Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
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Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.

Spreu vom Weizen

Und im Sommer, trennt sich die Spreu vom Weizen. Und wir sind mit dabei. Captain Planet – Spreu vom Weizen

Als ich klein war – wenn man das als dicker Junge überhaupt sagen kann, also vielleicht besser, als ich noch jung war und man noch so Freundschaftsbücher ausgefüllt hat – wollte ich gerne Musikvideoregisseur werden. Okay, wenn ich ehrlich bin, wollte ich zur Freundschaftsbücherzeit noch Lehrer werden, aber während meines Studiums, als ich schon wusste, dass ich nicht Lehrer werden will, war Musikvideoregisseur dann mein Traum. Ich hatte und habe noch immer oft Bilder und Videos im Kopf, wenn ich Lieder höre. Erst vor einigen Tagen dachte ich bei einem Song meiner Lieblingsband: Wie geil wäre es, wenn jetzt genau das und das passieren würde und wenn man jetzt noch mal hier und überhaupt.

Da ich nicht so die Technik habe, Musikvideos wirklich zu drehen, beziehungsweise ich nicht das nötige Knowhow habe, um nicht an meinem eigenen Anspruch zu scheitern, entschloss ich mich, diesen einen Song zumindest in eine kurze Geschichte zu packen. Es sind mehrere Fragmente aus Songs der Band (Captain Planet, sollte man kennen und lieben) enthalten, aber vor allem ein großer Teil aus dem Lied Spreu vom Weizen. Am besten lest ihr erst die Geschichte, hört dann den Song so zwei- bis dreimal, dann lest ihr die Geschichte noch einmal und hört danach nur noch Captain Planet. So würde ich es machen. Viel Spaß dabei. Und danke an Captain Planet für alles, für tolle Musik und großartige Texte und für die unzähligen Konzerte in den letzten Jahren.

Spreu vom Weizen

Es war derselbe Weg, den du schon so oft gegangen bist, mit denselben Straßenlaternen und Mülleimern, mit dem Bushaltestellenhäuschen, in das jemand mit Edding „Viva allein“ geschrieben hat und mit dem Schild, gegen das irgendwann mal jemand gegengefahren ist und das seitdem schräg an der Straße steht.

Der Tag war grau wie der Asphalt und die Pfützen hatten nichts zum reflektieren, gelbe und braune Blätter quetschten sich in die Abflüsse. Du wolltest nur kurz zum Laden, eine Mate und ein paar Bier kaufen, vielleicht noch Knabberkram für später. Und du ranntest die Gasse entlang und in Richtung der Kreuzung, auf die sich nur selten mal ein Auto verirrt. Die Ampel schaltete um und Spotify spielte den nächsten Song. Weiter, bis die Stimme aufgibt, bis alles zerfällt und dann die Straße und der Knall und die Schwarzblende.

Vier Stunden später. Ein Club, eine Bar, eine Tanzfläche. Dunkle Sessel. Die Haken sind noch immer nicht blau, du dafür schon. Du hasst Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit und du hast auch keine Lust mehr zu warten. Du tanzt und du springst und du singst und du trinkst. Und irgendwann machst du dir keine Gedanken mehr und der Ring in deiner Tasche drückt immer weniger auf dein Herz. Und irgendwann klingelt das Telefon und du verstehst nicht was die Stimme am anderen Ende sagt und du quetscht dich raus aus dem Club und dann zieht es dir den Boden unter den Füßen weg und du fällst. Und du knallst auf den Boden. Schwarzblende.

Die Tage vergehen und werden zu Wochen und Monaten und Kalenderblätter fallen gelb und braun zu Boden und lassen kahle Wände zurück. Jahreszeiten verwischen wie frische Tinte und Nächte kommen und gehen. Und Schlaf wird sowieso überbewertet. Auf Feldern wird Getreide ausgesät und du siehst aus wie der Acker nachdem er gepflügt wurde. Und irgendwann kommen die Mähdrescher und knallen die Halme zu Boden und trennen die Spreu vom Weizen und du trennst keinen Müll mehr, weil du nicht weißt, welcher Teil von dir in die blaue Tonne gehört. Aber Weizen trinkst du auch, viel und nicht nur im Sommer sondern auch im Herbst und im Winter und in den Momenten dazwischen.

Es wird besser sagen die Leute und es wird wirklich besser. Alles wird besser, nächstes Jahr. Langsam. Und so wie die Zeit mit kleinen Schritten voranschreitet, so stolperst du dich auch zurück ins Leben. Du gehst erst wieder raus und dann auch irgendwann zu dem Ort, wo aus Viva Allein ein Ende geworden ist. Das Schild steht inzwischen gerade und witzige Sprüche pflastern die Mülleimer drumherum und irgendwer hat ein Baumhaus gebaut aus dem Kinder dich kritisch anschauen. Du bist eine Kulisse, die langsam auseinanderfällt und bevor du dich umdrehen kannst, läufst du los. Raus aus dem Vorort und rein in die Stadt und irgendwann auch wieder rein in die Bar und mit einer Zunge, die vom Rotwein ganz blau ist und mit Händen, die vom Zittern und Falten ganz rau sind, lässt du sogar irgendwann wieder Sektkorken knallen und fängst wieder von vorne an.

Schwarzblende. Fünfzehn Jahre später. Viel hat sich verändert, du zum Beispiel. Oder die kleine Stadt. Das Kino hat schon lange zu. Im Eingang hängt noch das vergilbte Plakat von Rambo. Erinnerungssplitter aus Glas und Beton und überall Graffitis und Müll. Die Blätter sind andere als noch vor Jahren, aber immer noch gelb und grau. Das Baumhaus ist abgebrannt und alles wirkt wie eine fremde Welt, eine Miniatur. Zwischen all dem stehst du und gehst du zum Friedhof. Löwenzahn und Unkraut müssten mal wieder weggemacht werden. Morgen. Lieber Morgen. Heute nur da sein und atmen und funktionieren. Es ist nichts mehr übrig von euch beiden. Nur die verblassende Erinnerung und die Stille, die in der Luft hängt wie die Vögel, die keinen Mast mehr gefunden haben.

Du bleibst nur kurz und nimmst dir vor, es bleiben zu lassen. Einfach abschließen mit dem Kapitel und die alte Kiste zuknallen und abschließen und dann verbuddeln unter dem Pflaster, unter dem Strand und unter der Zeit. Und du fährst zurück nach Hause, wo dich dein Sohn schon sehnsüchtig erwartet. Und der Ring an deinem Finger wird noch einmal kurz schwer und es fällt dir wieder auf, wie schwer er doch ist und dann nimmst du deinen Sohn auf den Arm und dir fällt wieder auf, wie schwer er doch geworden ist. Und dann liegt ihr euch in den Armen und ihr werdet es immer wieder tun, die nächsten 25 Jahre lang. Und du wirst immer da sein, egal wohin er rennt, in den Morgen, auf den Straßen, in den Bars und auf den Brücken. Und das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt geht ihr raus. Es ist Erntezeit. Die Mähdrescher trennen die Spreu vom Weizen. Und ihr seid mit dabei.

Kottbusser Tor, U1

Ich weiß nichts, bist du etwas sagst, wohin mit unseren Händen? Wo hängen wir unsere Augen hin, an diesen kargen Wänden? Captain Planet – St. Peter

Ich bin seit fast einem Jahr in Berlin und war nicht sehr kreativ. Aber jetzt kann ich mich endlich in die Reihe der großen Namen einreihen, die einen Text über die Hauptstadt geschrieben haben: Alfred Döblin, Erich Kästner und Peter Fox. Mein Text heißt:

Kottbusser Tor, U1.

