Nur einen Kuss – Vom Musikvideo zur Kurzgeschichte

Ich liebe Musik und fast noch mehr liebe ich gute Musikvideos, das habe ich ja auch schon in diesem Blog an der einen oder anderen Stelle erwähnt. Mein nicht ganz so geheimer Traumberuf ist ja auch Musikvideoregisseur. Da mir dafür aber die Technik, die Erfahrung und die Kamera fehlen (anders als die Ausreden, es einfach mal zu versuchen), bleibt es meistens beim Konsum. Meistens, denn ab und zu probiere, mich diesem Medium auf einem eigenen Weg zu nähern. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit eine Fortsetzung für das Video Bilder mit Katze von Frittenbude geschrieben.

Heute geht es wieder in die Richtung, aber doch auch etwas anders. Die Ärzte haben mit Nur einen Kuss einen wunderschön traurigen Song für das Album Jazz ist anders komponiert. Ich hatte die Idee, die Story des Songs für einen Text noch einmal etwas auszuformulieren. In meinem Kopf spielt die Handlung eigentlich irgendwie in einem Westernszenario, für meine Version habe ich aber entschieden, sie im Hier und Jetzt anzusiedeln. Als ich mir noch einmal zur Inspiration das Lied anhörte, entdeckte ich, dass es ein sehr minimalistisches, aber doch toll gezeichnetes Video dazu gibt. Das Video gibt es hier, einmal anschauen und schön finden bitte. Danach dann gerne die folgende Geschichte lesen.

Nur einen Kuss

Ich war schon einige Jahre in Berlin, aber im Herbst ist es immer wieder am schlimmsten. Die Tage werden kürzer und man kann nicht mehr irgendwo im Park oder in den unzähligen Cafés draußen sitzen und lesen oder schreiben. Es liegt ein grauer Schleier über den Straßen und Häusern und dann immer dieser Regen. So sehr man auch versucht den Pfützen auszuweichen, man tritt doch irgendwann hinein und dann weichen die Stoffschuhe durch und die Strümpfe werden nass. Schließlich merkt man, dass man selbst unter einem grauen Schleier durch den Tag wandelt, mit Schuhen, die nicht richtig getrocknet sind und nach nassem Hund riechen und mit Gedanken, die – gelinde gesagt – auch schon nach dem nächsten Baum zum dran aufhängen suchen.

Wenn man dann auch noch Single ist und Facebook dir schon gar nicht mehr die Möglichkeit gibt, den Beziehungsstatus zu ändern, weil etwas anderes gar nicht mehr vorstellbar ist, dann macht es die ganze Geschichte auch nicht gerade angenehmer. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht habe, es gab immer mal wieder Freundinnen und Bekanntschaften und auch in den letzten Monaten hin und wieder mal eine Tinderei, aber es war nie etwas Ernstes. Keine Gefühle, keine Leidenschaft, keine Lust. Und irgendwann resignierte ich dann und versuchte mir einzureden, dass es schon okay wäre, dass ich niemanden brauche und allein besser aufgehoben bin. Wenn ich genug Wein getrunken hatte, blieb die Stimme in meinem Herzen leise und ich glaubte mir, an den paar anderen Tagen, konnte ich mir aber nichts vormachen.

An einem dieser nüchternen Abende stand ich mal wieder im Unrockbar, der Bar meines besten Freundes, hinter dem Tresen. Ich hatte eigentlich keinen wirklichen Bock auszuhelfen und wollte lieber mit mir und einer Flasche Merlot allein auf der Couch abhängen, aber zwei Barkeeper waren ausgefallen und da ich nicht nein sagen kann und sowieso das Interesse der anderen Menschen liebend gern über meine eigenen Bedürfnisse stellte, sprang ich ein.

Der Abend verlief die ersten Stunden ziemlich ereignislos, doch irgendwann kam eine junge Frau hinein. Sie war allein, setzte sich an die Bar und bestellte einen Gin Tonic. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche, las und schrieb dann mit genervtem Blick eine lange Textnachricht. Ihre ganze Mimik ließ mich vermuten, dass sie sich ihren Abend auch anders vorgestellt hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich stellte ihr das Getränk hin, sagte: „Willkommen in meiner Welt, der Begrüßungsdrink geht auf mich“, und prostete ihr mit einem Bier zu. Sie war kurz verdutzt und musterte mich, aber nach dieser einen skeptischen Sekunde lachte sie und erhob ihr Glas.

So lernte ich Emma kennen. Sie blieb, bis ich die Bar abschloss und wir wanderten noch bis es hell wurde durch die Straßen von Berlin, in denen der graue Schleier auf einmal verschwunden war. Und ich weiß nicht ob es an ihr oder unserer Begegnung lag, aber am nächsten Tag zeigte sich der Herbst von seiner goldenen Seite und die Sonne schien und die Menschen in den Straßen lachten und waren gut drauf. Und ich war einer von ihnen.

Dann kam unser zweites Treffen und ich war so aufgeregt wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben. Wir gingen essen und dann wieder spazieren. Und während wir schweigend durch die Straßen gingen, schluckte ich all die schlechten Gedanken, die ich mir vorher sorgfältig Zurecht gelegt hatte und all die Ängste, die so akribisch im Inneren meines Kopfes für den Fall der Fälle bereit lagen, herunter und sagte zu ihr: „Wenn du mich nicht küsst, bleibst du vielleicht allein. Und wer will schon im Winter alleine sein?“ Danach waren wir ein Paar und es wurde der beste Herbst meines Lebens.

Nur einen Kuss

Ich war nie wieder so glücklich, wie in den paar Wochen, in denen wir alles teilten und ich alles für Emma tat. Sie war meine Sonne, sie gab mir Vitamin D und alles, was ich brauchte und ich machte mir seit langer Zeit endlich mal keine Sorgen mehr. Auch nicht, als sie mir eines Abends von einem Musiker erzählte, den sie mit ihren Freundinnen traf. Er war mit seiner Band hier im Studio, um ein Album aufzunehmen, das die Musikwelt komplett verändern würde. So sagte er es ihr zumindest und so berichtete sie mit leuchtenden Augen von ihrer ersten Begegnung.

Sie trafen sich wieder und ich merkte, wie sie das Interesse an mir verlor und das war furchtbar. Egal was ich tat oder wie sehr ich mich anstrengte, ihr der perfekte Freund zu sein, ihre Gedanken drehten sich um den Rockstar. Und an einem der ersten richtig kalten Wintertage, zwischenzeitlich flockte es sogar ein wenig, beendete sie mich und unsere Beziehung, um sich voll auf Jan, den geheimnisvollen Gitarristen, konzentrieren zu können.

Ich war am Boden zerstört, doch ich ließ sie ziehen. Was sollte ich tun? Außerdem habe ich in unserer viel zu kurzen gemeinsamen Zeit gelernt und erfahren, was ihr alles schon passiert ist im Leben und ich wollte nur, dass sie glücklich ist. Und wenn das nicht mit mir ging, so musste ich halt zurückstecken und versuchen irgendwie weiterzuleben. Sie war mir dankbar und stürzte sich Hals über Kopf in ihren Untergang.

Die Beziehung der beiden war das reine Chaos. Ich bekam das mit, weil ich nicht mit ihr abschließen konnte oder wollte und jeden Tag mehrmals ihr Profil in den diversen sozialen Netzwerken nach Hinweisen absuchte. Manchmal schrieb sie mir auch traurige, kurze Nachrichten und ich versuchte sie aufzubauen, doch meine Antworten blieben meistens unkommentiert. Dass es mir mit jedem Tag unserer Trennung schlechter ging und ich sie mehr und mehr vermisste, war nur zweitrangig.

Schließlich waren die Aufnahmen der Band im Frühling beendet und er ging auf große Deutschlandtournee, nicht ohne ihr vorher noch einmal wortreich zu schwören, dass sie alles für ihn sei und er immer an sie denken würde und er gar nicht abwarten könne, wieder bei ihr zu sein. All das war gelogen. Er meldete sich nie, antwortete nicht auf ihre Anrufe, Texte oder Sprachnachrichten und postete auf Instagram gefühlt jeden Abend ein Bild mit einem anderen knapp bekleideten Groupie.

Sie wartete vergebens auf seine Rückkehr und ein Wunder und schließlich entschied sie, dass es im Leben nichts mehr gab, worauf es sich zu warten lohnt. An diesem Abend hörte ich in den Nachrichten, dass sich eine junge Frau von einem Hochhaus gestürzt hatte. Zu den Hintergründen wolle man nichts sagen und überhaupt würde man ja über Selbstmord eigentlich nicht berichten, aber da hörte ich schon nicht mehr hin, weil ich die wahre Geschichte kannte. Und so wie ihre Knochen beim Aufschlag auf dem Bürgersteig brachen, so zerbrach das Weinglas, das ich in meiner schwachen Hand nicht mehr halten konnte und so splitterte auch mein Herz und mir war sofort klar, dass ich die Scherben nur zusammenfegen, nicht aber wieder zu einem funktionierenden und liebendem Herzen zusammensetzen kann.

Ich verlies Berlin und reiste den Sommer über durch Deutschland. Ich konnte die Stadt nicht mehr ertragen und versuchte mich abzulenken, neu zu sortieren. Ohne Erfolg. Immer wieder träumte ich von ihr und wie schlecht es ihr in ihren letzten Tagen gegangen sein muss und wie er einfach weitermachte, als wäre nichts gewesen. Nur eine weitere Kerbe in seinem Bettpfosten, ein Groupie, dem man keine Träne nachweinen musste. Und obwohl mein Herz in vielen kleinen Scherben irgendwo auf einer Müllhalde lag, spürte ich doch immer wieder diese Stiche, wo es sich mal unter meiner Brust befunden hatte. Also fasste ich einen Entschluss.

Es war leicht, ihn aufzuspüren, Social Media sei Dank. Ich buchte mich in ein Hotel ganz in seiner Nähe ein, besuchte das Konzert (was für beschissene Musik) und blieb auch nach der Show noch dort. Irgendwann kam er aus dem Backstage, um Autogramme zu geben oder vielleicht das nächste Groupie für die After Show klarzumachen, aber dieses Mal gewann ich seine Aufmerksamkeit. Ich quatschte irgendwas vom besten deutschsprachigen Album der letzten Jahre und stellte mich als Musikredakteur vor. Da er das Rampenlicht noch mehr als junge Frauen mochte, gab er mir die Chancen, ihn spontan und kurzfristig für mein frei erfundenes Magazin zu interviewen.

Wir gingen in eine ruhige Bar und sprachen und tranken und mit jedem Satz, mit jedem Wort, ja sogar mit jedem egoistisch rausgespuckten Buchstaben wuchs meine Verachtung für diesen Typen. Aber ich blieb ruhig und gab ihm jede Menge Getränke seiner Wahl aus. Der Abend wurde lang und irgendwann schlug ich vor, sich doch noch einmal die Beine vertreten zu gehen. Er stimmte zu und so marschierten wir, wobei es mehr ein leichtes Torkeln war, in Richtung des Stadtparks. Es war gespenstisch still und ein voller Mond leuchtete vom wolkenlosen Himmel. Mir war es fast ein bisschen kitschig, aber es musste passieren, das war klar und hatte er sich selbst zuzuschreiben.

