Scheitern

Und die Leute lieben scheitern und ich scheitere so sehr. Tomte – Voran, voran

Morgen höre ich auf oder fange ich an. Mit dem Rauchen und Sport zu machen. Täglich Eis zu essen und mich gesund zu ernähren. Mir Gedanken zu machen und regelmäßig Texte zu schreiben. Die Möglichkeiten sind unendlich und untereinander austauschbar wie falsch zugeschriebene Zitate von Marc-Uwe Kling.

Trotzdem sage ich mir immer wieder und jedes Mal aufs Neue sicher, dass ich mich ändern werde. Morgen. Und wieder Morgen. Und vielleicht auch erst nächste Woche. Oder nie, aber das sage ich mir dann nicht, sondern verdränge den Gedanken daran. Viel mehr wache ich jeden Morgen wieder komplett überzeugt auf, dass ich ab heute ein ganz anderer Mensch bin und hochmotiviert und endlich besser und dann ziehe ich die Tür hinter mir zu und gehe zur U-Bahn und arbeite und schon währenddessen rückt der Vorsatz in den Hinterkopf und wird zum Absatz, den ich mit Enter solange weiterschiebe, bis er auf der nächsten Seite ist und ich ihn nicht mehr sehe. Und dann gehe ich wieder nach Hause und komme wie durch Zufall an einem Späti vorbei, der überhaupt nicht auf meinem Heimweg liegt, und gehe wie durch Zufall an die Eistruhe und kaufe mir einen großen Cup Ben and Jerrys, der überhaupt nicht nötig ist, und dann esse ich den ganzen Becher an einem Abend komplett auf der Couch, obwohl ich schon satt bin, und selbst wenn ich Hunger hätte, wäre ein ganzer Becher Eis die denkbar schlechteste Wahl.

Am nächsten Morgen ist es fast so wie nach einer durchzechten Nacht. Ich wache unausgeschlafen auf und entdecke als erstes den leeren Becher als Mahnmal für das erneute Scheitern. Und obwohl das natürlich der letzte Ausrutscher in diese Richtung war und ab heute alles wieder anders wird – der Absatz mit dem Text von gestern ist wieder hochgerutscht – nehme ich doch erstmal den angetrockneten Löffel um die krustigen Eisreste aus dem Becher zu lösen und herunterzuwürgen. Und überhaupt, jetzt ist Dienstag und somit die Woche auch hinüber, es lohnt nicht mehr mit dem Aufhören anzufangen und dann kann ich die paar Tage auch noch richtig reinhauen und mir jeden Abend so einen Becher Eis gönnen. Was soll´s, ist eh egal und ab nächster Woche starte ich dann richtig los, mit gesunder Ernährung und Sport und all dem ganzen Kladderadatsch.

Ich habe im vergangenen Jahr innerhalb von neun Monaten 55 Kilo abgenommen. Ich bin zu meinen Bestzeiten dreimal die Woche ins Fitnessstudio gegangen und hatte sogar das Gefühl, so etwas wie Muskeln aufzubauen. Ich habe mich gut gefühlt und schon vorgeplant, wann ich das nächste Zwischenziel erreiche und wie es wohl wird mit weiteren 10 Kilo weniger und das ich ja bald „ganz normal“ aussehe (wobei mir schon bewusst ist, das normal nichts mit Übergewicht zu tun hat und es ein normal nicht gibt und selbst wenn ein normal furchtbar langweilig wäre, aber so funktioniert der Kopf – oder zumindest mein Kopf – nun einmal.)

Und dann bin ich nicht mehr so regelmäßig zum Sport gegangen. Und habe hier mal eine Hand voll Süßigkeiten gegessen und da mal ein Snickers und die neue Sorte Ben and Jerrys ist halt auch wirklich verdammt lecker. Und so bin ich wieder in alte Muster gefallen, Angewohnheiten, die ich mir mühevoll abtrainiert habe, innerhalb weniger Wochen oder gar Tage wieder angenommen. Nur war dieses mal anders, dass ich häufiger neben mir stand. Und jetzt nicht nur stimmungstechnisch, sondern als Betrachter, der genau weiß, dass es falsch und dumm und scheiße ist, was ich da tue. Und ich konnte das Eis zwar genießen, aber bei jedem Löffel löffelte auch mein schlechtes Gewissen genussvoll mit.

