Wofür brennst du?

Und bitte erzähl mir doch noch mal, wie jung und dumm ich bin. Vielleicht fang ich Feuer, wenn du brennst! Tigeryouth – Streichholz

Lieber Leser, liebe Leserin,

wofür brennst du? Hast du dich das schon einmal gefragt und wenn nicht, denk mal kurz drüber nach, wie du diese Frage beantworten würdest. Ist da irgendwo ein Feuer in dir für etwas oder für jemanden? Oder sagst du: Ach naja, gebranntes Kind scheut das Feuer, ich bin zu cool dafür, mehr so der Wintermensch, ich weiß doch auch nicht, ich steh nicht so auf raubkopierte CDs und überhaupt ich brenne für nichts.

Bevor ich darauf zurückkomme, muss ich mich erst einmal für die direkte Leseransprache entschuldigen. Ich mache so etwas sonst nicht und eigentlich macht man so etwas nicht und ich fühle mich schlecht und wie einer dieser Kommentarspaltenvollschreiber, die immer voll ihre Kommentare in Spalten von analogen oder digitalen Zeitungen quetschen. Aber irgendwie dachte ich, das kann man mal machen. Auch mal was Neues probieren. No risk, no Toastbrot.

Ich hatte vor einigen Monaten ein Gespräch mit einem Menschen, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Es ging um die üblichen Themen – Arbeit, Leben, Schützenfest – als sie sagte, dass sie mit Hilfe der Frage Wofür brennst du? herausfindet, ob es sich lohnt, mehr Interesse in einen Menschen zu investieren, etwas überspitzt formuliert.

Und auch wenn ich nicht glaube, dass man mit einer Frage die soziale Konnektivität zu 100 Prozent klären kann (außer es sind so Fragen wie: Wählst du die AfD oder findest du Nirvana auch so blöd wie ich), habe ich doch seitdem sehr viel und immer wieder über diese Frage nachgedacht und sie auch einigen Menschen gestellt. Und es lässt sich auf jeden Fall festhalten, dass die Beantwortung der Frage alles andere als trivial ist.

Was bedeutet überhaupt für eine Sache zu brennen. Ich habe mal kurz und sehr oberflächlich, wie man es von einem Master der Germanistik erwartet, recherchiert und nichts zu den Ursprüngen gefunden. Lediglich die Dinge, die unter den Nägeln brennen, werden zur Genüge erklärt. Aber wenn ich selbst darüber nachdenke, wie man es ebenfalls von einem Master der Germanistik erwarten könnte, hat der Ausdruck mit der brennenden Leidenschaft für etwas zu tun. Ich bin Feuer und Flamme für ein Thema, ich möchte mich am liebsten mit nichts mehr anderem beschäftigen oder bin zumindest richtig gut darin oder mag es einfach total gern, zu diesem Thema Kommentarspalten vollzuschreiben. Das sind dann die Leute, die für das Schreiben von Kommentarspaltenkommentaren brennen.

Meine erste Antwort war damals und ist es auch jetzt noch, dass ich für die Sprache brenne oder genauer gesagt für Kommunikation. Ich liebe es, mich auszutauschen, über Gott und die Welt, über mich selbst und über andere und vor allem mit anderen. Ich höre Menschen unglaublich gerne zu und ja, vielleicht höre ich mich manchmal auch gerne reden. Ich glaube das kann ich, meistens, und dabei fühle ich mich wohl. Ich mag es auch vor großen Massen zu sprechen und Reaktionen in Menschen auszulösen, wenn sie Texte von mir hören oder lesen. Darum schreibe ich auch immer wieder mal Texte in dieses Blog. Natürlich auch, weil damit meine grauen Zellen und meine Finger trainiere, aber halt auch, weil es vielleicht der eine oder die andere liest und denkt: Joa, hätte ich zwar auch ein Youtube-Video in der Zeit gucken können, aber war jetzt auch nicht total scheiße.