Als er sich an einen Baum zum pinkeln stellte, stürzte ich mich von hinten auf ihn, warf ihn zu Boden und schlug ihn bewusstlos. Nach einigen Minuten kam er wieder zu sich, doch da hatte ich ihn schon an eine Eiche gebunden und seinen Mund mit einem Knebel verschlossen. Ich erzählte ihm, wer ich bin und von Emma und was mit ihr passiert ist. Er konnte sich nicht mal erinnern, versteht ihr? Was für ein Mensch muss man sein, um so mit den Gefühlen einer anderen Person zu spielen? Genug. Ich zog ein Messer und schnitt ihm die Brust auf. Er muss Höllenqualen gelitten haben, doch es war mir egal, schließlich fühlte ich mich seit Monaten so wie er jetzt und ein Mensch musste seinetwegen sogar sterben.

Und dann griff ich durch die offene Wunde und riss ihm mit einer schnellen, kraftvollen Bewegung das Herz heraus. Es war alles voller Blut und ich musste mit einem Würgreflex kämpfen, doch ich wollte mein Herz zurück. Und das habe ich bekommen, für mich und für dich Emma. Er schloss die Augen und ich kehrte mit dem Herzen nach Berlin zurück. Aber geliebt habe ich niemals

Slamtext Liebe

Auch wenn ich momentan drei bis fünf Ideen habe, kann ich einfach nicht so viel Muße für neue Texte aufbringen, wie ich es mir selbst wünsche. Da ich aber in diesem Jahr wieder mehr veröffentlichen will und vielleicht sogar mit dem Blog auf eine etwas hübschere Seite umziehen will, habe ich mir gedacht, muss ich zumindest ab und zu mal ein bisschen was veröffentlichen. Daher heute mal wieder einen alten Schinken. Der Text ist ungefähr sechs Jahre alt, ich mag ihn aber sehr. Und es ist wahrscheinlich auch einer der persönlichsten Poetry Slam Texte, die ich je geschrieben habe. Der Arbeitstitel damals war Slamtext Liebe und irgendwie ist es auch dabei geblieben. Viel Spaß bei der Lektüre.

Slamtext Liebe

Ein anonymer Dichter hat es mal mit „Und es hat Zoom gemacht“ beschrieben, dieses Gefühl, das jeder kennt und doch bei jedem anders ist. Es fängt mit guten Gesprächen über das Leben und den ganzen Rest an, man geht mal einen Kaffee trinken und irgendwo zwischen Kino und Kickerkneipe knallt es einem dann die Sicherungen durch.

Und von da an ist alles schön und neu und faszinierend. Schon das ewige Katz-und-Maus-Spiel beim Händchenhalten. Ein hin und her und für und wider und plötzlich schnappt die Falle zu und man will nie wieder loslassen. Liebe Zeit, bleib doch einmal stehen, damit dieser Moment nie vergeht!

Ich möchte dein Schatten sein, wenn dich die Sonne blendet, dir von Montag bis Freitag die Arbeit abnehmen, dass du am Wochenende ganz für mich da sein kannst. Und wenn du nicht da bist, gieße ich deine Pflanzen. Ich pflanze dir einen Baum und ritze in die Rinde jeder Linde die ich finde, was noch kommt. Ich überlege schon jetzt, was ich dir in einem Jahr zum Geburtstag schenke und probiere aus, ob du auch genügend Platz in meinem Bett hättest, würdest du hier mal übernachten wollen. Wenn nicht, schlaf ich auch auf dem Boden, also nicht, wenn du nicht hier schlafen willst, sondern wenn du hier schlafen willst, aber dir der Platz nicht reicht. Dein Platz ist an meiner Seite und seit du da bist, ist meine Seite nie mehr kalt.

Doch leider beschlägt die rosarote Brille irgendwann und man beginnt wieder klar zu sehen. Rückschläge und Rückenwind. Brustschwimmen in knietiefen Gewässern, doch den Grund sieht man nicht. Viel mehr geht man allen Dingen auf den Grund und grübelt. Lässt den Hamster im Kopf Runde um Runde rennen, doch es gibt kein Happy End im Hamsterrad.

Irgendwann ist alles mürbe wie Teig und klebrig wie der Kaugummi, den man schon vor Stunden hätte ausspucken müssen. Und liebe Sätze werden zu Floskeln, die man sich wie die Spuckis, damals, in sein Stickeralbum der schlechten Sprüche kleben kann. Wer in dieses Büchlein schreibt, das Herz wohl zur Verzweiflung treibt. Und da findet sich auch die Blaue Mauritius: „Ich glaube, wir sind in einer Freundschaft besser aufgehoben.“ Warum hebt man sich gerade das auf und verhebt sich an den Konsequenzen der Überheblichkeit, bis zur überschwänglichen Übelkeit. Und überhaupt.

Weinen ist ein unspezifischer emotionaler Ausdruck. Teile der Wissenschaft gehen davon aus, dass der Mensch das einzige Lebewesen der Erde ist, das weint.
Sollte uns das glücklich machen? Freudentränen, wenn wir verheult im Taxi oder einem Bus des HVV sitzen? Oder sind das nur Nebensächlichkeiten der schönsten Sache der Welt, die irgendwann zu dieser einen Sache wird, über die man nicht reden möchte, aber dafür Texte schreiben und traurige Lieder und der ganze Krempel der dazugehört.

Auf wundersame Weise schafft es der Mensch innerhalb weniger Sekunden auf Wolke Sieben zu beschleunigen. Da ist es auch egal, ob die Beziehung nun 2 Stunden oder 20 Jahre gedauert hat – runter kommen sie alle und spätestens wenn sich der Boden mit dreifacher Flaschenweingeschwindigkeit nähert, fällt uns auf, dass wir überhaupt nicht fliegen können. Dann verkommen all die guten Vorsätze zu einem Vorspiel in Moll für das Konzert der traurigsten Geigen der Welt. Und in jedem Lied hört man Stimmen, die darin übereinstimmen, dass etwas mit einem nicht stimmt. Und jeder Text schreibt dich ab und du schreibst all die traurigen Texte ab und schaust dir alte Bilder an und du bildest dir ein, dass du dir erst jetzt ein Bild von der gesamten Sache machen kannst.

In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken also reiß ich sie raus und schlucke sie runter. Na los Liebe, geh mir durch den Magen.

Und vielleicht klingt das jetzt alles unglaublich hochtrabend platt oder ehrlich falsch. Aber was soll man denn machen, wenn sich die Decke, die einem auf den Kopf gefallen ist, nicht mehr wegbewegen lässt? Und klar kommen wieder andere Zeiten und klar kommt man klar und klar wird alles wieder gut und vielleicht ist man ja wirklich irgendwann in einer Freundschaft besser aufgehoben, aber im Moment will man einfach nur leiden und hoffen, dass es dem anderen wenigstens ein Stück genauso geht.

Und um das zu überprüfen, schaut man noch mal schnell bei Twitter und Facebook rein, ob sie nicht doch noch mal geschrieben hat. Und dann läuft man zum Briefkasten und da ist auch kein Brief drin also muss ich wohl eine SMS schreiben, damit man sich wenigstens wieder und auch auf der Straße und ganz zufällig geh ich nur jeden Tag dreimal an deinem bescheuerten Haus vorbei und nein, du, für mich ist alles okay. Hey, super, wir können doch ein Bier trinken und noch mal über alles reden, also rein freundschaftlich, versteht sich. Vielleicht telefonieren wir einfach mal, ach du hast nen neuen Freund?? Cool, also wow, freut mich voll für dich. Ich? Ach weißt du, ich… ich lebe.

Nicht, dass mir das je schwerer fiel als jetzt, aber ich will dir nicht ins Wort fallen, erzähl mir doch noch kurz, wie glücklich du jetzt bist und das du froh bist, dass wir über alles reden können. Und das damals alles die richtige Entscheidung war und überhaupt, ich hab dich auch ganz lieb, ganz relaxt und ganz freundschaftlich.

Und dann legt man wieder auf und legt sich hin und auch wenn 1000 Berührungen lang immer was passiert ist, ist die tausendunderste Nacht ohne Schlaf meist die längste auf der Welt. Und dann kann man sich wieder kurz darüber freuen, dass wir so besonders sind mit unseren Tränen. Und dass das Herz das mit dem Schlagen auch irgendwie alleine hinbekommt.

Der Boxer

Ein Junge weint nicht, ein Junge beißt sich auf die Zunge, auch wenn das Herz reißt. Gerhard Schöne – Ein Junge weint nicht

Ohne große Vorrede mein bisher längster Text, an dem ich über mehrere Monate geschrieben habe. Ich freue mich sehr über Rückmeldungen, Meinungen und Kommentare!

Der Boxer

1.)
Die Faust traf ihn hart. „Ey was soll der Scheiß“, fragte er seinen Kumpel Ben, der ihn etwas zu liebenswürdig auf die Schulter boxte. Die beiden kannten sich seit der Grundschule und auch jetzt, in der siebten Klasse, waren die Jungen noch immer unzertrennlich. Wenn es hart auf hart kam, waren sie füreinander da und bauten sich auf. Allerdings standen sie mit ihrer gegenseitigen Sympathie relativ allein da. Erst Außenseiter auf dem Spielplatz, dann Außenseiter auf dem Schulhof und schließlich Außenseiter in der gesamten Nachbarschaft.
Wieso und warum und wie das kam, lässt sich gar nicht mehr genau sagen. Sie hatten sich beide nicht wirklich darum gekümmert, viel mit anderen zu machen und sie hatten sich auch nicht bemüht, es zu ändern, als der Ruf schon längst ruiniert war. Aber bis zur achten Klasse war das auch mehr so eine Randnotiz, eine Fußnote ihrer Geschichte. Immer mal wieder ein abfälliger Blick, mal ein dummer Spruch oder eine an den Kopf geworfene Papierkugel, aber nichts Dramatischeres.

Irgendwann fingen die Mitschüler an, Maximilian einfach nur noch die blöde Maxi zu nennen. Angefangen hatte Axel aus der Parallelklasse bei einem gemeinsamen Ausflug ins Theater. Das fanden dann zwei, drei Jungen lustig, sprangen mit auf den Zug auf und es wurde zum Selbstläufer. Und aus einem anfänglichen Ignorieren wurde Ärger wurde Wut und wurde Zorn. Und irgendwann passierte es, dass Max sich wehrte und dabei seine Kräfte unterschätzte und übertrieb und ein Junge mit zehn Stichen im Krankenhaus genäht werden musste. Zurück blieb eine Narbe und ein Moment, der alles veränderte. In dieser Geschichte sowieso, aber auch in Maximilians Leben.

