Kottbusser Tor, U1

Ich weiß nichts, bist du etwas sagst, wohin mit unseren Händen? Wo hängen wir unsere Augen hin, an diesen kargen Wänden? Captain Planet – St. Peter

Ich bin seit fast einem Jahr in Berlin und war nicht sehr kreativ. Aber jetzt kann ich mich endlich in die Reihe der großen Namen einreihen, die einen Text über die Hauptstadt geschrieben haben: Alfred Döblin, Erich Kästner und Peter Fox. Mein Text heißt:

Kottbusser Tor, U1.

Auch wenn ihre Geschichte dort nicht ihr Ende fand und sicher auch ganz woanders begonnen hatte, war selbst die kurze Episode, die ich auf der Durchreise mitansehen konnte, dort irgendwie fehl am Platz. Überhaupt sollten Dinge, so wie die zwei sie besprachen, nicht mitten auf einem Verkehrsknotenbahnsteig zwischen feierwütigen Frühdreißigern und ausgelaugten Anfangzwanzigern stattfinden. Aber wenn schon wie auch immer gelagerter Emotionskram und große Gefühle, dann doch wenigstens Deutsche Oper oder meinetwegen auch Kurfürstendamm oder halt am Hauptbahnhof. Aber doch nicht am Kottbusser Tor.

Ich mein Kottbusser Tor mit K. Nicht so wie die Stadt mit C, ne, Berlin denkt sich: „Mach ick nich. Hat mir doch keiner zu bestimmen, wie ich Kottbus schreib. Und wenn ick will schreib ich Kottbullar bei Ikea auch mit C. Is ne freie Stadt. Wir sind zwar arm aber sexy und wenn was richtig sexy ist, dann doch wohl das Kottbusser Tor. Mit C.“

Zwischen Kottiwood (if you eat Döner there, you can make it everywhere) und Bauschaumschutt fährt hier die U8 nach Neukölln. Auch wieder so ein Ding. Reicht nicht ein Köln? Ist ja jetzt nicht so, dass Rheinhattan nun die schönste Stadt der Welt ist, so ein Place to be und to have in your City. Aber auch hier denkt sich Berlin: „Lass mir doch. Ick nenn meine Viertel wie ich will und dit is nun Neukölln. Get over with it.“ Nicht mal nen Dom gibt es da.

Aber wir waren beim Kottbusser Tor stehengeblieben, wo die zwei aus irgendeiner Bar oder einem Club oder einem hippen Ding ohne Namen kamen. Sie sahen gut aus, wie zwei Berliner, die noch nicht lange Berliner sind aber sich schon umso mehr fühlen wie Berliner, real und zugezogen. Ich weiß nicht, wo sie waren, ob auf einem Konzert von irgendeinem Singer/Songwriter aus Texas oder Südfrankreich oder einfach nur kickern und über die großen Themen der Welt philosophieren. Bestimmt waren sie vorher noch kurz im Späti und haben sich ne Mate geholt als Grundlage für den Wein oder die Bierschorle. Jedenfalls sah ich sie, als sie einer der zwielichtigen Hauseingänge wieder ins Großstadtleben spuckte.

Sie redeten und strahlten und fanden sich gut, denke ich. Die Chemie stimmte, mehr als bei den chemischen Stoffen, die als Fastgratisprobe angeboten wurden. Sie gingen die Straße entlang als wäre es die Allee der Kosmonauten und über ihnen wäre keine Trasse der U-Bahn, sondern Sterne und Raumstationen und Kometen und wirbelnde Welten von Galaxien und nichts. Sie berührten sich nicht und ich war berührt davon, wie zwei Menschen einfach so gut funktionierten indem sie nur redeten und Blicke tauschten, so intensiv wie der Tausch zwischen Leergut und Nachschub im Rewe nebenan.

Was ich nicht sah, waren die Gedanken in ihren Köpfen. Die Zweifel und Fragen und ihre Ziele und Wünsche und die Hoffnung und ihren Plan vom weiteren Miteinander. Und vielleicht waren da auch ganz andere Sachen in ihrem Kopf, Silvesterpläne oder der nächste Urlaub, Steuernachzahlungen oder die Ringbahnsperrung zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, die nun endlich wieder aufgehoben war. Aber so wirkte es nicht, als sie die an der Ampel sogar auf grün warteten und dann die Treppe zur U1 hochstiegen.

Und für einen kurzen Augenblick gab es keine Verspätungen oder lustigen Aktionen der BVG, keine Motzverkäufer oder Handtaschenräuber, kein Schienenersatzverkehr und auch keinen bescheuerten Neunzehnjährigen, der meint, seine Nudelpfanne auf den Bahnsteig zu kotzen. Es gab nur die beiden und mich. Sie waren wie Emma Stone und Ryan Gosling in Lalaland, aber als noch nicht ganz klar war, zumindest für Emotionslegastheniker, ob die beiden sich überhaupt mögen oder wollen oder mögen wollen. Und ich war halt auch irgendwie da, störte jetzt keinen aber fiel auch nicht weiter auf.

In diesem Moment, als ich City of Stars pfiff, sagte er irgendwas zu ihr und sie wirkte unsicher und überrascht und irritiert und irgendwie veränderte sich alles. Und er schaute weg und schluckte und wusste auch nicht so recht, wohin mit seinen Augen und Blicken und Händen. Und dann umarmte sie ihn kurz, zu kurz und er umarmte sie auch, so mit einer Hand, aber nicht richtig und dann sagten sie noch irgendwas, drucksend und stotternd. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen passten die beiden so gut auf den Kotti, wie der türkische Lebensmittelladen und der Truppentransporter der Polizei. Denn sie waren genauso abgefuckt und hoffnungslos verbaut und bedient und voll gestellt mit Dingen und umgeben von Menschen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben in diesem kurzen Moment, das geht mich auch nichts an. Ich war nur der Zuschauer eines kleinen Berliner Ensembles, das sich wahrscheinlich unzählige Male am Tag in Bussen und Bahnstationen der Hauptstadt abspielt. Und dann fuhr eh die U1 ein, Richtung Warschauer Straße und sie stieg ein und er blieb stehen und schaute ihr hinterher und sie lächelte milde. Dann ging er die Treppen runter, „Zurückbleiben bitte, Attention, stay back!“ und sie fuhr davon und er drehte sich nicht mehr um. Kurz darauf sah ich ihn wieder die Treppe hinaufkommen und in meine Bahn einsteigen. Er setzte sich seine Kopfhörer auf und tippte auf dem Handy rum. Wer weiß, eine Nachricht an sie oder an ihn oder eine schlechte Bewertung für den Bahnhof Kottbusser Tor auf Google Maps. Und dann steckte er das Handy weg und schloss die Augen und seufzte kaum merklich aber doch viel zu deutlich und ich hätte gern gewusst, was er denkt. Doch vielleicht war es besser, dass ich es nicht wusste, so wie es besser wäre, wenn ich mir eine andere, eine schönere Strecke suchen würde.

Mit den Händen in der Tasche stieg er am Bahnhof Hallesches Tor aus. Unsere Blicke trafen sich kurz und seine Augen sahen aus wie die schmutzigen Pfützen auf den Bürgersteigen in Kreuzberg nach einem Platzregen im Herbst. Es war wohl kein guter Abend für ihn. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir uns an der Deutschen Oper oder am Hauptbahnhof getroffen hätten. Vielleicht ist die Kulisse aber auch egal für die kleinen Schauspiele, die das Leben schreibt. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich rumpelnd in Bewegung. Ich holte mein Handy raus und fing an, einen Text zu schreiben.


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