Alles wird gut

Das Licht im Fenster in der Nacht, so viele Schritte auf und ab. Wie viele Schritte bergauf bergab, bis du vor mir sahst, dass sich die Wände wenden. Leto – Licht im Fenster

Alles wird gut

Der kleine Junge hält sich die Ohren zu, doch er hat die Schreie seiner Eltern so oft gehört, dass sie inzwischen tief in seinem Kopf sind. Es fängt immer an, wenn er schon im Bett ist und am Anfang versuchen sich Mutter und Vater noch leise zu streiten, sodass der Junge nicht versteht, was gesprochen wird. Doch mit jedem Satz steigern sich die Erwachsenen mehr rein und es wird lauter und Türen fliegen und Dinge gehen zu Bruch. Doch verstehen kann es der Junge auch dann nicht.

Er verkriecht sich unter seine Bettdecke und hofft, dass irgendwann alles vorbei ist und sie wieder eine richtige Familie sind. Dass der Vater morgens mit ihnen Frühstück isst und nicht nur kommt, wenn das Abendessen schon kalt ist. Dass sie gemeinsam in den Zoo gehen und nicht mehr nur mit großem Abstand das Haus verlassen. Dass sich Mama und Papa wieder so liebhaben, wie er die beiden liebhat. „Alles wird gut. Alles wird gut. Alles wird gut.“ Wie ein Mantra wiederholt er den Satz im Kopf und versucht, es sich selbst zu glauben.

Manchmal steht er auf und schlurft in seinem Astronautenschlafanzug ins Wohnzimmer. Meist vergehen dann einige Minuten, bis einer der beiden Erwachsenen ihn überhaupt bemerkt, so sehr sind sie damit beschäftigt, sich gegenseitig Worte an den Kopf zu werfen die dort abprallen wie an einem verbeulten Stahlhelm. Irgendwann sehen sie dann aber, wie der Junge verloren und traurig im Türrahmen steht und dann wird es schlagartig still und es ist so, als hätte nicht vor wenigen Sekunden noch eine riesige Gewitterwolke im Zimmer gehangen. Dann wird er ins Bett gebracht und für den Rest des Abends ist Ruhe, oder zumindest bis er irgendwann erschöpft einschläft.

Heute ist es aber so schlimm, dass er sich nicht traut, das Zimmer zu verlassen. Und auch nach mehreren Minuten ist nicht wieder alles gut, selbst wenn er es sich so sehr wünscht. Er will irgendwas tun, doch er ist hilflos. Er fühlt sich zu klein, um gegen die großen Probleme der Erwachsenen anzukommen. Da kommt ihm eine Idee. Er geht zu seinem Schreibtisch und nimmt seine Bastelschere und ein Blatt von dem schwarzen Papier. Etwas ungelenk schneidet er eine Form aus, die wohl eine Fledermaus sein soll, aber auch mit viel Fantasie nur schwer als solche zu erkennen ist. Dann nimmt er sich die Taschenlampe, die für den Notfall neben dem Bett steht, wenn er mal wieder das Gefühl hat, dass sich ihm Monster im Schutze der Nacht nähern. Und er legt das Stück Papier in den Lichtschein und leuchtet zum Fenster und hofft, dass irgendjemand dort draußen sein Notsignal erkennt und ihn rettet.

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Die Taxifahrerin hat bald Feierabend. Was für ein Tag. Stau auf der Stadtautobahn, das ewige Stop and Go, dass ihr niemand bezahlt. Dann der Geschäftsmann, der sie fünf Minuten vor dem Bürogebäude in Mitte hat warten lassen und es dann nicht mal fertiggekriegt hat, sich zu entschuldigen. Über das Trinkgeld brauchen wir gar nicht zu sprechen.

Überhaupt, denkt sie, geben immer die am meisten Trinkgeld, die es sich wahrscheinlich nicht mal leisten können. Die Menschen, für die ihre Dienstleistung immer noch ein Luxus ist. So wie die Studentin, die sich nicht anders zu helfen wusste, weil ihr Fahrrad geklaut wurde und sie dringend zu einer wichtigen Klausur musste. Sie war kaum ansprechbar und fertig mit den Nerven, aber sie hat trotzdem noch dran gedacht, zehn Euro Trinkgeld zu geben, obwohl die Fahrt nur zwanzig kostete. „Ich hab es nicht kleiner, aber ich weiß, dass Sie auf das Trinkgeld angewiesen sind. Vielleicht sehen wir uns ja noch einmal und dann können Sie mich umsonst mitnehmen.“ Und sie würde es tun.

Die letzte Fahrt heute führt sie nach Moabit, dort war sie aufgewachsen und kannte jede Straße auswendig. Sie weiß noch, wie sie sich immer heimlich mit ihrer Freundin am Kanal getroffen hat und sie dann verliebt Händchen gehalten und auch das erste Mal geküsst haben. Sie lächelt, als sie daran zurückdenkt. Wie es ihr wohl heute geht? Immer, wenn sie an der Stelle vorbeifährt, nimmt sie sich vor, ihre Nummer rauszusuchen und sie mal anzurufen. Doch entweder vergisst sie es oder es fehlt dann Zuhause doch der Mut. Alles wird gut – das haben sie mit orangener Farbe an die Wand geschrieben, nachdem sie zum ersten Mal miteinander geschlafen haben und so voller Euphorie waren, dass sie er der ganzen Welt oder zumindest einem kleinen Teil von Moabit mitteilen wollten.

Auch heute, 30 Jahre später, hat dieses Denkmal überdauert und noch immer schreit die Wand am Kanal, dass alles gut wird. Auch wenn es mit den beiden nicht gut gegangen ist, würde sie doch alles noch einmal genau so machen. Sie stellt das Taxi vor dem Eingang des Mehrfamilienhauses ab. Ihr letzter Fahrgast lässt sie warten, typisch. Als sie auf ihrem Smartphone gerade einen Frauennamen eingibt, sieht sie in einem der Fenster einen kleinen Jungen. Er sieht traurig aus und hält eine Taschenlampe, auf der ein Stück Papier liegt, in den Nachthimmel.

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alles_wird_gut

Wir wollen beide nicht loslassen, aber wir wissen, dass es nicht anders geht. Sie weint und auch ich kämpfe mit den Tränen. Den ganzen Abend haben wir diesen Moment aufgeschoben, immer wieder verhandelt, gekämpft und uns an Strohhalmen festgeklammert, die unter dem Gewicht der Emotionen nachgegeben haben. Ich wünsche mir so sehr, dass sie bleibt und auch sie will nicht, dass ich gehe. Aber wir zwei kommen einfach nicht zusammen.

Es war einfach der falsche Zeitpunkt, zu dem wir uns getroffen haben. Ich wollte eine Beziehung, sie wollte sich selbst finden. Ich dachte, ich hätte sie gefunden und sie war froh jemanden gefunden zu haben, mit dem es schön und entspannt und leicht war. Alles wird gut habe ich damals meinem besten Freund geschrieben, nachdem wir uns zum ersten Mal getroffen haben und die ganze Nacht durchgeredet haben. Alles war gut, auch beim zweiten und dritten Treffen, bei dem wir uns mehr und mehr kennengelernt und uns unsere Lebensgeschichten anvertraut haben. Und irgendwann ging es mir zu gut mit ihr und sie ging auf Abstand und dann war nichts mehr so richtig gut.

Ich bin komplett hilflos und weiß nicht wohin mit meinen Armen und Händen, die sich verkrampft an der zehnten Zigarette festkrallen. Ich will sie halten und ganz nah bei mir haben, aber gleichzeitig brauche ich den Abstand, um mich nicht selbst zu verlieren. Und dadurch werde ich sie verlieren, was mich innerlich zerreißt. Am schlimmsten war, als sie die ersten Tränen flossen. Das hat mich komplett zerstört. Da steht jemand vor dir und will stark sein und du weißt, dass ihr beide nicht stark genug seid und dann geht es los. Erst ein leichtes Schluchzen, dann versagt die Stimme und dann dreht sie sich weg und ich weiß genau, was gerade in ihrem Gesicht passiert. Und ich traue mich trotzdem nicht, sie einfach zu nehmen und all das wegzuwischen, was ihre Schminke gerade komplett verwischt.

Wir brauchen diese Pause und ich weiß, dass das, was wir haben, besonders ist. Zu einzigartig, um einfach so zu verschwinden. Zu schön für dieses tränenreiche Dramenende. „Wann sehen wir uns wieder?“ fragt sie mich mit zittriger Stimme und es ist eine von den vielen Fragen, die ich mir selbst schon hundertfach gestellt habe und auf die ich einfach keine Antwort weiß. Ich bleibe stumm und zucke mit den Schultern und sie hat mit keiner anderen Antwort gerechnet und hat auf eine ganz andere Antwort gehofft.

Ich rufe mir ein Taxi und wir stehen lange, viel zu lange, auf dem Flur der kleinen Wohnung. Wir ringen nach Atem und Worten und uns fällt nichts ein. Im Hollywoodfilm würden wir uns jetzt küssen und das Taxi müsste ohne Fahrgast wieder fahren. Aber wir sind nicht in Hollywood, sondern in Moabit und so atme ich noch einmal tief aus und hoffe, dass ein bisschen was von meiner Luft noch lange in diesem Flur bleibt und sie immer, wenn sie in die Küche geht ein bisschen was von mir bei sich hat. Und dann gehe ich und lösche noch im Flur die Nummer aus dem Handy. Und nichts fiel mir je schwerer, ich kann durch das Wasser in meinen Augen kaum etwas auf dem Display erkennen. Ich bemerke auch nicht, dass sie im selben Moment unsere Facebook-Freundschaft aufgelöst hat.