2.)

Eine Woche nach dem Vorfall, der in der Schule auch nur so genannt wurde, saßen Ben und Maximilian auf einer Bank, auf ihrer Bank und sprachen wenig. Zu wenig, denn normalerweise hatten sie sich immer etwas zu sagen oder sie machten schlechte Sprüche oder rülpsten oder teilten sich die Kopfhörer des Walkmans, auf dem sie irgendwelche Punkkasetten hörten. Aber irgendwas war anders und wie sich der eine oder die andere vielleicht schon denken kann, war die Ursache der Ausraster. Ben fühlte sich nicht mehr wohl und hatte inzwischen Anschluss gefunden. Sie hatten sich auseinandergelebt, würde man in einer dieser Liebesschnulzen aus dem wahren Leben wohl sagen, allerdings rein freundschaftlich. Und dieser Nachmittag war so etwas wie das Ende ihrer Beziehung, die Aufhebung des unausgesprochenen Paktes zwischen ihnen und die Kündigung der Blutsbrüderschaft von damals im Wald, mit dem toten Kaninchen und dem Steingrab.

Eine gefühlte Ewigkeit später und nach etlichen Versuchen, den Nachmittag wieder in die gewohnten Bahnen zu lenken (Willst du mal in das neue Tape reinhören? Sollen wir mal wieder gemeinsam irgendwas Verrücktes unternehmen? Welches Mädchen aus der Parallelklasse würdest du gern mal küssen?) trennten sich ihre Wege und die sonst herzliche Verabschiedung wurde zu einem halbherzigen Versuch, die Wahrheit, die beide tief in ihrem Inneren schon ahnten, noch einmal wegzuschieben. Olli Schulz gelang viel später in einem seiner Lieder die perfekte Zusammenfassung dieses Momentes: Das war der Anfang vom Ende der Unschuld.

Maximilian ging an diesem Abend nicht seinen üblichen Heimweg nach Hause. Er lief durch die viel zu große Kleingartenanlage und am Rande des Waldes entlang. Die Leere und das schlechte Gefühl stiegen in ihm auf und auch wenn er die Wut und all die schlechten Gedanken herunterschlucken wollte, blieben sie in seinem Bauch wie schwere Steine liegen. Und er riss Grasbüschel und Sträucher aus dem Boden und schmiss sie mit voller Kraft auf die umliegenden Felder. Er schrie und wie schon so oft in seinem Leben kämpfte er, mit seinen Ängsten und mit seinen Wünschen und mit sich selbst und irgendwann schlug er seine Faust mit voller Wucht in einen Baumstamm und das Holz splitterte und Späne bohrten sich in seine Haut und seine Knochen knackten bedrohlich. Es schmerzte und seine Hand blutete und Tränen liefen seine Wange entlang. Doch zum ersten Mal hatte er das Gefühl, sein Leben und die Umstände nicht nur hinzunehmen, sondern dagegen anzukämpfen. Aus einem dummen Impuls heraus erwuchs die Entschlossenheit, sich zu wehren, auch wenn Maximilian noch nicht so genau wusste, wogegen eigentlich.

Zuhause kühlte er die inzwischen angeschwollene Hand mit einem Beutel Tiefkühlerbsen. Er lag in dieser Nacht noch lange wach und ließ seine Gedanken über seinem Bett kreisen und an die Decke gehen und wieder runterfallen und noch einmal gegen Bäume und Wände schlagen, bis er irgendwann einschlief.

3.)
Die folgenden Wochen versuchte er seine Fassung zu behalten und sein Gesicht zu wahren und seine Gefühle zu ordnen. An einigen Tagen klappte es, doch häufig war er mehr durch den Wind, als es ein Segelboot bei Sturm auf dem offenen Meer je sein könnte. Seine Mitschüler mieden ihn, wo es ging und wo es nicht ging, trafen ihn verachtende Blicke, die schmerzhafter waren als all die Schläge, die er später einmal einstecken würde. Ben ging auf Abstand, was ihm gerade am Anfang noch schwerfiel, aber immer leichtfertiger passierte.
Niemand bemühte sich, mit Maximilian zu sprechen oder irgendeine andere Form von Kontakt aufzunehmen und dem Jungen fehlte die Kraft und die Muße und die Lust und die Energie und ein Plan, etwas daran zu ändern. Hinnehmen ist besser als einstecken und aushalten ist leichter als austeilen.

Mit den Jahren änderte sich nicht viel. Zwar geriet der Vorfall irgendwann in Vergessenheit und es gab wichtigere Dinge im Leben als Mitschüler zu mobben oder auszulachen, doch Maximilian war weiterhin wie ein Fußballspieler, der immer auf der Auswechselbank saß, bereit für seine Einwechslung und das entscheidende Tor. Doch anders als bei den Kickers oder den tollen Fußballstars werden diese Spieler in solchen Geschichten wie dieser hier nicht eingewechselt. Ihnen fehlt das Training oder das Talent und sie werden irgendwie zwar im Team geduldet, aber doch nicht richtig ernst genommen.

Kurz vor der letzten Abiturprüfung sah Maximilian in einem Supermarkt den Aushang eines Sportstudios aus der benachbarten Stadt. Dort wurde für einen Boxkurs geworben und durchschlagende Erfolge für Körper und Seele versprochen. Und wieder war es ein undefinierbarer Impuls, ein Gefühl, eine spontane Entscheidung, die den Jungen zwei Tage später auf sein Rad steigen, 30 Minuten durch den Regen fahren und komplett durchnässt bei der Halle ankommen ließ.

Nach einigen kurzen Einführungen über die besondere Schönheit des Boxens, ließ der Trainer sie zuerst einmal mehrere Minuten lang durch die Halle rennen. Dabei sollten die Sportler ihre Arme drehen und ihre Beine verbiegen und den Kopf lockern und die Gedanken wegpacken. Daraufhin folgten Seilspringen, Kniebeugen und Liegestütze. Maximilian hatte sich eigentlich in seinen Gedanken ausgemalt, nach dem ersten Training mit erhobenen Händen, leicht lädiert aber siegreich aus irgendeinem Ring zu steigen, doch nichts davon passierte. Bis auf einen Sandsack wurde an diesem Tag niemand geschlagen. „Nicht die Fäuste sind wichtig beim Boxen, sondern eure Kondition und der unbedingte Wille, Stand zu halten“, sagte der Trainer am Ende.

Leicht niedergeschlagen und erschöpft radelte Maximilian nach Hause. Nur kurz dachte er, dass alles nicht so war, wie er es sich vorgestellt hatte, auch wenn er gar nicht so recht wusste, was er sich denn eigentlich vorgestellt hatte oder was er vom Training erwartet hatte. Dann ging er vor Erschöpfung wie von einer langen Gerade getroffen zu Boden und schlief so fest, wie schon lange nicht mehr.

4.)
Maximilian Schubert stand mit erhobenen Händen im Ring. Sein Gesicht war komplett verbeult und voller Prellungen und Blutergüsse und der Cut über seiner linken Augenbraue war gerade wieder aufgegangen und Blut lief in sein Auge und brannte und vernebelten ihm die Sicht. Seine Ohren dröhnten. Doch er hatte gewonnen und die 1500 Menschen in der Halle jubelten und johlten und klatschten. Für ihn. Für den ewigen Außenseiter, für die blöde Maxi, für den frisch gekrönten Meister im Mittelgewicht.

Auch wenn er nicht komplett scharf sehen konnte, erkannte er in den ersten Reihen einige ehemalige Klassenkameraden. Und dann entdeckte er Ben, der ihm versöhnlich zunickte. Auch Maximilian nickte, aber mehr aus Reflex, ohne groß darüber nachzudenken. Das Adrenalin und der Jubel und die Anstrengung des Kampfes fluteten seinen Kopf und spülten alle klaren Gedanken hinaus. Einfach atmen und stehen bleiben, auf den Beinen halten und den Moment genießen.

Der Weg nach oben und hin zum entscheidenden Kampf war lang und intensiv. Vier Jahre lagen zwischen dem ersten Besuch im Sportstudio und dem Triumph seines Lebens. Vier Jahre voller Entbehrungen und Training und Kraft und gebündelter Wut und Energie. Immer wieder trieb ihn sein Trainer an die Grenzen und oft auch darüber hinaus.
Jab. Schritt. Jab. Jab. Schritt. Zurück. Gerade. Gewicht verlagern. Jab. Schritt. Und von vorne. Maximilians Fäuste hageln auf den Punchingball ein. Dazwischen immer wieder Sparring. Blocken. Ausweichen. Einstecken. Aushalten. Dann wieder Punchingball. Springseil. Kurz Pause, Energieriegel. Und Kondition. Denn ohne Kondition kann man es gleich vergessen. Einmal um den Block, einmal durch die halbe Stadt und dann nach Hause, schlafen und essen. Und am nächsten Tag wieder zurück in die verschwitze Halle, in der die Luft steht wie an einem schwülen Sommertag. Sandsack, immer eine Kombination aus vier Aufwärtshaken, dann zehn Liegestütze. Drei Minuten Springseil und immer wieder Sparring. Schweiß abtropfen, viel Wasser trinken und von vorne. Eiserner Wille und unendliche Disziplin und immer wieder Training, ohne einen Tag zu verpassen, ohne zu hinterfragen, ohne Schwäche zu zeigen.

Und so wird der junge Mann immer mehr zu einem Boxer und das anfängliche Hobby zu so etwas wie einer Berufung. Es gibt nur noch essen, schlafen und trainieren. Muskeln formen sich und die Treffer werden platzierter und die Luft in der Lunge reicht länger und die Schläge werden härter und der Blick wird entschlossener. Maximilian hat ein Ziel vor Augen und als er endlich im Ring steht, weiß er, dass es keinen Lucky Punch braucht, um es allen und am meisten sich selbst zu zeigen.

Mit jeder neuen Runde wächst die Dominanz im Ring und die Seile werden immer wieder vom zurücktorkelnden Gegner erschüttert. Linke Gerade, recht Gerade, abblocken und in den Infight gehen. Nicht mit dem Gegner spielen, sondern konzentriert und mit einer Präzision wie ein Metronom das machen, was an so vielen Tag vorher einstudiert wurde. Die Ringglocke läutet. Kurz das Gesicht waschen, die blutende Stelle mit Vaseline bearbeiten und irgendwelche Ratschläge vom Trainer. Doch die Wände des Tunnels, in dem sich Maximilian befindet, sind so dick, dass kein Wort wirklich zu ihm durchdringt. Und als er den entscheidenden rechten Aufwärtshaken auf dem Kinn seines Kontrahenten landet, weiß er, dass sich die Arbeit, der Schweiß und all die Mühe gelohnt haben. Irgendwo in seinem Kopf geht eine Schranke auf und setzt eine Flut aus Glückshormonen frei und auf einmal steht er mit erhobenen Händen und verbeultem Gesicht im Ring.