Auch wenn ihre Geschichte dort nicht ihr Ende fand und sicher auch ganz woanders begonnen hatte, war selbst die kurze Episode, die ich auf der Durchreise mitansehen konnte, dort irgendwie fehl am Platz. Überhaupt sollten Dinge, so wie die zwei sie besprachen, nicht mitten auf einem Verkehrsknotenbahnsteig zwischen feierwütigen Frühdreißigern und ausgelaugten Anfangzwanzigern stattfinden. Aber wenn schon wie auch immer gelagerter Emotionskram und große Gefühle, dann doch wenigstens Deutsche Oper oder meinetwegen auch Kurfürstendamm oder halt am Hauptbahnhof. Aber doch nicht am Kottbusser Tor.

Ich mein Kottbusser Tor mit K. Nicht so wie die Stadt mit C, ne, Berlin denkt sich: „Mach ick nich. Hat mir doch keiner zu bestimmen, wie ich Kottbus schreib. Und wenn ick will schreib ich Kottbullar bei Ikea auch mit C. Is ne freie Stadt. Wir sind zwar arm aber sexy und wenn was richtig sexy ist, dann doch wohl das Kottbusser Tor. Mit C.“

Zwischen Kottiwood (if you eat Döner there, you can make it everywhere) und Bauschaumschutt fährt hier die U8 nach Neukölln. Auch wieder so ein Ding. Reicht nicht ein Köln? Ist ja jetzt nicht so, dass Rheinhattan nun die schönste Stadt der Welt ist, so ein Place to be und to have in your City. Aber auch hier denkt sich Berlin: „Lass mir doch. Ick nenn meine Viertel wie ich will und dit is nun Neukölln. Get over with it.“ Nicht mal nen Dom gibt es da.

Aber wir waren beim Kottbusser Tor stehengeblieben, wo die zwei aus irgendeiner Bar oder einem Club oder einem hippen Ding ohne Namen kamen. Sie sahen gut aus, wie zwei Berliner, die noch nicht lange Berliner sind aber sich schon umso mehr fühlen wie Berliner, real und zugezogen. Ich weiß nicht, wo sie waren, ob auf einem Konzert von irgendeinem Singer/Songwriter aus Texas oder Südfrankreich oder einfach nur kickern und über die großen Themen der Welt philosophieren. Bestimmt waren sie vorher noch kurz im Späti und haben sich ne Mate geholt als Grundlage für den Wein oder die Bierschorle. Jedenfalls sah ich sie, als sie einer der zwielichtigen Hauseingänge wieder ins Großstadtleben spuckte.

Sie redeten und strahlten und fanden sich gut, denke ich. Die Chemie stimmte, mehr als bei den chemischen Stoffen, die als Fastgratisprobe angeboten wurden. Sie gingen die Straße entlang als wäre es die Allee der Kosmonauten und über ihnen wäre keine Trasse der U-Bahn, sondern Sterne und Raumstationen und Kometen und wirbelnde Welten von Galaxien und nichts. Sie berührten sich nicht und ich war berührt davon, wie zwei Menschen einfach so gut funktionierten indem sie nur redeten und Blicke tauschten, so intensiv wie der Tausch zwischen Leergut und Nachschub im Rewe nebenan.

Was ich nicht sah, waren die Gedanken in ihren Köpfen. Die Zweifel und Fragen und ihre Ziele und Wünsche und die Hoffnung und ihren Plan vom weiteren Miteinander. Und vielleicht waren da auch ganz andere Sachen in ihrem Kopf, Silvesterpläne oder der nächste Urlaub, Steuernachzahlungen oder die Ringbahnsperrung zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, die nun endlich wieder aufgehoben war. Aber so wirkte es nicht, als sie die an der Ampel sogar auf grün warteten und dann die Treppe zur U1 hochstiegen.

Und für einen kurzen Augenblick gab es keine Verspätungen oder lustigen Aktionen der BVG, keine Motzverkäufer oder Handtaschenräuber, kein Schienenersatzverkehr und auch keinen bescheuerten Neunzehnjährigen, der meint, seine Nudelpfanne auf den Bahnsteig zu kotzen. Es gab nur die beiden und mich. Sie waren wie Emma Stone und Ryan Gosling in Lalaland, aber als noch nicht ganz klar war, zumindest für Emotionslegastheniker, ob die beiden sich überhaupt mögen oder wollen oder mögen wollen. Und ich war halt auch irgendwie da, störte jetzt keinen aber fiel auch nicht weiter auf.

In diesem Moment, als ich City of Stars pfiff, sagte er irgendwas zu ihr und sie wirkte unsicher und überrascht und irritiert und irgendwie veränderte sich alles. Und er schaute weg und schluckte und wusste auch nicht so recht, wohin mit seinen Augen und Blicken und Händen. Und dann umarmte sie ihn kurz, zu kurz und er umarmte sie auch, so mit einer Hand, aber nicht richtig und dann sagten sie noch irgendwas, drucksend und stotternd. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen passten die beiden so gut auf den Kotti, wie der türkische Lebensmittelladen und der Truppentransporter der Polizei. Denn sie waren genauso abgefuckt und hoffnungslos verbaut und bedient und voll gestellt mit Dingen und umgeben von Menschen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben in diesem kurzen Moment, das geht mich auch nichts an. Ich war nur der Zuschauer eines kleinen Berliner Ensembles, das sich wahrscheinlich unzählige Male am Tag in Bussen und Bahnstationen der Hauptstadt abspielt. Und dann fuhr eh die U1 ein, Richtung Warschauer Straße und sie stieg ein und er blieb stehen und schaute ihr hinterher und sie lächelte milde. Dann ging er die Treppen runter, „Zurückbleiben bitte, Attention, stay back!“ und sie fuhr davon und er drehte sich nicht mehr um. Kurz darauf sah ich ihn wieder die Treppe hinaufkommen und in meine Bahn einsteigen. Er setzte sich seine Kopfhörer auf und tippte auf dem Handy rum. Wer weiß, eine Nachricht an sie oder an ihn oder eine schlechte Bewertung für den Bahnhof Kottbusser Tor auf Google Maps. Und dann steckte er das Handy weg und schloss die Augen und seufzte kaum merklich aber doch viel zu deutlich und ich hätte gern gewusst, was er denkt. Doch vielleicht war es besser, dass ich es nicht wusste, so wie es besser wäre, wenn ich mir eine andere, eine schönere Strecke suchen würde.

Mit den Händen in der Tasche stieg er am Bahnhof Hallesches Tor aus. Unsere Blicke trafen sich kurz und seine Augen sahen aus wie die schmutzigen Pfützen auf den Bürgersteigen in Kreuzberg nach einem Platzregen im Herbst. Es war wohl kein guter Abend für ihn. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir uns an der Deutschen Oper oder am Hauptbahnhof getroffen hätten. Vielleicht ist die Kulisse aber auch egal für die kleinen Schauspiele, die das Leben schreibt. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich rumpelnd in Bewegung. Ich holte mein Handy raus und fing an, einen Text zu schreiben.

Wofür brennst du?

Und bitte erzähl mir doch noch mal, wie jung und dumm ich bin. Vielleicht fang ich Feuer, wenn du brennst! Tigeryouth – Streichholz

Lieber Leser, liebe Leserin,

wofür brennst du? Hast du dich das schon einmal gefragt und wenn nicht, denk mal kurz drüber nach, wie du diese Frage beantworten würdest. Ist da irgendwo ein Feuer in dir für etwas oder für jemanden? Oder sagst du: Ach naja, gebranntes Kind scheut das Feuer, ich bin zu cool dafür, mehr so der Wintermensch, ich weiß doch auch nicht, ich steh nicht so auf raubkopierte CDs und überhaupt ich brenne für nichts.