In meinem Kopf hallt noch ihre Stimme nach: Warum kann nicht alles gut sein und das ist viel lauter als alles um mich herum. Viel lauter als der Lärm der Stadt, viel lauter als die vorbeifahrende S-Bahn, viel lauter als das streitende Paar in der Nachbarwohnung. Ich sehe das Taxi und die Fahrerin schaut zu einem der Fenster nach oben, in dem ein schwaches Licht leuchtet. Ich mache mir noch schnell eine Zigarette an, um irgendwas zu tun. Und auch wenn wir uns geschworen haben, dass wir uns wiedersehen, fühlt es sich doch wie ein Ende an.

Warten auf das Happy End

Und egal wo ich penn‘ nix kickt so wie wir, wie du fehlst, wie du fehlst, wie du fehlst. Bosse – Ich warte auf dich

Neben meiner wiederentdeckten Liebe für das Podcasting (hier zu finden), habe ich es auch endlich mal wieder geschafft, einen kleinen Text zu schreiben. Eigentlich will ich das jetzt wieder häufiger machen. Aber das habe ich schon so oft gesagt und dann ist doch wieder ein halbes Jahr nichts passiert. Da heißt es dann warten. Oh, was für eine gute Überleitung zu dieser Geschichte über das Warten.

Warten auf das Happy End

Ich weiß nicht, wie viele Wochen ich nun schon in meiner Wohnung sitze und warte. Der Inhalt meiner Müllbeutel hat inzwischen mehr Bewegung als ich und ohne Lebensmittellieferdienste wäre ich schon verhungert. Ich traue mich nicht mal mehr zum Briefkasten aus Angst, ich könnte das verpassen, was mir jeder zweite Hollywoodfilm verspricht. Der eine Moment, der mein Leben für immer und nachhaltig verändert.

Es klingelt an der Tür, mit glasigen Augen und vom Leben leicht zerzaust steht sie da. Ich bin frisch geduscht und rasiert und habe ganz zufällig das gute Hemd an, dass ich auch beim ersten Date getragen habe. Bedeutungsschwere Blicke werden ausgetauscht, es wird nicht viel geredet, nur ein schüchternes „Hi“ von ihr und ich würde irgendwas krasses sagen wie: „Ich habe auf dich gewartet“ oder „Ich wusste, dass du zurückkommen würdest“ und dann würde sich schön lange und tief in die Augen geschaut. Eventuell setzt dann schon die kitschige Musik ein, vielleicht fallen wir uns auch erst um den Hals. Unsicher bin ich mir auch, ob es Tränen geben wird. Doch, es sollten schon ein paar Tränen kullern, kann ja jeder dann selbst entscheiden, ob die Wiedersehensfreude oder der tiefe Schmerz vorher (der gehört auf jeden Fall dazu) Schuld daran sind. Aber es darf kein Auge trocken bleiben. Spätestens jetzt dann Einsatz Orchester, eine 360-Grad-Kamerafahrt um uns beide und dann verkleinert sich das Bild immer weiter, bis es schließlich schwarz wird und nur noch der hochemotionale Song läuft und dann rollt der Abspann durch das Bild mit all den Namen, die in den letzten Wochen dieses Happy End erst möglich gemacht haben.

Zuerst steht da ihr Name, klar, Ladies first. Die Angebetete, das schöne Mädchen. Dann kommt mein Name. Der Außenseiter, der so lange nicht an sich geglaubt hat und doch immer weiter für die Sache gekämpft hat. Und dann kommt erstmal ne Weile nichts. Und dann kommen die Nebenfiguren. All die Lieferandofahrer, meine Freundinnen, die immer nur die Augen verdreht haben mit jeder neuen Sprachnachricht, die sie von mir bekommen haben. Meine Nachbarn, die immer wieder mal geklingelt haben und dann leicht irritiert waren, als ich erwartungsvoll die Tür geöffnet habe. Ihre Freunde, die ich zwar noch nicht kennengelernt habe, aber die bestimmt alle fantastisch sind und sie am Ende doch überzeugen konnten, in den Bus zu steigen und den Typen (mich) endlich klar zu machen. Und natürlich die Busfahrerin des letzten Buses, die eigentlich schon losgefahren war, aber extra noch mal angehalten hat, als sie die heranlaufende Frau im Regen (es muss natürlich regnen, hab ich oben vergessen, aber ist klar, zerlaufenes Makeup und der eine Regentropfen der von ihrer Nasenspitze tropft) gesehen hat. Sie alle kommen vor und nach dem Abspann gibt es noch die eine Szene, wo wir alle im Park sitzen in schöner Kleidung, Spaß haben, grillen, ein Hund fängt eine Frisbee und es wird viel gelacht. Ich sehe es schon vor mir.

Das blöde bei diesen Hollywood-Filmen ist, dass nie dazu gesagt wird, wie lange der Protagonist wartet. Vielleicht wird es auch gesagt, aber ich neige dazu, bei Filmen einzuschlafen und erst kurz vor Schluss wieder aufzuwachen. Es sind jetzt sechs Monate, die ich mein Haus nicht mehr verlassen habe und auch kein Lebenszeichen mehr von ihr bekommen habe. Wir sind in den sozialen Netzwerken nicht mehr verbunden und irgendwie habe ich versehentlich ihre Telefonnummer gelöscht. Aber es wäre ja auch blöd wenn ich anrufen würde: „Du sag mal, ich würde schon gern mal wieder aus dem Haus gehen, aber weißt du, lustige Geschichte, ich weiß ja, dass du hier bald dramatisch vor meiner Tür stehen wirst und ich will ja dann auch da sein, wäre ja auch blöd wenn du dann warten müsstest, nicht wahr? Also, nur mal so, huhu, ich lebe noch und warte, du, aber alles gut, lass dir Zeit, ich laufe nicht weg. Hihi.

Naja, letztendlich ist es das ja Wert und so ein bisschen Zeit mit sich verbringen ist ja auch mal ganz schön. Nun gut, ich habe inzwischen zum vierten Mal Friends komplett geschaut und ich führe regelmäßig Selbstgespräche, aber das ist doch nichts Schlimmes. Ja, okay, ich war schon mal in besserer körperlicher Verfassung und das mit dem Job ist natürlich schon ärgerlich. Aber da kann man dann sicher einen super zweiten Teil draus machen. Darin lachen wir dann viel und sie regt sich auf, dass ich das Geschirr nicht direkt in die Spülmaschine räume und ich lache sie dann ein bisschen aus, weil sie ihre Ohrringe nicht findet und dann streiten wir uns kurz ein bisschen und dann lachen wir aber schnell wieder und dann wird ordentlich einer durchgekuschelt. Und dann sieht man so eine rockymäßige Trainingsmontage, in der ich wieder fit werde und dann fährt sie mich zum Vorstellungsgespräch und gibt mir so ein Glücksbringkuss auf die Wange und natürlich kriege ich den Job, in der Szene trage ich dann übrigens einen Anzug, aber mehr so locker und mit dem obersten Hemdknopf offen und am Ende heiraten wir und kriegen Kinder.

Ach ja, ist jetzt gerade nicht die beste Zeit und ein bisschen langweilig auch und warten ist jetzt auch nicht meine Lieblingsbeschäftigung auf der Welt, aber ich freue mich richtig drauf. Wie schön wird das alles. Wenn ich mir vorstelle, wie warm mir immer schon ums Herz wird, wenn sich die Protagonisten in den Filmen endlich kriegen, wie viel besser muss das dann erst noch in echt sein. Vorfreude ist einfach die schönste Freude.

Ich hoffe nur, sie hatte keinen Unfall. Oder vielleicht hat sie auch vergessen, wo ich wohne. Das wäre blöd. Naja, ne, das ist Quatsch. Das passiert in den Filmen ja auch nicht. Nene, das brauche ich mir gar nicht einbilden. Also, wenn du das jetzt liest oder aber einer deiner Freunde, nur so als Info: Ich warte noch. Komm einfach vorbei, no pressure, klar. Oder melde dich wenigstens mal. So ein kurzes Lebenszeichen, nichts Dramatisches. Vielleicht war ja nur noch nicht der richtige Zeitpunkt. Okidoki, dann sag ich mal bis bald. Ich bin bereit.

Ich geh mit meiner Laterne

That suicide is painless, it brings so many changes and I can take or leave them if I please. Manic Street Preachers – Suicide is painless

Dieser Text basiert auf einer kleinen Übung. Diese funktioniert so, dass ich drei Begriffe bekomme und daraus dann einen Text baue, beziehungsweise diese Begriffe in den Text einbauen muss. Kommentiert doch mal eure Vermutung, welche drei Begriffe es in diesem Fall waren. Oder gebt mir gerne auch drei Begriffe in den Kommentaren. Dann seid ihr vielleicht auch bald ein kleiner Teil dieses Blogs.

Ich geh mit meiner Laterne

„Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir.“ Er muss vier oder fünf Jahre alt gewesen sein als ihm der Stock der Papierlaterne aus der Hand rutschte und kurz darauf ein kleines Feuer auf dem Bürgersteig brannte. Sein Vater, der einen kurzen Moment unaufmerksam war, bekam nicht sofort mit, wie der Junge versuchte, das Feuer auszutreten und dabei seine Hose Feuer fing. Das Feuer griff zu schnell auf den Stoff über und erst als er zu schreien begann, drehte sich der Vater um, warf das Kind zu Boden und löschte mit seiner Jacke die Flammen. Zu diesem Zeitpunkt war ein kleiner Teil der Haut schon verbrannt. Das ist seine erste Erinnerung, die Wärme, das Feuer und der Geruch nach verbranntem Fleisch.