5.)
Maximilian Schubert hielt sich mit beiden Händen an seinem Glas fest. Alles um ihn herum war noch immer vage und nicht richtig greifbar. Vor vier Stunden hatte er unter Jubel und mit einem Gürtel um die Taille den Ring verlassen. Sein Trainer und die anderen Sportler seines Gyms hatten in der Umkleide auf ihn gewartet und hörten gar nicht mehr zu schwärmen auf. Was für eine Beinarbeit, kein Fehler, voller Fokus und dieser eine Schlag, Wahnsinn, noch nie dagewesen, epochal. Max wollte einfach nur unter die Dusche und sich die letzten Stunden, Runden, Wochen und Monate von seinem geschundenen Körper waschen.

Danach versorgte der Vereinsarzt das Auge und die Schwellungen und gab ihm ein leichtes Schmerzmittel, auch wenn Maximilian sich dagegen sträubte. Schmerz macht lebendig, Schmerz macht frei. Und survival never goes out of Style, eine Textzeile der Band muff potter, hatte er sich vor einigen Wochen auf das rechte Schulterblatt tätowieren lassen. Und doch war er nach all der Anstrengung und dem Meer aus Gefühlen nicht in der Lage, den Doktor von der Richtigkeit und der Wichtigkeit dieser Aussage zu überzeugen. Genauso wenig konnte er die anderen Sportler davon überzeugen, die Siegesfeier auf einen anderen Tag oder am besten auf ein anderes Leben zu verschieben. Zu fünft gingen sie in eine Kneipe, fünf Pfeffi, fünf Bier, fünf Mexikaner, doppelt. Dann folgten zwei weitere Kneipen, verschiedenste Getränke und schließlich die Disko, in der sich Maximilian nun mit Mühe an sein Getränk klammerte.

Der Adrenalinrausch und der Alkoholrausch klatschten sich irgendwann ab und jedes Getränk verpasste Maximilian einen weiteren Leberhaken, was dazu führte, dass er sich schlechter fühlte als nach zwölf harten Runden im Ring. Er war am Rande des Knockouts und beschloss, lieber jetzt das Handtuch zu werfen, bevor es zu spät war. Mühsam erhob er sich von seinem Hocker und rutschte weg und verschüttete das halbvolle Glas Bier, an dem er sich eben noch festhielt.

Er torkelte durch den Club – hatte er sich die ganze Zeit schon so gedreht? Langsam und in Schlangenlinien fand er den Weg zu den Toiletten. Nur noch einmal kurz Wasser ins Gesicht und dann verschwinden, ein Taxi nehmen und niemanden tschüss sagen damit er nicht wieder in die Verlegenheit kam, ein weiteres Mal nicht nein sagen zu können, wenn ihm jemand wieder nur noch einen letzten Drink in die Hand drückte.

Er stolperte in den gekachelten Waschbereich, der sich vor den Kabinen und Pissoirs befand. An einem der Becken stand ein bulliger Typ, der ihm irgendwie bekannt vorkam, jedoch konnte und wollte und durfte er sich in seinem aktuellen Zustand nicht auf seine Wahrnehmung verlassen. Der Mann musterte ihn abschätzig und lachte höhnisch: „Ach schau mal einer an, wenn das mal nicht die blöde Maxi ist. Hast du dich verlaufen? Das Frauenklo ist nebenan.“ Und dann passierte wieder etwas, dass Maximilian nicht kontrollieren konnte, einer dieser Impulse. Und irgendwo in ihm ging die letzte noch flackernde Lampe aus und ein Geduldsfaden, den er eigentlich ganz hinten in irgendeinen verschwitzten Spind gehängt hatte, riss.

Der frisch gekrönte Boxchampion ging einen Schritt auf seinen früheren Mitschüler Axel zu, holte aus und traf den komplett überraschten Mann mit einem heftigen Schwinger im Gesicht. Es gab ein knackendes Geräusch, dass sich mühelose durch den Alkoholschleier bewegte und sich in Maximilians Schädel festsetze und dort bis zu seinem Tod viele Jahre später blieb. Axel fiel wie ein Sandsack, der sich aus seiner Halterung gelöst hatte und krachte mit voller Wucht auf das Waschbecken, sein Basecap flog durch den Raum. Ab dann wurde alles noch verschwommener in Maximilians Wahrnehmung. Er glaubte zu erkennen, dass sich eine rote Pfütze auf dem Kachelboden ausbreite und langsam die Fugen entlang kroch. Mit einer Hand stütze er sich an der Wand ab, seine Beine gaben nach und er musste sich übergeben. Alles ging so schnell und wie in Zeitlupe und dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Irgendwo zählte ihn ein Ringrichter langsam an. Eins, zwei, drei. „Wo bin ich? Was ist passiert? Ich kann mich nicht bewegen.“ Vier, fünf, sechs. „Komm schon Max, kämpfen. Aufraffen, aufstehen. Du kannst noch gewinnen!“ Sieben, acht. „Nicht die Fäuste sind wichtig, sondern die Kondition und der unbedingte Wille, Stand zu halten.“ Neun. Zehn. Aus. Technischer KO.

Einige Monate später verurteilte ein Richter Maximilian Schubert zu fünf Jahren und sieben Monaten Gefängnis für Körperverletzung mit Todesfolge. Der Angeklagte gab an, sich nur vage an die Nacht, in der es passierte, erinnern zu können. Der Haftantritt war unspektakulär und auch in der gesamten Haftzeit nahmen seine Mitinsassen den unauffälligen jungen Mann kaum wahr. Er kämpfte noch viele weitere Male in seinem Leben, aber geboxt hatte er nach dem Abend seines großen Triumphes nie wieder.

Alles und Nichts

Doch mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war. Farin Urlaub Racing Team – Niemals

Im Moment habe ich wieder eine ziemlich kreative Phase. So kam es dann auch, dass ich gerade auf dem Heimweg von einer beeindruckenden Erzählbühne eine Idee hatte, die dann rasant angewachsen ist und unbedingt noch auf das digitale Papier gebracht werden wollte. So ist innerhalb einer Stunde der dritte Beitrag zu meiner Berlin-Anthologie entstanden. Dabei habe ich beschlossen, dass ich es so machen will, wie bei der Three Flavours Cornetto Trilogy (rund um Shaun of the Dead), nur eben mit Mate. Ich muss mir nur noch einen griffigen Namen überlegen, bin da auf jeden Fall auch für Vorschläge offen. Jetzt aber erstmal zum Text.

Alles und Nichts

„Hier, wo jetzt all die Menschen warten und Züge fahren und Häuser stehen und Autos halten, hier, wo jetzt alles ist, war irgendwann einmal nichts. Und irgendwann, vielleicht in vielen tausend Jahren oder aber schon sehr bald, wird hier bestimmt auch wieder einmal nichts sein. Stell dir das mal vor.“

Wenige Momente zuvor am Berliner Hauptbahnhof. Ich stehe mit meinen Händen in den Taschen und den Kopfhörern auf den Ohren und der Kapuze tief im Gesicht auf dem Bahnsteig und warte darauf, dass dein Zug endlich einfährt. Er hat Verspätung. Ich tippe auf meinem Smartphone herum, nächster Song bei Spotify, passt gerade nicht. Spiegel Online. Facebook. Dann eine Ansage, die ich nicht verstehe, weil irgendein Deutschpunksong in meine Ohren schreit. Ich streife die Kapuze nach hinten, setze die Kopfhörer ab, stecke sie in die Tasche und in dem Moment bremst die Bahn ab und wirft all die wuseligen Touristen und Geschäftsmenschen und Familien und irgendwann auch dich auf die frisch gewischten Steinfliesen. Und du begrüßt mich nicht und du umarmst mich nicht, sondern sagst direkt diese Sätze über alles und nichts.

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll und mühe mir ein Lächeln ab und vielleicht macht mein Gesicht von alleine noch irgendwelche komischen Verrenkungen und ich schaue dich einfach nur an und fände es glaube ich ganz gut, wenn jetzt nicht die ganze Hektik und die Züge und die Menschen um uns herum wären, sondern wenn wir hier alleine stünden. Und wir würden nichts sagen, sondern uns nur anschauen und uns unsere Teile denken. Und du wischt unter deiner Brille in dein Auge und verschmierst die Farbe ein wenig und dann setzen wir uns in Bewegung, wie die langsam wieder anfahrende Bahn. Raus aus dem Mikrokosmos Hauptbahnhof und rein in die Stadt, Richtung Stadtmitte, Richtung Prenzlauer Berg.

Wir kommen am Naturkundemuseum vorbei und du erzählst von den letzten Wochen und was du gemacht hast und was du erlebt hast und was du geträumt hast und ich träume auch so vor mich hin und versuche nicht von dir zu tagträumen und ich stelle mir vor, wie das wohl war, als die Skelette und Präparate aus dem Museum noch Berlin bevölkerten. Und dann male ich mir aus, wie ein Tyrannosaurus Rex über den Rosenthaler Platz zieht und nach Beute sucht und wie das wohl war, als auf dem Alexanderplatz noch nicht der Fernsehturm der beste Aussichtspunkt war, sondern der Hals eines Brachiosaurus. Ich würde jetzt gerne deinen Hals sehen, den du aber leider viel zu fest in einen Schal gewickelt hast.

Unsere Schritte führen uns an den Resten der Mauer entlang und du erzählst etwas von Mauern in Köpfen, die man endlich mal einreißen müsste. Währenddessen frage ich mich, wie das wohl war, als die Stahlstäbe wirklich noch eine Mauer waren und wie es davor war, als die Mauer noch Steine waren, die in Gebirgen oder Ozeanen oder dazwischen lagen. Und ich male mir aus, wie wir diese Steine nehmen und irgendwo ein Haus daraus bauen, ein Zuhause, und dann haben wir auch eine Mauer oder einen Zaun drumherum aus Holz, das ich selbst im Wald geschlagen habe.

Du willst dir noch etwas zu trinken kaufen im Späti. Und wir betreten das kleine Büdchen und irgendwo geht eine Mateflasche zu Bruch und das klebrige Getränk trägt die großen und kleinen Glassplitter unter Regale und in die hintersten Ecken des Ladens. Und irgendwann wird aus dem Glas vielleicht wieder Sand, aus dem dann Kinder Sandburgen bauen und du regst dich über den Tollpatsch auf und in meinen Gedanken macht ein Tollpatsch die Sandburg kaputt, die ich für dich und mich und niemanden sonst errichtet habe.

Es ist mal wieder Herbst stellst du fest. Die Blätter überall und es wird ja auch wieder früh dunkel und kalt und du rückst dir deine Mütze zurecht und ich finde das irgendwie faszinierend. Ich muss kurz dein Bier halten, damit du dir eine Zigarette anzünden kannst und ich will mich viel lieber an dir festhalten und mich an dich klammern wie dieses eine, letzte Blatt, das den Baum nicht loslassen will, das den Kopf oben behält und das nicht nachgibt.

