Scheitern

Und die Leute lieben scheitern und ich scheitere so sehr. Tomte – Voran, voran

Morgen höre ich auf oder fange ich an. Mit dem Rauchen und Sport zu machen. Täglich Eis zu essen und mich gesund zu ernähren. Mir Gedanken zu machen und regelmäßig Texte zu schreiben. Die Möglichkeiten sind unendlich und untereinander austauschbar wie falsch zugeschriebene Zitate von Marc-Uwe Kling.

Trotzdem sage ich mir immer wieder und jedes Mal aufs Neue sicher, dass ich mich ändern werde. Morgen. Und wieder Morgen. Und vielleicht auch erst nächste Woche. Oder nie, aber das sage ich mir dann nicht, sondern verdränge den Gedanken daran. Viel mehr wache ich jeden Morgen wieder komplett überzeugt auf, dass ich ab heute ein ganz anderer Mensch bin und hochmotiviert und endlich besser und dann ziehe ich die Tür hinter mir zu und gehe zur U-Bahn und arbeite und schon währenddessen rückt der Vorsatz in den Hinterkopf und wird zum Absatz, den ich mit Enter solange weiterschiebe, bis er auf der nächsten Seite ist und ich ihn nicht mehr sehe. Und dann gehe ich wieder nach Hause und komme wie durch Zufall an einem Späti vorbei, der überhaupt nicht auf meinem Heimweg liegt, und gehe wie durch Zufall an die Eistruhe und kaufe mir einen großen Cup Ben and Jerrys, der überhaupt nicht nötig ist, und dann esse ich den ganzen Becher an einem Abend komplett auf der Couch, obwohl ich schon satt bin, und selbst wenn ich Hunger hätte, wäre ein ganzer Becher Eis die denkbar schlechteste Wahl.

Am nächsten Morgen ist es fast so wie nach einer durchzechten Nacht. Ich wache unausgeschlafen auf und entdecke als erstes den leeren Becher als Mahnmal für das erneute Scheitern. Und obwohl das natürlich der letzte Ausrutscher in diese Richtung war und ab heute alles wieder anders wird – der Absatz mit dem Text von gestern ist wieder hochgerutscht – nehme ich doch erstmal den angetrockneten Löffel um die krustigen Eisreste aus dem Becher zu lösen und herunterzuwürgen. Und überhaupt, jetzt ist Dienstag und somit die Woche auch hinüber, es lohnt nicht mehr mit dem Aufhören anzufangen und dann kann ich die paar Tage auch noch richtig reinhauen und mir jeden Abend so einen Becher Eis gönnen. Was soll´s, ist eh egal und ab nächster Woche starte ich dann richtig los, mit gesunder Ernährung und Sport und all dem ganzen Kladderadatsch.

Ich habe im vergangenen Jahr innerhalb von neun Monaten 55 Kilo abgenommen. Ich bin zu meinen Bestzeiten dreimal die Woche ins Fitnessstudio gegangen und hatte sogar das Gefühl, so etwas wie Muskeln aufzubauen. Ich habe mich gut gefühlt und schon vorgeplant, wann ich das nächste Zwischenziel erreiche und wie es wohl wird mit weiteren 10 Kilo weniger und das ich ja bald „ganz normal“ aussehe (wobei mir schon bewusst ist, das normal nichts mit Übergewicht zu tun hat und es ein normal nicht gibt und selbst wenn ein normal furchtbar langweilig wäre, aber so funktioniert der Kopf – oder zumindest mein Kopf – nun einmal.)

Und dann bin ich nicht mehr so regelmäßig zum Sport gegangen. Und habe hier mal eine Hand voll Süßigkeiten gegessen und da mal ein Snickers und die neue Sorte Ben and Jerrys ist halt auch wirklich verdammt lecker. Und so bin ich wieder in alte Muster gefallen, Angewohnheiten, die ich mir mühevoll abtrainiert habe, innerhalb weniger Wochen oder gar Tage wieder angenommen. Nur war dieses mal anders, dass ich häufiger neben mir stand. Und jetzt nicht nur stimmungstechnisch, sondern als Betrachter, der genau weiß, dass es falsch und dumm und scheiße ist, was ich da tue. Und ich konnte das Eis zwar genießen, aber bei jedem Löffel löffelte auch mein schlechtes Gewissen genussvoll mit.

Nun mag man meinen, dass das die perfekte Voraussetzung ist, um etwas an seinem Verhalten zu ändern. Aber nein, im Gegenteil. Klar, wollte ich mich ändern, aber ich war irgendwie blockiert. Und mit jedem neuen Rückfall – und es gab einige, viele- wuchs die Frustration darüber, dass ich schon wieder schwach geworden bin. Gisbert zu Knyphausen beschreibt es in seinem Song Gute Nachrichten ganz gut: Ich hab versucht mich zu ändern, aber meistens hab ich mich bloß gedreht. Und irgendwann dreht sich alles im Kopf und es dreht sich nur noch darum, wie man es je schaffen soll, sich zu ändern und wie ich endlich diese verdammte Schwäche abschalten kann. Und dann frisst man diese ganzen Gedanken und die Wut in sich hinein und ist so satt davon und von sich selbst. Und dann geht man trotzdem noch einmal in der Nacht um 23:45 Uhr los, um sich wie ein Drogensüchtiger beim Späti einen weiteren Schuss Eis zu holen (so stelle ich mir das zumindest in meiner von Filmen geprägten Fantasie vor.)

Das ist doch irgendwie Scheiße, oder? Geht das nur mir so? Oder hat der Mensch an sich eine Schwäche für die Schwäche (klingt fast wie ein Song von Tocotronic.) Ist es wirklich so schwer, vernünftig zu sein. Okay, pure Vernunft darf niemals siegen ist nun wirklich von Tocotronic und es mag auch was dran sein, aber manchmal wünschte ich mir etwas weniger Aufregung und Ausfall. Denn ich weiß ja, wie es richtig geht und kann auch perfekt darüber reden oder schreiben, wie dieser viel zu lange Text zeigt, aber ich kriege es trotzdem nicht in meinen Kopf rein. Beziehungsweise ich kriege es ja in den Kopf, es war nie weg, aber ich tue mich so unendlich schwer damit, es umzusetzen.

Ein guter Text würde jetzt eine Lösung oder zumindest mal einen Lösungsansatz präsentieren. Ein mittelguter Text hätte hier vielleicht einen Link zu einem Selbsthilfeblog oder zu Leuten, die wissen was sie tun. Und ein schlechter Text würde jetzt die Weltformel verkünden. Mein Text hat nichts von alledem. Ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben, in der Hoffnung, dass es etwas bringt. Mir oder meinem Kopf oder den Dingen, die da kommen mögen. Und vor allem habe ich mir seit Monaten vorgenommen, morgen mal wieder etwas zu schreiben. Okay, es ist vielleicht kein Poetry Slam-Text aber immerhin ein Blogbeitrag und davon gab es in den letzten zwei Jahren ja nicht unbedingt viele.