Bevor ich darauf zurückkomme, muss ich mich erst einmal für die direkte Leseransprache entschuldigen. Ich mache so etwas sonst nicht und eigentlich macht man so etwas nicht und ich fühle mich schlecht und wie einer dieser Kommentarspaltenvollschreiber, die immer voll ihre Kommentare in Spalten von analogen oder digitalen Zeitungen quetschen. Aber irgendwie dachte ich, das kann man mal machen. Auch mal was Neues probieren. No risk, no Toastbrot.

Ich hatte vor einigen Monaten ein Gespräch mit einem Menschen, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Es ging um die üblichen Themen – Arbeit, Leben, Schützenfest – als sie sagte, dass sie mit Hilfe der Frage Wofür brennst du? herausfindet, ob es sich lohnt, mehr Interesse in einen Menschen zu investieren, etwas überspitzt formuliert.

Und auch wenn ich nicht glaube, dass man mit einer Frage die soziale Konnektivität zu 100 Prozent klären kann (außer es sind so Fragen wie: Wählst du die AfD oder findest du Nirvana auch so blöd wie ich), habe ich doch seitdem sehr viel und immer wieder über diese Frage nachgedacht und sie auch einigen Menschen gestellt. Und es lässt sich auf jeden Fall festhalten, dass die Beantwortung der Frage alles andere als trivial ist.

Was bedeutet überhaupt für eine Sache zu brennen. Ich habe mal kurz und sehr oberflächlich, wie man es von einem Master der Germanistik erwartet, recherchiert und nichts zu den Ursprüngen gefunden. Lediglich die Dinge, die unter den Nägeln brennen, werden zur Genüge erklärt. Aber wenn ich selbst darüber nachdenke, wie man es ebenfalls von einem Master der Germanistik erwarten könnte, hat der Ausdruck mit der brennenden Leidenschaft für etwas zu tun. Ich bin Feuer und Flamme für ein Thema, ich möchte mich am liebsten mit nichts mehr anderem beschäftigen oder bin zumindest richtig gut darin oder mag es einfach total gern, zu diesem Thema Kommentarspalten vollzuschreiben. Das sind dann die Leute, die für das Schreiben von Kommentarspaltenkommentaren brennen.

Meine erste Antwort war damals und ist es auch jetzt noch, dass ich für die Sprache brenne oder genauer gesagt für Kommunikation. Ich liebe es, mich auszutauschen, über Gott und die Welt, über mich selbst und über andere und vor allem mit anderen. Ich höre Menschen unglaublich gerne zu und ja, vielleicht höre ich mich manchmal auch gerne reden. Ich glaube das kann ich, meistens, und dabei fühle ich mich wohl. Ich mag es auch vor großen Massen zu sprechen und Reaktionen in Menschen auszulösen, wenn sie Texte von mir hören oder lesen. Darum schreibe ich auch immer wieder mal Texte in dieses Blog. Natürlich auch, weil damit meine grauen Zellen und meine Finger trainiere, aber halt auch, weil es vielleicht der eine oder die andere liest und denkt: Joa, hätte ich zwar auch ein Youtube-Video in der Zeit gucken können, aber war jetzt auch nicht total scheiße.

Mit der Leidenschaft für Sprache geht auch meine Liebe zur Musik einher. Wenn ich auf einen Sinn in meinem Leben verzichten müsste, wäre das wahrscheinlich nicht das Gehör. Ich kann mir neunhundertsechsundreißig mal den gleichen Song anhören, und freue mich immer noch darüber. Ich liebe es, Alben zum ersten Mal komplett zu hören und dann bei jedem weiteren Durchlauf neue Stellen und Details zu entdecken, vor allem textlich. Vor 10 Jahren erschien das Album Vormann Leiss von Turbostaat, was zu meinen absoluten Top-10-Alben aller Zeiten gehört. Ich habe dieses Album so oft von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und durcheinander gehört und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mal wieder einen dieser Abende gehabt, an dem ich das Album am Deich von Finkenwerder lautstark mitsingend gehört habe. Dabei ist mir ein Detail aufgefallen, dass mir in den allen anderen Durchgängen nie aufgefallen ist und ich war so begeistert und glücklich und überhaupt. Das war gut.

Wenn ich nun aber weiter schaue, dann fällt mir vor allem auf, dass mein Feuer für Sachen relativ schnell ausbrennt, wofür ich mich regelmäßig wieder selbst doof finde oder besser, wovon ich regelmäßig genervt bin. Ein gutes Beispiel dafür ist auch dieses Blog hier. Ich habe irgendwann angefangen, hatte total viel Spaß und hab mir Mühe gegeben und war fleißig und dann plötzlich: Zack, kam 2 Jahre kein neuer Text. Oder das Nordic Walking: Für 70 Euro hochwertige Stöcker gekauft und viermal walken gewesen: Zack, keine Lust mehr. Oder das Podcasten (zwei- bis dreimal) oder Twitter oder Instagram oder das Geocachen.

Nicht bei allen Sachen bereue ich es, dass ich keine Leidenschaft mehr dafür aufbringen kann – ich mein Nordic Walking und Twitter, who cares? – aber bei den anderen Dingen wünschte ich mir manchmal, ich könnte meine Motivation dazu zwingen, regelmäßig und standhaft dranzubleiben. Das geht auch mit dem Thema meines letzten Textes einher, Weight Watchers und Sport. Ich gehe noch immer zu den Treffen, aber schreibe nicht mehr alles auf, obwohl ich es mir vornehme und es mir irgendwie Spaß macht und was bringt. Und ich gehe im Moment laufen, seit einem Monat und es ist gut und tut gut und wird immer besser, aber wie lange kann ich das Feuer entfacht lassen? Ich habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr einen 10-Kilometer-Lauf zu bestehen und habe das möglichst vielen Leuten gesagt, einfach in der Hoffnung, dann auch wirklich dran zu bleiben. Und jetzt steht es hier noch mal, also gibt es eigentlich keine Ausreden. Aber das ist das Problem, es braucht nicht mal Ausreden, es fadet einfach langsam aus, wird weniger und hört auf und dann frage ich mich manchmal: War da nicht irgendwas, doch dann fällt es mir nicht ein oder ich schiebe das Unterbewusstsein weg oder esse wieder Eis. Weil dafür brenne ich auch, wenn man das so sagen kann. Und das hört nicht einfach so auf, leider.

Muss man für etwas brennen? Ich glaube nicht. Man kommt auch gut durchs Leben, wenn man das was man tut, genießt und wenn man sich nicht so viele Gedanken macht und Dinge ausprobiert. Aber gerade den Part mit den Gedanken bekomme ich einfach nicht hin. Das sieht man schon daran, wie viel ich zu dieser eigentlich doch simplen Frage geschrieben habe. Und genau dafür brenne ich nicht, für das Durchdenken und Nachdenken und Totdenken und Umdenken und alles, was mit zu vielen Gedanken zu tun hat. Und auch wenn ich nicht dafür brenne, so kriege ich das nervend stechende Feuer in meinem Kopf einfach nicht aus.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, wofür du brennst, lieber Leser oder liebe Leserin. Worauf könntest du nicht verzichten, was sind die Dinge, die dir am meisten bedeuten? Wenn dieses Blog die Antwort ist, solltet ihr echt noch mal eure Prioritäten überdenken. Fragt die Menschen, mit denen ihr euch umgebt, was sie antworten und vor allem wie sie antworten. Auch wenn man der Antwort nicht zu viel Gewicht geben sollte, glaube ich doch, dass man viel erfährt. Nicht nur durch die Antwort selbst, sondern auch auf dem Weg dahin. Und außerdem kann es der Start für ein gutes Gespräch sein. Muss ja nicht immer nur um das Wetter gehen. Und schließlich brennt die Sonne auch. Für etwas. Oder?