Wir gehen vielsagend rauchend und nichts sagend stumm durch die Kastanienallee und ich muss daran denken, wie wir früher als Kind immer Kastanien gesammelt haben, säckeweise. Und die haben wir dann zum Förster gebracht und ein bisschen Geld dafür bekommen und damit haben wir Geschwister und das dann Spielzeug gekauft. Doch dieses Spielzeug gibt es nicht mehr und auch die Tiere, die die Kastanien dann im Winter gegessen haben, sind auch alle schon tot und ich weiß nicht mal, ob die Bäume noch stehen. Aber ich weiß, dass ich jetzt gerne mit dir durch diese Straße tanzen will und dabei würden uns die Menschen zujubeln oder es wären gar keine Menschen da, weil noch niemand geboren wurde und nur wir zwei hier wären und sonst nichts. Du schaust kurz zu mir rüber und ich nicke und lasse mir nichts anmerken und du merkst mir nichts an und irgendwann kommen wir an deiner Haustür an.

Du bedankst dich dafür, dass ich dich abgeholt und durch die Nacht gebracht habe und wir umarmen uns kurz und du fragst mich, was eigentlich mit mir los ist, ich sei so still und nachdenklich. Und ich sage: „Stell dir bitte mal folgendes vor. Hier, wo ich jetzt stehe, war mal nichts. Kein Fußweg, keine parkenden Autos und erst recht nicht ich. Aber da, wo du stehst, ist jetzt alles für mich. Und egal was war oder ist oder kommt, ich will es gemeinsam mit dir erleben und das am liebsten noch die nächsten tausend Jahre lang.“

Und diesmal sagst du nichts und schaust mich stattdessen mit diesem viel zu langen Blick an, der nichts sagt. Und irgendwie doch alles.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Cut my life into pieces, I‘ve reached my last resort. Papa Roach – Last Resort

Ich habe mal wieder einen alten Text von mir gefunden, den ich vor etwa fünf Jahren geschrieben haben muss. Man erkennt daran, dass ich schon immer ein Herz für schlechte Wortspiele hatte. Viel Spaß bei der Lektüre.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Wirtschaftsflauten, Bankenpleiten und die Eurokrise gehen auch an bekannten Märchencharakteren nicht spurlos vorüber. Es sind diese persönlichen Schicksale, die jedoch in den Medien oft unter den Teppich gekehrt werden. So auch beim tapferen Schneiderlein. Was wurde aus der Moral, die laut Wikipedia besagt, dass auch der Schwache, wenn er nur selbstbewusst und einfallsreich ist, Großes erreichen kann? Hier die wahre Story des ersten echten Modedesigners der heutigen Zeit.

Kleider machen Leute und er war es einst, der die Kleider der Leute machte. Keiner wollte sich seine Dienste entnähen lassen. Er machte die Berufung zum Beruf und die Selbstständigkeit zu seinem Geschäftsmodell: Das tapfere Schneiderlein – vom Staat gefördert – wurde zu einer Marke und er selbst zur ersten deutschen Ich-ANäh.

Es war Jacke wie Hose was er tat, egal welche Stoffe er sich vorknöpfte, alles, was bei ihm über die Klinge sprang, war im Handumdrehen edel wie Edelmetall und weich wie Weichkäse und bequem wie sehr bequeme Kleidung. Alles lief wie ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien: ziemlich gut.

Doch wer hoch stickt, lässt irgendwann mal eine Masche fallen und wenn der Erfolg nur mit der heißen Nadel genäht ist, kann man sich schnell daran verbrennen. Und so war es auch beim tapferen Schneiderlein, den die Mutter schon in der Kindheit gewarnt hatte: „Junge, schneid nicht immer so laut herum!“

Im Laufe der Jahre bildete er sich nicht nur oft weiter und viel ein, sondern auch viele Lehrlinge, seine Schneiderleinleins, aus. Diese wurden nach ihrer Ausbildung so gut, dass sie ihrem Meister nicht nur den sprichwörtlichen Schneid abkauften, sondern auch Geräte, um ihre eigenen Geschäfte zu eröffnen. Dabei konzentrierte sich jeder auf einen ganz eigenen Kundenkreis. Innerhalb kürzester Zeit hieß das Viertel, in dem sie arbeiteten, überall nur noch Little Schnaidatown. Dort gab es Geschäfte wie:

o AB-Schnitt: Ein Laden, in dem sich Kunden schnell und einfach Sachen kürzen lassen konnten
o Ein-Schnitt: Für alle Kleiderveränderungen nach großen Ereignissen im Leben.
o Durch-Schnitt: Für Kleidertrennung nach der Ehe.
o Schnitt-er: Wenn die Scheidung nicht genug ist – spezialisiert auf den Bestattungsbereich.
o Schnipp und Schnappi: Für Kleidungsstücke aus Krokodil und anderen seltenen Materialien.
o Schnitt-zel: Für Arbeitskleidung aus dem Gastronomiebereich.
o Schneidepflicht: Für den Mann von Welt im Zeugenschutzprogramm.

Diese Vielzahl an Möglichkeiten führte dazu, dass das tapfere Schneiderlein in seiner Nähstube kaum noch Kunden zu Gesicht bekam. Die Selbstständigkeit war nur ein kleiner Schnitt für die Menschheit, aber ein großer Schnitt für die Schneiderleinleins und ihren Lehrmeister. Die Jugend bestimmte schon bald den Trend und das Schneiderlein wurde zur Old Couture.

Ausgebrannt und ausgemustert streifte er durch die Stadt wie ein Lumpenhändler ohne Lumpen, das letzte Hemd hatte er einem gehemdicapten Bettler mit freiem Oberkörper geschenkt. Er war ein nackter Mann, der nicht mal mehr Taschen hatte, an denen man sich vergreifen konnte. Alles war verloren, der rote Faden und die Nadel und die Nähmaschinen. Nur sein Gürtel ist ihm geblieben. Während es Bindfäden regnete, schaute er ihn sich noch einmal an: Sieben auf einen Streich stand dort geschrieben.

Dieser Satz hatte ihn erst so weit gebracht, als er ihn zum ersten Mal anlegte und enger schnallte, war es, als hätte ihn noch mal so richtig jemand mit der Fusselrolle abgerollert und auf Hochglanz gebracht. Sieben auf einen Streich – dieser Satz müsste ihn doch auch diesmal wieder retten, vor Hartz 4 oder vor einer unvermeidbaren Schaftat als Halsabschneider und der daraus resultierenden Flucht nach Burkina Faser.

Er hängte seine Arbeitsstiefel an den Nagel und war das erste Mal in seinem Leben so richtig aus dem Schneider. Sieben auf einen Streich, kein Wunder, dass er es da zuerst einmal als Maler versuchte. Dabei trug er die Farbe jedoch viel zu dünn auf (sonst wären es niemals sieben Häuser auf einen Streich geworden.)

Nach seiner Entlassung versuchte er es in einem Restaurant. Sein Chef war begeistert – wer sonst konnte schon als Pizzaschneider sieben Teigfladen mit einem mal zerkleinern? Doch das Talent hatte wieder einen Nachtteil: Die Küche sah danach aus wie Sau, oft waren die Pizzastücke wie ein Flickenteppich im Raum verteilt und so verkaufte sich das Essen natürlich nicht mehr wirklich wie geschnitten Brot.

Das wird doch so alles nichts und so entschied er, den Gürtel zu verändern und an neue berufliche Herausforderungen anzupassen. Sieben und dann bin ich reich zierte seine Taille, als er sich als Goldschürfer in Texas versuchte. Mit Sieben auf einem Strich probierte er im Hamburger Rotlichtmilieu Fuß zu fassen, jedoch ohne Erfolg – die Branche bot ihm einfach zu wenig Stoff.

Zum Schluss kümmerte er sich wie schon in seinem Ausbildungsberuf tapfer um Trennungen. Siegen in jedem Streit – die fadenscheinige Anlaufstelle für außergerichtliche Auseinandersetzungen im ehelichen Umfeld. Mit Ratschlägen wie: Drum prüfe, mit wem du ewig Soße bindest und seiner samtweichen Stimme konnte er einige Beziehungen wieder zusammenflicken. Nur er selbst wurde irgendwie nicht glücklich.

Eines Abends passierte es dann. Leicht angetrunken zog er sich seinen Gürtel über die Augen und schaute sich im Spiegel an und sah nichts, weil er den Gürtel über den Augen hatte. Doch in dem Moment wusste er, was er zu tun hatte: Er schnappte sich Nadel und Faden und Messer und Schere und ein Cape, stickte und flickte und nähte und häkelte und am Ende lächelte er.

Seitdem ist es sicher in der Stadt. Immer, wenn irgendwo jemand im Schutze der Nacht eine Bank überfallen oder seinen Hundekot nicht wegmachen will, ist er zur Stelle: Der Räuber bekommt einen Scherentritt verpasst und der Hund wird zugenäht. Verflixt, Verbrechen lohnt sich nicht mehr. Denn jetzt sorgt jemand für Recht und Ordnung – noch genau so tapfer wie früher, aber kein Schneiderlein mehr. Heute kennt man ihn nur noch als Schneiderman.

Und die Moral von der Geschichte: Reden ist Silber, Schneiden ist Gold.

Im Paradies der Aussortierten

Ich will nicht ins Paradies wenn der Weg dorthin so schwierig ist. Die Toten Hosen – Paradies

Heute gibt es einen kleinen Text, der vielleicht sogar der Anfang einer Reihe sein könnte (wenn er nicht aus der Reihe tanzt.) Aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall geht es um die kleinen Dinge, die in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten. #deep

Im Paradies der Aussortierten

„In 400 Metern links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Sie haben die Ausfahrt verpasst. Bitte bei der nächsten Gelegenheit wenden.“ Tom führte wieder einmal Selbstgespräche. Sein Leben war die letzten drei Jahre komplett ereignislos verlaufen. Nichts passierte, gar nichts. Wie jeden Tag und jede Nacht lag er nur rum und wartete. Seit fast jeder Mensch ein Smartphone besitzt und jedes dieser Geräte über eine Kartenapp verfügt, wird er nicht mehr gebraucht, denn Tom ist ein Navigationsgerät und auch sein Fahrer nutzt nun schon seit Ewigkeiten nur noch sein Handy.

Als der Fahrer zum ersten Mal mit dem Smartphone navigierte, dachte Tom noch, es sei eine Ausnahme gewesen, diese moderne Technik wird sich eh nicht durchsetzen. Damals, am ersten Tag, fühlte sich Tom schlapp und leer, als wäre sein Akku nicht geladen. Warum also nicht der jungen Generation den Vortritt lassen und auch mal ruhig bleiben und nur mitfahren. Doch schnell wurde klar, dass der Fortschritt ihn nicht nur ein-, sondern mit voller Geschwindigkeit links überholt hatte. Tom war zwar erfahren was Straßenführung und Blitzerwarnungen anging, allerdings konnte er sich nicht in Echtzeit auf die aktuelle Verkehrslage einstellen. Er wusste auch nicht, wie es diese kleinen Computer schafften, immer die neusten Staus zu kennen und sofort eine Ausweichroute parat zu haben.