Nun mag man meinen, dass das die perfekte Voraussetzung ist, um etwas an seinem Verhalten zu ändern. Aber nein, im Gegenteil. Klar, wollte ich mich ändern, aber ich war irgendwie blockiert. Und mit jedem neuen Rückfall – und es gab einige, viele- wuchs die Frustration darüber, dass ich schon wieder schwach geworden bin. Gisbert zu Knyphausen beschreibt es in seinem Song Gute Nachrichten ganz gut: Ich hab versucht mich zu ändern, aber meistens hab ich mich bloß gedreht. Und irgendwann dreht sich alles im Kopf und es dreht sich nur noch darum, wie man es je schaffen soll, sich zu ändern und wie ich endlich diese verdammte Schwäche abschalten kann. Und dann frisst man diese ganzen Gedanken und die Wut in sich hinein und ist so satt davon und von sich selbst. Und dann geht man trotzdem noch einmal in der Nacht um 23:45 Uhr los, um sich wie ein Drogensüchtiger beim Späti einen weiteren Schuss Eis zu holen (so stelle ich mir das zumindest in meiner von Filmen geprägten Fantasie vor.)

Das ist doch irgendwie Scheiße, oder? Geht das nur mir so? Oder hat der Mensch an sich eine Schwäche für die Schwäche (klingt fast wie ein Song von Tocotronic.) Ist es wirklich so schwer, vernünftig zu sein. Okay, pure Vernunft darf niemals siegen ist nun wirklich von Tocotronic und es mag auch was dran sein, aber manchmal wünschte ich mir etwas weniger Aufregung und Ausfall. Denn ich weiß ja, wie es richtig geht und kann auch perfekt darüber reden oder schreiben, wie dieser viel zu lange Text zeigt, aber ich kriege es trotzdem nicht in meinen Kopf rein. Beziehungsweise ich kriege es ja in den Kopf, es war nie weg, aber ich tue mich so unendlich schwer damit, es umzusetzen.

Ein guter Text würde jetzt eine Lösung oder zumindest mal einen Lösungsansatz präsentieren. Ein mittelguter Text hätte hier vielleicht einen Link zu einem Selbsthilfeblog oder zu Leuten, die wissen was sie tun. Und ein schlechter Text würde jetzt die Weltformel verkünden. Mein Text hat nichts von alledem. Ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben, in der Hoffnung, dass es etwas bringt. Mir oder meinem Kopf oder den Dingen, die da kommen mögen. Und vor allem habe ich mir seit Monaten vorgenommen, morgen mal wieder etwas zu schreiben. Okay, es ist vielleicht kein Poetry Slam-Text aber immerhin ein Blogbeitrag und davon gab es in den letzten zwei Jahren ja nicht unbedingt viele.

Außerdem habe ich vor zwei Wochen wieder mit WeightWatchers angefangen. Aus den 124 Kilo, die ich irgendwann im Oktober mal gewogen habe, sind in der Zwischenzeit wieder 135 Kilo geworden. Das hat mich aber bei der Menge an Eis in den vergangenen Wochen (es waren dreistellige Eurobeträge im Monat) schon fast positiv überrascht. Ich habe alles wieder aufgeschrieben, was ich gegessen habe und habe inzwischen die Phase des kalten (Eis)Entzuges schon ganz gut überstanden, glaube ich, und auch schon wieder fünf Kilo abgenommen. Nur mit dem Sport schleift es noch etwas, auch wenn ich mich generell wieder mehr bewege. Aber wäre ich heute zum Sport gegangen, hätte ich sicher nicht diesen Text geschrieben. Und irgendwo muss man ja mal anfangen. Und aufhören.

So wie dieser Text jetzt auch endlich.


1 Antwort auf „Scheitern“


  1. 1 Anny 08. August 2017 um 15:48 Uhr

    Dré, denk immer dran – es gibt Leute, die Dich liebe und ganz bald wieder in deiner Nähe sind!!

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