Außerdem habe ich vor zwei Wochen wieder mit WeightWatchers angefangen. Aus den 124 Kilo, die ich irgendwann im Oktober mal gewogen habe, sind in der Zwischenzeit wieder 135 Kilo geworden. Das hat mich aber bei der Menge an Eis in den vergangenen Wochen (es waren dreistellige Eurobeträge im Monat) schon fast positiv überrascht. Ich habe alles wieder aufgeschrieben, was ich gegessen habe und habe inzwischen die Phase des kalten (Eis)Entzuges schon ganz gut überstanden, glaube ich, und auch schon wieder fünf Kilo abgenommen. Nur mit dem Sport schleift es noch etwas, auch wenn ich mich generell wieder mehr bewege. Aber wäre ich heute zum Sport gegangen, hätte ich sicher nicht diesen Text geschrieben. Und irgendwo muss man ja mal anfangen. Und aufhören.

So wie dieser Text jetzt auch endlich.

Katzen und Bilder

Es war ’ne laue Nacht, du weißt es noch genau, als ob es gestern war, du warst ein bisschen drauf. Frittenbude – Bilder mit Katze

Vor zwei Monaten führte ich hier im Blog eine neue Kategorie ein, die ich seitdem schon relativ häufig und ziemlich erfolgreich ignoriert habe, die Musikvideos für die Ewigkeit. Doch darum soll es gar nicht direkt gehen. Ich habe damals den Song und das Video Bilder mit Katze von Frittenbude vorgestellt. Wer das mit Absicht aus Versehen ignoriert hat, kann den Beitrag noch einmal hier nachlesen oder nicht beachten.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich das offene Ende des Songs nicht ertrage und wissen will, wie es ausgeht. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bei der Band nachfragen, was sie sagen würden (spannend, aber nicht befriedigend) oder einfach selbst eine Fortsetzung schreiben. Wie reagiert das Mädchen auf das Foto vom Shirt und gibt es ein Happy End? Fragen, die ich mir gern beantworten wollte. Also habe ich eine kurze Fortsetzung der Geschichte geschrieben, die ich nun hier präsentieren möchte.

Der Text funktioniert sicher auch ohne Kenntnis des Originals, macht aber vielleicht mehr Spaß. Ich habe auch noch ein paar andere Songtextstellen eingebaut und wer mag, kann sie finden und sich dann daraus ein Lebkuchenhaus bauen. Außerdem finde ich, dass mir der erste Absatz irgendwie gut gelungen ist, ich weiß auch nicht. Kann das sein? Nun aber genug Intro hier.

Katzen und Bilder

Sie haben Post“, würde eine schlecht computergenerierte Stimme jetzt sagen, wenn dieser Text in einer Zeit spielen würde, als es noch AOL-CDs gab und Boris Becker fast noch Tennis spielte. Da dieser Text nun aber in einem gedachten heute passiert, war es nur eine roteingerahmte, weiße eins über zwei blauangedeuteten Sprechblasensymbolen, die Katze darüber informierte, dass jemand versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Katze nutzte das Netzwerk, um in Kontakt zu bleiben. Gelegentliches Geschreibe über Sinn und Sinnloses und manchmal, aber nur manchmal – selten –, ein Austausch von Sinnlichkeiten. Hier konnte sie virtuell Bekannte treffen, Lerngruppen planen und die Zeit verplempern. Dann war wieder eine Stunde um, in der sie eigentlich noch einen Entwurf fertig machen oder an diesem einen Bericht weiterarbeiten oder was kochen wollte und dann gab es doch wieder nur Nudeln mit Pesto aus dem Glas und halbgeschmolzene Sandwichkäsescheiben.

Zwischen dem Konzert im SO36 – fast bei ihr vor der Haustür – und Bett, wollte sie nur noch einmal kurz gucken, ob sie auf der Welt oder die Welt etwas von ihr verpasst hatte, als sie, mit der Zahnbürste im Mund und ihrem Kuschelschlafanzug am Körper, die Nachricht entdeckte. Es war ein schwarzes Shirt mit neun großen gelben Buchstaben. Ein verblasstes Foto, ebenso wie die Erinnerung an die Zeit, die super war, und dann irgendwann auf einmal nicht mehr.

Sie weiß nicht, was sie wissen will oder wissen kann oder wissen soll und spuckt die Zahnpastareste, die sich schon viel zu lange in ihrem Mund befinden, weil sie vom Putzen abgekommen ist, ins Waschbecken. Es war das eine Shirt, ihr Lieblingsshirt, aus der Zeit, als sie und er noch Bilder gemacht haben, Bilder mit Katzenmasken und Hundeblicken, Bilder mit Hasenohren und schiefen Schatten, Bilder, auf denen im Hintergrund die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen zu sehen waren, Bilder aus dem vierten Stock mit Schwänen an der Wand, Bilder im Gegenlicht der Sonnenstrahlen und im Herzen ihrer Welt. Das war alles so weit weg und doch nie so ganz entfernt.

Und sie klickt die Nachricht weg und öffnet sie wieder und macht das Bild groß und es ist wirklich das Shirt, denn auch die Ärmel sind abgerissen – das war damals in dieser Nacht als sie heimlich in ein Freibad eingebrochen sind – und dann schließt sie das Bild und den Laptop und Facebook und öffnet die Schachtel und schaut sich all die Bilder noch einmal an und dann öffnet sie auch den Computer wieder und auch Facebook und schaut sich sein Profil an und sieht nicht viel, weil er noch immer seine Privatsphäre liebt und die Einstellungen entsprechend gesetzt hat, nur ein Profilfoto und ein Gruppenbild vor irgendeiner Frittenbude in Hamburg mit Freunden oder Bekannten oder mit zufällig zusammengewürfelten Personen des öffentlichen Lebens und dann klickt sie so durch und versucht ihn zu stalken, obwohl sie das nicht wissen will oder braucht oder möchte, und sie kann ja auch nichts erfahren, außer dass ihm House of Cards gefällt, was ihr ja zu politisch war, und dann schließt sie den Computer erneut und ihre Augen und in ihrem Kopf dreht sich die Welt schneller als sonst um ihre eigene Achse, vielleicht zu schnell, denn ihr wird schwindelig und dann öffnet sie die Augen und das Chatfenster auf ihrem Handy, das leer bleibt und wahrscheinlich bei ihm anzeigt, dass sie das Bild gesehen hat, woraufhin er alle fünf Minuten checken wird, ob sie schon geantwortet hat, denkt sie, denn so würde sie es machen, wenn sie an seiner Stelle wäre und sie oder ihn oder irgendwen in so eine Situation gebracht hätte und dann fährt sie erst sich und dann den Computer für den Rest der schlaflosen Nacht runter. Nur etwas Ruhe.

Am nächsten Tag, was eigentlich noch der gleiche Tag ist, jedoch nach dem Aufstehen, was nicht richtig zählt, weil sie nicht geschlafen hat, aber dann wäre ewig gestern, sieht die Welt auf einmal noch immer genauso aus, wie ein paar Stunden zuvor, nur hell hinter den zugezogenen Vorhängen. Es ist damals auseinandergegangen. Von Wegen (aus Gründen). Und sie weiß, dass sie nicht zurückgehen will und selbst wenn sie bloß zurückschaut, sieht sie da kein Land in Sicht nur mehr weniger.

Auch nach zwei Tagen hat er nicht noch einmal geschrieben und das ist auch gut so, denkt sie, aber auch, dass es nicht gut ist und jetzt all das Ungesagte einfach so wie unbestellt und abgeholt im Raum steht, ohne Antwort auf keine der Fragen. Also macht sie ein Foto vom dem Text der Band, nicht von sich, und schickt es ihm.