Anfangs konnte Tom wenigstens noch die Aussicht genießen, während er stumm in seinem Logenplatz hinter der Windschutzscheibe saß. Doch irgendwann wurde die Halterung abgebaut und unter dem Fahrersitz zwischen Staub und Laub und leeren Getränkedosen verfrachtet. Dieser Ort war nun auch seit Ewigkeiten Toms Zuhause.
„Hier geht es nicht weiter, bitte ändern Sie die Richtung“, überlegte er. Und nach vielen weiteren Kurven und Abzweigungen und Sackgassen und Einbahnstraßen in seinem Kopf, fasste er den Entschluss, dass sein Leben so keinen Sinn mehr ergab. Und so entschied er sich, auszubrechen.

Als seine Mitfahrgelegenheit mal wieder an einer Tankstelle hielt und die Tür wie immer offenließ, fasste er sich ein Herz, welches irgendwo auf seiner Hauptplatine lag, und sprang aus dem Auto auf den harten Boden. Dabei verletzte er sich leicht am Gehäuse und auch sein Display splitterte an einer Ecke ein wenig. Doch er konnte noch gehen und rannte in einen Wald neben der Straße und versteckte sich im Gras. Sein Arbeitsspeicher arbeitete vor Aufregung wie wild, doch niemand hatte ihn gesehen und als er sicher war, dass die Luft rein war, atmete er kräftig durch und schaute etwas enttäuscht in den wolkenverhangenen Himmel.

Zwei Tage lang lief er in Straßengräben umher und verirrte sich mehrfach, weil seine Kartendaten schon lange Zeit nicht mehr aktualisiert wurden. Irgendwann traf ihn die Erkenntnis wie Rollsplitt, der von der Schnellstraße aufgewirbelt wurde: „Ich bin zwar frei, aber ich bin noch immer nutzlos. Ich habe kein Ziel vor Augen und niemand braucht mich, weder mein Fahrer noch irgendwer sonst auf diesem Planeten. Und nicht alle Wege führen nach Rom.“

Und während er in einen immer pessimistischeren Monolog verfiel, befand er sich auf einmal auf einer hohen Brücke, die nicht auf seiner Karte eingezeichnet war. Sie musste in den letzten Jahren neu gebaut worden sein und mit ihr wurde die gesamte Straßenführung in der Region verändert. Tom hatte sich zu allem Überfluss auch noch verlaufen und hatte keine Ahnung, wie er wieder zurück auf eine ihm bekannte Route gelangen sollte.

„So geht es nicht weiter, hier ist Endstation. Ein Navigationssystem, das sich nicht mal orientieren kann. Lächerlich“ Er näherte sich dem Rand der Brücke und machte sich bereit für einen Sprung in die Hoffnung, nach seinem Tod irgendwo in der Cloud zu sein. Doch bevor er sich für immer formatieren konnte, erschien eine alte, dicke Fee neben ihm.
„Hallo kleines Navi. Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Auch ich fühlte mich mal komplett allein gelassen. Märchen sind nicht mehr im Trend, es gibt jetzt Serien und Filme und Geschichten. Klar, es gibt immer noch Prinzen und Prinzessinnen, aber der Arbeitsmarkt für Fantasybuchcharaktere ist sehr schlecht. Kinder lesen einfach nicht mehr so viel. Auch wir werden irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Aber ich sag dir was: Lass mich dir helfen. Ich kann dich an einen Ort bringen, an dem du glücklich wirst. Was meinst du?“

Tom war zwar skeptisch, doch was hatte er zu verlieren? Er akzeptierte das Angebot der Fee und sie wirbelte herum, versprühte Feenstaub (viel davon war nur Showeffekt, aber sie liebte ihren Job einfach zu sehr) und auf einmal waren die beiden in einem sehr großen Raum. „Herzlich Willkommen im Paradies der Aussortierten.“ Tom war sprachlos. Um ihn herum tobte das Leben. Unzählige Gegenstände und Dinge liefen umher, spielten miteinander, sprachen und waren glücklich.

„Komm mit, ich zeig dir was“, sprach die Fee und führte Tom zu einer großen Rennstrecke. „Das hier ist eine Carrerabahn, hast du so etwas schon einmal gesehen?“ „Gesehen nicht, aber ich habe davon gehört. Spielen damit nicht Kinder und fahren mit Autos um die Wette“, erkundigte sich Tom. „Ganz genau. Wir haben hier einige Bahnen, die auf Dachböden vermoderten und nicht mehr gebraucht wurden, weil die Kinder viel lieber vor einer Spielekonsole saßen als mit den alten Fahrzeugen ihre Runden zu drehen. Das hier ist Michael, er ist unser bester Wagen.“ Ein roter Sportflitzer kam auf der großen Bahn, die einmal durch das ganze Zimmer führte, angerast und blieb neben der Fee und dem Navigationsgerät stehen. Auf seinem Dach war eine spezielle Halterung, die Tom an seinen früheren Platz hinter der Windschutzscheibe erinnerte.

„Hi, ich bin Michael, freut mich dich kennenzulernen. Du kommst genau richtig, ich verfahre mich leider manchmal und könnte etwas Navigation gebrauchen. Hast du Bock?“ Und natürlich musste er nicht zweimal fragen. Tom setzte sich in die Dachhalterung, schaute sich einmal genau um und strahlte. „Hier bin ich Zuhause. Es ist wirklich ein Paradies. Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Und dann brauste das Auto los. „In 300 Metern scharf links. Jetzt rechts halten. An der nächsten Kreuzung geradeaus fahren.“ Und so wurden Michael und Tom Freunde und Partner und fuhren gemeinsam ihre Runden und eine alte Canon-Minidigitalkamera hielt ihre siegreichen Zieleinfahrten für die Ewigkeit (oder bis die SD-Karte voll war) fest.

Und während die beiden so fahren, vergrößert sich das Bild. Die Kamera zoomt raus. An der Wand steht ein Regal mit der Brockhaus-Enzyklopädie in 30 Bänden. Um die große Carrerabahn herum schlurfen vier Nordic-Walking-Stöcke über die überall verteilten Spielteppiche. Irgendwo im Hintergrund röchelt eine alte Filterkaffeemaschine vor sich hin. Das Bild wird unschärfer, man erkennt Umrisse eines Wackel-Dackels, der mit seiner Schnauze Jojo-Tricks vollführt.

Und irgendwann ist die Kamera so weit rausgefahren, dass wir uns schon gar nicht mehr im Raum befinden. Wir sind jetzt vor einem großen Gebäude. In der letzten Einstellung erkennen wir, dass es sich um eine mit Brettern vernagelte und verfallene alte Videothek handelt. Über der Eingangstür steht mit Leuchtbuchstaben, die schon lange nicht mehr funktionieren, der Name: Das Paradies.

Ein kurzer Ausflug in den Untergrund

Hier im Bus ist immer Sommer und du in deiner Winterkluft, die Scheiben neben dir beschlagen, ein Knopf schreit Lieder in dein Ohr. Captain Planet – Fenster im Fenster

Ungelenk quietschend schiebt sich die gelbe Raupe den Bahnsteig entlang, wird langsamer und kommt im hinteren Kurzzugbereich zum Stillstand. Gesundbrunnen, Ausstieg in Fahrtrichtung links. Und ich betrete den Wagen und ein Platz ist noch frei und ich eile herbei und lasse mich fallen und schaue mich um.

Da sind die üblichen Verdächtigen, die latent Übernächtigten, die großgewachsenen und noch nicht ausgewachsenen, stets flacksenden und frechdacksenen Kids, mit ihren ungewaschenen Brustbeutelgürteltaschen. In der Hand halten sie die Mateflaschen und ihre Backshopsachen und sie spucken vor Lachen auf den Boden. Ihre Masche hat Klasse und ihre Klasse hat Ausgang und der eine Ausgang ist defekt und dort klebt ein Aufkleber und der Typ auf Kleber kapiert es nicht und probiert den Knopf und es passiert nicht und er passiert den Moritzplatz und zuckt mit den Schultern und nimmt wieder Platz.

Da ist Mister Kreuzberg 93 und der alte „früher kosteten die Kippen noch Zweimarkneunzig“ Typ, sein Blick ist trüb und mit seinem Glauben ist er auf dem Holzweg, wie ein Vegetarier auf einem Bootssteak. Da sind Belegarbeiten schreibende, sich die Augen rot reibende, mit starrem Blick auf Laptopscheiben starrende Intellektuelle und auch sie sind nicht immer ganz helle, wenn das Licht ausgeht. Da steht die Mutter mit Sohn und Smartphone und mit dem Rücken zur Wand steht da einer und liest Faserland von Christian Kracht und er lacht an den falschen Stellen und am Kottbusser Tor macht er sich auf zum Ausgang und steigt aus und nimmt den Aufgang zur U1.

Ich sitze nur da und höre Musik und kriege nicht viel mit, von meiner Umwelt und ihrer ganz generellen Verschmutzung um mich rum. Ich bleibe die meiste Zeit stumm, auch wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen oder mal kurz um die Wette laufen will und ich bleibe auch still, wenn sich jemand eine Kippe von mir schlauchen will, weil man in der U-Bahn eh nicht rauchen darf und ich nicht mehr rauche, weil mir die kleinen bunten Bilder auf den Zigarettenschachteln die Augen geöffnet haben, wie dieser eine Heilige von Wonder Waffel den Hungrigen wieder satt gemacht hat. Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen oder nie, stellt der verbitterte Bittsteller fest, der seine Hand aufhält und meinem Blick Stand hält und auffällt, weil ihm ein Bein fehlt und sein Gebiss nur noch bis drei zählt und so gebe ich ihm mein restliches Kleingeld, auf dass er es für sich behält und seinen restlichen Tag auf den Kopf stellt und ich mir was auf mein Karma einbilden kann.

So läuft das immer in der Bahn. Jeden Morgen und jeden Abend pendelt das Uhrwerk die Menschen herbei und schiebt sie auf Gleise. Und jede Reise ist scheiße, denn sie ist nicht pauschal, sondern irrational und mehr Nahverkehr als Fernwärme, die auch schon wieder ausgefallen ist. So ein Mist, denkt sich der eine und ich hab leider nicht mal vier Wände sondern nur die Osloer Straße, hier ist das Ende der Bahn. Doch im Leben gibt es immer eine Wende und so geht es zurück zum Rathaus Steglitz, nicht gerade das Paradies aber auch nicht ganz so fies wie – ich weiß nicht, ich muss jetzt jemanden beleidigen und der wird sich dann verteidigen und beschreiben und schreien, dass hier und da ein ganz toller Ort ist und wenn man erstmal ne Weile fort ist, würde man es auch vermissen und wissen, was man daran hat oder hatte und dann steht man wieder auf der Fußmatte an Weihnachten mit dem lustigen Spruch wie Tritt mich! und fragt sich: Ist das wirklich witzig?