Mit der Leidenschaft für Sprache geht auch meine Liebe zur Musik einher. Wenn ich auf einen Sinn in meinem Leben verzichten müsste, wäre das wahrscheinlich nicht das Gehör. Ich kann mir neunhundertsechsundreißig mal den gleichen Song anhören, und freue mich immer noch darüber. Ich liebe es, Alben zum ersten Mal komplett zu hören und dann bei jedem weiteren Durchlauf neue Stellen und Details zu entdecken, vor allem textlich. Vor 10 Jahren erschien das Album Vormann Leiss von Turbostaat, was zu meinen absoluten Top-10-Alben aller Zeiten gehört. Ich habe dieses Album so oft von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und durcheinander gehört und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mal wieder einen dieser Abende gehabt, an dem ich das Album am Deich von Finkenwerder lautstark mitsingend gehört habe. Dabei ist mir ein Detail aufgefallen, dass mir in den allen anderen Durchgängen nie aufgefallen ist und ich war so begeistert und glücklich und überhaupt. Das war gut.

Wenn ich nun aber weiter schaue, dann fällt mir vor allem auf, dass mein Feuer für Sachen relativ schnell ausbrennt, wofür ich mich regelmäßig wieder selbst doof finde oder besser, wovon ich regelmäßig genervt bin. Ein gutes Beispiel dafür ist auch dieses Blog hier. Ich habe irgendwann angefangen, hatte total viel Spaß und hab mir Mühe gegeben und war fleißig und dann plötzlich: Zack, kam 2 Jahre kein neuer Text. Oder das Nordic Walking: Für 70 Euro hochwertige Stöcker gekauft und viermal walken gewesen: Zack, keine Lust mehr. Oder das Podcasten (zwei- bis dreimal) oder Twitter oder Instagram oder das Geocachen.

Nicht bei allen Sachen bereue ich es, dass ich keine Leidenschaft mehr dafür aufbringen kann – ich mein Nordic Walking und Twitter, who cares? – aber bei den anderen Dingen wünschte ich mir manchmal, ich könnte meine Motivation dazu zwingen, regelmäßig und standhaft dranzubleiben. Das geht auch mit dem Thema meines letzten Textes einher, Weight Watchers und Sport. Ich gehe noch immer zu den Treffen, aber schreibe nicht mehr alles auf, obwohl ich es mir vornehme und es mir irgendwie Spaß macht und was bringt. Und ich gehe im Moment laufen, seit einem Monat und es ist gut und tut gut und wird immer besser, aber wie lange kann ich das Feuer entfacht lassen? Ich habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr einen 10-Kilometer-Lauf zu bestehen und habe das möglichst vielen Leuten gesagt, einfach in der Hoffnung, dann auch wirklich dran zu bleiben. Und jetzt steht es hier noch mal, also gibt es eigentlich keine Ausreden. Aber das ist das Problem, es braucht nicht mal Ausreden, es fadet einfach langsam aus, wird weniger und hört auf und dann frage ich mich manchmal: War da nicht irgendwas, doch dann fällt es mir nicht ein oder ich schiebe das Unterbewusstsein weg oder esse wieder Eis. Weil dafür brenne ich auch, wenn man das so sagen kann. Und das hört nicht einfach so auf, leider.

Muss man für etwas brennen? Ich glaube nicht. Man kommt auch gut durchs Leben, wenn man das was man tut, genießt und wenn man sich nicht so viele Gedanken macht und Dinge ausprobiert. Aber gerade den Part mit den Gedanken bekomme ich einfach nicht hin. Das sieht man schon daran, wie viel ich zu dieser eigentlich doch simplen Frage geschrieben habe. Und genau dafür brenne ich nicht, für das Durchdenken und Nachdenken und Totdenken und Umdenken und alles, was mit zu vielen Gedanken zu tun hat. Und auch wenn ich nicht dafür brenne, so kriege ich das nervend stechende Feuer in meinem Kopf einfach nicht aus.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, wofür du brennst, lieber Leser oder liebe Leserin. Worauf könntest du nicht verzichten, was sind die Dinge, die dir am meisten bedeuten? Wenn dieses Blog die Antwort ist, solltet ihr echt noch mal eure Prioritäten überdenken. Fragt die Menschen, mit denen ihr euch umgebt, was sie antworten und vor allem wie sie antworten. Auch wenn man der Antwort nicht zu viel Gewicht geben sollte, glaube ich doch, dass man viel erfährt. Nicht nur durch die Antwort selbst, sondern auch auf dem Weg dahin. Und außerdem kann es der Start für ein gutes Gespräch sein. Muss ja nicht immer nur um das Wetter gehen. Und schließlich brennt die Sonne auch. Für etwas. Oder?


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