Scheitern

Und die Leute lieben scheitern und ich scheitere so sehr. Tomte – Voran, voran

Morgen höre ich auf oder fange ich an. Mit dem Rauchen und Sport zu machen. Täglich Eis zu essen und mich gesund zu ernähren. Mir Gedanken zu machen und regelmäßig Texte zu schreiben. Die Möglichkeiten sind unendlich und untereinander austauschbar wie falsch zugeschriebene Zitate von Marc-Uwe Kling.

Trotzdem sage ich mir immer wieder und jedes Mal aufs Neue sicher, dass ich mich ändern werde. Morgen. Und wieder Morgen. Und vielleicht auch erst nächste Woche. Oder nie, aber das sage ich mir dann nicht, sondern verdränge den Gedanken daran. Viel mehr wache ich jeden Morgen wieder komplett überzeugt auf, dass ich ab heute ein ganz anderer Mensch bin und hochmotiviert und endlich besser und dann ziehe ich die Tür hinter mir zu und gehe zur U-Bahn und arbeite und schon währenddessen rückt der Vorsatz in den Hinterkopf und wird zum Absatz, den ich mit Enter solange weiterschiebe, bis er auf der nächsten Seite ist und ich ihn nicht mehr sehe. Und dann gehe ich wieder nach Hause und komme wie durch Zufall an einem Späti vorbei, der überhaupt nicht auf meinem Heimweg liegt, und gehe wie durch Zufall an die Eistruhe und kaufe mir einen großen Cup Ben and Jerrys, der überhaupt nicht nötig ist, und dann esse ich den ganzen Becher an einem Abend komplett auf der Couch, obwohl ich schon satt bin, und selbst wenn ich Hunger hätte, wäre ein ganzer Becher Eis die denkbar schlechteste Wahl.

Am nächsten Morgen ist es fast so wie nach einer durchzechten Nacht. Ich wache unausgeschlafen auf und entdecke als erstes den leeren Becher als Mahnmal für das erneute Scheitern. Und obwohl das natürlich der letzte Ausrutscher in diese Richtung war und ab heute alles wieder anders wird – der Absatz mit dem Text von gestern ist wieder hochgerutscht – nehme ich doch erstmal den angetrockneten Löffel um die krustigen Eisreste aus dem Becher zu lösen und herunterzuwürgen. Und überhaupt, jetzt ist Dienstag und somit die Woche auch hinüber, es lohnt nicht mehr mit dem Aufhören anzufangen und dann kann ich die paar Tage auch noch richtig reinhauen und mir jeden Abend so einen Becher Eis gönnen. Was soll´s, ist eh egal und ab nächster Woche starte ich dann richtig los, mit gesunder Ernährung und Sport und all dem ganzen Kladderadatsch.

Ich habe im vergangenen Jahr innerhalb von neun Monaten 55 Kilo abgenommen. Ich bin zu meinen Bestzeiten dreimal die Woche ins Fitnessstudio gegangen und hatte sogar das Gefühl, so etwas wie Muskeln aufzubauen. Ich habe mich gut gefühlt und schon vorgeplant, wann ich das nächste Zwischenziel erreiche und wie es wohl wird mit weiteren 10 Kilo weniger und das ich ja bald „ganz normal“ aussehe (wobei mir schon bewusst ist, das normal nichts mit Übergewicht zu tun hat und es ein normal nicht gibt und selbst wenn ein normal furchtbar langweilig wäre, aber so funktioniert der Kopf – oder zumindest mein Kopf – nun einmal.)

Und dann bin ich nicht mehr so regelmäßig zum Sport gegangen. Und habe hier mal eine Hand voll Süßigkeiten gegessen und da mal ein Snickers und die neue Sorte Ben and Jerrys ist halt auch wirklich verdammt lecker. Und so bin ich wieder in alte Muster gefallen, Angewohnheiten, die ich mir mühevoll abtrainiert habe, innerhalb weniger Wochen oder gar Tage wieder angenommen. Nur war dieses mal anders, dass ich häufiger neben mir stand. Und jetzt nicht nur stimmungstechnisch, sondern als Betrachter, der genau weiß, dass es falsch und dumm und scheiße ist, was ich da tue. Und ich konnte das Eis zwar genießen, aber bei jedem Löffel löffelte auch mein schlechtes Gewissen genussvoll mit.

Nun mag man meinen, dass das die perfekte Voraussetzung ist, um etwas an seinem Verhalten zu ändern. Aber nein, im Gegenteil. Klar, wollte ich mich ändern, aber ich war irgendwie blockiert. Und mit jedem neuen Rückfall – und es gab einige, viele- wuchs die Frustration darüber, dass ich schon wieder schwach geworden bin. Gisbert zu Knyphausen beschreibt es in seinem Song Gute Nachrichten ganz gut: Ich hab versucht mich zu ändern, aber meistens hab ich mich bloß gedreht. Und irgendwann dreht sich alles im Kopf und es dreht sich nur noch darum, wie man es je schaffen soll, sich zu ändern und wie ich endlich diese verdammte Schwäche abschalten kann. Und dann frisst man diese ganzen Gedanken und die Wut in sich hinein und ist so satt davon und von sich selbst. Und dann geht man trotzdem noch einmal in der Nacht um 23:45 Uhr los, um sich wie ein Drogensüchtiger beim Späti einen weiteren Schuss Eis zu holen (so stelle ich mir das zumindest in meiner von Filmen geprägten Fantasie vor.)

Das ist doch irgendwie Scheiße, oder? Geht das nur mir so? Oder hat der Mensch an sich eine Schwäche für die Schwäche (klingt fast wie ein Song von Tocotronic.) Ist es wirklich so schwer, vernünftig zu sein. Okay, pure Vernunft darf niemals siegen ist nun wirklich von Tocotronic und es mag auch was dran sein, aber manchmal wünschte ich mir etwas weniger Aufregung und Ausfall. Denn ich weiß ja, wie es richtig geht und kann auch perfekt darüber reden oder schreiben, wie dieser viel zu lange Text zeigt, aber ich kriege es trotzdem nicht in meinen Kopf rein. Beziehungsweise ich kriege es ja in den Kopf, es war nie weg, aber ich tue mich so unendlich schwer damit, es umzusetzen.

Ein guter Text würde jetzt eine Lösung oder zumindest mal einen Lösungsansatz präsentieren. Ein mittelguter Text hätte hier vielleicht einen Link zu einem Selbsthilfeblog oder zu Leuten, die wissen was sie tun. Und ein schlechter Text würde jetzt die Weltformel verkünden. Mein Text hat nichts von alledem. Ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben, in der Hoffnung, dass es etwas bringt. Mir oder meinem Kopf oder den Dingen, die da kommen mögen. Und vor allem habe ich mir seit Monaten vorgenommen, morgen mal wieder etwas zu schreiben. Okay, es ist vielleicht kein Poetry Slam-Text aber immerhin ein Blogbeitrag und davon gab es in den letzten zwei Jahren ja nicht unbedingt viele.