Und nein, ist es nicht und auch nicht der Gedanke daran, auf immer hier gefangen zu sein. Wie die Fliege vor der Spinne im Nahrverkehrsnetz, wie auf der Anklageviererbank ohne Richtergeschwätz, wie ein Tramedar im Zoo oder wie ein Gefangener irgendwo in Moabit im Knast. Rastlos rattern die Räder auf den Gleisen bis irgendwo ein Notarzteinsatz die Weiterfahrt aussetzt und man sich aufsetzt und abschätzt, ob man wirklich sitzen bleiben sollte oder doch auf den Ersatzverkehr ausweicht und die Wartezeit ausgleicht, oder ob es für heute einfach mal ausreicht mit der Fortbewegung und man auch einfach mal ankommt.

Ich öffne die Augen. Verdammt, mal wieder eingenickt im sonoren Gleichklang der Motoren. Mal wieder zu lange im Warmen gewartet und den Ausstieg verpatzt. Schon am Walter-Schreiber-Platz. Ich verlasse trotzdem das fahrende Biotop im Untergrund und steige die Stufen hinauf zur Stadt. Berlin steht noch. Beruhigend und auch mal ganz schön.

Für heute habe ich den Ausstieg geschafft, doch morgen bin ich wieder drauf und drin und einer dieser üblichen Verdächtigen, einer dieser latent Übernächtigten. Nur werde ich mal was Verrücktes machen und wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen möchte, werde ich es vielleicht einfach mal tun.

Der dicke Typ mit der Musik

Und ich renne, durch die Nacht. Unerkannt. In der Hoffnung, zwei der Teile, sind ein Ganzes dann. Fjørt – Magnifique

Dereinst fragte mich ein Kollege, was mein Geheimnis sei. Wie ich es schaffe, immer so gut drauf zu sein und glücklich und freundlich und all das alles. Dummerweise fragte er mich das an einem dieser Tage, an dem ich ungemein mit mir zu kämpfen hatte und am liebsten einmal mein ganzes Ich und die negativen Gedanken und meine schlechte Stimmung resettet hätte.

Ich antwortete also ohne groß darüber nachzudenken: Pretending. Ein Wort, für das mir gerade keine passende Übersetzung ins Deutsche einfällt. Ich wollte damit sagen, dass ich dieses Glück oft nur vormache oder so wirke, als wollte ich die ganze Welt umarmen. Er grinste und glaubte mir nicht, das könne nicht sein und überhaupt, gerade wenn ich mit meinen Kopfhörern durch die Stadt laufe, das müsse doch der Schlüssel sein. Mir fiel keine bessere Antwort ein und so grinste auch ich und ging dann zwei Stunden durch den Regen nach Hause. Mit meinen Kopfhörern und mit der Musik auf meinen Ohren und mit dem Kopf voller Gedanken und mit den Beinen, die einfach nur laufen wollten, ohne jemals irgendwo anzukommen. Und ohne eine Antwort auf die Frage, wie ich das mache, mit diesem ganzen Glück und so.

Keine Ahnung wann es angefangen hat. Ich würde vermuten mit 13 oder 14 Jahren, in einer Zeit, in der ich die Musik so richtig für mich entdeckte. Ich hatte zwar auch einen Walkman und Kassetten, aber so richtig los ging alles mit einem ersten tragbaren CD-Player, der auch MP3-CDs abspielen konnte und echt lange Antishock hatte. Ich, ähm, kaufte mir all die CDs von meinen Lieblingsbands und von den Bands, die nie meine Lieblingsbands werden würden, mich aber doch ein Stück meines Lebens begleiteten und machte mir eine Mappe mit MP3-CDs. Und diese hörte ich dann, wieder und wieder und wieder. Mit meinen großen Kopfhörern, die ich schon immer besser fand als diese komischen kleinen Stöpsel. Und ich merkte, wie sehr ich mich in die Musik fallen lassen konnte und irgendwann sang ich das erste Mal laut mit und nickte extrovertiert (das Wort kannte ich damals noch nicht, klingt heute aber richtig) und spielte Luftgitarre und sprang und schrie und vergaß die Welt um mich herum.

Zu der Zeit lebte ich in einer kleinen Stadt mit 6000 Einwohnern irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Und ich weiß noch, wie mir die Chefin des Museums, in dem ich als Schüler arbeitete, erzählt hat, wie einmal eine Einwohnerin zu ihr kam und fragte, ob sie den komischen und dicken Verrückten kennen würde, der immer so laut schreiend durch die Straßen rennt. Und auch ein guter alter Freund erzählte mir, dass seine Eltern mich einmal für einen Betrunkenen gehalten hätten, der brüllend durch den Ort torkelt. Man sprach von mir und ich weiß nicht, ob ich es damals so witzig wie heute finde, aber es war mir da schon relativ egal.

Heute lebe ich in Berlin und laufe immer noch laut schreiend, springend und wild gestikulierend durch die Gegend, nur der Unterschied ist, dass sich meistens nicht mal mehr jemand umdreht, wenn ich an ihm oder ihr vorbeirocke. In Berlin ist das irgendwie normal oder zumindest mal egal. Und für mich ist es wie schon damals und vielleicht heute noch viel mehr ein Ventil. Das ist mir gerade heute Nacht wieder aufgefallen, als ich mal wieder meine momentane Lieblingsband Fjørt aus Aachen auf den Ohren hatte.

Bitte sei für mich, was ich bin für dich. Doch damit kann ich, nur verlieren, wir sind nur gleich, auf dem Papier. Bitte sei für mich, was ich bin für dich. Mit diesem Satz, geb ich auf, doch ihn kapieren, wirst du nicht. Fjørt – Lichterloh

Fjørt im Januar 2018 im Lido in Berlin - weil ich so ein schlechter Fotograf bin, habe ich einfach mehr Filter über das Bild gelegt

Wie ich mich momentan oft fühle (wiederkehrende und unvollständige Aufzählung): traurig, allein, wütend, unruhig, rastlos, ruhelos, einsam, enttäuscht (von mir und anderen Menschen), genervt (vor allem von mir), schwach, hilflos, dumm, ungerecht. Okay, ich gebe zu, das ist jetzt vor allem die negative Seite der matten Medaille der Missmutigkeit (ja, ich weiß, dass es eigentlich Missmut heißt). Und ja, ich bin auch oft glücklich, entspannt, zufrieden, erleichtert und gelegentlich auch mal stolz. Aber das kann ich dann in diesen Momenten verstehen und greifen. All die schlechten Gedanken kommen eher spontan und diffus und ohne richtige Vorankündigung und mit voller Wucht. Und das nervt mich so, weil ich unfähig bin, mich dem entgegenzustellen und mein Kopf schlauer ist, als die Vernunft.

Ich bin in solchen Situationen und überhaupt ganz generell dann meist sehr hart zu mir selbst. Das haben mir auch schon ganz tolle Menschen gesagt und ich bin mir sicher, da ist was dran. Es führt aber auch dazu, dass ich irgendwie unfair und möglicherweise sogar gemein zu anderen Menschen bin. Das wiederum führt dazu, dass ich mich noch weniger selbst mag, weil ich – wie sangen die Ärzte damals so schön – meinen Selbsthass nur auf andere projiziere. Ich glaube schon, dass es als Mensch ohne Partner in den 30ern in Berlin nicht leicht ist. Klar kenne ich hier viele tolle Menschen, ich lerne jedes Jahr neue unglaublich spannende Personen kennen, aber irgendwie fühle ich mich doch ziemlich oft auf mich allein gestellt und finde es schade, dass nicht mal jemand fragt, wollen wir das machen oder jenes oder welches. Und ich weiß auch, wie doof und unfair dieser Gedanke ist, denn jeder hat nur einen beschränkt großen Hut und viel zu viele Dinge, die darunter Platz finden müssen. Aber ich kann diesen Gedanken einfach nicht abschütteln und wegschmeißen. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, heißt es in einer Redensart. Das funktioniert aber nur so lange, bis einer kommt, der das nicht so richtig kann, an sich selbst zu denken, oder das zumindest denkt um aus dieser Situation noch mehr Treibstoff für die eigene Unzufriedenheit zu gewinnen. Dann jedenfalls gerät alles aus dem Gleichgewicht und geht kaputt.

Irgendwann dreht sich alles in meinem Kopf und ich drehe Runde um Runde und fühle mich zugleich unglaublich selbstlos und über alle Maßen egoistisch und möchte niemanden vor den Kopf stoßen außer mir selbst, am liebsten mit einer massiven Wand. Aber das geht ja nun auch nicht und Pflastersteine heilen auch keine Wunden, selbst wenn sie antiseptisch sind, also kaue ich und kaue ich und komme doch nicht weiter. Und all das, all diese Gedanken, die ich gerade versucht habe auf das digitale Papier zu bringen, rauschen und rascheln und rasen dann zeitgleich durch meinen Kopf und ich versuche wirklich jedes Blatt in jedem verdammten Laubwald in meinem Schädel von allen Seiten zu betrachten. Das führt unter anderem dazu, dass ich immer wieder essenstechnisch rückfällig werde (und nein, nicht nur im Sinne von mal was gönnen oder einen Cheattag machen, sondern im Sinne von einfach alles innerhalb einer Woche mit meinem viel zu großen Arsch einreißen, was ich mühsam in einem Monat vorher aufgebaut habe) und oft unmotiviert bin, die einfachsten Sachen zu tun und schnell gelangweilt werde von Dingen und leider auch oft Menschen vor den Kopf stoße – manchmal nur in meinem Kopf, ohne dass sie es je erfahren, was die Sache aber nicht besser macht.

Und das ist dann der Moment, wenn ich froh bin, dass ich die Musik auf meinen Ohren habe. Und das sind dann auch die Momente, in denen ich nicht zufällig meine gesamte Musikbibliothek zufällig durchklicke, sondern ganz gezielt Fjørt auswähle. Und dann atme ich tief ein und wenn der Bass und das Schlagzeug und die Gitarre einsetzen, schließe ich die Augen und springe manchmal – mehrfach ist mir dabei schon das Handy aus der Tasche gefallen, was immer ein peinlich berührtes Umblicken nach sich zieht – und singe oder besser schreie laut mit. Denn dann vergesse ich für einen kurzen Moment die ganzen komischen Gedanken in meinem Kopf und konzentriere mich einfach nur auf die Musik, für die ich so unendlich dankbar bin.

Ich höre auch laut Musik, wenn ich glücklich und zufrieden bin. Aber meistens ist es für mich der beste Weg, zu verdrängen und zu verarbeiten. Mein Ventil, mein Ersatz für den Schlag mit der Faust gegen die Wand. Mein Rausch und meine Rettung. Und manchmal auch meine Hoffnung und fast immer eine willkommene Ablenkung.