Es riecht nach gegrillten Würstchen und exotischen Gewürzen. Er versteht nicht, wieso seine Freunde immer Tapas essen wollen. Es ist ein Ernährungskonzept, was für ihn nicht funktioniert. Klar, teilen ist okay und hat er auch kein Problem mit, aber wenn er irgendwo essen geht, will er eine klar definierte Mahlzeit haben, von der er dann auch gefälligst satt zu werden hat. Maximal ein Dessert oder einmal das Gericht der anderen probieren und sich darüber ärgern, dass man doch das falsche Gericht gewählt hat. Aber doch nicht diese Miniportionen und dann will keiner die letzte Chorizo essen oder jemand muss unbedingt die gefüllten Oliven haben und irgendwer ist eigentlich immer unzufrieden, weil er nicht genug von dem bekommen hat was er wollte und sowieso bezahlt man dafür dann 40 Euro und holt sich trotzdem noch den Döner an der Ecke um keinen Hunger mehr zu haben.
Abwesend nippt er an seinem Rotweinglas. Die Gesprächsfetzen fliegen um ihn herum und nur selten bleibt mal einer bei ihm hängen. Familienplanung, Vorsorge, Arbeit und die Politik. Der hat letztens wieder was gesagt und wisst ihr was die gemacht hat? Seine Gedanken sind nicht in der Tapasbar sondern irgendwo anders, aber keinem der Freunde fällt es auf. Wenn er doch mal versehentlich angesprochen wird, nickt er aufmerksam, lacht kurz und reagiert, wie er es über Jahre gelernt und sich immer weiter antrainiert hat. Das reicht fast immer und erst recht heute in dieser Runde.

Am Ende verabschieden sich alle wort- und gestenreich. Umarmungen werden ausgetauscht, Komplimente und viele Versicherungen, das bald mal wieder zu wiederholen. Er hat sich mit dem letzten Schluck Wein noch schnell die grinsende Maske aufgesetzt, sodass weiterhin nichts auffällt. Lasst uns doch mal wieder nen Spieleabend machen oder ausgehen und tanzen. Klar. Machen wir. Unbedingt. Dann steigt er ins Taxi, verstaut die Maske in der Jackentasche und fährt nach Hause.

Laterne

Im Flur steht die alte Stereoanlage. Ein Mahnmal, ein Monolith, dass ihn jedes Mal wieder daran erinnert, dass es einfach nicht auf die Reihe kriegt mit diesem Leben. Es fängt bei Kleinigkeiten an und türmt sich auf, höher, breiter und weiter und irgendwann fällt er wieder in sich zusammen. Der Staub sammelt sich auf den Boxen, er wollte sie schon längst in den Keller gestellt haben, aber jedes Mal wieder fehlt ihm die Kraft, den festen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Weil stört ja auch nicht, geht ja auch irgendwie, man kann daran vorbeilaufen, ist okay. Überhaupt kann man an allem vorbeigehen und alles geht doch irgendwann vorbei, oder?

Während er auf der Couch sitzt, kommen die Wände wieder mal näher. Sie bauen sich Stück für Stück um ihn auf und engen ihn ein. Er merkt, wie sich wieder mal ein Schweißfilm auf seiner Stirn bildet. Alexa, hol mich bitte hier raus. Es tut mir leid, ich kann dich leider nicht verstehen. Ich kann dir auch leider nicht helfen. Niemand kann dir helfen. Komm endlich damit klar und rede nicht mehr mit mir. Panik und Angst und Hilflosigkeit. Die Stereoanlage spielt die Manic Street Preaches. Manisch. Es reicht.

Wie man die kleinen Papierlaternen baut, hat er bei Youtube gelernt. Er zündet die Kerze an und versucht die Wände mit Feuer zum zurückgehen zu bewegen. Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne brennt hier. Dort oben Leuchten die Sterne und hier unten brennen wir. Der Kampf gegen die Wände ist lang und unbarmherzig. Ihm geht die Kraft aus. Irgendwann gibt er sich geschlagen. Die Laterne fällt ihm aus der Hand und ein helles Licht breitet sich auf dem Teppich aus. Diesmal schreit er nicht, denn es ist niemand da, der das Feuer für ihn löschen könnte.

Happy Bloggeburtstag to me!

Wir baun uns etwas auf, und es lohnt sich allemal. Wir tanzen durch den Staub und singen scha-lala-lala. Adolar – Halleluja

Heute vor 7 Jahren (okay, ich veröffentliche diesen Text schon einen Abend vorher) habe ich meinen ersten Post in diesem Blog geschrieben. Also genau am 16.09.2013 wurde der Fernschreiber geboren. Ganz richtig ist auch das nicht, denn der Blog entstand aus einem persönlichen Podcast, den ich geschätzt 2008 oder 2009 zum ersten Mal aufnahm und dann vier Jahre und über 100 Folgen vor mich hinproduzierte. Zum Glück gibt es die Aufnahmen nicht mehr im Internet, nur vereinzelte Fundstücke und legendäre Folgentitel wie „Tittenfick antäuschen und auf den Bauch kacken“ (danke Thomas) – man sieht, mein Niveau ist deutlich gestiegen.

Angefangen habe ich 2013 mit einem Text über das Anfangen. Gähn. Mega spannend, kreativ und einzigartig. Kann man hier nachlesen, muss man aber nicht. Damals hatte ich meine Masterarbeit gerade abgegeben und habe mich gefragt, was denn nun aus mir und meinem Leben wird. Ein Aufbruch aus Rostock schien unausweichlich und so kam es dann ja auch. Irland, Hamburg, kurz Köln und dann Berlin, wo ich jetzt in meinem 120-Quadratmeter-Loft auf einem Bärenfell liege und diese Zeilen zu digitalem Papier bringe. Hätte ich damals ja auch nicht gedacht, dass aus mir mal was wird.

Wenn man diesen Text mitzählt, habe ich insgesamt 60 Texte verbloggt. Das macht im Durchschnitt ungefähr 8 bis 9 Texte im Jahr, allerdings gab es auch echte Durststrecken zwischendrin. So habe ich 2016 keinen einzigen Beitrag geschrieben, 2019 nur zwei. In diesem Jahr sind es mit diesem schon 13, es ist also ein echt produktives Jahr und ich bin doch ganz froh, dass ich dieses kleine Ventil habe.

Sollte jemand der das liest Erfahrungen mit Blogs oder Wordpress haben, würde ich mich sehr über ein Geburtstagsgeschenk freuen. Der Hoster ist nicht mehr wirklich aktiv und bietet nur rudimentäre Funktionen. Ich würde mir gerne einen richtigen Blog schenken, einen den man verändern kann, mit Kategorien und einer eigenen, bezahlten Webseite, auf der ich dann auch lange keine Texte poste. Hab nur leider nicht genug Ahnung davon. Wenn mir da jemand helfen könnte, wäre ich über eine Nachricht sehr dankbar, würde ein Eis ausgeben und eine Lobhudelei als Text für den neuen Blog schreiben.

Ansonsten habe ich mir überlegt, dass ich zur Feier des Tages zwei besondere Texte veröffentlichen möchte. Den Anfang macht mein erstes je geschriebenes Gedicht. Es trägt den Titel „Die erste große Liebe“ und hieß in meinen inzwischen ausgeblichenen handgeschriebenen Aufzeichnungen noch anders. Das war damals am 16.06.2004 und ich bin ganz froh, dass ich mich inzwischen etwas weiterentwickelt habe. Hat auch damals nicht so funktioniert wie geplant, Mist.

Damals, als ich noch alles handschriftlich auf Blätter, in Bücher oder auf Toffifeepackungen geschrieben habe, habe ich tatsächlich noch jeden Text mitgezählt. In der Anfangszeit waren es nur Gedichte, irgendwann habe ich mich dann an kleine Geschichten getraut. Mein 100. Text war so eine Geschichte und da mir ja nachgesagt wird, dass ich das Drama mag, ging es natürlich auch darin irgendwie um die Liebe, alles natürlich komplett frei erfunden am 21.10.2006. Man sieht, damals hatte ich noch deutlich mehr kreativen Auswurf als heute. Ich hoffe, ihr habt auch mit „Der Bergriese und die Prinzessin“ ein wenig Spaß. Ich hatte auf jeden Fall Spaß dabei, ein wenig in meiner textlichen Vergangenheit zu kramen.

Die erste große Liebe

Du bist ein besonderer Mensch in meinem Leben,
jemanden wie dich, kann es nur einmal geben.
Immer wenn du da bist, scheint die Sonne in meinem Herzen,
doch leider fühl ich gleichzeitig auch diese unschönen Schmerzen.
Du kannst nichts dafür, dass es mir jetzt öfter mal schlecht geht,
aber du bist der zentrale Punkt, um den sich zur Zeit mein Leben dreht.
Liebeskummer ist das Schlimmste was es gibt,
besonders dann, wenn man so einen Engel wie dich liebt.

Dank dir hab ich so viel wie vorher nie gelacht,
mit dir hab ich die schönsten Dinge meines Lebens gemacht.
Warum musste ich mich bloß in dich verlieben?
Wären wir doch nur gute Freunde geblieben.

Viele Menschen, die mir wichtig sind, würde ich ohne dich nicht kennen.
Ohne dich würde ich in vielen Pausen sinnlos durch die Gegend rennen.
Dieser Text ist so etwas wie ein Kompliment für dich,
besonders für dein Gedicht bedanke ich mich.
Freundschaft mit dir, das ist was ich will, doch noch ist es schwer,
denn dafür liebe ich dich – glaube ich – noch viel zu sehr.

Ich hoffe, und ich glaub, wir sind stark genug,
um uns wieder besser zu verstehen.
Dir zu sagen, dass ich dich liebe, war nicht so klug,
doch das konnte ich vorher nicht sehen.
Vergiss mich nicht, ich vergesse dich ja auch nicht,
und für mich ist das auch kein Problem.
Ich denke dann einfach bloß kurz an dein Gesicht
und ich weiß, ich habe vor dir noch nie, einen Engel gesehen.

Text

Der Bergriese und die Prinzessin
Es war einmal ein Bergriese, der in einer alten Hütte in einem großen Wald lebte. Diese Hütte lag abgeschieden an einem malerischen kleinen See, an dem er oft saß und angelte. Erdna, so war der Name des Riesen, war oft sehr traurig denn er hatte keine Freunde. Es gab in dieser Region keine anderen Bergriesen mehr, sie lebten alle viele Kilometer weit weg in einem großen Gebirge.