Außerdem habe ich vor zwei Wochen wieder mit WeightWatchers angefangen. Aus den 124 Kilo, die ich irgendwann im Oktober mal gewogen habe, sind in der Zwischenzeit wieder 135 Kilo geworden. Das hat mich aber bei der Menge an Eis in den vergangenen Wochen (es waren dreistellige Eurobeträge im Monat) schon fast positiv überrascht. Ich habe alles wieder aufgeschrieben, was ich gegessen habe und habe inzwischen die Phase des kalten (Eis)Entzuges schon ganz gut überstanden, glaube ich, und auch schon wieder fünf Kilo abgenommen. Nur mit dem Sport schleift es noch etwas, auch wenn ich mich generell wieder mehr bewege. Aber wäre ich heute zum Sport gegangen, hätte ich sicher nicht diesen Text geschrieben. Und irgendwo muss man ja mal anfangen. Und aufhören.

So wie dieser Text jetzt auch endlich.

Katzen und Bilder

Es war ’ne laue Nacht, du weißt es noch genau, als ob es gestern war, du warst ein bisschen drauf. Frittenbude – Bilder mit Katze

Vor zwei Monaten führte ich hier im Blog eine neue Kategorie ein, die ich seitdem schon relativ häufig und ziemlich erfolgreich ignoriert habe, die Musikvideos für die Ewigkeit. Doch darum soll es gar nicht direkt gehen. Ich habe damals den Song und das Video Bilder mit Katze von Frittenbude vorgestellt. Wer das mit Absicht aus Versehen ignoriert hat, kann den Beitrag noch einmal hier nachlesen oder nicht beachten.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich das offene Ende des Songs nicht ertrage und wissen will, wie es ausgeht. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bei der Band nachfragen, was sie sagen würden (spannend, aber nicht befriedigend) oder einfach selbst eine Fortsetzung schreiben. Wie reagiert das Mädchen auf das Foto vom Shirt und gibt es ein Happy End? Fragen, die ich mir gern beantworten wollte. Also habe ich eine kurze Fortsetzung der Geschichte geschrieben, die ich nun hier präsentieren möchte.

Der Text funktioniert sicher auch ohne Kenntnis des Originals, macht aber vielleicht mehr Spaß. Ich habe auch noch ein paar andere Songtextstellen eingebaut und wer mag, kann sie finden und sich dann daraus ein Lebkuchenhaus bauen. Außerdem finde ich, dass mir der erste Absatz irgendwie gut gelungen ist, ich weiß auch nicht. Kann das sein? Nun aber genug Intro hier.

Katzen und Bilder

Sie haben Post“, würde eine schlecht computergenerierte Stimme jetzt sagen, wenn dieser Text in einer Zeit spielen würde, als es noch AOL-CDs gab und Boris Becker fast noch Tennis spielte. Da dieser Text nun aber in einem gedachten heute passiert, war es nur eine roteingerahmte, weiße eins über zwei blauangedeuteten Sprechblasensymbolen, die Katze darüber informierte, dass jemand versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Katze nutzte das Netzwerk, um in Kontakt zu bleiben. Gelegentliches Geschreibe über Sinn und Sinnloses und manchmal, aber nur manchmal – selten –, ein Austausch von Sinnlichkeiten. Hier konnte sie virtuell Bekannte treffen, Lerngruppen planen und die Zeit verplempern. Dann war wieder eine Stunde um, in der sie eigentlich noch einen Entwurf fertig machen oder an diesem einen Bericht weiterarbeiten oder was kochen wollte und dann gab es doch wieder nur Nudeln mit Pesto aus dem Glas und halbgeschmolzene Sandwichkäsescheiben.

Zwischen dem Konzert im SO36 – fast bei ihr vor der Haustür – und Bett, wollte sie nur noch einmal kurz gucken, ob sie auf der Welt oder die Welt etwas von ihr verpasst hatte, als sie, mit der Zahnbürste im Mund und ihrem Kuschelschlafanzug am Körper, die Nachricht entdeckte. Es war ein schwarzes Shirt mit neun großen gelben Buchstaben. Ein verblasstes Foto, ebenso wie die Erinnerung an die Zeit, die super war, und dann irgendwann auf einmal nicht mehr.

Sie weiß nicht, was sie wissen will oder wissen kann oder wissen soll und spuckt die Zahnpastareste, die sich schon viel zu lange in ihrem Mund befinden, weil sie vom Putzen abgekommen ist, ins Waschbecken. Es war das eine Shirt, ihr Lieblingsshirt, aus der Zeit, als sie und er noch Bilder gemacht haben, Bilder mit Katzenmasken und Hundeblicken, Bilder mit Hasenohren und schiefen Schatten, Bilder, auf denen im Hintergrund die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen zu sehen waren, Bilder aus dem vierten Stock mit Schwänen an der Wand, Bilder im Gegenlicht der Sonnenstrahlen und im Herzen ihrer Welt. Das war alles so weit weg und doch nie so ganz entfernt.

Und sie klickt die Nachricht weg und öffnet sie wieder und macht das Bild groß und es ist wirklich das Shirt, denn auch die Ärmel sind abgerissen – das war damals in dieser Nacht als sie heimlich in ein Freibad eingebrochen sind – und dann schließt sie das Bild und den Laptop und Facebook und öffnet die Schachtel und schaut sich all die Bilder noch einmal an und dann öffnet sie auch den Computer wieder und auch Facebook und schaut sich sein Profil an und sieht nicht viel, weil er noch immer seine Privatsphäre liebt und die Einstellungen entsprechend gesetzt hat, nur ein Profilfoto und ein Gruppenbild vor irgendeiner Frittenbude in Hamburg mit Freunden oder Bekannten oder mit zufällig zusammengewürfelten Personen des öffentlichen Lebens und dann klickt sie so durch und versucht ihn zu stalken, obwohl sie das nicht wissen will oder braucht oder möchte, und sie kann ja auch nichts erfahren, außer dass ihm House of Cards gefällt, was ihr ja zu politisch war, und dann schließt sie den Computer erneut und ihre Augen und in ihrem Kopf dreht sich die Welt schneller als sonst um ihre eigene Achse, vielleicht zu schnell, denn ihr wird schwindelig und dann öffnet sie die Augen und das Chatfenster auf ihrem Handy, das leer bleibt und wahrscheinlich bei ihm anzeigt, dass sie das Bild gesehen hat, woraufhin er alle fünf Minuten checken wird, ob sie schon geantwortet hat, denkt sie, denn so würde sie es machen, wenn sie an seiner Stelle wäre und sie oder ihn oder irgendwen in so eine Situation gebracht hätte und dann fährt sie erst sich und dann den Computer für den Rest der schlaflosen Nacht runter. Nur etwas Ruhe.

Am nächsten Tag, was eigentlich noch der gleiche Tag ist, jedoch nach dem Aufstehen, was nicht richtig zählt, weil sie nicht geschlafen hat, aber dann wäre ewig gestern, sieht die Welt auf einmal noch immer genauso aus, wie ein paar Stunden zuvor, nur hell hinter den zugezogenen Vorhängen. Es ist damals auseinandergegangen. Von Wegen (aus Gründen). Und sie weiß, dass sie nicht zurückgehen will und selbst wenn sie bloß zurückschaut, sieht sie da kein Land in Sicht nur mehr weniger.

Auch nach zwei Tagen hat er nicht noch einmal geschrieben und das ist auch gut so, denkt sie, aber auch, dass es nicht gut ist und jetzt all das Ungesagte einfach so wie unbestellt und abgeholt im Raum steht, ohne Antwort auf keine der Fragen. Also macht sie ein Foto vom dem Text der Band, nicht von sich, und schickt es ihm.

Und ist alles so weit weg,
das alles so lang her?
Ich allein in dieser Stadt
und du unten am Meer.
Am einen Ende die Sonne,
am anderen Ende der Mond.
Wir haben alles verloren,
doch uns dabei nie geschont.
Fortlaufend zu fliehen,
unser Oxycotin.
Doch soweit können wir nicht rennen,
um uns nicht mehr zu kennen.