Verzeih, ich werd‘ hier nicht nach unten sehen, ich werd‘ vorübergehen. Könntest du dein tränendes Gesicht wegdrehen, bitte? Fjørt – Eden

Die Revolution der Neujahrsvorsätze

Und dein Herz lächelt milde während es spricht, gute Ideen aber schaff es ja doch nicht. Marcus Wiebusch – Was wir tun werden

Und was hast du dir so für das nächste Jahr vorgenommen?

Die Weihnachtsgeschenke stehen noch unter dem Baum, der Festtagsbraten verdaut noch vor sich hin und die Silvesterpläne sind eigentlich auch schon seit Monaten festgemacht (wobei sich natürlich in letzter Sekunde noch einmal alles ändert und Leute absagen und nachfragen und dann doch alles ganz anders kommt.) Spätestens dann kommt auch das erste Mal die Frage auf – entweder stellt sie ein entfernter Familienangehöriger am Essenstisch, weil alle anderen Smalltalk-Themen ausgesprochen sind oder ein Kollege in der WhatsApp-Arbeitsgruppe – die wie Bleigießen zu Silvester und wie Günter Jauch zu allen Jahresrückblicken gehört: Welche Vorsätze hast du für das nächste Jahr?

Oft kommt einem der Gedanke auch ganz alleine, wenn man auf das vergangene Jahr zurückschaut (auch ohne Günter Jauch) und denkt: So geil war das ja alles irgendwie nicht. Ich befinde mich zum Beispiel momentan in einem Zustand der ununterbrochenen Nahrungszunahme und mit Nahrung meine ich Festessen, Süßigkeiten, Dessert, mehr Süßigkeiten und alles, was noch so Zuhause an essbaren Gütern zu finden ist. Das ist irgendwie doof, aber nichts zu ändern und ich weiß ja auch, dass ich es anders kann und wieder anders können werde und überhaupt. Aber im Moment geht es nicht. Da liegt der Vorsatz natürlich nah, für das nächste Jahr zu sagen: Endlich wieder richtig auf die Ernährung achten und immer alles weightwatchersmäßig aufschreiben und noch einmal ganz viel abnehmen und überhaupt nie mehr naschen und ganz viel bewegen.

Aber machen wir uns nichts vor: Das wird so nix. Eine Woche: okay, geschenkt. Meinetwegen auch der erste Monat, aber ich kenne mich ja auch selbst, von daher weiß ich, dass Vorsätze für mich einfach nicht funktionieren. Sie sind mir einfach zu final und außer dem schlechten Gewissen, das ich sehr gut ausblenden kann, gibt es keinerlei Kontroll- oder Bestraf- oder auch Belohnungsinstanz. Und wenn man sie bewusst schwammig hält, kann man sich ohne Probleme auch ganz fantastisch selbst betrügen. Ich werde mehr Sport machen bedeutet ja letztendlich auch, einmal im Monat 30 Minuten ins Schwimmbad gehen, oder? Ich meine, ist ja Sport und der Weg dahin ist auch Bewegung. Oder der Vorsatz, weniger zu essen: Wenn ich zukünftig einfach eine Handvoll Chips wegschmeiße, nachdem ich sie als Dessert nach Pizza und Eis gegessen habe, ist das ja auch weniger essen.
Man könnte die Liste noch ewig fortsetzen. Ich bin unglaublich gut im Selbstbetrug und kann für jeden guten Vorsatz automatische einen Weg finden, ihn wieder auszuhebeln, frei nach dem Zitat von Captain Planet Alles wird besser nächste Jahr. Und das kann man dann auch im Januar schon sagen, nachdem man mit all seinen mühsam aufgestellten Vorsätzen gebrochen hat.

Was nun also tun? Na klar, der einfachste Weg ist einfach sich nichts vorzunehmen und einfach zu machen, was gut ist und worauf man gerade Bock hat. Kann man auf jeden Fall machen. Aber manchmal ist ja so ein gewisses Ziel, auf das man hinarbeitet wirklich hilfreich und ich weiß, dass es für mich so in bestimmten Bereichen besser funktionieren kann. Ich hatte dazu eine Idee, die ich euch einmal vorstellen möchte. Ich werde das folgende System auf jeden Fall ausprobieren und würde mich freuen, wenn ein paar Leute mitmachen. Ich habe mir keinen catchy Namen ausgedacht, drum nenne ich es jetzt einfach mal, spontan aus dem Ärmel geschüttelt, das Trophäensystem fürs Leben oder die Revolution der Neujahrsvorsätze.

Wenn ihr Videospieler seid, könntet ihr vielleicht schon eine Idee haben, woher der Ursprung der Idee kommt. Es ist quasi eine Gamification des Vorsatzgedankens. Gamification ist eine Übernahme von bestimmten Aspekten aus Videospielen in andere Bereiche. So bekommt man zum Beispiel in Foren Bonuspunkte für das Verfassen von Artikeln und kann so in seinem Rang aufsteigen. Auch Weight Watchers hat viel von Gamification an sich. Man bekommt für verschiedene Lebensmittel Punkte und kann mit Bewegung Punkte dazugewinnen und wenn man erfolgreich war bekommt man für alle abgenommenen 3 Kilos einen Stern und bei bestimmten Zwischenzielen noch weitere Belohnungen.

Der Aspekt, den ich jetzt für meine Vorsätze aufgreifen will, ist das Trophäensystem der Playstation. So etwas gibt es inzwischen auch bei allen anderen Systemen und Spieleplattformen, aber da ich ein Playstation-Kind bin, orientiere ich mich daran. Es geht dabei darum, dass man abseits des eigentlichen Spielgeschehens bestimmte Sonderaufgaben hat, die nicht für den Abschluss der Haupthandlung gebraucht werden, die aber einen kleinen Erfolg aufblinken lassen, wenn man sie erfüllt. Das kann zum Beispiel sein, dass man bei einem Autorennen eine Runde komplett im Rückwärtsgang fährt oder insgesamt 100 Kilometer im Spiel zurückgelegt hat. Es gibt dann eine Übersicht und man bekommt einen kleinen digitalen Pokal, je nach Schwierigkeit der Aufgabe in Bronze, Silber oder Gold. Wenn man alle Bonusaufgaben gelöst hat, bekommt man eine Platintrophäe.
Wer nun also – anders als ich – nicht für so etwas anfällig ist, kann und wird so etwas auch getrost ignorieren. Ich habe aber schon schlechte Spiele durchgespielt, nur um die Platintrophäe zu bekommen? Warum? Kann ich nicht genau beantworten, vielleicht hat das etwas mit einer Leidenschaft für das Abarbeiten von Listen zu tun. Jedenfalls funktioniert es und darum kann ich mir vorstellen, diese Erfolge auch in den echten Lebensalltag zu holen.

Klassische Vorsätze in der KTV in Rostock

So funktioniert es:

Zuerst müssen wir uns Dinge überlegen, die wir im nächsten Jahr machen wollen, Ziele, die wir erreichen wollen, Sachen, die wir ändern wollen. Bei Spielen gibt es schon mal 50 dieser Aufgaben, für unser System reichen aber 10 bis 15 Dinge für die Liste. Wichtig ist, dass diese messbar sein müssen, weniger essen oder mehr Sport geht also nicht. Außerdem müssen es auch realistische Ziele sein, die man selbst zumindest zum großen Teil beeinflussen kann. Jeden Tag im Sommer die Sonne genießen ginge auf mehreren Ebenen nicht, weil nicht genau ist, was Sommer ist und wir das Wetter nicht beeinflussen können. Auch würde ich zum Beispiel nicht raufschreiben, Millionär zu werden. Das ist zwar theoretisch machbar, praktisch aber doch relativ schwer in einem Jahr zu erreichen.

Ich will jetzt nicht alle meine Ziele verraten, da es ja auch zum Teil recht persönliche Dinge sein können. Aber ich gebe euch mal ein paar Beispiele, was ich raufschreibe, vielleicht habt ihr dann eine Idee, was ich meine. Gerne könnt ihr mir dann aber auch eine E-Mail schicken (chef-3-etage [@] web[Punkt]de) oder mir bei Facebook schreiben oder irgendwie anders Kontakt zu mir aufnehmen (Rauchzeichen, maybe) und dann überlegen wir zusammen, was noch so geht. Hier also mal ein paar Beispiele, die auf meine Trophäenliste kommen:

• 6 Texte schreiben (Poetry Slam oder Blog)
• 3 Tage im Ausland verbringen
• Einen Monat alles was ich esse für Weight Watchers aufschreiben
• Einen Halbmarathon laufen
• 3 Museen besuchen
• 5 Bücher lesen
• Ein Fahrrad kaufen

Ihr seht also, dass es sowohl kleine, als auch größere Dinge sein sollen. Durch die Zählbarkeit kann man auch kleine Zwischenschritte gut sehen, denn so ein Jahr kann ja auch verdammt lange dauern und da motiviert es schon sehr, wenn man nach und nach sieht, wie sich die Liste füllt.

Mein Vorschlag für die Visualisierung ist, dass ihr die Punkte auf ein großes Blatt Papier schreibt und dieses dann irgendwo hinhängt, wo ihr sie jeden Tag seht. Ich werde die Liste bei mir an meine Wohnungstür hängen. Und immer wenn ihr ein Ziel erreicht habt, hakt ihr es ab. Wenn ich mein erstes Buch 2018 gelesen habe, kommt hinter den entsprechenden Punkt ein Strich, sodass ich sehe, dass ich nur noch vier Bücher von meinem Ziel entfernt bin.

Der Vorteil dieses Systems gegenüber der klassischen Vorsätze ist, dass man auf jeden Fall Erfolge verzeichnen kann, auch wenn man nicht alles zu 100 Prozent schafft. Außerdem beschäftigt man sich vorher etwas genauer mit sich selbst. Was will ich eigentlich wirklich erreichen, welches Hobby mal wieder aufnehmen und was ist mir wirklich wichtig. Und durch die Liste wird man jeden Tag wieder dran erinnert und verliert seinen Weg nicht so schnell aus den Augen. Wenn ihr wollt, könnt ihr das ganze auch noch mit einem Belohnungssystem kombinieren. Wenn ihr die Hälfte der Ziele geschafft habt, gönnt ihr euch dies oder jenes und wenn ihr alles geschafft habt, feiert ihr eine große Party. Das muss aber gar nicht sein und ich werde es auch ohne zusätzliche materielle Belohnung versuchen.

Ich bin wirklich gespannt, ob das so klappt. Wenn nicht, kann ich auch nichts verlieren. Darum freue ich mich drauf, es auszuprobieren und würde mich riesig darüber freuen, wenn ein paar von euch mitmachen. Denn wie wir alle wissen, gehen solche Sachen zusammen immer ein ganzes Stück leichter. Gebt mir gerne Bescheid und lasst uns dann auch in einem Jahr noch einmal genau auswerten, wie es gelaufen ist.

Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
.
Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.