Und auch mit Menschen konnte sich Erdna nicht anfreunden. Immer wenn er bei einem Waldspaziergang auf Menschen traf, rannten sie weg. Sie hatten Angst, was auch verständlich war, denn Erdna sah schon beeindruckend aus. Er war etwa 2,50 Meter groß, hatte schwarze lange Haare, die ihm zottelig über die Stirn hingen und einen schwarzen Vollbart. Außerdem waren Bergriesen immer sehr kräftig gebaut.

So kam es, dass er abends oft allein in seiner Hütte saß und weinte, weil ihm die Einsamkeit so zusetzte. Irgendwann schlief er immer dabei ein und erwachte am nächsten Morgen mit glasigen Augen.

So ging es tagein, tagaus, bis er einmal etwas Besonderes erlebte. Er war grade auf dem Weg, etwas Holz für den Kamin zu holen, als er plötzlich eine unglaublich schöne Stimme singen hörte. Noch nie zuvor hatte er so etwas Schönes gehört. Der Riese war wie gebannt und bewegte sich wie ferngesteuert zum Ursprung dieses Klanges. Als Erdna erblickte, woher dieser Gesang kam, wollte er seinen Augen nicht trauen. Es war eine junge Prinzessin, die dort saß und Blumen pflückte und dabei so herzzerreißend schön sang. Er konnte seinen Blick nicht von ihr abwenden und musste dieses Lied weiter hören. Als die Prinzessin aufsah, bemerkte sie ihren Zuhörer. Sie wurde rot und hörte auf zu singen. „Entschuldige bitte, ich hoffe ich habe dich nicht zu sehr gestört.“ Erdna war überrascht, dass das Mädchen nicht laut schreiend die Flucht ergriff, sondern ganz ruhig sitzen blieb. „Nein nein, du hast überhaupt nicht gestört. Du singst sehr schön. Aber willst du nicht schreiend davonlaufen?“ Die Prinzessin lächelte. „Warum sollte ich?“ Erdna erwiderte: „Na wegen mir, weil ich so ein furchtbares Ungetüm bin.“ Sie sah ihn fragend an. „Findest du wirklich? Ich finde du siehst sehr nett und freundlich aus. Ich bin übrigens Prinzessin Margad. Und wer bist du?“ „Mein Name ist Erdna, ich wohne in einer Hütte am See.“ Und daraufhin redeten beide noch lang miteinander. Sie wurden Freunde. An diesem Abend schlief Erdna zum ersten Mal in seinem Leben glücklich ein. Er hatte einen Freund. Einen echten Freund.

In der nächsten Woche trafen sie sich wieder. Er half ihr beim Blumen pflücken. Er kannte den Wald wie seine Westentasche und konnte ihr so Stellen zeigen, an denen die Blumen zehnmal schöner waren als im Rest des Waldes. Dafür machte sie ihm aus den Blumen Schmuck für seine Hütte. Oft verbrachten sie den Tag auf einer Lichtung. Da sang Margad dem freundlichen Riesen fröhliche Lieder vor und er las der Prinzessin Geschichten und Gedichte vor, die er extra für sie geschrieben hatte. Alles war perfekt und Erdna war überglücklich.
Eines Tages spürte der Riese ein seltsames Gefühl in seiner Magengegend. Es war wie Schmetterlinge, die sich in seinen Körper verirrt hatten. Erst konnte er es nicht zuordnen, aber dann wurde es ihm klar. Dass war es also, wovon die Dichter immer sprachen, diese wunderbare Gefühl. Er war in Margad verliebt, in diesen wunderbaren Menschen.

Am nächsten Tag trafen sie sich wieder auf der Lichtung. Erdna war irgendwie nervös und anders als sonst, das bemerkte Margad gleich. „Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst so blass aus.“ Er holte tief Luft und sagte: „Ich muss dir etwas erklären. Also…Ich habe mich in dich verliebt!“ Dieser Satz traf das Mädchen wie ein Blitz. Sie sagte nichts. Nach einem Moment rannte sie, ohne etwas zu sagen, davon. Erst wollte Erdna ihr hinterherlaufen, doch dann wurde ihm bewusst, dass es keinen Sinn gehabt hätte.

In dieser Nacht schlief der Riese nicht, sondern er weinte die ganze Zeit. Er hatte alles kaputt gemacht. Jetzt war er wieder da, wo er schon einmal war. Nach zwei Tagen lag ein Brief vor seiner Tür:

Lieber Erdna,
es tut mir alles so leid, dass ich einfach weggelaufen bin. Aber
ich wusste nicht was ich tun sollte. Du bist ein wundervoller Mensch
und der beste Freund den ich je hatte. Aber ich kann dich nicht
lieben, selbst wenn ich wollte. Es geht einfach nicht. So sehr ich
es auch will. Es tut mir leid, sei bitte nicht zu lange traurig.
Du wirst irgendwann auch die Richtige finden!
Margad

Er verstaute den Brief in einem ganz besonderen Buch und dachte über den letzten Satz nach: „Du wirst irgendwann auch die Richtige finden!“ „Wie denn“, dachte er, „ich hab ja nicht einmal richtige Freunde.“ Bei diesem Gedanken brachen alle Dämme. Er fing an markerschütternd zu weinen. Und dann weinte er drei Tage und Nächte ununterbrochen. Dann hatte er keine Kraft mehr und schlief ein.

Es passierte Erdna noch einige Male, dass er durch den Wald ging und dann Margad leise singen hörte. Es waren nicht mehr die alten, fröhlichen Lieder, sondern sehr traurige Balladen. Und auch ihre Stimme war nicht mehr so kraftvoll wie früher. Sie war mit der Zeit irgendwie schwach und zitterig geworden. An solchen Tagen, wenn er sie singen hörte, nahm er sich abends ihren Brief. Er las ihn so lange, bis er weinend in einen unruhigen Schlaf fiel.

Kanzlerin der Herzen

Und deshalb schick ich diese Botschaft hinaus in die Welt: Junger Mann mit Zukunft sucht junge Frau mit Geld. Funny van Dannen – Junger Mann mit Zukunft

Okay, es ist Zeit, etwas zu gestehen. Ich habe bereits zu Studienzeiten eine Frau kennengelernt und habe eigentlich gesagt, dass ich nie über das spreche, was zwischen uns passiert ist. Allerdings habe ich schon damals um alles für mich zu verarbeiten, einen Text darüber geschrieben. Und weil ich noch heute manchmal an sie denken – vielleicht liest sie den Text ja sogar und meldet sich mal wieder – möchte ich diese wahre Geschichte heute veröffentlichen. Es fing aber alles mit einem Gedicht an, dass ich schrieb, das kommt zuerst. Nachdem Gedicht habe ich dann gedacht: Okay, wird gemacht und dann nahm das Leben seinen Lauf.

Immer wenn ich mich verliebe (2010)

Ich sollte mich einfach mal wieder verlieben
und ich mein jetzt so richtig,
mit Blumen und Trieben
und Bienen,
die ihr Summen summend durch die Gegend schieben.

Und ich sollte Raupen fressen,
rein bildlich gesprochen,
die im tapsigen Takt meines Herzens pochend
von innen meinen Bauch vermessen,
bis sie als Schmetterlinge weiterfliegen.

Ich bleibe einfach auf dem Rücken liegen,
tanze wild in meinen Träumen
und erwache plötzlich zwischen Bäumen.
Ich schaue den Wolken beim wandern und mäandern zu,
lasse die Gedanken darum kreisen
irgendwie sind die Wolken du.

Auf einmal sind es Meisen,
die, ohne sich etwas dabei zu denken,
wie Kampfpiloten ihre Flügel lenken
und gedankenlos den Himmel reißen.
In mir spüre ich ein Beißen.

Erst glaube ich, es sind die Schmetterlinge,
doch ist der Magen plötzlich flau.
Und die Schmerzen kommen ganz genau
von meinem Herzen,
dass aufhören will, mich in die Flucht zu schlagen.

Ich weiß genau so wird es klingen das Klagen,
wenn ich mich mal wieder verliebe
und zwar komplett mit allen Konsequenzen.

Dann werde ich die Freude schwänzen
und lange in den Himmel schauen
zu Sternen,
die einsam ihre Bilder bauen
und einschlafen
ohne etwas daraus zu lernen.

Kanzlerin_der_heerzen

Kanzlerin der Herzen (2011)

Um endlich die Liebe meines Lebens zu finden, wollte ich eine Kontaktanzeige in die Zeitung setzen. Meine ersten Ideen waren:

- Ich suche die große Liebe, aber es ist auch okay, wenn du klein bist.
- Wer braucht schon ein Sixpack? Ich habe ein ganzes Fass voll Liebe.
- Liebe geht durch den Magen, lass mich dein Kannibale sein.

Alles ganz okay, aber die perfekte Idee kam etwas später beim Musik hören:

„Junger Mann mit Zukunft, sucht junge Frau mit Geld!“

So setzte ich meine Annonce in die Zeitung und schon kurze Zeit später meldete sich jemand bei mir. Ich traf die Dame in Berlin und war ziemlich überrascht, als ich auf einmal vor Angela Merkel saß. Sie sollte also die Kanzlerin meines Herzens sein? Und tatsächlich, wir verstanden uns sofort gut und wurden ein Paar. Und ihr glaubt gar nicht, wie entspannt Angie privat ist. Unter ihrer rauhen Schale, steckt wirklich ein Kern, der Erhard ist! Und ich glaube, dass auch ich ihr gut tat. Da gerade Sommerloch war – es war Merz – konnten wir viel Zeit miteinander verbringen. Angefangen bei einfachen Kinderspielen, wie Beckstein, Beckstein, alles muss versteckt sein und „Auf der Mauer, auf der Lauer“, waren wir später bei der Fünf-Prozent-Hürdenlauf-Weltmeisterschaft und Westerwellenreiten wie Piraten. Danach fuhren wir in die Alpen, ich saß am Steuerberater und suchte uns einen Gutenberg zum Rodeln. Dabei machte sie echt eine gute Figur kann ich euch sagen, sie hat einige Kabinettstückchen drauf, mit denen sie ganze Wälder abscholzen konnte. Und wenn wir Menschen trafen, die mitgenommen aussahen, nahmen wir sie einfach trotzdem noch ein Stück mehr mit, in die Berge, vor allem in den Hartz. 4-mal machten wir so eine Tour. Wir gingen wirklich durch dick und dünn und über sieben Steinbrücken. So stärkten wir unsere Junge Union.

