Der dicke Typ mit der Musik

Und ich renne, durch die Nacht. Unerkannt. In der Hoffnung, zwei der Teile, sind ein Ganzes dann. Fjørt – Magnifique

Dereinst fragte mich ein Kollege, was mein Geheimnis sei. Wie ich es schaffe, immer so gut drauf zu sein und glücklich und freundlich und all das alles. Dummerweise fragte er mich das an einem dieser Tage, an dem ich ungemein mit mir zu kämpfen hatte und am liebsten einmal mein ganzes Ich und die negativen Gedanken und meine schlechte Stimmung resettet hätte.

Ich antwortete also ohne groß darüber nachzudenken: Pretending. Ein Wort, für das mir gerade keine passende Übersetzung ins Deutsche einfällt. Ich wollte damit sagen, dass ich dieses Glück oft nur vormache oder so wirke, als wollte ich die ganze Welt umarmen. Er grinste und glaubte mir nicht, das könne nicht sein und überhaupt, gerade wenn ich mit meinen Kopfhörern durch die Stadt laufe, das müsse doch der Schlüssel sein. Mir fiel keine bessere Antwort ein und so grinste auch ich und ging dann zwei Stunden durch den Regen nach Hause. Mit meinen Kopfhörern und mit der Musik auf meinen Ohren und mit dem Kopf voller Gedanken und mit den Beinen, die einfach nur laufen wollten, ohne jemals irgendwo anzukommen. Und ohne eine Antwort auf die Frage, wie ich das mache, mit diesem ganzen Glück und so.

Keine Ahnung wann es angefangen hat. Ich würde vermuten mit 13 oder 14 Jahren, in einer Zeit, in der ich die Musik so richtig für mich entdeckte. Ich hatte zwar auch einen Walkman und Kassetten, aber so richtig los ging alles mit einem ersten tragbaren CD-Player, der auch MP3-CDs abspielen konnte und echt lange Antishock hatte. Ich, ähm, kaufte mir all die CDs von meinen Lieblingsbands und von den Bands, die nie meine Lieblingsbands werden würden, mich aber doch ein Stück meines Lebens begleiteten und machte mir eine Mappe mit MP3-CDs. Und diese hörte ich dann, wieder und wieder und wieder. Mit meinen großen Kopfhörern, die ich schon immer besser fand als diese komischen kleinen Stöpsel. Und ich merkte, wie sehr ich mich in die Musik fallen lassen konnte und irgendwann sang ich das erste Mal laut mit und nickte extrovertiert (das Wort kannte ich damals noch nicht, klingt heute aber richtig) und spielte Luftgitarre und sprang und schrie und vergaß die Welt um mich herum.

Zu der Zeit lebte ich in einer kleinen Stadt mit 6000 Einwohnern irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Und ich weiß noch, wie mir die Chefin des Museums, in dem ich als Schüler arbeitete, erzählt hat, wie einmal eine Einwohnerin zu ihr kam und fragte, ob sie den komischen und dicken Verrückten kennen würde, der immer so laut schreiend durch die Straßen rennt. Und auch ein guter alter Freund erzählte mir, dass seine Eltern mich einmal für einen Betrunkenen gehalten hätten, der brüllend durch den Ort torkelt. Man sprach von mir und ich weiß nicht, ob ich es damals so witzig wie heute finde, aber es war mir da schon relativ egal.

Heute lebe ich in Berlin und laufe immer noch laut schreiend, springend und wild gestikulierend durch die Gegend, nur der Unterschied ist, dass sich meistens nicht mal mehr jemand umdreht, wenn ich an ihm oder ihr vorbeirocke. In Berlin ist das irgendwie normal oder zumindest mal egal. Und für mich ist es wie schon damals und vielleicht heute noch viel mehr ein Ventil. Das ist mir gerade heute Nacht wieder aufgefallen, als ich mal wieder meine momentane Lieblingsband Fjørt aus Aachen auf den Ohren hatte.

Bitte sei für mich, was ich bin für dich. Doch damit kann ich, nur verlieren, wir sind nur gleich, auf dem Papier. Bitte sei für mich, was ich bin für dich. Mit diesem Satz, geb ich auf, doch ihn kapieren, wirst du nicht. Fjørt – Lichterloh

Fjørt im Januar 2018 im Lido in Berlin - weil ich so ein schlechter Fotograf bin, habe ich einfach mehr Filter über das Bild gelegt

Wie ich mich momentan oft fühle (wiederkehrende und unvollständige Aufzählung): traurig, allein, wütend, unruhig, rastlos, ruhelos, einsam, enttäuscht (von mir und anderen Menschen), genervt (vor allem von mir), schwach, hilflos, dumm, ungerecht. Okay, ich gebe zu, das ist jetzt vor allem die negative Seite der matten Medaille der Missmutigkeit (ja, ich weiß, dass es eigentlich Missmut heißt). Und ja, ich bin auch oft glücklich, entspannt, zufrieden, erleichtert und gelegentlich auch mal stolz. Aber das kann ich dann in diesen Momenten verstehen und greifen. All die schlechten Gedanken kommen eher spontan und diffus und ohne richtige Vorankündigung und mit voller Wucht. Und das nervt mich so, weil ich unfähig bin, mich dem entgegenzustellen und mein Kopf schlauer ist, als die Vernunft.