Und ist alles so weit weg,
das alles so lang her?
Ich allein in dieser Stadt
und du unten am Meer.
Am einen Ende die Sonne,
am anderen Ende der Mond.
Wir haben alles verloren,
doch uns dabei nie geschont.
Fortlaufend zu fliehen,
unser Oxycotin.
Doch soweit können wir nicht rennen,
um uns nicht mehr zu kennen.

Heute bist du nur ein Junge den ich einmal gekannt habe. Mach es gut, aber ohne mich. Katze.

Und dann faltet sie das Papier zusammen und steckt das Blatt in den Umschlag und klebt den Brief zu und macht eine Marke rauf und verschickt ihn und das alles digital und so gibt es keine Marke und keinen Brief und keinen Umschlag und kein Blatt und kein gefaltetes Papier, sondern nur den Druck auf die Entertaste, der so viel Druck aufbaut und ihr nimmt und der wichtig und nötig und das einzig richtige war und ist und sein gewesen sein wird – sagt sie sich – und klingt in ihrem Kopf fast sicher, dass es stimmt.

Sie sieht nicht ein, die alten Wunden wieder aufzureißen, die zwar noch nicht ganz verheilt sind, aber auf denen schon Schorf ist, den man sich am Anfang noch aufkratzt, obwohl man weiß, dass es dann blutet, an dem man dann aber irgendwann doch das Interesse verliert und ihn dann so vor sich hin heilen lässt. Und so blockt sie alle Gefühle ab und ihn in diesem Netzwerk und dann macht sie die Augen zu und ihre Lunge auf und atmet durch. Die Welt dreht sich wieder normal und die Kiste steht wieder im Schrank, irgendwo unter dem Krach und Schutt und Staub der letzten Jahre. Die zwei kommen nicht mehr zusammen. Nicht heute oder irgendwann. Und die Bilder mit Katze werden wohl irgendwann ausbleichen und nur noch verschwommen wird man die Schemen sehen, die einmal sie gewesen sind. Nur um das Shirt, da ist es schade. Und um die großen, gelben Buchstaben.

Rocky – Ein Musical, ein Film und ich

It’s the eye of the tiger, it’s the thrill of the fight, rising up to the challenge of our rival. Survivor – Eye of the Tiger

Fast 40 Jahre ist es nun her, dass Sylvester Stallone zum ersten Mal die Boxhandschuhe anzog und als symphytischer Underdog Rocky Balboa in den Ring stieg. Als großer Boxfilmfan habe ich natürlich alle Teile gesehen und war dementsprechend überrascht und gespannt gleichermaßen, als vor 3 Jahren bekannt wurde, dass aus dem Leinwandstoff ein Musical gemacht wird. Gestern habe ich es nun endlich geschafft, dass Operettenhaus hier in Hamburg zu besuchen und wurde im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen.

Bevor ich gleich ein paar Worte zum Musical verliere, noch einige Kleinigkeiten zu diesem Beitrag. Ich werde nach der kurzen Besprechung des Musicals auch noch eine Rezension des Films in den zweiten Teil dieses Beitrags packen. Diesen Text habe ich vor 4 Jahren für Moviepilot geschrieben und er war meine 100. Rezension dort. Ebenfalls werde ich noch ein Youtube-Video vom Gastspiel des Musicals bei Wetten Dass in den Artikel einbinden. Darin bekommt man schon mal einen sehr guten Eindruck, was einem beim Besuch der Show erwartet.

Rocky_Hamburg

Nur noch zwei Wochen ist Hamburg die Boxmusicalhauptstadt Deutschlands, danach wird Rocky ab November in Stuttgart aufgeführt. Wer keine Lust den gesamten Text zu lesen, für den hier kurz die wichtigste Info: Wer in den nächsten zwei Wochen Zeit hat und in Hamburg oder seinem erweiterten Umland wohnt, sollte sich Rocky – Das Musical unter keinen Umständen entgehen lassen. Wer in Baden-Württemberg lebt, sollte dann ab November unbedingt einen Besuch einplanen.

Ich sitze in der 14. Reihe, genau in der Mitte des Operettenhauses und bin gespannt, wie man einen Boxfilm auf die Bühne bringt. Damals im Film frage Adrian ihren Rocky: “Why do you wanna fight?”, woraufhin dieser antwortete: “Because I can‘t sing or dance.” Die idealen Voraussetzungen also für ein Musical. Aber alle anderen, die vorher schon hier waren, waren hellauf begeistert und auch ich bin gepackt, als das Orchester die ersten Töne der Ouvertüre anspielt.

Das zentrale musikalische Motiv kombiniert das bereits aus dem Film bekannte Gonna fly now und Eye of the Tiger von Survivor, welches allerdings erst im vierten Rockyfilm als Untermalung für die Trainingsmontage auftaucht. Macht aber nix, denn der Song ist großartig und passt auch perfekt zu Rocky und seiner Geschichte.

Die Energie, die vom Orchestergraben ausgeht, überträgt sich sofort auf die Bühne. Und obwohl diese relativ klein ist, so ist sie doch für mich der eigentliche Star des Stückes. Was die Techniker dort immer wieder hinzaubern, ist schlicht gigantisch. Ständig bewegt sich irgendwas, Teile erscheinen oder werden gedreht oder in die Luft gehoben, Videoleinwände fliegen hinein, auf denen Livebilder von der Bühne erscheinen, ein bisschen Regen fällt und überhaupt ist ständig etwas los. Es wird bis zum Ende nie langweilig und die zweite Hälfte überbietet die erste sogar noch, worauf ich jedoch nicht weiter eingehen möchte, um nicht zu viel zu verraten.

Die Geschichte ist die gleiche wie auch im Film: Rocky ist Boxer und hat irgendwie nichts so richtig hinbekommen. Als schon keiner mehr damit rechnet, will es der Zufall, dass er auf einmal gegen den Champion Apollo Creed antreten kann. Nebenbei füttert er seine Schildkröten und kriegt seine große Liebe Adrian rum. Das gewinnt nun keinen Innovationspreis, ist dafür aber deutlich realitätsnäher als sprechende Züge oder singende Katzen.

Allerdings besteht darin auch ein erstes Problem. Generell wird im Musical ja oft das besungen, was gerade passiert, beziehungsweise was die Figuren gerade denken. Das wird allerdings stellenweise unfreiwillig komisch, wenn es um die körperlichen Versehrtheiten oder Tierfutter geht. Dazu kommt, dass Rocky eine deutsche Produktion ist und man das den Texten leider stellenweise auch anmerkt. Teilweise klingt es, wie das erste selbstgeschriebene Gedicht eines Grundschülers. Aber gleichzeitig passt das irgendwie auch zu dem liebenswürdigen Tollpatsch Rocky.

Die Musik ist hier meiner Meinung nach sowieso zweitrangig. Ich hatte zwar gerade bei Adrian auch ein wenig Gänsehaut, aber insgesamt spielt der Gesang nicht so eine große Rolle. Schließlich geht es ums Boxen und das wird auch auf der Bühne reichlich gemacht. Die Choreographien sind beeindruckend und vor allem wird wirklich gekämpft, was man auch als Zuschauer merkt. Bereits dreimal hat sich Rocky-Darsteller Drew Sarich die Nase gebrochen. Ich konnte gestern auch eine ältere Dame beobachten, die beim Finalkampf wirklich mitgefiebert hat und kaum hingucken konnte.

