend für ihn. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir uns an der Deutschen Oper oder am Hauptbahnhof getroffen hätten. Vielleicht ist die Kulisse aber auch egal für die kleinen Schauspiele, die das Leben schreibt. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich rumpelnd in Bewegung. Ich holte mein Handy raus und fing an, einen Text zu schreiben.

Wofür brennst du?

Und bitte erzähl mir doch noch mal, wie jung und dumm ich bin. Vielleicht fang ich Feuer, wenn du brennst! Tigeryouth – Streichholz

Lieber Leser, liebe Leserin,

wofür brennst du? Hast du dich das schon einmal gefragt und wenn nicht, denk mal kurz drüber nach, wie du diese Frage beantworten würdest. Ist da irgendwo ein Feuer in dir für etwas oder für jemanden? Oder sagst du: Ach naja, gebranntes Kind scheut das Feuer, ich bin zu cool dafür, mehr so der Wintermensch, ich weiß doch auch nicht, ich steh nicht so auf raubkopierte CDs und überhaupt ich brenne für nichts.

Bevor ich darauf zurückkomme, muss ich mich erst einmal für die direkte Leseransprache entschuldigen. Ich mache so etwas sonst nicht und eigentlich macht man so etwas nicht und ich fühle mich schlecht und wie einer dieser Kommentarspaltenvollschreiber, die immer voll ihre Kommentare in Spalten von analogen oder digitalen Zeitungen quetschen. Aber irgendwie dachte ich, das kann man mal machen. Auch mal was Neues probieren. No risk, no Toastbrot.

Ich hatte vor einigen Monaten ein Gespräch mit einem Menschen, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Es ging um die üblichen Themen – Arbeit, Leben, Schützenfest – als sie sagte, dass sie mit Hilfe der Frage Wofür brennst du? herausfindet, ob es sich lohnt, mehr Interesse in einen Menschen zu investieren, etwas überspitzt formuliert.

Und auch wenn ich nicht glaube, dass man mit einer Frage die soziale Konnektivität zu 100 Prozent klären kann (außer es sind so Fragen wie: Wählst du die AfD oder findest du Nirvana auch so blöd wie ich), habe ich doch seitdem sehr viel und immer wieder über diese Frage nachgedacht und sie auch einigen Menschen gestellt. Und es lässt sich auf jeden Fall festhalten, dass die Beantwortung der Frage alles andere als trivial ist.

Was bedeutet überhaupt für eine Sache zu brennen. Ich habe mal kurz und sehr oberflächlich, wie man es von einem Master der Germanistik erwartet, recherchiert und nichts zu den Ursprüngen gefunden. Lediglich die Dinge, die unter den Nägeln brennen, werden zur Genüge erklärt. Aber wenn ich selbst darüber nachdenke, wie man es ebenfalls von einem Master der Germanistik erwarten könnte, hat der Ausdruck mit der brennenden Leidenschaft für etwas zu tun. Ich bin Feuer und Flamme für ein Thema, ich möchte mich am liebsten mit nichts mehr anderem beschäftigen oder bin zumindest richtig gut darin oder mag es einfach total gern, zu diesem Thema Kommentarspalten vollzuschreiben. Das sind dann die Leute, die für das Schreiben von Kommentarspaltenkommentaren brennen.

Meine erste Antwort war damals und ist es auch jetzt noch, dass ich für die Sprache brenne oder genauer gesagt für Kommunikation. Ich liebe es, mich auszutauschen, über Gott und die Welt, über mich selbst und über andere und vor allem mit anderen. Ich höre Menschen unglaublich gerne zu und ja, vielleicht höre ich mich manchmal auch gerne reden. Ich glaube das kann ich, meistens, und dabei fühle ich mich wohl. Ich mag es auch vor großen Massen zu sprechen und Reaktionen in Menschen auszulösen, wenn sie Texte von mir hören oder lesen. Darum schreibe ich auch immer wieder mal Texte in dieses Blog. Natürlich auch, weil damit meine grauen Zellen und meine Finger trainiere, aber halt auch, weil es vielleicht der eine oder die andere liest und denkt: Joa, hätte ich zwar auch ein Youtube-Video in der Zeit gucken können, aber war jetzt auch nicht total scheiße.