Wir wowereiteten in den Sonnenuntergang. Sie hatte nen Pony, und ich trug ihr Kleid. Aber das war nur eins unserer kleinen Rollenspiele. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, haben wir noch Marx und Moritz, Schneeweißchen und Röslerrot, Brüderle und Schwesterchen, das tapfere Schröderlein und – was mein Lieblingsspiel war – Rotkäppchen und der böse Wulff gespielt. Unsere Liebe kannte keine Grenzbeamten!
Ich war ihr Sta(r) – Si(e) war die Lafontäne in meinem Brunnen der Lebensfreude, meine Kornblume im Weizsäckerfeld.

Auch beruflich konnte ich ihr ein wenig unter die Armen greifen, indem ich ihre Wahlplakate entwarf – ich hatte ihr einen ganzen Strauß an guten Ideen zusammengestellt.

- Einmal Kanzler – Immer Kanzlerin
- Angela, ein Lächeln sagt auch nicht immer mehr als 1000 Worte
- und, mein Favorit, „Merkel mit Zopf, kann Haushaltslöcher stopf!“

Mein kleines Zuckerschnüttchen war auch beim Essen nicht sehr wählerisch. Ihr Leibgericht war Bismarckhering mit Kohlsuppe und Annanas zum Dessert. Und wenn sie etwas nicht mehr schaffte, froren wir es ein – außen Dobrinth, innen Geschmack! Schilly mochte sie übrigens nicht so, aber wir hatten eh Schmetterlinge im Bauch und waren so beim Caffier und Kuchen viel mehr damit beschäftigt, Fischer for Kompliments zu betreiben. Ich nannte sie Entchen, das viel lieber ein Schavan wäre, mein Eichelhäher und meine versaute Sarazine, sie nannte mich ihr frecher Berlustconi. Außerdem liebte sie den bushigen Schwanz von mir, ihrem Bestoiber, den sie so rattenscharping fand. All das passierte aber hinter unseren schwedischen Gandhinen von Ikea.

Die Zeit mit ihr war zwar der…hm… Hit, Leerlauf stellte sich aber irgendwann doch ein. So war es mit uns so schnell wieder vorbei, wie sie zu früh gekommen war. Einmal redeten wir über den Papst, als sie behauptete, es gab mal einen Papst Inkontinenz und auch einen Papst Omnipräsenz. Letzterer fand sogar den heiligen Gral und Stalin – dies sei angeblich ein direkter Auftrag des ErzEngels Gabriel gewesen… Ich hatte eh einen schlechten Tag und glaubte ihr nicht. Ich wurde richtig wütend und sah plötzlich nur noch Roth. Ich fragte sie ob ne Schäuble locker hat und mir hier etwas vorgauckeln will.

Sie behielt jedoch einen Köhlern Kopf, gab mir keine Chance für eine Neuwahl und warf mich Struck zuck mit einem Trittin den Allerwertesten aus dem Kanzleramt raus. Ein krasser Fall von heusslicher Gewalt. Naja, ich hatte de Maizière und wollte nur nach Hause, hatte aber kein Geld, da Angie immer alles bezahlte. So ging ich zu ner Bekannten und musste mir halt Geld von der Leyen. Ich stieg in die Bahn und alles war aus. Auch wenn ich wieder auf dem Boden der Tatsachen war, werde ich auch weiter kühn Ast um Ast erklettern, um wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Frei nach dem Kölner Motto: „Ma hat ma Glück, ma hat ma Pech, Mahadma Dinijad.“

Ich war nie jemand, der über ein Mädchen Herzog, daher sind wir zwei auch immer noch bei Facebook befreundet, haben uns aber seit dem nicht mehr gesehen.

Hier nun, wie ich mir ein Happy End gewünscht hätte:

Gemeinsam setzten wir uns auch für eine moderne Nationalhymne ein und wählten Cro mit seinem Hit: Gysi, wohoho als echte Alternative für Deutschland und seine Hymne, die es ja schwesig nun auch schon sehr lange gab.

Um endlich alles offiziell zu machen, ging ich zu Helmut, einem bayrischen Goldschmidt. Als ich reinkam war er kurz skeptisch (Kennydi nicht?) dann verkaufte mir aber seinen schönsten Ring.

Beim Bundespresseball stellte ich Merkelinchen die Vertrauensfrage. Und obwohl sie Zweifel oder drei hatte, gab sie mir ihr Ja-Wort.
Und weil sie ja so christlich war, heirateten wir im kleinen bayrischen Dorf Stauffenberg, in einer richtigen, wie sagen die Engländer: romantic, little Churchill. Der Priester fragte uns: „Sarkozy, komme se von hiar?“, und obwohl wir das verneinten traute er uns trotzdem.

Lieber Herr Fernschreiber, wollen Sie die hier vereidigte Bundeskanzlerin Angela Merkel heiraten und gut zu ihr sein, an guten wie an schlechten Tagen, in Regierung und Opposition, bis dass der Bundespräsident Sie scheidet, dann sagen sie: Ja ich will (oder alternativ auf bayerisch: Ja dass will i!“ Der Brandt der Gefühle entzündete meine Leidenschaft. Ja ich wollte und auch sie wollte, sozusagen Yes we can! und so wurden wir zur großen Koalition!

Wenn zwei sich lieben

Es war ein wunderschöner Tag, in der Nacht hast du geweint. Ich weiß es fühlt sich nicht so an, doch es tut mir Leid. Die Kerzen – In der Nacht hast du geweint

Heute mal wieder ein alter Text, ich weiß gar nicht mehr genau von wann, ich würde mal schätzen aus dem Jahr 2016. Schade, dass ich danach kaum noch Poetry Slams gemacht habe, ich würde den eigentlich gerne mal auf der Bühne präsentieren. Jetzt aber erstmal in digital geschriebener Form.

Wenn zwei sich lieben

Anders als dieser Text, hatte das mit den beiden keinen richtigen Anfang. Sie war irgendwann da und schnell war klar, dass er die Augen nicht mehr von ihr lassen kann – schließlich ist er ein Mann – klar – und an ihrem Charakter, und nur da, ist einiges dran. So traf man sich so dann und wann und bändelte – so sagen wir jungen Leute von vor 20 Jahren heute – an.

So reden und lachen und tanzen und machen und gackern und ackern und leben und kuscheln und grinsen und tuscheln sie die ganze Zeit zu zweit. Und alles ist schön und toll und groß und wundervoll und überhaupt das Beste Punkt.

Wenn – und so ist es immer – das wenn nicht in der Quere wäre. Diesmal ist es sogar schlimmer, denn sie hat noch keinen blassen Schimmer, dass er schon viel zu viele Jahre lang, eigentlich ganz glücklich ist und das da noch ein Mädchen ist, das ihn – irgendwie – ganz schön vermisst. Und wenn er wieder zu ihr geht, bleibt sie zurück, ohne, dass sie versteht, wie nun alles weitergeht. Und ob es überhaupt noch weitergeht und wenn ja, welchen Sinn es ergibt oder macht, wenn sie mal wieder an ihn gedacht und ihn und die ganze Situation dabei so sehr satt hat, dass sie nichts mehr essen kann. Sie fällt nicht weiter ins Gewicht, ernährt sich ja nur noch von Liebe und Luft und auch Licht und verliert immer weiter ihr Gesicht.

Wo die Liebe hinfällt, da fallen auch sie übereinander her und falten die Hände schwer, auf das es was wird mit ihr und ihm und einem uns. Sie konstruiert versiert und nur auf ihn fokussiert Tagebucheinträge, in denen sie davon spricht, wie er ihr Tag für Tag und Nacht für Nacht und in all den Sekunden dazwischen, immer wieder neu das Herz bricht. Und dann klebt sie das Fotoautomatenfoto mit ins Buch, ein letzter verzweifelter Versuch, zeitlos zu werden und gemeinsam zu sterben, wenn auch nur auf diesem weißen Blatt Papier. Denn im Jetzt und im hier ist er wieder bei ihr und da lacht er und tanzt er und macht und gackert und beackert sie, und kuschelt und tuschelt und grinst und vor allem lebt er ein Leben, das sie sich nicht mal im Traum zu träumen traut.

Und am nächsten Tag kommt er wieder zurück und verschweigt Stück für Stück sein Glück. Denn eigentlich sei nur sie die eine und sonst keine, er komme ja auch nicht mit sich selbst ins Reine und überhaupt hör mal mit dem Geweine auf und genieße einfach den Moment, solange sie dich und mich und ein uns – wenn es ein uns gibt – noch nicht kennt.

Sie badet in Selbst- und Fremdmitleid und mischt Glycerin und Gänseblümchenblätter ins lauwarme Blubberblasen-Badewasser, die sie selbst zerpflückt hat. Und sie weicht sich darin ein, bis alle Seifenblasen ausgewaschen, bis alle Abschmetterlinge ertrunken und bis alle Traumschiffe gesunken sind, sodass nur noch das kleine Häufchen Elend übrig ist. Und dann zieht sie den Stöpsel und mit diesem typischen Stöpsel-zieh-Geräusch spült sie sich und die Reste der Schaumburgen, die er, wie ein kleiner dummer Junge kaputt und zu Seifenschaumschutt zertreten hat, den Abfluss herab.