Aber auch um mich war es da am Ende vollkommen geschehen. Ich saß mit offenem Mund da und war wirklich überwältigt. Kein Wunder also, dass es stehende Ovationen gab. Drei Stunden, die ich nicht so schnell vergessen werde. Wer nun also auch Lust hat, sollte auf jeden Fall die Chance nutzen. Tickets gibt es auch normalerweise immer noch direkt am Abend, auch bei uns waren einige Plätze frei. Und auch wenn es, typisch für ein Musical, ziemlich teuer ist, so hat es sich für mich doch mehr als gelohnt.

Hier jetzt noch meine versprochene Filmrezension zu Rocky: Passend zum heutigen Silvester, das ja bekanntlich nach Herrn Stallone benannt wurde, habe ich mir endlich einmal Rocky angeschaut.

Rocky ist einer dieser Filme, den irgendwie jeder kennt, wenn es jedoch darum geht, was genau passiert, oder ob man den Film schon mal konzentriert geschaut hat, muss man passen. So war ich dann auch etwas überrascht, dass der vermeintliche Sportfilm doch eher ein Liebes-Außenseiter-Sozial-Streifen ist.

Wir sehen nur am Anfang eine kurze Boxszene und natürlich gegen Ende das oft zitierte und auch persiflierte Training, sowie den äußerst spannenden Kampf zwischen Rocky und Apollo Creed. Sonst sieht man wie Rocky Tiere streichelt, flirtet, schlechte Witze macht, böse guckt aber doch eigentlich ganz lieb und nett ist.

Sly macht dabei meiner Meinung nach eine doch recht gute Figur. Na klar ist er auf keinen Fall der begnadetste Schauspieler und seine Mimik und Gestik wirkt oft ein wenig hölzern, das alles passt aber ziemlich gut auf den Boxer, der ein bisschen doof ist und nichts richtig auf die Reihe kriegt, dafür aber das Herz am rechten Fleck hat.

Die Dialoge sind teilweise unterirdisch. Man möchte selbst die Fleischhälfte sein, auf die zu Trainingszwecken eingeprügelt wird, um einiges schnellstmöglich wieder zu vergessen. Auch die Figuren übertreiben teilweise extrem, sodass es stellenweise lächerlich wirkt. Die Beziehung von Paulie und seiner Schwester ADDDDRRRRIIIAAAAANNNN ist sehr dick aufgetragen oder auch die Dialoge mit dem Trainer. Aber Schwamm drüber. Denn spätestens wenn das bekannte Gonna fly now einsetzt (und auch sonst ist der Soundtrack durchaus hörenswert) und man den, naja fast noch jungen Sly, durch die Straßen laufen sieht, fühlt man sich irgendwie wohl. Der Film, mit all seinen Ecken und Kanten, macht einfach Spaß und wird zum Ende hin sogar richtig spannend. Es ist also nicht der ganz große Wurf, aber ein Film, den man durchaus mal gesehen haben darf. Am besten heute, an Silvester, zu Ehren von Sly.

Apollo Creed: „Apollo Creed vs. the Italian Stallion. Sounds like a damn monster movie.“

Der Marlboro-Mann

The saddest thing that I‘d ever seen, were smokers outside the hospital doors. Editors – Smokers outside the hospital doors

Wenn eine Idee schon über sieben Jahre in meinem Kopf rumschwebt und da einfach nicht herausgeht, dann muss sie verdammt gut sein, schließlich herrscht da oben neben einem reichlichen Durcheinander auch ein ständiges Kommen und Gehen.

Im Jahre 2008 hatte ich die Idee zu einem Werbespot. Er sollte – so meine gewagte Phantasie – in Kinos laufen. Da ich jedoch nicht über ausreichendes filmisches Know-How und die, für meinen tollkühnen Plan nötigen, finanziellen Mittel verfüge, wurde dieser Film nie gedreht und lief somit einzig und allein in meinem kleinen Kopfkino.

Da jedoch heutzutage bei Raubkopien selbst vor kleinen Indie-Kopfkino-Produktionen nicht zurückgeschreckt wird, habe ich beschlossen, meine Idee hier niederzuschreiben. Sollte dann also doch jemand den Spot drehen, könnte ich wenigstens anschließend nett fragen, ob die Person mich irgendwie am garantiert eintretenden, unermesslichen Ruhm beteiligt.

Der Titel des Spots ist Der Marlboro-Mann und ich versuche alles möglichst genau zu beschreiben, jedoch dürft ihr die gedanklichen Leerstellen gerne mit Beiwerk füllen.

Es ist ein sonniger Tag und die Kamera fängt einen sehr runtergekommenen Bahnsteig ein. Es sieht aus, als wäre die letzte Bahn hier schon längst abgefahren. Unkraut wuchert, eine alte grüne Holzbank, bei der die Farbe schon abplatzt ist, steht verloren herum und sogar einen alten Aschenbecher gibt es, ein Relikt aus einer Zeit, als noch keine kleinen gelben Quadrate die Bahnhöfe dieser Welt musterten.

Auf der Bank sitzt ein alter, ungepflegter Mann, der auch so aussieht, als hätte er seine besten Tage schon hinter sich. Zerschlissene, ausgewaschene Jeans, ein kaputtes Karohemd und ein Gesicht wie sieben Jahre Kohlebergwerk. Zerfurcht, abgespannt, kaputt. Die Haare fettig und verklebt und der Bart voll, aber nicht rasiert, sondern verwahrlost.

Der Marlboro-Mann sitzt da und die Kamera fängt ihn langsam ein und hält unangenehm drauf. Langsam holt er mit seinen schmutzigen Händen eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche. Mit gelben Fingernägeln fischt er sich zitternd eine Kippe raus und zündet diese bedächtig mit einem Streichholz an. Er inhaliert die erste Dosis Rauch mit geschlossenen Augen, verzieht aber sonst keine Miene.

Die Kamera schwenkt und zeigt in der Ferne einen Zug, der näherkommt. Allerdings nur sehr klein als Punkt zu erkennen. Die Luft flimmert, es ist heiß. Ein schöner Tag. Der Mann steht auf und stellt sich an den Bahnsteig. Alles passiert sehr langsam. Er wartet. Der Zug kommt. Er zieht. Rauch umweht seinen Kopf.

Dann erreicht ihn die Bahn und es gibt einen riesigen Knall, Explosionen, dichter, schwarzer Nebel. Blackscreen. Die Kamera fährt raus und dabei lichtet sich der Rauch etwas. Man sieht den entgleisten, brennenden Zug. Ein Rad dreht sich. Zerstörung und die Kamera fährt weiter raus und der Blick fällt auf einen abgetrennten Arm, der dort unter der Lok hervorschaut. In der Hand die Zigarette und in genau diesem Moment fällt ein letztes Stück Asche von der Kippe. Blut fließt aus dem Arm heraus. Es bildet sich ein Satz. Immer deutlicher wird es. Da steht: Jeder Zug kann tödlich sein.

