Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
.
Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.


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