Übrig bleiben nur die Momente in denen sie wie ein normales Paar miteinander schreiben, sich nicht aufreiben, es nicht zu weit treiben, einfach Mensch bleiben und in denen sie Halt findet, in seinen Augenrettungsringen in Sätzen die sogar ein wenig ehrlich klingen. Und dann pumpt sie Blut durch ihre fiebrigen Venen, die sich nach echter Nähe sehnen und sie schießt es – in Fontänen – bis in die letzte Ecke der Ballungsgebiete am Ende ihrer gänsehäutigen Arme, die vergeblich probieren, die garstig-grauen Gegenwindmühlen zu ignorieren und selbst dabei hemmungslos verlieren.

Keiner will keinem was vorwerfen oder den Ton verschärfen wenn es um die großen Fragen geht, wer denn nun im Mittelpunkt steht. Die Frau, zu der er sich seit vielen Jahren schlafen legt oder die Frau, die seinen Kopf in allen anderen Momenten leerfegt. Auf ewig gebunden getauscht für ein paar aufgeregte Stunden bis die Leute innerhalb von Sekunden anfangen zu tuscheln, wenn sie kuscheln, und zu lachen, wenn sie zusammen was machen und bis sie gackern und grinsen und gucken, obwohl es sie nicht zu jucken hat, was irgendwer anders außer sie selbst mit seinem Leben macht.

Irgendwann beißt er sich seine Löwenzähne ein letztes Mal an ihrer Schulter aus. Und durch ihre leichenblasse Löwenmähne rollt ganz leise eine Träne, die er sich nicht wegzuwischen traut. Denn er hat es einfach so versaut. Mit ihr und mit der anderen Frau, die zuerst da war, dass weiß er auch genau, nur ändern kann das jetzt auch mehr, denn dafür ist es viel zu schwer, sie oder sie wegzudenken, sie oder sie einem anderen Mann zu schenken der dann mit ihr oder ihr glücklich ist und mit dem sie oder sie dann vergisst, dass es da mal jemanden gab, mit dem man gelacht und getanzt und gemacht und gegackert und beackert und gelebt und gekuschelt und gegrinst und getuschelt und den man vielleicht sogar auf irgendeine krude Weise, nicht laut, sondern sehr leise – von der Haarspitze bis unter die Haut – geliebt hat.

Von der Unzulänglichkeit der Spannbettlaken

Was hast du der Menschheit jemals Gutes gebracht? Außer Musik und Kunst und billigen Gedichten? Hast du darüber schonmal nachgedacht? Ach fick dich ins Knie Melancholie. Gisbert zu Knyphausen – Melancholie

Ich schleiche durch die Wohnung wie ein Tiger durch sein viel zu kleines Gehege. Es sind immer die gleichen Wege, ich schleppe mich träge vom Bad in die Küche, zum Rauchen auf den Balkon, bevor ich mich wieder in mein ungemachtes Bett lege. Ich habe nicht mal mehr die Kraft, dass Spannbettlaken wieder auf die Matratze zu ziehen, geschweige denn die Bettwäsche mal wieder zu waschen. Das krieg ich bei mir selbst ja schon nur unter höchster Anstrengung hin.

Spannbettlaken

Auf dem Laptop läuft irgendeine Serie, von der ich die Handlung verpasse, weil ich im Gedanken immer wieder den Raum verlasse und immer noch nicht richtig fasse, warum ich mir gerade selbst so wenig passe und innerlich verblasse und äußerlich nur durch das spärliche Zigarettenpausensonnenlicht ein bisschen Farbe im Gesicht behalte. Okay, machen wir uns nichts vor, die Zeit, in der ich den Zigarettenrauch viel zu schnell in die Lunge ziehe, wird nur von kurzen Lebenspausen unterbrochen. Und dann kommen sie wieder angekrochen wie schon in den letzten Wochen, die garstigen Gedanken, all die verseuchten und kranken und sie bringen mich ins wanken und ich bin nur in Sicherheit auf meinem Balkon mit der frischen Teerluft, mit der ich die Straße meines Lebens pflastere.

Immer wieder höre ich das Hoftor zufallen und jedes Mal zucke ich zusammen. Könnte es jetzt soweit sein und ist die Hoffnung auch noch so klein und vor allem falsch, will ich, dass es klingelt und nicht bloß der Lieferando-Fahrer ist, mit seinem Fastfood-Mist, sondern jemand, auf den ich mich gar nicht mehr zu warten traue, für den ich mir alle zwei Tage vor Schwäche die Fingernägel abkaue, nach dem ich bei jedem Glimmstängel vom Balkon sehnsüchtig ausschaue und auf den ich aber eigentlich längst schon nicht mehr baue. Weil der böse Wolf schon dreimal kam und all die unterschiedlichen Fantasiehäuser mit seinem ekligen Atem ausgehaucht hat.

Mein Gehirn wird den Muskelkater gar nicht mehr los, den ich mir die letzten Tage antrainiert habe. Immer wieder hätte es anders sein können, hätte ich anders sein können, was wäre gewesen wenn, wie komm ich wieder klar, wann sehe ich wieder klar, was macht sie gerade, nein ich will es nicht wissen, ja ich will ihr jetzt schreiben, nein ich werde ihr nicht schreiben, nicht noch einmal auf ihr Profil klicken, die letzte Nachricht bloß nicht abschicken, immer nicken wenn andere was fragen, nicht ganz richtig ticken, in gedankliche Widersprüche verstricken, ich würde gerne einnicken und ich darf auf keinen Fall einknicken, das wäre schlecht für mich, und dann am liebsten irgendwas kaputt schlagen. Aber dafür fehlt mir die Kraft und etwas, dass ich kaputtschlagen will.

Schlafen wäre mal wieder schön, durchschlafen am besten, ohne die ganzen Träume und das wach werden, wenn man es wieder kurz schafft, sich von sich selbst abzulenken. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert und überhaupt ist Musik ja auch eher schwierig, weil es zu viele Lieder gibt, die entweder traurig sind oder an irgendwas Trauriges erinnern oder davon klingen, dass es alles halb so traurig ist oder sich einfach nur nicht richtig anhören oder die falschen Sachen auslösen. Also Stummschalttaste, Stille und im Takt des viel zu schnell pochenden Herzens verlieren.

Der nächste Morgen beginnt wie zuvor, gerädertes erheben, unter die Räder gekommen, keinen guten Ratschlag angenommen aber doch wieder viel zu viel am Rad gedreht. Wie spät ist es? Ach, schon 7 Uhr, dann liegt ja der ganze Tag noch vor mir, wie schön!

Welche Lügen hätte ich in Kauf genommen, welche Nachrichten hätte ich lieber nicht bekommen und was, wenn ich dir sage, wie sehr ich mich fühle, hätte uns das gereicht? Wohl kaum und doch fühle ich mich einfach nur hilflos meinen Gefühlen ausgeliefert und ich trau mich schon gar nicht mehr irgendwem zu schreiben, weil dann die Frage kommt, wie es mir geht und wenn ich nicht mit einem halbherzigen okay antworte, muss ich alles wieder erklären, ihm und ihr und mir und leider wird es nicht mit jeder weiteren Erklärung klarer. Also lieber ausweichen bei der Frage, kurze Gegenfrage – und selbst – und dann kurz noch die Lachmuskeln anspannen, die haben zum Glück keinen Muskelkater, und dann hat man sich wieder mal geschafft. Es sind die kleinen Gesten, die nicht zählen.

Und am Ende kommt dann so ein Text dabei heraus, von dem ich selbst nicht weiß, wer den lesen soll und was der soll und wie es weitergehen soll. Alles wird besser nächstes Jahr und es geht noch immer weiter, zumindest mal bergab. Hilft aber auch nicht und ich würde gerne mal kurz ein halbes Jahr nach vorne springen, nur mal gucken, ob die Luft dann wieder rein ist. Ob man sich selbst wieder mag, ob man weiß, was man will, ob man immer noch möchte, dass die Hoftür zufällt und da dann nicht mehr all die traurigen Gedanken sind, sondern Vorfreude, wie sie auch immer aussehen mag. Aber leider geht das nicht, also eine weitere Nacht Viva Allein auf dem Balkon, bis es irgendwann alles wieder irgendwie geht.

Ein letzter gemeinsamer Abend

It feels like there’s oceans, between me and you, once again. Seafret – Oceans

Es reicht schon, wenn sich zwei Knie berühren, um etwas in Gang zu setzen, was nicht mehr aufzuhalten ist. Unaufhaltsam bilden sich Sätze in Köpfen und fallen aus Mündern, die sich gern näher wären, als es die Umstände zulassen. Nur zwei Bildschirme trennen das, was doch eigentlich zusammengehört und irgendwann fällt dann der Satz und der erste Vorhang und später der Handschuh zu Boden. Aufregung und Leichtigkeit, aufgekratzte Emotionen und Lippen, die das erste Mal zusammenfinden und Hände, die festhalten, was es gilt, nie wieder loszulassen. Und da ist es dann auch egal, dass sie die Treppenstufen übersprungen haben, wie es sonst nur leichtsinnige Kinder tun. Dieser eine Moment, den man sich nicht mehr zu vergessen traut und immer wieder drauf zurückschaut, wenn man die Zweifel zerkaut. Viel zu laut für einen Menschen allein, aber die perfekte Lautstärke für die beiden.

Ich liege auf meinem Bett und schaue an die Decke und versuche angestrengt nichts zu denken. Einmal kurz den Kopf ausschalten, die Ungewissheit aushalten, die doch schon längst keine Ungewissheit mehr ist. Absenden und abwarten, lass uns doch nochmal von vorne starten, all das vergessen, was zwischen uns nicht war, mal mit einem gigantischen Radiergummi die letzten drei Monate wegwischen. Aber irgendein Kind hat die Rückseite des Stiftes so sehr abgefressen, dass nur noch das Schreiben funktioniert. Und da steht geschrieben, dass es nichts bringt, so sehr mir das auch was gebracht hat, dass es nicht geht, so sehr wir auch aufeinander zugehen wollen, dass es nicht funktioniert, so sehr der Verstand doch eigentlich das Gegenteil behauptet.