Musikvideos für die Ewigkeit: Frittenbude – Bilder mit Katze

Und so sehr wie Romeo und Julia wird sich niemand je mehr lieben. Muff Potter – Das halbvolle Glas des Kulturpessimismus

Ich war gestern mal wieder in so einer Phase, wie Olli Schulz singen würde. Ich habe zwei Stunden im Bett rumgelegen und habe Musik gehört und vor allem geschaut. Viele meiner Lieblingssongs sind nicht nur durch einen großartigen Text oder tolle Musik in meinem Kopf geblieben, sondern auch durch ein besonders Video.

Musikvideos werden – gefühlt – immer unwichtiger. Es gibt kein MTV oder Viva mehr, Spotify unterstützt (noch) keine Videos und in der Straßenbahn oder im Bus ist es auch nicht wirklich praktisch, nebenbei auch noch auf das Handy zu schauen, während man so vor sich hindöst, Quizduell spielt oder mit aller Welt kommuniziert.

Das ist verdammt schade, denn noch immer gibt es Künstler, die sich sehr viel Mühe damit geben, ihre Songs visuell umzusetzen oder aber mit einer ausgefallenen Idee das Lied um eine neue Ebene zu erweitern. Manchmal sind Musikvideos aber auch einfach nur lustiger Quatsch und ein großer Spaß fürs Auge.

Während der besagten Phase ist mir also mal wieder aufgefallen, wie viel mir manche dieser kleinen Kunstwerke bedeuten. Und da hatte ich die Idee, dass ich das als Vorwand nutzen könnte, um endlich mal wieder zu bloggen.
Lange Vorrede, kurzer Sinn: Ich werde hier nun in unregelmäßigen Abständen (und mit unregelmäßig meine ich, dass es auch nach diesem Beitrag schon wieder durch akuten Lustmangel vorbei sein könnte) Musikvideos vorstellen, die irgendwie einzigartig sind oder die mir viel bedeuten. Ich freue mich natürlich auch, wenn andere Leute auch solche Beiträge schreiben oder aber mir Videos empfehlen.

Den Anfang macht heute die Band Frittenbude mit dem Song Bilder mit Katze.

Das Video dazu hat Katrin Gebbe im Jahr 2010 gemacht. Das Lied erzählt die Geschichte einer Beziehung, von Anfang bis Ende. Und wer, genau wie Muff Potter, glaubt, dass sich niemand je wieder wie Romeo und Julia lieben kann, der wird hier eines Besseren belehrt.

Es braucht nicht immer Schmuck oder andere Kostbarkeiten, oft reicht schon eine Geste, ein T-Shirt mit neun großen Buchstaben, um das Herz eines Menschen zu erobern. Was danach kommt, mag eine „ganz normale“ Liebesgeschichte sein, aber gerade darum ist das alles so emotional. Weil jeder schon einmal irgendwie verliebt war und diese ganze Aufregung kennt.

Das Video erzählt die Geschichte des Songs einfach noch einmal. Wer also keinen Bock auf die Töne hat, erfährt die Geschichte vom Shirt und den Menschen, die es tragen, auch in der Stummfilmversion. Es hat tolle Bilder und alles, was eine romantische Schnulze braucht: Zusammenbrüche, Luftballons, Küsse, (etwas) Sex, eine eigene Tanzchoreographie und ganz viel Gefühl.

Mein persönliches Highlight ist der Mittelteil, in dem es keinen Gesang gibt, weil einfach alles gesagt ist. Die Momente, die Katrin Gebbe da einfängt, sind einfach nur toll und lustig und schön und so verdammt traurig und wahr und was weiß ich schon.

Am Ende senkt sich der Vorhang viel zu schnell. Halt, ich will noch eine Weile dabei bleiben und wissen, wie es ausgegangen ist. Haben sie sich nun bekommen? Aber hier ist Bilder mit Katze nun mal keine klassische Liebesschnulze, denn wir erfahren es einfach nicht. Es bleibt offen und wir müssen uns selbst im Kopf die Fortsetzung zusammenpuzzeln.

Bei mir hängt es ganz stark davon ab, wie ich drauf bin. Manchmal kriegen sie sich und manchmal sind die schönen großen Buchstaben einfach schon zu sehr ausgewaschen. Traurig, aber wahr.

Oscars Werkschau 2015 – Teil 2: Boyhood

Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn? Ist da noch mehr? Die fantastischen Vier – Geboren

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Da aber das Leben halt kein Regisseur ist und somit auch keine Filme drehen kann, was wiederum auch bedeutet, dass eine Nominierung für den Oscar und die damit zusammenhängende Besprechung (die eher eine Beschreibung ist) hier unmöglich ist, hat sich Filmemacher Richard Linklater gedacht, dass man ja auch einfach das Leben verfilmen kann. Oder kurz: Boyhood erzählt die Geschichte eines Lebens. Also eigentlich nur einen Teil daraus, nämlich den, in dem ein Mensch von einem Kind über den langen und beschwerlichen Umweg Pubertät zu einem jungen Erwachsenen wird.

Der Clou an der ganzen Sache ist, dass Boyhood über elf Jahre hinweg gedreht wurde. Linklater zeigt seine Protagonisten quasi in Echtzeit. Aber – da war ich selbst ein wenig verwirrt – der Film ist keine Dokumentation, sondern erzählt eine fiktive Geschichte.

Im Zentrum steht dabei Mason, den wir bei seiner Zeit im Knabenalter (Übersetzung LEO) begleiten. Wir gehen gemeinsam mit ihm in die Schule, trinken unseren ersten Alkohol und fangen gemeinsam an, uns für Mädchen zu interessieren. Vor allem aber flicken wir uns Stück für Stück eine immer größer werdende Patchworkdeckenfamilie zusammen.

Und je größer der Familienflickenteppich wird, um so größer werden auch die Probleme und Spannungen zwischen den Akteuren. Vor allem die neuen Lebensabschnittsgefährten von Masons Mutter Olivia (Patricia Arquette) sorgen für Konflikte und reichlich Zoff.

Für mich war es ziemlich spannend zu sehen, dass mir die Geschichte eigentlich gar nicht so wichtig war. Es gab keinen klassischen Handlungsverlauf mit aufsteigendem Spannungsbogen, der sich auf den einen Höhepunkt zubewegt. Viel mehr war es eine gleichbleibend unaufgeregte Erzählung, die als Vehikel für das Konzept des Films funktioniert hat.

Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es Linklater darum ging, eine revolutionäre Geschichte zu erzählen. Es sind die Charaktere, die hier wichtig sind und die wir mit jeder der (teilweise etwas zu langen) 163 Minuten immer besser kennenlernen. Wir werden als Zuschauer irgendwie Teil der Familie.

Aber so ist es eben ein bisschen wie beim großen Familienessen am Sonntag. Es ist schön, alle wiederzusehen und mit ihnen Zeit zu verbringen, aber am Ende ist man auch wieder froh, wenn man allein Zuhause ist. Ich habe mich nie gelangweilt bei Boyhood, aber dieses Gefühl, zurück in mein „richtiges Zuhause“ zu wollen, war mehr als einmal da.

So kann ich auch nicht ganz verstehen, warum Boyhood im letzten Jahr über als DER FILM schlechthin verkauft wurde. Eine Durchschnittswertung von 100 von 100 möglichen Punkten bei 49 Kritiken (Metacritic) ist schon mehr als krass. Und das keiner davon den Film wenigstens ein bisschen blöd findet, ist in meinen Augen mehr als erstaunlich.