Mit der Leidenschaft für Sprache geht auch meine Liebe zur Musik einher. Wenn ich auf einen Sinn in meinem Leben verzichten müsste, wäre das wahrscheinlich nicht das Gehör. Ich kann mir neunhundertsechsundreißig mal den gleichen Song anhören, und freue mich immer noch darüber. Ich liebe es, Alben zum ersten Mal komplett zu hören und dann bei jedem weiteren Durchlauf neue Stellen und Details zu entdecken, vor allem textlich. Vor 10 Jahren erschien das Album Vormann Leiss von Turbostaat, was zu meinen absoluten Top-10-Alben aller Zeiten gehört. Ich habe dieses Album so oft von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und durcheinander gehört und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mal wieder einen dieser Abende gehabt, an dem ich das Album am Deich von Finkenwerder lautstark mitsingend gehört habe. Dabei ist mir ein Detail aufgefallen, dass mir in den allen anderen Durchgängen nie aufgefallen ist und ich war so begeistert und glücklich und überhaupt. Das war gut.

Wenn ich nun aber weiter schaue, dann fällt mir vor allem auf, dass mein Feuer für Sachen relativ schnell ausbrennt, wofür ich mich regelmäßig wieder selbst doof finde oder besser, wovon ich regelmäßig genervt bin. Ein gutes Beispiel dafür ist auch dieses Blog hier. Ich habe irgendwann angefangen, hatte total viel Spaß und hab mir Mühe gegeben und war fleißig und dann plötzlich: Zack, kam 2 Jahre kein neuer Text. Oder das Nordic Walking: Für 70 Euro hochwertige Stöcker gekauft und viermal walken gewesen: Zack, keine Lust mehr. Oder das Podcasten (zwei- bis dreimal) oder Twitter oder Instagram oder das Geocachen.

Nicht bei allen Sachen bereue ich es, dass ich keine Leidenschaft mehr dafür aufbringen kann – ich mein Nordic Walking und Twitter, who cares? – aber bei den anderen Dingen wünschte ich mir manchmal, ich könnte meine Motivation dazu zwingen, regelmäßig und standhaft dranzubleiben. Das geht auch mit dem Thema meines letzten Textes einher, Weight Watchers und Sport. Ich gehe noch immer zu den Treffen, aber schreibe nicht mehr alles auf, obwohl ich es mir vornehme und es mir irgendwie Spaß macht und was bringt. Und ich gehe im Moment laufen, seit einem Monat und es ist gut und tut gut und wird immer besser, aber wie lange kann ich das Feuer entfacht lassen? Ich habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr einen 10-Kilometer-Lauf zu bestehen und habe das möglichst vielen Leuten gesagt, einfach in der Hoffnung, dann auch wirklich dran zu bleiben. Und jetzt steht es hier noch mal, also gibt es eigentlich keine Ausreden. Aber das ist das Problem, es braucht nicht mal Ausreden, es fadet einfach langsam aus, wird weniger und hört auf und dann frage ich mich manchmal: War da nicht irgendwas, doch dann fällt es mir nicht ein oder ich schiebe das Unterbewusstsein weg oder esse wieder Eis. Weil dafür brenne ich auch, wenn man das so sagen kann. Und das hört nicht einfach so auf, leider.

Muss man für etwas brennen? Ich glaube nicht. Man kommt auch gut durchs Leben, wenn man das was man tut, genießt und wenn man sich nicht so viele Gedanken macht und Dinge ausprobiert. Aber gerade den Part mit den Gedanken bekomme ich einfach nicht hin. Das sieht man schon daran, wie viel ich zu dieser eigentlich doch simplen Frage geschrieben habe. Und genau dafür brenne ich nicht, für das Durchdenken und Nachdenken und Totdenken und Umdenken und alles, was mit zu vielen Gedanken zu tun hat. Und auch wenn ich nicht dafür brenne, so kriege ich das nervend stechende Feuer in meinem Kopf einfach nicht aus.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, wofür du brennst, lieber Leser oder liebe Leserin. Worauf könntest du nicht verzichten, was sind die Dinge, die dir am meisten bedeuten? Wenn dieses Blog die Antwort ist, solltet ihr echt noch mal eure Prioritäten überdenken. Fragt die Menschen, mit denen ihr euch umgebt, was sie antworten und vor allem wie sie antworten. Auch wenn man der Antwort nicht zu viel Gewicht geben sollte, glaube ich doch, dass man viel erfährt. Nicht nur durch die Antwort selbst, sondern auch auf dem Weg dahin. Und außerdem kann es der Start für ein gutes Gespräch sein. Muss ja nicht immer nur um das Wetter gehen. Und schließlich brennt die Sonne auch. Für etwas. Oder?