Ich bin in solchen Situationen und überhaupt ganz generell dann meist sehr hart zu mir selbst. Das haben mir auch schon ganz tolle Menschen gesagt und ich bin mir sicher, da ist was dran. Es führt aber auch dazu, dass ich irgendwie unfair und möglicherweise sogar gemein zu anderen Menschen bin. Das wiederum führt dazu, dass ich mich noch weniger selbst mag, weil ich – wie sangen die Ärzte damals so schön – meinen Selbsthass nur auf andere projiziere. Ich glaube schon, dass es als Mensch ohne Partner in den 30ern in Berlin nicht leicht ist. Klar kenne ich hier viele tolle Menschen, ich lerne jedes Jahr neue unglaublich spannende Personen kennen, aber irgendwie fühle ich mich doch ziemlich oft auf mich allein gestellt und finde es schade, dass nicht mal jemand fragt, wollen wir das machen oder jenes oder welches. Und ich weiß auch, wie doof und unfair dieser Gedanke ist, denn jeder hat nur einen beschränkt großen Hut und viel zu viele Dinge, die darunter Platz finden müssen. Aber ich kann diesen Gedanken einfach nicht abschütteln und wegschmeißen. „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht“, heißt es in einer Redensart. Das funktioniert aber nur so lange, bis einer kommt, der das nicht so richtig kann, an sich selbst zu denken, oder das zumindest denkt um aus dieser Situation noch mehr Treibstoff für die eigene Unzufriedenheit zu gewinnen. Dann jedenfalls gerät alles aus dem Gleichgewicht und geht kaputt.

Irgendwann dreht sich alles in meinem Kopf und ich drehe Runde um Runde und fühle mich zugleich unglaublich selbstlos und über alle Maßen egoistisch und möchte niemanden vor den Kopf stoßen außer mir selbst, am liebsten mit einer massiven Wand. Aber das geht ja nun auch nicht und Pflastersteine heilen auch keine Wunden, selbst wenn sie antiseptisch sind, also kaue ich und kaue ich und komme doch nicht weiter. Und all das, all diese Gedanken, die ich gerade versucht habe auf das digitale Papier zu bringen, rauschen und rascheln und rasen dann zeitgleich durch meinen Kopf und ich versuche wirklich jedes Blatt in jedem verdammten Laubwald in meinem Schädel von allen Seiten zu betrachten. Das führt unter anderem dazu, dass ich immer wieder essenstechnisch rückfällig werde (und nein, nicht nur im Sinne von mal was gönnen oder einen Cheattag machen, sondern im Sinne von einfach alles innerhalb einer Woche mit meinem viel zu großen Arsch einreißen, was ich mühsam in einem Monat vorher aufgebaut habe) und oft unmotiviert bin, die einfachsten Sachen zu tun und schnell gelangweilt werde von Dingen und leider auch oft Menschen vor den Kopf stoße – manchmal nur in meinem Kopf, ohne dass sie es je erfahren, was die Sache aber nicht besser macht.

Und das ist dann der Moment, wenn ich froh bin, dass ich die Musik auf meinen Ohren habe. Und das sind dann auch die Momente, in denen ich nicht zufällig meine gesamte Musikbibliothek zufällig durchklicke, sondern ganz gezielt Fjørt auswähle. Und dann atme ich tief ein und wenn der Bass und das Schlagzeug und die Gitarre einsetzen, schließe ich die Augen und springe manchmal – mehrfach ist mir dabei schon das Handy aus der Tasche gefallen, was immer ein peinlich berührtes Umblicken nach sich zieht – und singe oder besser schreie laut mit. Denn dann vergesse ich für einen kurzen Moment die ganzen komischen Gedanken in meinem Kopf und konzentriere mich einfach nur auf die Musik, für die ich so unendlich dankbar bin.

Ich höre auch laut Musik, wenn ich glücklich und zufrieden bin. Aber meistens ist es für mich der beste Weg, zu verdrängen und zu verarbeiten. Mein Ventil, mein Ersatz für den Schlag mit der Faust gegen die Wand. Mein Rausch und meine Rettung. Und manchmal auch meine Hoffnung und fast immer eine willkommene Ablenkung.

Verzeih, ich werd‘ hier nicht nach unten sehen, ich werd‘ vorübergehen. Könntest du dein tränendes Gesicht wegdrehen, bitte? Fjørt – Eden


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