Heute bist du nur ein Junge den ich einmal gekannt habe. Mach es gut, aber ohne mich. Katze.

Und dann faltet sie das Papier zusammen und steckt das Blatt in den Umschlag und klebt den Brief zu und macht eine Marke rauf und verschickt ihn und das alles digital und so gibt es keine Marke und keinen Brief und keinen Umschlag und kein Blatt und kein gefaltetes Papier, sondern nur den Druck auf die Entertaste, der so viel Druck aufbaut und ihr nimmt und der wichtig und nötig und das einzig richtige war und ist und sein gewesen sein wird – sagt sie sich – und klingt in ihrem Kopf fast sicher, dass es stimmt.

Sie sieht nicht ein, die alten Wunden wieder aufzureißen, die zwar noch nicht ganz verheilt sind, aber auf denen schon Schorf ist, den man sich am Anfang noch aufkratzt, obwohl man weiß, dass es dann blutet, an dem man dann aber irgendwann doch das Interesse verliert und ihn dann so vor sich hin heilen lässt. Und so blockt sie alle Gefühle ab und ihn in diesem Netzwerk und dann macht sie die Augen zu und ihre Lunge auf und atmet durch. Die Welt dreht sich wieder normal und die Kiste steht wieder im Schrank, irgendwo unter dem Krach und Schutt und Staub der letzten Jahre. Die zwei kommen nicht mehr zusammen. Nicht heute oder irgendwann. Und die Bilder mit Katze werden wohl irgendwann ausbleichen und nur noch verschwommen wird man die Schemen sehen, die einmal sie gewesen sind. Nur um das Shirt, da ist es schade. Und um die großen, gelben Buchstaben.

Rocky – Ein Musical, ein Film und ich

It’s the eye of the tiger, it’s the thrill of the fight, rising up to the challenge of our rival. Survivor – Eye of the Tiger

Fast 40 Jahre ist es nun her, dass Sylvester Stallone zum ersten Mal die Boxhandschuhe anzog und als symphytischer Underdog Rocky Balboa in den Ring stieg. Als großer Boxfilmfan habe ich natürlich alle Teile gesehen und war dementsprechend überrascht und gespannt gleichermaßen, als vor 3 Jahren bekannt wurde, dass aus dem Leinwandstoff ein Musical gemacht wird. Gestern habe ich es nun endlich geschafft, dass Operettenhaus hier in Hamburg zu besuchen und wurde im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen.

Bevor ich gleich ein paar Worte zum Musical verliere, noch einige Kleinigkeiten zu diesem Beitrag. Ich werde nach der kurzen Besprechung des Musicals auch noch eine Rezension des Films in den zweiten Teil dieses Beitrags packen. Diesen Text habe ich vor 4 Jahren für Moviepilot geschrieben und er war meine 100. Rezension dort. Ebenfalls werde ich noch ein Youtube-Video vom Gastspiel des Musicals bei Wetten Dass in den Artikel einbinden. Darin bekommt man schon mal einen sehr guten Eindruck, was einem beim Besuch der Show erwartet.

Rocky_Hamburg

Nur noch zwei Wochen ist Hamburg die Boxmusicalhauptstadt Deutschlands, danach wird Rocky ab November in Stuttgart aufgeführt. Wer keine Lust den gesamten Text zu lesen, für den hier kurz die wichtigste Info: Wer in den nächsten zwei Wochen Zeit hat und in Hamburg oder seinem erweiterten Umland wohnt, sollte sich Rocky – Das Musical unter keinen Umständen entgehen lassen. Wer in Baden-Württemberg lebt, sollte dann ab November unbedingt einen Besuch einplanen.

Ich sitze in der 14. Reihe, genau in der Mitte des Operettenhauses und bin gespannt, wie man einen Boxfilm auf die Bühne bringt. Damals im Film frage Adrian ihren Rocky: “Why do you wanna fight?”, woraufhin dieser antwortete: “Because I can‘t sing or dance.” Die idealen Voraussetzungen also für ein Musical. Aber alle anderen, die vorher schon hier waren, waren hellauf begeistert und auch ich bin gepackt, als das Orchester die ersten Töne der Ouvertüre anspielt.

Das zentrale musikalische Motiv kombiniert das bereits aus dem Film bekannte Gonna fly now und Eye of the Tiger von Survivor, welches allerdings erst im vierten Rockyfilm als Untermalung für die Trainingsmontage auftaucht. Macht aber nix, denn der Song ist großartig und passt auch perfekt zu Rocky und seiner Geschichte.

Die Energie, die vom Orchestergraben ausgeht, überträgt sich sofort auf die Bühne. Und obwohl diese relativ klein ist, so ist sie doch für mich der eigentliche Star des Stückes. Was die Techniker dort immer wieder hinzaubern, ist schlicht gigantisch. Ständig bewegt sich irgendwas, Teile erscheinen oder werden gedreht oder in die Luft gehoben, Videoleinwände fliegen hinein, auf denen Livebilder von der Bühne erscheinen, ein bisschen Regen fällt und überhaupt ist ständig etwas los. Es wird bis zum Ende nie langweilig und die zweite Hälfte überbietet die erste sogar noch, worauf ich jedoch nicht weiter eingehen möchte, um nicht zu viel zu verraten.

Die Geschichte ist die gleiche wie auch im Film: Rocky ist Boxer und hat irgendwie nichts so richtig hinbekommen. Als schon keiner mehr damit rechnet, will es der Zufall, dass er auf einmal gegen den Champion Apollo Creed antreten kann. Nebenbei füttert er seine Schildkröten und kriegt seine große Liebe Adrian rum. Das gewinnt nun keinen Innovationspreis, ist dafür aber deutlich realitätsnäher als sprechende Züge oder singende Katzen.

Allerdings besteht darin auch ein erstes Problem. Generell wird im Musical ja oft das besungen, was gerade passiert, beziehungsweise was die Figuren gerade denken. Das wird allerdings stellenweise unfreiwillig komisch, wenn es um die körperlichen Versehrtheiten oder Tierfutter geht. Dazu kommt, dass Rocky eine deutsche Produktion ist und man das den Texten leider stellenweise auch anmerkt. Teilweise klingt es, wie das erste selbstgeschriebene Gedicht eines Grundschülers. Aber gleichzeitig passt das irgendwie auch zu dem liebenswürdigen Tollpatsch Rocky.

Die Musik ist hier meiner Meinung nach sowieso zweitrangig. Ich hatte zwar gerade bei Adrian auch ein wenig Gänsehaut, aber insgesamt spielt der Gesang nicht so eine große Rolle. Schließlich geht es ums Boxen und das wird auch auf der Bühne reichlich gemacht. Die Choreographien sind beeindruckend und vor allem wird wirklich gekämpft, was man auch als Zuschauer merkt. Bereits dreimal hat sich Rocky-Darsteller Drew Sarich die Nase gebrochen. Ich konnte gestern auch eine ältere Dame beobachten, die beim Finalkampf wirklich mitgefiebert hat und kaum hingucken konnte.

Aber auch um mich war es da am Ende vollkommen geschehen. Ich saß mit offenem Mund da und war wirklich überwältigt. Kein Wunder also, dass es stehende Ovationen gab. Drei Stunden, die ich nicht so schnell vergessen werde. Wer nun also auch Lust hat, sollte auf jeden Fall die Chance nutzen. Tickets gibt es auch normalerweise immer noch direkt am Abend, auch bei uns waren einige Plätze frei. Und auch wenn es, typisch für ein Musical, ziemlich teuer ist, so hat es sich für mich doch mehr als gelohnt.

