Oscars Werkschau 2015 – Teil 2: Boyhood

Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn? Ist da noch mehr? Die fantastischen Vier – Geboren

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Da aber das Leben halt kein Regisseur ist und somit auch keine Filme drehen kann, was wiederum auch bedeutet, dass eine Nominierung für den Oscar und die damit zusammenhängende Besprechung (die eher eine Beschreibung ist) hier unmöglich ist, hat sich Filmemacher Richard Linklater gedacht, dass man ja auch einfach das Leben verfilmen kann. Oder kurz: Boyhood erzählt die Geschichte eines Lebens. Also eigentlich nur einen Teil daraus, nämlich den, in dem ein Mensch von einem Kind über den langen und beschwerlichen Umweg Pubertät zu einem jungen Erwachsenen wird.

Der Clou an der ganzen Sache ist, dass Boyhood über elf Jahre hinweg gedreht wurde. Linklater zeigt seine Protagonisten quasi in Echtzeit. Aber – da war ich selbst ein wenig verwirrt – der Film ist keine Dokumentation, sondern erzählt eine fiktive Geschichte.

Im Zentrum steht dabei Mason, den wir bei seiner Zeit im Knabenalter (Übersetzung LEO) begleiten. Wir gehen gemeinsam mit ihm in die Schule, trinken unseren ersten Alkohol und fangen gemeinsam an, uns für Mädchen zu interessieren. Vor allem aber flicken wir uns Stück für Stück eine immer größer werdende Patchworkdeckenfamilie zusammen.

Und je größer der Familienflickenteppich wird, um so größer werden auch die Probleme und Spannungen zwischen den Akteuren. Vor allem die neuen Lebensabschnittsgefährten von Masons Mutter Olivia (Patricia Arquette) sorgen für Konflikte und reichlich Zoff.

Für mich war es ziemlich spannend zu sehen, dass mir die Geschichte eigentlich gar nicht so wichtig war. Es gab keinen klassischen Handlungsverlauf mit aufsteigendem Spannungsbogen, der sich auf den einen Höhepunkt zubewegt. Viel mehr war es eine gleichbleibend unaufgeregte Erzählung, die als Vehikel für das Konzept des Films funktioniert hat.

Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es Linklater darum ging, eine revolutionäre Geschichte zu erzählen. Es sind die Charaktere, die hier wichtig sind und die wir mit jeder der (teilweise etwas zu langen) 163 Minuten immer besser kennenlernen. Wir werden als Zuschauer irgendwie Teil der Familie.

Aber so ist es eben ein bisschen wie beim großen Familienessen am Sonntag. Es ist schön, alle wiederzusehen und mit ihnen Zeit zu verbringen, aber am Ende ist man auch wieder froh, wenn man allein Zuhause ist. Ich habe mich nie gelangweilt bei Boyhood, aber dieses Gefühl, zurück in mein „richtiges Zuhause“ zu wollen, war mehr als einmal da.

So kann ich auch nicht ganz verstehen, warum Boyhood im letzten Jahr über als DER FILM schlechthin verkauft wurde. Eine Durchschnittswertung von 100 von 100 möglichen Punkten bei 49 Kritiken (Metacritic) ist schon mehr als krass. Und das keiner davon den Film wenigstens ein bisschen blöd findet, ist in meinen Augen mehr als erstaunlich.

Jeder, der ein Herz für Familienfilme hat und damit leben kann, dass eben nicht viel passiert, sollte sich Boyhood aber vormerken. Wer zudem noch ein Faible für Filme hat oder sich selbst als Cineast bezeichnet, kommt eh nicht drum herum, den Streifen zu schauen, denn Boyhood ist ein bis dato einzigartiges und ambitioniertes Experiment, das auf jeden Fall funktioniert. Dafür gibt es von mir, auch wenn es nie mein Lieblingsfilm werden wird, 8 von 10 Sonntagsbraten.

Oscarchancen? Boyhood ist der wohl größte Favorit in den Königskategorien Film und Regie und eine Auszeichnung hier wäre definitiv verdient. Richard Linklater hat ein Stück Film geschaffen, das man gesehen haben sollte und das, selbst wenn man der Thematik nicht so viel abgewinnen kann, niemanden wehtut. Den Preis als beste Nebendarstellerin würde ich Patricia Arquette auf jeden Fall gönnen, wobei ich da nicht einschätzen kann, wie die Konkurrenz ist (wie auch bei Ethan Hawke.) Ich glaube, dass Boyhood einer der Gewinner des Abends am 22. Februar in Los Angeles wird.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Beste Nebendarstellerin
  • Bester Nebendarsteller
  • Bester Schnitt

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