Jeder, der ein Herz für Familienfilme hat und damit leben kann, dass eben nicht viel passiert, sollte sich Boyhood aber vormerken. Wer zudem noch ein Faible für Filme hat oder sich selbst als Cineast bezeichnet, kommt eh nicht drum herum, den Streifen zu schauen, denn Boyhood ist ein bis dato einzigartiges und ambitioniertes Experiment, das auf jeden Fall funktioniert. Dafür gibt es von mir, auch wenn es nie mein Lieblingsfilm werden wird, 8 von 10 Sonntagsbraten.

Oscarchancen? Boyhood ist der wohl größte Favorit in den Königskategorien Film und Regie und eine Auszeichnung hier wäre definitiv verdient. Richard Linklater hat ein Stück Film geschaffen, das man gesehen haben sollte und das, selbst wenn man der Thematik nicht so viel abgewinnen kann, niemanden wehtut. Den Preis als beste Nebendarstellerin würde ich Patricia Arquette auf jeden Fall gönnen, wobei ich da nicht einschätzen kann, wie die Konkurrenz ist (wie auch bei Ethan Hawke.) Ich glaube, dass Boyhood einer der Gewinner des Abends am 22. Februar in Los Angeles wird.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Beste Nebendarstellerin
  • Bester Nebendarsteller
  • Bester Schnitt

Oscars Werkschau 2015 – Teil 1: Grand Budapest Hotel

Plenty of room at the Hotel California. Any time of year you can find it here. Eagles – Hotel California

Okay, ich gebe zu, das Einstiegszitat ist nicht besonders kreativ, Wes Andersons Oscarhotel liegt nicht in Kalifornien und es kommt nicht ein einziger Igel im Film vor. Aber wenigstens ist es ein Hotel und damit doch immerhin ein Anfang. Ein Anfang nämlich für diese erste Oscarfilmkritiksbeschreibungsrezensionsgedönsdingens 2015! Und alle so: „Hey, das Wort gibt’s aber so nicht!“ Und ich dann so: „Hey, das Grand Budapest Hotel gibt´s auch so nicht. Und es steht auch nicht in Ungarn!“ Hätten wir das also schon einmal geklärt.

Lang lang (wie der chinesische Pianist) ist es her, dass ich Grand Budapest Hotel gesehen habe. Irgendwann Anfang 2014, kurz bevor ich temporär nach Irland auswanderte, habe ich im wundervollen Rostocker Lichtspieltheater Wundervoll den ersten Nominierten für den Film des Jahres gesehen. Und damals konnte ja keiner ahnen, dass der Film mit neun Nominierungen zusammen mit Birdman zu den großen Favoriten des Jahres gehören würde.

So kann ich mich auch nicht mehr an alle Details erinnern, sodass ich, bevor ich diesen Text verfassen konnte, erst noch einmal bei Wikipedia nachlesen musste, was überhaupt passiert. Denn so richtig ist mir die Handlung nicht im Gedächtnis hängen geblieben. Vielmehr glaube ich mich zu erinnern, dass ich schon direkt nach dem Kinobesuch so dachte: Hä?

Da Hä? Jedoch eher unzureichend für eine Inhaltsangabe ist, versuche ich kurz und wie immer spoilerfrei zusammenzufassen, was Wikipedia über die Zusammenfassung des Films zusammenfasst, oder so. Es gibt vier Zeitebenen und fünf Kapitel und eigentlich wird auf jeder Ebene eine Geschichte erzählt, die auf einer anderen Ebene zu einer anderen Geschichte führt und wie auf eine andere Ebene überleitet. Eigentlich geht es aber um den Lobbyboy Zéro und seinen charismatischen Lehrmeister Gustave H.

Dieser hat einen Schlag bei den Frauen und bekommt ein Bild vererbt, dass irgendwie jeder haben will und auch die Polizei und sowieso ist ja grad Krieg und die Schriftstellerei, die spielt auch eine wichtige Rolle und Verfolgungsjagden und Schnee. Ehrlich gesagt dachte ich mehrfach beim Lesen der Zusammenfassung: Was, das ist passiert? Daran kann ich mich gar nicht erinnern! Trotzdem ist Grand Budapest Hotel ein Film, der einem im Gedächtnis bleibt und zwar ob seiner tollen Optik und seiner vielen Stars. Meiner Meinung ist hier eindeutig Style over Substance die Devise.

Einmalig ist, was Wes Anderson für Bilder auf die Kinoleinwand (oder inzwischen auf den heimischen Fernseher) wirft und was für eine eigene kleine Welt er dort und damit entwirft. Am besten lässt es sich für mich mit dem Wort pittoresk beschreiben. Nicht selten denkt man, man schaut sich eine quietschbunte Puppenstube mit vielen lustigen Puppen an. Dazu kommen vereinzelte Scherenschnitteinlagen, verrückte Kameraeinstellungen und tolle Kulissen. Wirklich ein Festmahl für die Augen, wobei man, wie bei jedem guten Festmahl irgendwann mal satt ist. Es ist aber nicht dieses: „Boah, ich muss gleich spucken“-satt, sondern viel mehr ein „Ich würde gern noch einen Happen essen aber ich kann nicht mehr“-satt.

Der Cast ist, wie fast immer wenn Wes Anderson einen Film macht, hochkarätig besetzt. Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Tilda Swinton, Edward Norton, Bill Murray usw. usf. Es ist zwar schön die Nasen (vor allem die von Adrien Brody) mal vereint zu sehen, allerdings entsteht dabei auch wieder ein Problem, das ich häufig bei Filmen des Regisseurs habe. Es wird einfach kaum eine Symphatiefigur entwickelt. Alles geht so schnell: Zack,da. Zack, weg. Und die Tatsache, dass sie alle verrückte und verschrobene Figuren sind, macht die Sache nicht leichter. Irgendwann dachte ich so: Ach guck, wieder ein Star, der kurz durch das Bild huscht und dann nie wieder kommt. Auch hier wieder ein Effekt, den böse Zungen als Ablenkung vom eigentlichen Film auslegen könnten.

Ich bin aber keine böse Zunge und so kann ich einen Besuch im Grand Budapest Hotel schon insgesamt empfehlen. Es sieht schick aus, hört sich gut an und ist in einigen Momenten durch seine Skurrilität wirklich witzig. Trotzdem ist es halt mehr Kino für die Augen, als für das Herz und ich habe mich zwischendrin schon ein wenig gelangweilt. Daher ist er für mich auch kein (potenzieller) Gewinner in der Kategorie bester Film. Aber dazu kommen wir (Pluralis Majestatis) gleich. Erst noch schnell die 7 (von 10) Punktekoffer auf das Hotelzimmer bringen.