Hier jetzt noch meine versprochene Filmrezension zu Rocky: Passend zum heutigen Silvester, das ja bekanntlich nach Herrn Stallone benannt wurde, habe ich mir endlich einmal Rocky angeschaut.

Rocky ist einer dieser Filme, den irgendwie jeder kennt, wenn es jedoch darum geht, was genau passiert, oder ob man den Film schon mal konzentriert geschaut hat, muss man passen. So war ich dann auch etwas überrascht, dass der vermeintliche Sportfilm doch eher ein Liebes-Außenseiter-Sozial-Streifen ist.

Wir sehen nur am Anfang eine kurze Boxszene und natürlich gegen Ende das oft zitierte und auch persiflierte Training, sowie den äußerst spannenden Kampf zwischen Rocky und Apollo Creed. Sonst sieht man wie Rocky Tiere streichelt, flirtet, schlechte Witze macht, böse guckt aber doch eigentlich ganz lieb und nett ist.

Sly macht dabei meiner Meinung nach eine doch recht gute Figur. Na klar ist er auf keinen Fall der begnadetste Schauspieler und seine Mimik und Gestik wirkt oft ein wenig hölzern, das alles passt aber ziemlich gut auf den Boxer, der ein bisschen doof ist und nichts richtig auf die Reihe kriegt, dafür aber das Herz am rechten Fleck hat.

Die Dialoge sind teilweise unterirdisch. Man möchte selbst die Fleischhälfte sein, auf die zu Trainingszwecken eingeprügelt wird, um einiges schnellstmöglich wieder zu vergessen. Auch die Figuren übertreiben teilweise extrem, sodass es stellenweise lächerlich wirkt. Die Beziehung von Paulie und seiner Schwester ADDDDRRRRIIIAAAAANNNN ist sehr dick aufgetragen oder auch die Dialoge mit dem Trainer. Aber Schwamm drüber. Denn spätestens wenn das bekannte Gonna fly now einsetzt (und auch sonst ist der Soundtrack durchaus hörenswert) und man den, naja fast noch jungen Sly, durch die Straßen laufen sieht, fühlt man sich irgendwie wohl. Der Film, mit all seinen Ecken und Kanten, macht einfach Spaß und wird zum Ende hin sogar richtig spannend. Es ist also nicht der ganz große Wurf, aber ein Film, den man durchaus mal gesehen haben darf. Am besten heute, an Silvester, zu Ehren von Sly.

Apollo Creed: „Apollo Creed vs. the Italian Stallion. Sounds like a damn monster movie.“

Der Marlboro-Mann

The saddest thing that I‘d ever seen, were smokers outside the hospital doors. Editors – Smokers outside the hospital doors

Wenn eine Idee schon über sieben Jahre in meinem Kopf rumschwebt und da einfach nicht herausgeht, dann muss sie verdammt gut sein, schließlich herrscht da oben neben einem reichlichen Durcheinander auch ein ständiges Kommen und Gehen.

Im Jahre 2008 hatte ich die Idee zu einem Werbespot. Er sollte – so meine gewagte Phantasie – in Kinos laufen. Da ich jedoch nicht über ausreichendes filmisches Know-How und die, für meinen tollkühnen Plan nötigen, finanziellen Mittel verfüge, wurde dieser Film nie gedreht und lief somit einzig und allein in meinem kleinen Kopfkino.

Da jedoch heutzutage bei Raubkopien selbst vor kleinen Indie-Kopfkino-Produktionen nicht zurückgeschreckt wird, habe ich beschlossen, meine Idee hier niederzuschreiben. Sollte dann also doch jemand den Spot drehen, könnte ich wenigstens anschließend nett fragen, ob die Person mich irgendwie am garantiert eintretenden, unermesslichen Ruhm beteiligt.

Der Titel des Spots ist Der Marlboro-Mann und ich versuche alles möglichst genau zu beschreiben, jedoch dürft ihr die gedanklichen Leerstellen gerne mit Beiwerk füllen.

Es ist ein sonniger Tag und die Kamera fängt einen sehr runtergekommenen Bahnsteig ein. Es sieht aus, als wäre die letzte Bahn hier schon längst abgefahren. Unkraut wuchert, eine alte grüne Holzbank, bei der die Farbe schon abplatzt ist, steht verloren herum und sogar einen alten Aschenbecher gibt es, ein Relikt aus einer Zeit, als noch keine kleinen gelben Quadrate die Bahnhöfe dieser Welt musterten.

Auf der Bank sitzt ein alter, ungepflegter Mann, der auch so aussieht, als hätte er seine besten Tage schon hinter sich. Zerschlissene, ausgewaschene Jeans, ein kaputtes Karohemd und ein Gesicht wie sieben Jahre Kohlebergwerk. Zerfurcht, abgespannt, kaputt. Die Haare fettig und verklebt und der Bart voll, aber nicht rasiert, sondern verwahrlost.

Der Marlboro-Mann sitzt da und die Kamera fängt ihn langsam ein und hält unangenehm drauf. Langsam holt er mit seinen schmutzigen Händen eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche. Mit gelben Fingernägeln fischt er sich zitternd eine Kippe raus und zündet diese bedächtig mit einem Streichholz an. Er inhaliert die erste Dosis Rauch mit geschlossenen Augen, verzieht aber sonst keine Miene.

Die Kamera schwenkt und zeigt in der Ferne einen Zug, der näherkommt. Allerdings nur sehr klein als Punkt zu erkennen. Die Luft flimmert, es ist heiß. Ein schöner Tag. Der Mann steht auf und stellt sich an den Bahnsteig. Alles passiert sehr langsam. Er wartet. Der Zug kommt. Er zieht. Rauch umweht seinen Kopf.

Dann erreicht ihn die Bahn und es gibt einen riesigen Knall, Explosionen, dichter, schwarzer Nebel. Blackscreen. Die Kamera fährt raus und dabei lichtet sich der Rauch etwas. Man sieht den entgleisten, brennenden Zug. Ein Rad dreht sich. Zerstörung und die Kamera fährt weiter raus und der Blick fällt auf einen abgetrennten Arm, der dort unter der Lok hervorschaut. In der Hand die Zigarette und in genau diesem Moment fällt ein letztes Stück Asche von der Kippe. Blut fließt aus dem Arm heraus. Es bildet sich ein Satz. Immer deutlicher wird es. Da steht: Jeder Zug kann tödlich sein.

Musikvideos für die Ewigkeit: Frittenbude – Bilder mit Katze

Und so sehr wie Romeo und Julia wird sich niemand je mehr lieben. Muff Potter – Das halbvolle Glas des Kulturpessimismus

Ich war gestern mal wieder in so einer Phase, wie Olli Schulz singen würde. Ich habe zwei Stunden im Bett rumgelegen und habe Musik gehört und vor allem geschaut. Viele meiner Lieblingssongs sind nicht nur durch einen großartigen Text oder tolle Musik in meinem Kopf geblieben, sondern auch durch ein besonders Video.

Musikvideos werden – gefühlt – immer unwichtiger. Es gibt kein MTV oder Viva mehr, Spotify unterstützt (noch) keine Videos und in der Straßenbahn oder im Bus ist es auch nicht wirklich praktisch, nebenbei auch noch auf das Handy zu schauen, während man so vor sich hindöst, Quizduell spielt oder mit aller Welt kommuniziert.

Das ist verdammt schade, denn noch immer gibt es Künstler, die sich sehr viel Mühe damit geben, ihre Songs visuell umzusetzen oder aber mit einer ausgefallenen Idee das Lied um eine neue Ebene zu erweitern. Manchmal sind Musikvideos aber auch einfach nur lustiger Quatsch und ein großer Spaß fürs Auge.

