Spreu vom Weizen

Und im Sommer, trennt sich die Spreu vom Weizen. Und wir sind mit dabei. Captain Planet – Spreu vom Weizen

Als ich klein war – wenn man das als dicker Junge überhaupt sagen kann, also vielleicht besser, als ich noch jung war und man noch so Freundschaftsbücher ausgefüllt hat – wollte ich gerne Musikvideoregisseur werden. Okay, wenn ich ehrlich bin, wollte ich zur Freundschaftsbücherzeit noch Lehrer werden, aber während meines Studiums, als ich schon wusste, dass ich nicht Lehrer werden will, war Musikvideoregisseur dann mein Traum. Ich hatte und habe noch immer oft Bilder und Videos im Kopf, wenn ich Lieder höre. Erst vor einigen Tagen dachte ich bei einem Song meiner Lieblingsband: Wie geil wäre es, wenn jetzt genau das und das passieren würde und wenn man jetzt noch mal hier und überhaupt.

Da ich nicht so die Technik habe, Musikvideos wirklich zu drehen, beziehungsweise ich nicht das nötige Knowhow habe, um nicht an meinem eigenen Anspruch zu scheitern, entschloss ich mich, diesen einen Song zumindest in eine kurze Geschichte zu packen. Es sind mehrere Fragmente aus Songs der Band (Captain Planet, sollte man kennen und lieben) enthalten, aber vor allem ein großer Teil aus dem Lied Spreu vom Weizen. Am besten lest ihr erst die Geschichte, hört dann den Song so zwei- bis dreimal, dann lest ihr die Geschichte noch einmal und hört danach nur noch Captain Planet. So würde ich es machen. Viel Spaß dabei. Und danke an Captain Planet für alles, für tolle Musik und großartige Texte und für die unzähligen Konzerte in den letzten Jahren.

Spreu vom Weizen

Es war derselbe Weg, den du schon so oft gegangen bist, mit denselben Straßenlaternen und Mülleimern, mit dem Bushaltestellenhäuschen, in das jemand mit Edding „Viva allein“ geschrieben hat und mit dem Schild, gegen das irgendwann mal jemand gegengefahren ist und das seitdem schräg an der Straße steht.

Der Tag war grau wie der Asphalt und die Pfützen hatten nichts zum reflektieren, gelbe und braune Blätter quetschten sich in die Abflüsse. Du wolltest nur kurz zum Laden, eine Mate und ein paar Bier kaufen, vielleicht noch Knabberkram für später. Und du ranntest die Gasse entlang und in Richtung der Kreuzung, auf die sich nur selten mal ein Auto verirrt. Die Ampel schaltete um und Spotify spielte den nächsten Song. Weiter, bis die Stimme aufgibt, bis alles zerfällt und dann die Straße und der Knall und die Schwarzblende.

Vier Stunden später. Ein Club, eine Bar, eine Tanzfläche. Dunkle Sessel. Die Haken sind noch immer nicht blau, du dafür schon. Du hasst Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit und du hast auch keine Lust mehr zu warten. Du tanzt und du springst und du singst und du trinkst. Und irgendwann machst du dir keine Gedanken mehr und der Ring in deiner Tasche drückt immer weniger auf dein Herz. Und irgendwann klingelt das Telefon und du verstehst nicht was die Stimme am anderen Ende sagt und du quetscht dich raus aus dem Club und dann zieht es dir den Boden unter den Füßen weg und du fällst. Und du knallst auf den Boden. Schwarzblende.

Die Tage vergehen und werden zu Wochen und Monaten und Kalenderblätter fallen gelb und braun zu Boden und lassen kahle Wände zurück. Jahreszeiten verwischen wie frische Tinte und Nächte kommen und gehen. Und Schlaf wird sowieso überbewertet. Auf Feldern wird Getreide ausgesät und du siehst aus wie der Acker nachdem er gepflügt wurde. Und irgendwann kommen die Mähdrescher und knallen die Halme zu Boden und trennen die Spreu vom Weizen und du trennst keinen Müll mehr, weil du nicht weißt, welcher Teil von dir in die blaue Tonne gehört. Aber Weizen trinkst du auch, viel und nicht nur im Sommer sondern auch im Herbst und im Winter und in den Momenten dazwischen.

Es wird besser sagen die Leute und es wird wirklich besser. Alles wird besser, nächstes Jahr. Langsam. Und so wie die Zeit mit kleinen Schritten voranschreitet, so stolperst du dich auch zurück ins Leben. Du gehst erst wieder raus und dann auch irgendwann zu dem Ort, wo aus Viva Allein ein Ende geworden ist. Das Schild steht inzwischen gerade und witzige Sprüche pflastern die Mülleimer drumherum und irgendwer hat ein Baumhaus gebaut aus dem Kinder dich kritisch anschauen. Du bist eine Kulisse, die langsam auseinanderfällt und bevor du dich umdrehen kannst, läufst du los. Raus aus dem Vorort und rein in die Stadt und irgendwann auch wieder rein in die Bar und mit einer Zunge, die vom Rotwein ganz blau ist und mit Händen, die vom Zittern und Falten ganz rau sind, lässt du sogar irgendwann wieder Sektkorken knallen und fängst wieder von vorne an.

Schwarzblende. Fünfzehn Jahre später. Viel hat sich verändert, du zum Beispiel. Oder die kleine Stadt. Das Kino hat schon lange zu. Im Eingang hängt noch das vergilbte Plakat von Rambo. Erinnerungssplitter aus Glas und Beton und überall Graffitis und Müll. Die Blätter sind andere als noch vor Jahren, aber immer noch gelb und grau. Das Baumhaus ist abgebrannt und alles wirkt wie eine fremde Welt, eine Miniatur. Zwischen all dem stehst du und gehst du zum Friedhof. Löwenzahn und Unkraut müssten mal wieder weggemacht werden. Morgen. Lieber Morgen. Heute nur da sein und atmen und funktionieren. Es ist nichts mehr übrig von euch beiden. Nur die verblassende Erinnerung und die Stille, die in der Luft hängt wie die Vögel, die keinen Mast mehr gefunden haben.

Du bleibst nur kurz und nimmst dir vor, es bleiben zu lassen. Einfach abschließen mit dem Kapitel und die alte Kiste zuknallen und abschließen und dann verbuddeln unter dem Pflaster, unter dem Strand und unter der Zeit. Und du fährst zurück nach Hause, wo dich dein Sohn schon sehnsüchtig erwartet. Und der Ring an deinem Finger wird noch einmal kurz schwer und es fällt dir wieder auf, wie schwer er doch ist und dann nimmst du deinen Sohn auf den Arm und dir fällt wieder auf, wie schwer er doch geworden ist. Und dann liegt ihr euch in den Armen und ihr werdet es immer wieder tun, die nächsten 25 Jahre lang. Und du wirst immer da sein, egal wohin er rennt, in den Morgen, auf den Straßen, in den Bars und auf den Brücken. Und das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt geht ihr raus. Es ist Erntezeit. Die Mähdrescher trennen die Spreu vom Weizen. Und ihr seid mit dabei.


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