Oscarchancen? Bei neun Nominierungen sollte schon der eine oder andere Goldjunge für Wes Anderson und sein Team drin sein (auch wenn American Hustle im letzten Jahr zeigte, dass man auch 10-mal nominiert werden kann und dann trotzdem nichts gewinnen muss.) Wie gesagt, bester Film und auch beste Regie sind meiner Meinung nach unwahrscheinlich. Szenebild ist fast ein Muss, Kamera und Schnitt sind die Chancen sicher auch nicht schlecht und auch beim Originaldrehbuch hat der Streifen sicher noch ein Wort mitzureden.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Bestes Szenenbild
  • Beste Kamera
  • Bestes Kostümdesign
  • Bester Schnitt
  • Bestes Make-up und beste Frisuren
  • Beste Filmmusik

Eine Vorschau auf die Oscars 2015 und ein Rückblick auf mein Filmjahr 2014

Theater, Theater, der Vorhang geht auf – Katja Ebstein

Ein Oscar kommt selten allein (außer es ist Oscar aus der Tonne, der ziemlich einzigartig ist) und so werden am 22.2.2015 wieder zahlreiche Goldjungen unter das Volk gebracht. Und nachdem ich mir im letzten Jahr erfolglos vorgenommen hatte, mehr zu schreiben und überhaupt alle Filme zu rezensieren, nehme ich mir das ganze einfach wieder (hoffentlich nicht erfolglos) vor.

Anders als in den vergangenen Jahren sind in diesem Jahr nur acht statt neun Filmen nominiert. Das passt auch ganz gut zu meiner persönlichen Meinung zum Filmjahr 2014: Es war irgendwie nicht schlecht, aber so richtige Kracher fehlten mir. So habe ich zum Beispiel Interstellar heiß erwartet, jedoch entpuppte er sich dann als kleine Enttäuschung. Ich kann nicht mal genau sagen, was mich konkret gestört hat, aber es fehlte irgendwas, weshalb ich, obwohl großer Nolan-Fan, nicht traurig bin, dass es nicht für eine Nominierung zum besten Film gereicht hat.

Was ich aber doch ziemlich schade finde ist, dass der grandiose Lego-Film nicht zum besten Animationsfilm nominiert wurde. Das Klötzchenspektakel war für mich eine der größten Überraschungen des vergangenen Jahres und kann Groß und Klein gleichermaßen viel Spaß machen, vor allem wenn man auf ziemlich quatschige Witze steht. Dafür ist nun ein relativ unbekannter Film nominiert, der nicht mal einen deutschen Wikipedia-Artikel hat – Skandal!
Ebenfalls gegönnt hätte ich Jake Gyllenhaal eine Nominierung, der in seiner Hauptrolle als Louis Bloom mit Nightcrawler meinen persönlichen Film des Jahres 2014 abgeliefert hat. Ein beeindruckend unangenehmer und zeitgleich faszinierender Film mit einem Antihelden, der kaum Sympathiepotenzial hat und mit dem man trotzdem voll mitfiebert. Und das ist eben vor allem Gyllenhaals Performance zu verdanken, die sogar in der unvermeidbaren deutschen Version noch ziemlich großartig war.

Trotzdem bleibt der männliche Hauptdarsteller spannend, da auf jeden Fall – wie auch bei der Regie und dem Drehbuch– jemand gewinnt, der vorher noch nie mit einem Goldjungen ausgezeichnet wurde. Und das ist doch schön, oder? (Rhetorische Frage bitte mit ja beantworten.)

So viel zur Vorbesprechung des Oscarverleihung 2015. Ich freue mich auf die kommenden, filmreichen Wochen. Wird gut, auch wenn meine Mitmenschen möglicherweise minimal von meinem Rumgenerde genervt sein könnten gewesen worden sein, oder so.

Nur noch kurz zum Abschluss meine Top 5 Filme aus dem letzten Jahr:

5. The Raid 2 – Absolut kompromissloser und brutaler Actionfilm aus Indonesien mit okayer Mafiastory, der aber wirklich mitreißend und genial inszeniert ist (deutlich besser als sein Vorgänger.)
4. The Wolf of Wall Street – Hätte ich im letzten Jahr mehr als drei Oscarfilme rezensiert, hätte ich hier auf die Rezension verwiesen. Hab ich aber nicht. Kennt aber eh fast jeder. Drei Stunden, die irgendwie nie langweilig werden und Leonardo DiCarpio, der irgendwie nie nicht gut ist in diesem Film und überhaupt. War gut.
3. American Hustle – Hätte ich im letzten Jahr mehr als drei Oscarfilme rezensiert, ach naja, ihr wisst schon. Sehr schicker und spaßiger Film im 70er-Jahre-Look, von David O. Russell, der schon mit Silver Linings ganz groß abgeliefert hat. Amy Adams…hach und Jennifer Lawrence…hach.
2. Gone Girl – Hätte ich in Irland mehr geschrieben, hätte ich den vielleicht auch rezensiert. Am besten funktioniert das Drama mit der großartigen Rosamund Pike und dem auch nicht schlechten Ben Affleck, wenn man möglichst wenig darüber weiß.
1. Nightcrawler – Hättest du den Text oben gelesen, wüsstest du schon, dass ich den wirklich gut fand. Ein Außenseiter wird zum Katastrophen-Kameramann. Keine leichte Kost, aber ziemlich faszinierend.

Kurzkritik: Black Sea

We all live in a yellow submarine – The Beatles

Premierenstimmung! Das Kino hatte extra den roten Teppich ausgerollt, schließlich sollte das erste Mal eine Sneak Preview besucht werden.
Bei den Trailern wuchs die Spannung. Mist, nicht John Wick…Puh, nicht Bros before Hos. Dann Filmbeginn, hoffentlich Birdman, hoffentlich Birdman…Und dann kam der Führer. Na klasse, diese Nazis wird man auch nicht mehr los.

Zum Glück folgte dann der Schnitt in die Gegenwart, sozusagen eine Schwarzblende *no pun intended* und es begann Black Sea, der uneheliche Ziehsohn von Jagd auf Roter Oktober und Das Boot (beide noch nicht gesehen, aber kennste einen, kennste alle.)

Jude Law ist alt und abgewrackt, eine Rolle, die ihm irgendwie ganz gut steht und die beweist, dass er nicht nur den Grafen von Sowieso und den anderen Herzog von Ent oder Weder spielen kann. Er wurde gefeuert und beschließt, dass son bisschen Nazigold ja ein schönes Ruhegeld wäre. Und da man Nazigold nur in U-Booten findet, braucht man auch selbst ein U-Boot. Und da das natürlich nur russisch sein kann, muss die Hälfte des Teams (man braucht ja auch Konfliktpotenzial auf dem Boot) auch aus Russen sein.

Was dann kommt, ist über weite Strecken wirklich stimmig inszeniert, packend und spannend. Gerade ich, der ein Faible für Unterwasserwelten hat, kommt bei so etwas natürlich auf seine Kosten. Man ist gespannt, in welche Überraschung (natürlich selten gut), die Crew als Nächstes stolpert und vor allem, welche Dummheit als Nächstes begangen wird.

Und hier haben wir auch den Hauptgrund dafür, warum Black Sea eben nur ein ganz guter und kein großartiger Film ist: Die Handlung wird fast ununterbrochen von dummen Aktionen und platten Klischees vorangetrieben – tiefgangtechnisch bewegt sich der Streifen eher in der Badewanne als im Bodensee. Mehrfach habe ich mir im Kino mit der flachen Hand vor die Stirn geschlagen.

Wenn man bestimmte Dinge ja noch irgendwie akzeptieren kann (Wie wird man so einen Barren Gold mit Hakenkreuz eigentlich los? Geht man zum Altgoldhändler seines Vertrauens?), fragt man sich manchmal schon, ob Regisseur Kevin Macdonald nicht was Logischeres hätte einfallen können, um Spannung zu schaffen. Ein U-Boot-Fresser-Krakenangriff, zum Beispiel. Und auch die Charaktere bleiben eher blass (unter dem Meer gibt es ja auch nicht viel Sonne.)