Und die Decke kommt näher, glaube ich, und der Kopf fährt jetzt erst so richtig hoch. Gedankenkarussell auf Hochtouren, am Tiefpunkt bitte alle aussteigen, die Sicherheit kann hier keiner mehr garantieren. Sicherheit war irgendwann mal da und Geborgenheit und Nähe. Doch so wie man geborgte Sachen irgendwann zurückgeben muss, geht man sich irgendwann zu nah und wenn dieser Punkt erstmal erreicht ist, gibt es kein zurück mehr. Ich schaue auf das Handy, ich bin nochmal schwach geworden und auch sie gesteht sich ihre Schwäche ein. Wir wollten uns doch Stärke geben und jetzt treffen wir nur noch die Schwachpunkte des anderen. Treffer, Herz versenkt.

Nochmal im Kopf die Schleifen gehen, den Faden mit zitternden Händen auf die Nadel nehmen und gucken, wo überall Löcher waren. Doch der Flickenteppich ist so groß geworden, dass die gegenseitigen Schwüre und Bilder nicht mehr reichen, dass jeder gemeinsame Film auf einmal ohne Happy End in den Abspann übergeht, dass die Gehege im Zoo leer sind, weil die Gefühle ausgebrochen sind und nur noch die schlammigen Pfützen übrige sind, in denen die Spatzen baden und ihr trauriges Lied anstimmen. Jedes Telefonat eine Einbahnstraße, weil Wollen und Können so sehr auseinander liegen und dazwischen all die parkenden Zweifel und Unsicherheiten die Fahrbahn blockieren.
Ich will nicht wahrhaben, dass es jetzt endgültig vorbei ist. Ich will kein Beziehungswaise sein, obwohl ich schon so lange nicht weiß, ob das überhaupt eine Beziehung ist. Ich weiß was ich will und kann das was ich nicht will aber nicht abstellen und will sie nicht abstellen und unseren Austausch nicht abbestellen, kann nicht mit ihr sein, will nicht ohne sie sein. Ein Labyrinth, aus dem es keinen Ausweg gibt, sodass man immer wieder Runde um Runde vergeblich versucht, die Wände einzureißen, die auf dem viel zu wackligen Fundament stehen. Hoffnung und Fantasie wird zu der finalen Erkenntnis, dass es kein wir mehr gibt.

Ein letzter gemeinsamer Abend noch. Das Falsche im Richtigen tun, noch einmal richtig fühlen, was irgendwo in den letzten Wochen falsch abgebogen und dann abhandengekommen ist. So ein kitschiges Hollywoodfilmende, mit Tränen, die Salzseen füllen können, mit Umarmungen, die für die ganze Welt ausreichen, mit Küssen, als ob danach 1000 Jahre niemand mehr küssen darf. Nicht wie die vergessene Zigarette ausglimmen lassen, was mit einem Feuerwerk begonnen hat, sondern noch ein letztes Mal Holz in den Kamin werfen, die letzten Scheite anzünden und gemeinsam das traurigste Freudenfeuer der Welt abfackeln, auch wenn es alles andere als gescheit ist und man danach erfriert.

Ich liege auf meinem Bett und decke mich zu. In wenigen Stunden sehe ich sie noch einmal und mir kommen jetzt schon die Tränen beim Gedanken daran, dass ich sie nicht für immer festhalten kann. Und ich kralle mich so sehr an diesen einen letzten gemeinsamen Abend und will ihr noch mal so vieles sagen und dabei am liebsten gar nichts mehr sagen sondern nur genießen, auf dass ich mich für immer an diese Nähe, die Umarmungen, die Küsse und das Gefühl, dass es da jemanden für mich gibt, erinnern kann. Ich will nicht, dass sie aus meinem Leben geht und doch muss ich sie gehen lassen, weil es nicht anders geht. Die Bilder im Kopf verwischen durch die Feuchtigkeit meiner Augen und die Hand, die in wenigen Stunden noch ein letztes Mal durch ihr Haar und über ihr Gesicht und ihre Arme fährt, sucht Halt an irgendwas, dass nicht da ist. Und ihre wunderschönen Augen schauen mir traurig dabei zu, wie mir die Worte fehlen und die Leichtigkeit so schwer auf meine Brust drückt. Pure Vernunft darf niemals siegen und ich will diesen Abschluss, hochemotinal, ein bisschen kitschig und unendlich schade. Ein richtiges Ende für das falsche Ende, um vielleicht irgendwann in einer Freundschaft besser aufgehoben zu sein. Es klingelt und mir wird schlecht.

ein letzter gemeinsamer Abend

Die Zigarette in seiner Hand glimmt runter und Asche fällt zu Boden. Er sitzt allein auf seinem Balkon und schaut mit traurigen Augen in die Stadt und zu den Häusern, hinter deren Fenstern Menschen leben, das hat er immer geahnt. Einer dieser Menschen hat heute Abend sein Paket bei ihm abgeholt und einer dieser Menschen ist nicht gekommen. Es wäre falsch gewesen, sagte sie, es hätte uns beiden nicht gut getan, sagte sie, ich brauche Abstand, sagte sie und er ist sprachlos schluchzend am Boden zerstört. Er drückt den letzten Rest Hoffnung im Aschenbecher aus. Er vermisst ihre Nähe, die Umarmungen, die Küsse und das Gefühl, dass da jemand ist, der richtig ist. Und er ist allein. Allein. Allein. Unter Tränen zündet er sich eine weitere Zigarette an. In Hollywoodfilmen wird kaum noch geraucht, denkt er sich. Und das perfekte traurige kitschige Hollywoodfilmende gibt es nicht. Nicht in echt jedenfalls. Und er schaut weiter in die Ferne und versucht, die Hoffnung irgendwo zu sehen, aber sie ist schon mit den letzten Strahlen der Abendsonne untergegangen.

Kunst vom Balkon

Das ist Kunst, mindestens in tausend Jahren! Du summst, mindestens ein tausend Mal. Frittenbude – Mindestens in 1000 Jahren

Es war ein lauer Frühlingsabend und er saß auf dem Balkon. In der Hand ein Bier und auf der Haut die letzten Strahlen der untergehenden Abendsonne. Neue Stadt, neuer Job, neue Wohnung, neues Glück. Der Sound der Straße spielte den Soundtrack des Neuanfangs, alle Regler voll aufdrehen und genießen. Er spürte das Leben des Bezirks unten, die bellenden Hunde, die lachenden Menschen und die johlenden Kinder und in ein paar Tagen würde er sich unter sie alle mischen und mitjohlen und mitlachen und – wenn es sich ergab – auch mitbellen.

Sein Blick wanderte über die gegenüberliegende Fassade. Hinter jeder Wand eine Geschichte und jedes Fenster ein Ausschnitt der Collage eines anderen Lebens. Er war schon immer fasziniert davon, die Geschichten seiner Mitmenschen nur anhand dieses kleinen Potpourris aus Eindrücken zu ergründen oder zu erfinden. Das Ehepaar, dass seit vielen Jahren glücklich verheiratet war und sich bei einem gemeinsamen Tanzteeabend kennengelernt hatte, der gut betuchte Geschäftsmann, der jede Woche eine neue Dame bekochte und die Patchworkfamilie, deren Flicken nur noch von wenigen Fäden gehalten wurden. Sie alle konnte er sofort erkennen.

Nur eine Wohnung wollte sich ihm nicht erschließen. Ein eher spärlich eingerichteter Balkon. Ein Stuhl und ein paar Pflanzen, der Rosmarintopf hatte auch schon mal bessere Tage erlebt. Dazu noch allerlei Accessoires, Traumfänger, kleine Figuren und natürlich eine Lichterkette. Etwas aus dem Rahmen fiel da eigentlich nur die Staffelei. Im Nebenzimmer viele Bücher, an der Wand ein Druck von Casper David Friedrich – er war ein bisschen stolz, dass er das auch ohne ein Verständnis von Kunst erkannte – und eine Sitzecke mit vier Stühlen. Wer mochte dort wohnen? Ein Kunststudent? Eine Familie mit Kindern? Eine geheimnisvolle Künstlerin? Es gab zu viele Möglichkeiten und so entschied er, diese Geschichte noch nicht zu schreiben. Cliffhanger, Fortsetzung folgt.

Kunst

In der kommenden Woche richtete er sich langsam ein und richtete eine Einweihungsparty aus. Snacks und Getränke, ein paar Freunde, leicht zu laute Musik und rauchen bitte nur auf dem Balkon. Er war einer dieser Partyraucher, schlechte Angewohnheit – schon klar – aber in Gesellschaft wurden die guten Vorsätze regelmäßig über Bord geschmissen und nach zwei, drei Longdrinks konnten sie auch nicht mehr schwimmen. So stand er auch an diesem Abend mehrfach draußen und sah zum ersten Mal Bewegung auf der Gegenseite. Es war eine Frau, sie war nicht allein, aber er konnte keine Details erkennen. Nur, dass sie in der Sitzecke saßen und ein Gesellschaftsspiel spielten. Ein Pärchen also, schon länger zusammen, gehen nicht gerne aus, bleiben lieber für sich. Gute Geschichte, nicht besonders kreativ, aber er musste ja mit dem gegebenen Material arbeiten.

Es vergingen einige Wochen, in denen er sich einlebte und auslebte und ausging und wieder einkehrte und sein Balkon wurde schon einsam und wollte ausziehen, bis er mal wieder Zeit für ihn fand. Er hatte das Paar von drüben in der Zwischenzeit schon zu seinen persönlichen Akten gelegt, da entdeckte er die Frau auf dem Balkon. Sie hatte lange blonde Haare, ein Sommerkleid an und eine Brille auf, wie sie so typisch war, für Frauen zurzeit, die er – insgeheim – aber auch ein bisschen heiß fand. Ihre Blicke trafen sich nicht an diesem Abend, auch wenn seine Blicke sie immer wieder trafen und verfolgten, aber sie hatte nur Augen für die Kunst.