Während der besagten Phase ist mir also mal wieder aufgefallen, wie viel mir manche dieser kleinen Kunstwerke bedeuten. Und da hatte ich die Idee, dass ich das als Vorwand nutzen könnte, um endlich mal wieder zu bloggen.
Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich werde hier nun in unregelmäßigen Abständen (und mit unregelmäßig meine ich, dass es auch nach diesem Beitrag schon wieder durch akuten Lustmangel vorbei sein könnte) Musikvideos vorstellen, die irgendwie einzigartig sind oder die mir viel bedeuten. Ich freue mich natürlich auch, wenn andere Leute auch solche Beiträge schreiben oder aber mir Videos empfehlen.

Den Anfang macht heute die Band Frittenbude mit dem Song Bilder mit Katze.

Das Video dazu hat Katrin Gebbe im Jahr 2010 gemacht. Das Lied erzählt die Geschichte einer Beziehung, von Anfang bis Ende. Und wer, genau wie Muff Potter, glaubt, dass sich niemand je wieder wie Romeo und Julia lieben kann, der wird hier eines Besseren belehrt.

Es braucht nicht immer Schmuck oder andere Kostbarkeiten, oft reicht schon eine Geste, ein T-Shirt mit neun großen Buchstaben, um das Herz eines Menschen zu erobern. Was danach kommt, mag eine „ganz normale“ Liebesgeschichte sein, aber gerade darum ist das alles so emotional. Weil jeder schon einmal irgendwie verliebt war und diese ganze Aufregung kennt.

Das Video erzählt die Geschichte des Songs einfach noch einmal. Wer also keinen Bock auf die Töne hat, erfährt die Geschichte vom Shirt und den Menschen, die es tragen, auch in der Stummfilmversion. Es hat tolle Bilder und alles, was eine romantische Schnulze braucht: Zusammenbrüche, Luftballons, Küsse, (etwas) Sex, eine eigene Tanzchoreographie und ganz viel Gefühl.

Mein persönliches Highlight ist der Mittelteil, in dem es keinen Gesang gibt, weil einfach alles gesagt ist. Die Momente, die Katrin Gebbe da einfängt, sind einfach nur toll und lustig und schön und so verdammt traurig und wahr und was weiß ich schon.

Am Ende senkt sich der Vorhang viel zu schnell. Halt, ich will noch eine Weile dabei bleiben und wissen, wie es ausgegangen ist. Haben sie sich nun bekommen? Aber hier ist Bilder mit Katze nun mal keine klassische Liebesschnulze, denn wir erfahren es einfach nicht. Es bleibt offen und wir müssen uns selbst im Kopf die Fortsetzung zusammenpuzzeln.

Bei mir hängt es ganz stark davon ab, wie ich drauf bin. Manchmal kriegen sie sich und manchmal sind die schönen großen Buchstaben einfach schon zu sehr ausgewaschen. Traurig, aber wahr.

Oscars Werkschau 2015 – Teil 2: Boyhood

Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn? Ist da noch mehr? Die fantastischen Vier – Geboren

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Da aber das Leben halt kein Regisseur ist und somit auch keine Filme drehen kann, was wiederum auch bedeutet, dass eine Nominierung für den Oscar und die damit zusammenhängende Besprechung (die eher eine Beschreibung ist) hier unmöglich ist, hat sich Filmemacher Richard Linklater gedacht, dass man ja auch einfach das Leben verfilmen kann. Oder kurz: Boyhood erzählt die Geschichte eines Lebens. Also eigentlich nur einen Teil daraus, nämlich den, in dem ein Mensch von einem Kind über den langen und beschwerlichen Umweg Pubertät zu einem jungen Erwachsenen wird.

Der Clou an der ganzen Sache ist, dass Boyhood über elf Jahre hinweg gedreht wurde. Linklater zeigt seine Protagonisten quasi in Echtzeit. Aber – da war ich selbst ein wenig verwirrt – der Film ist keine Dokumentation, sondern erzählt eine fiktive Geschichte.

Im Zentrum steht dabei Mason, den wir bei seiner Zeit im Knabenalter (Übersetzung LEO) begleiten. Wir gehen gemeinsam mit ihm in die Schule, trinken unseren ersten Alkohol und fangen gemeinsam an, uns für Mädchen zu interessieren. Vor allem aber flicken wir uns Stück für Stück eine immer größer werdende Patchworkdeckenfamilie zusammen.

Und je größer der Familienflickenteppich wird, um so größer werden auch die Probleme und Spannungen zwischen den Akteuren. Vor allem die neuen Lebensabschnittsgefährten von Masons Mutter Olivia (Patricia Arquette) sorgen für Konflikte und reichlich Zoff.

Für mich war es ziemlich spannend zu sehen, dass mir die Geschichte eigentlich gar nicht so wichtig war. Es gab keinen klassischen Handlungsverlauf mit aufsteigendem Spannungsbogen, der sich auf den einen Höhepunkt zubewegt. Viel mehr war es eine gleichbleibend unaufgeregte Erzählung, die als Vehikel für das Konzept des Films funktioniert hat.

Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es Linklater darum ging, eine revolutionäre Geschichte zu erzählen. Es sind die Charaktere, die hier wichtig sind und die wir mit jeder der (teilweise etwas zu langen) 163 Minuten immer besser kennenlernen. Wir werden als Zuschauer irgendwie Teil der Familie.

Aber so ist es eben ein bisschen wie beim großen Familienessen am Sonntag. Es ist schön, alle wiederzusehen und mit ihnen Zeit zu verbringen, aber am Ende ist man auch wieder froh, wenn man allein Zuhause ist. Ich habe mich nie gelangweilt bei Boyhood, aber dieses Gefühl, zurück in mein „richtiges Zuhause“ zu wollen, war mehr als einmal da.

So kann ich auch nicht ganz verstehen, warum Boyhood im letzten Jahr über als DER FILM schlechthin verkauft wurde. Eine Durchschnittswertung von 100 von 100 möglichen Punkten bei 49 Kritiken (Metacritic) ist schon mehr als krass. Und das keiner davon den Film wenigstens ein bisschen blöd findet, ist in meinen Augen mehr als erstaunlich.

Jeder, der ein Herz für Familienfilme hat und damit leben kann, dass eben nicht viel passiert, sollte sich Boyhood aber vormerken. Wer zudem noch ein Faible für Filme hat oder sich selbst als Cineast bezeichnet, kommt eh nicht drum herum, den Streifen zu schauen, denn Boyhood ist ein bis dato einzigartiges und ambitioniertes Experiment, das auf jeden Fall funktioniert. Dafür gibt es von mir, auch wenn es nie mein Lieblingsfilm werden wird, 8 von 10 Sonntagsbraten.

Oscarchancen? Boyhood ist der wohl größte Favorit in den Königskategorien Film und Regie und eine Auszeichnung hier wäre definitiv verdient. Richard Linklater hat ein Stück Film geschaffen, das man gesehen haben sollte und das, selbst wenn man der Thematik nicht so viel abgewinnen kann, niemanden wehtut. Den Preis als beste Nebendarstellerin würde ich Patricia Arquette auf jeden Fall gönnen, wobei ich da nicht einschätzen kann, wie die Konkurrenz ist (wie auch bei Ethan Hawke.) Ich glaube, dass Boyhood einer der Gewinner des Abends am 22. Februar in Los Angeles wird.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Beste Nebendarstellerin
  • Bester Nebendarsteller
  • Bester Schnitt