Davon abgesehen wird die Enge und Bedrohlichkeit aber gut eingefangen und überzeugend in Szene gesetzt. Es gibt einige Unterwasseraufnahmen, die zwischen beeindruckend und eher so geht so schwanken, einen unauffälligen, aber passenden Score und okaye Schauspieler, allen voran Jude Law, der wirklich das Beste aus seiner eher schwachen Rolle macht.

Insgesamt wird Black Sea nicht langweilig und war wahrscheinlich auch für den Großteil der Sneakbesucher ein konsensfähiges Erlebnis, trotzdem sollte man keine Meisterleistung oder Neuerfindung des Genres erwarten. Aber mit 7 von 10 Torpedos ist Black Sea kein Blindgänger, sondern ein gelungener Auftakt für das Kinojahr 2015, das aber auch noch Luft (oder in diesem Fall Wasser) nach oben hat.

Heimsucht

Eigentlich wollte ich hier ja aus Irland berichten und den Blog weiterführen und Fotos posten und coole Storys und alles. Uneigentlich ist hier im letzten halben Jahr nichts passiert. Kann man jetzt auch nicht mehr ändern.

Allerdings war ich heute Nacht in einem Anflug von spontaner Kreativität mal wieder in der Lage, einen (Poetry Slam) Text zu schreiben. Den möchte ich ohne lange Vorrede mit euch teilen. Nur so viel: Es ist natürlich wie immer nicht biografisch und ein rein fiktiver Text. Alle Ähnlichkeiten mit real existierendem … Krams sind rein zufällig. Der Text heißt Heimsucht und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Heimsucht

Wenn einer eine Reise tut und diese Reise nicht nur eine Reise ist, im Sinne von: Mensch, endlich mal wieder schön verreisen, schön mit Handgepäck und Urlaubsspeck, nix wie weg aus Deutschland, und schön in die Karibik, aber nur für zwei schöne Wochen, dann ist aber auch schön wieder gut und überhaupt sprechen die ja auch eh alle kein Deutsch da, und das muss ja auch nicht sein, ganz pauschal: Tourist ist nicht nur zufällig phonetisch nah dran am Terrorist.

Sondern im Sinne von: Das Land verlassen und auf zu neuen Ufern, in anderen Städten ausufern und auschecken, was so geht und aus dem Hotel, das für die ersten 14 Tage die Heimat war, und rein in die erste eigene Wohnung im Ausland, das von nun an nicht mehr Ausland ist, sondern der Ort, wo du arbeitest und lebst und schläfst und kochst und Pizza bestellst und Klopapier kaufst und den du dann immer mit Deutschland vergleicht, im Sinne von: Mensch, das hätte es ja in Deutschland nicht gegeben und: Hach, guck ma einer an, diese Verrückten hier. Und überhaupt ist das ja alles ganz anders, aber schon auch irgendwie ähnlich.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du betrittst das erste Mal den lokalen Aldimarkt, der vielleicht eine deutsche Erfindung sein mag, aber genau so ein Exportschlager ist, wie der der Lidlmarkt nebenan oder Milka Schokolade oder Rammstein oder deutsche Autos oder alkoholfreies Becks Blue. Und dann hörst du das erste Mal die Frage: „How are you?“ Und du bist verdutzt und verwirrt und verzweifelt. Und du bastelst dir mit deinem besten schlechten Englisch eine Antwort. Und du stotterst sie deinem Gegenüber ins Gesicht: „Ähm. Yeah. Thank you. I am äh good. And you?“ Und du erntest das erste Mal diesen absolut verdutzten und verwirrten und fast verzweifelten Gesichtsausdruck. Und zwar nicht, weil dein Englisch so schlecht ist, sondern, weil man auf „How are you“ nicht antwortet, sondern einfach nur nickt oder grinst oder ausdruckslos angestrengt gar nichts macht, weil es eigentlich auch scheißegal ist, how you are.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und am Anfang skypst du noch regelmäßig mit deinen Bekannten und machst dich mit neuen Menschen bekannt und du kennst schnell den einen oder die andere, aber verkennst die Veränderung und bestehst auf der Vergangenheit. Mit Postkarten teilst du jedem, der es nicht wissen will, mit, dass es auch im Ausland Wetter gibt. Und Wettervorhersagen. Und Alkohol. Und es geht dir gut, aber der Postkartenempfangende fehlt schon irgendwie ein bisschen. Und das Meer auch. Aber die Postkarten werden weniger, denn du kannst nicht ertragen, dass das Leben in der alten Heimat auch ohne dich weitergeht. Und du gehst weiter deinen Umweg und du hast das Gefühl, etwas zu verpassen, und du verpasst den Anschluss und den Tag auf Arbeit, und im Anschluss verlierst du deinen Job und das Interesse daran, das zu ändern, denn Veränderung hattest du schon genug in letzter Zeit, und die Richtung, in die sich die Welt dreht, hat sich ja auch nicht verändert in den letzten 1000 Jahren.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und du hältst dich wieder an deinem Smartphone fest und stellst alle zwei Minuten neu fest, dass dir wieder niemand geschrieben hat. Und du schreibst ab, dich, und die Zeilen aus diesem Auswander-Forum im Internet, wo ja eh jeder irgendwie zu Hause ist, und da steht: „Am Anfang ist es ganz normal, ein bisschen Heimweh zu haben. Das geht vorbei“, und zwar dir und mir und jedem und am Arsch. Home is where your heart is und dein Herz will langsam mal nach Hause.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Es geht doch immer weiter, zumindest noch bergab, wussten schon Turbostaat und du weißt es jetzt auch und nicht besser, und Wissen ist Macht, macht dich aber irgendwie machtlos, und loslassen willst du, aber losmachen kannst du nicht, denn du hast dir vorher geschworen, dass Scheitern keine Option ist. Denn du hast schon so viel angehäuft auf deinem Scheiterhaufen und haufenweise Sachen ausprobiert und aufgegeben und angefangen und abgebrochen. Failure is not an option. Und so ist dieses Mal alles anders und du bist anders und anders ist gut also bist du gut und das alles muss gut sein und damit ist alles gut. Sagst du dir, und glaubst sogar fast selber dran.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du kannst die Frage nicht beantworten und willst die Frage nicht beantworten und du willst dir auch die Frage nicht mehr stellen, sondern lieber gleich die Antwort kennen oder lernen, was es heißt, zu sein. Irgendwo angekommen und nicht wieder auf der Strecke abhanden, selbst wenn die Strecke nur ein Rückweg ist. Ins alte Leben, das ja doch gar nicht mal so schlecht war, irgendwie.

Und dann sagst du der Ferne Ade und suchst dein altes Heim auf und: Verflucht noch mal mal, tut das gut, wieder hier zu sein. Und dann bestellst du dir erst einmal schön ne Pizza und kaufst dir schön Klopapier und suchst dir schön ne Arbeit und du bist froh, dass alle wieder Deutsch sprechen, mehr oder weniger, und du bist selbst wieder einer dieser verrückten Deutschen, die es ja im Ausland so nicht gibt. Sondern nur so ähnlich. Irgendwie.