Auf eine merkwürdige Art und Weise war sein Interesse geweckt, sodass sein Balkon und er in den nächsten Wochen wieder ein besseres Team wurden. Ein paar Pflanzen konnten nicht schaden, ein kleines Tischchen und ein bequemer Sessel. Lesen, hatte er zwar lange nicht mehr gemacht, aber so hatte er eine Tarnung, um sie zu beobachten. Und so schaute er ihr beim Malen zu, beim zaghaften Mitsingen der Musik, bei vorsichtigen Tanzbewegungen und beim vor sich hin strahlen.

Nach ein paar dieser Abende fiel ihm auf, dass sie die Staffelei in eine andere Position gebracht hatte. Vorher stand sie seitwärts zu seinem Blick, nun stand sie direkt vor ihm. In dieser Position war es fast unvermeidbar, dass ihre Blicke sich treffen würden. So war er umso vertiefter in sein Buch, von dem er nicht mal wusste, was genau er da las, als sie den Balkon betrat. Aus den Augenwinkeln sah er sie lächeln und den Pinsel schwingen und Farbe verteilen und auch das gepunktete Kleid und die schwarzen Strumpfhosen und was da noch alles war. Und bei einem kurzen Blick sah er auch den Mann, der auf einmal neben ihr stand. Und er war auf eine ganz merkwürdige Art und Weise eifersüchtig, dass er da nicht stand und mit ihr reden und sie auch mal aus der Nähe bewundern konnte. Er blieb noch ein paar Minuten alibimäßig draußen, überflog Buchstaben und entschied sich dann, von außen rein und von innen auszugehen. Nur in die Bar, ein paar Drinks, ablenken, ausmalen was wäre, utopische Skizzen konstruieren und dann doch abschreiben und anschreiben lassen, weil er sein Portemonnaie vergessen hatte.

Also nur schnell zurück, Geld holen und vielleicht nochmal kurz auf den Balkon gucken, ob es bei der Geschichte gegenüber inzwischen ein Happy End gab, was ihn in seinen Gedanken irgendwie unhappy gemacht hätte. Er schloss die Haustür auf, lief die drei Etagen hinauf und stand vor seiner Tür, doch er stand dort nicht allein, denn da stand auch ein Gemälde an den Rahmen gelehnt. Darauf erkannte er seinen Balkon und seinen Tisch und seinen Sessel und auch sein Buch. Und in der Mitte war er selbst, fein in Öl festgehalten und mit der Nase zwischen den Seiten. Er brauchte einige Momente, um sich wieder zu fassen und ganz zu fassen, was er da sah und verstand aber nicht, wie und was und wo und überhaupt.

Er nahm das Bild mit in die Wohnung und stellte fest, dass ein Zettel auf der Rückseite klebte:

„Ach, Herr Nachbar. Sie hätten auch ruhig mal etwas sagen können oder können Sie nicht sprechen? Ein kleines Geschenk für Sie. Verstehen Sie etwas von Kunst? Wenn nicht, was halten Sie davon, wenn ich Ihnen einmal persönlich etwas zu den Einflüssen der Künstlerin sage, die dieses Bild gemalt hat? Meine Adresse haben Sie und wie ich aussehe, wissen Sie auch. Bis bald. Die Frau von gegenüber.“

Bevor er einen klaren Gedanken fassen oder die Rechnung in der Bar bezahlen konnte, ging er auf den Balkon, um Luft zu holen. Auf der anderen Seite saß die schöne Künstlerin und hielt ihm ein Bier entgegen. Sein Balkon ahnte schon, dass er sich nun eine ganze Weile mit sich allein beschäftigen musste.

Rotkäppchen und der böse Wolf

Und wir trinken immer viel zu viel, doch wir sehn gut dabei aus, ja wir trinken mit Stil. Gisbert zu Knyphausen – So seltsam durch die Nacht

Ich habe vor vielen Jahren schon einmal zwei Märchen etwas moderner interpretiert. Hänsel und Gretel kann man auf Youtube finden und das tapfere Schneiderlein gibt es hier im Blog. Jetzt hatte ich Lust, mal wieder etwas umzuschreiben und wollte ursprünglich in eine andere Richtung gehen. Nachdem mir eine sehr sympatische Person ihre Idee mitteilte, war ich erst skeptisch, doch nach ein paar Nächten drüber schlafen, ist nun dieser Text draus geworden. Aber wer weiß, vielleicht kommt Rothäppchen und der grobe Wolf dann trotzdem noch demnächst.

Rotkäppchen

Rotkäppchen und der böse Wolf

Es war einmal eine Kneipe in Berlin und die hieß zum bösen Wolf. Wie in vielen Ur-Berliner Kneipen fand man dort das Who ist Who der vom Leben abgehängten. Eine Anlaufstelle für die, die schon viel zu lange nicht mehr von der Stelle kamen. In einer Ecke dudelten die Spielautomaten vor sich hin und fraßen gelegentlich Eurostücke von Menschen, die wenigstens im Spiel ihr großes Glück suchten und nur drei ungleiche Symbole und dem ewig gleichen, enttäuschten Glücksspielsound fanden. Die Marken auf den Bierdeckeln gab es schon viele Jahre nicht mehr oder zumindest haben sie ein freshes Rebranding bekommen. Im Wolf gab es schon ewig keine Veränderungen mehr. Stillstand als Ausweg, der Ausschank als Wegweiser.

Peters war einer der Stammgäste. Die Sitzfläche des Barhockers musste sich inzwischen fast schon ergonomisch seinem Körper angepasst haben. Er kam fast jeden Abend, legte seinen knittrigen Filzhut auf die Theke, grüßte nur den Wirt und wartete, ohne zu wissen, worauf. Er brauchte schon lange nicht mehr bestellen und bekam wortlos das Bierglas mit Rotkäppchen-Sekt vorgesetzt. Nie ein Bier und nur selten was Härteres. Immer im Bierglas, immer halb trocken.

Da es in der Kneipe keine Antworten gab, wurde auch nie gefragt. Anonyme Alkoholiker unter sich ohne das Gequatsche und den Verzicht. Hingehen, zahlen, Fresse halten, dafür kamen die Gestalten hier her und sie wurden nie enttäuscht. Fünf Sterne, gerne wieder. So brauchte auch Peters keine Sorge haben, dass ihn irgendjemand auf die Zeit vor jetzt ansprach, deren Erinnerung er jeden Abend aufs Neue gläserweise sprudelnd hinunterspülte und dabei so erfolgreich war, wie der Wirt, der sich nicht mal die Mühe machte, Spülmittel ins Abwaschwasser zu geben.

Mit jedem Aufstoßen kam auch immer etwas Vergangenheit zurück und lag ihm dann kurz brennend wie Magensäure in der Kehle. Er hatte ein Leben, bevor der böse Wolf in sein Leben trat und alles andere aufzufressen schien. Der Qualm in der Luft sorgte zwar dafür, dass die Bilder von früher inzwischen gelb an den Rändern seiner Netzhaut waren, aber um sie abzunehmen und irgendwo in der Rumpelkammer seines Gehirns zu verstauen, fehlte ihm die Kraft. Verdrängen ist leichter als verarbeiten und ohne Arbeit keine Ablenkung und ohne Ablenkung blieb nur der große böse Wolf.

Es war im Sommer. Märchenhaft sollte es werden. Ein Treffen im Wald, er war schon vorgefahren und hatte die Picknickdecke ausgebreitet. Blumen strahlten und Vögel zwitscherten und die Natur naturte so vor sich hin. Alles stand bereit, der gute Wein und der selbstgebackene Kuchen und auch der alte Ehering der Großmutter. Und dann saß er da und wartete, nur dass er damals noch wusste, worauf. Auf wen. Auf ihre großen Augen, die schön geformten Ohren und den wundervoll großen Mund. Doch sie kam nicht.
Nach einer Stunde versuchte er sie anzurufen, Mailbox. Nach zwei Stunden packte er alles verärgert zusammen, die Wut lag ihm wie Steine im Magen. Als sie auch am Abend nicht nach Hause kam, machte er sich langsam Sorgen und als dann der Anruf kam, waren alle Sorgen berechtigt und doch zu spät. Ein Jäger übersah sie auf dem Rad und überfuhr sie. Er übergab sich, übernahm noch die Beerdigung und dann brach alles über ihm zusammen.

Ein weiteres Rotkäppchen verlor ihre Haube und die Unschuld und mit jedem Schluck nahm er neue Schuld auf sich und die Gedanken daran, was hätte anders laufen können oder sollen oder müssen. Der Ring lag immer noch Zuhause auf der Kommode und wartete sehnsüchtig darauf, dass sich die Zeiten noch einmal ändern würden. Aber mit jedem Abend, an dem Peters leicht torkelnd in die Wohnung kam, oftmals nicht im ersten Versuch das Schlüsselloch fand und noch häufiger nicht einmal die Schuhe vor dem ohnmächtigen Fall ins Bett auszog, glaubte der Ring weniger daran.

Und wenn er nicht gestorben ist, führen ihn seine Schritte auch heute noch in die Fänge des bösen Wolfes. Und da raucht er dann und schweigt und trinkt und bleibt und geht und fällt vom Glauben ab, den er schon lange nicht mehr hat. Wahrscheinlicher ist aber, dass man Peters da heute nicht mehr sieht. Irgendeine andere traurige Gestalt wird seinen Platz eingenommen haben und nur noch die Vertiefung in der Sitzfläche des Barhockers wird sich daran erinnern, dass hier mal jemand saß, dessen Leben immer mehr Sekt als Selters war. Und am Ende lebte er unglücklich bis an sein Lebensende.