Ein kurzer Ausflug in den Untergrund

Hier im Bus ist immer Sommer und du in deiner Winterkluft, die Scheiben neben dir beschlagen, ein Knopf schreit Lieder in dein Ohr. Captain Planet – Fenster im Fenster

Ungelenk quietschend schiebt sich die gelbe Raupe den Bahnsteig entlang, wird langsamer und kommt im hinteren Kurzzugbereich zum Stillstand. Gesundbrunnen, Ausstieg in Fahrtrichtung links. Und ich betrete den Wagen und ein Platz ist noch frei und ich eile herbei und lasse mich fallen und schaue mich um.

Da sind die üblichen Verdächtigen, die latent Übernächtigten, die großgewachsenen und noch nicht ausgewachsenen, stets flacksenden und frechdacksenen Kids, mit ihren ungewaschenen Brustbeutelgürteltaschen. In der Hand halten sie die Mateflaschen und ihre Backshopsachen und sie spucken vor Lachen auf den Boden. Ihre Masche hat Klasse und ihre Klasse hat Ausgang und der eine Ausgang ist defekt und dort klebt ein Aufkleber und der Typ auf Kleber kapiert es nicht und probiert den Knopf und es passiert nicht und er passiert den Moritzplatz und zuckt mit den Schultern und nimmt wieder Platz.

Da ist Mister Kreuzberg 93 und der alte „früher kosteten die Kippen noch Zweimarkneunzig“ Typ, sein Blick ist trüb und mit seinem Glauben ist er auf dem Holzweg, wie ein Vegetarier auf einem Bootssteak. Da sind Belegarbeiten schreibende, sich die Augen rot reibende, mit starrem Blick auf Laptopscheiben starrende Intellektuelle und auch sie sind nicht immer ganz helle, wenn das Licht ausgeht. Da steht die Mutter mit Sohn und Smartphone und mit dem Rücken zur Wand steht da einer und liest Faserland von Christian Kracht und er lacht an den falschen Stellen und am Kottbusser Tor macht er sich auf zum Ausgang und steigt aus und nimmt den Aufgang zur U1.

Ich sitze nur da und höre Musik und kriege nicht viel mit, von meiner Umwelt und ihrer ganz generellen Verschmutzung um mich rum. Ich bleibe die meiste Zeit stumm, auch wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen oder mal kurz um die Wette laufen will und ich bleibe auch still, wenn sich jemand eine Kippe von mir schlauchen will, weil man in der U-Bahn eh nicht rauchen darf und ich nicht mehr rauche, weil mir die kleinen bunten Bilder auf den Zigarettenschachteln die Augen geöffnet haben, wie dieser eine Heilige von Wonder Waffel den Hungrigen wieder satt gemacht hat. Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen oder nie, stellt der verbitterte Bittsteller fest, der seine Hand aufhält und meinem Blick Stand hält und auffällt, weil ihm ein Bein fehlt und sein Gebiss nur noch bis drei zählt und so gebe ich ihm mein restliches Kleingeld, auf dass er es für sich behält und seinen restlichen Tag auf den Kopf stellt und ich mir was auf mein Karma einbilden kann.

So läuft das immer in der Bahn. Jeden Morgen und jeden Abend pendelt das Uhrwerk die Menschen herbei und schiebt sie auf Gleise. Und jede Reise ist scheiße, denn sie ist nicht pauschal, sondern irrational und mehr Nahverkehr als Fernwärme, die auch schon wieder ausgefallen ist. So ein Mist, denkt sich der eine und ich hab leider nicht mal vier Wände sondern nur die Osloer Straße, hier ist das Ende der Bahn. Doch im Leben gibt es immer eine Wende und so geht es zurück zum Rathaus Steglitz, nicht gerade das Paradies aber auch nicht ganz so fies wie – ich weiß nicht, ich muss jetzt jemanden beleidigen und der wird sich dann verteidigen und beschreiben und schreien, dass hier und da ein ganz toller Ort ist und wenn man erstmal ne Weile fort ist, würde man es auch vermissen und wissen, was man daran hat oder hatte und dann steht man wieder auf der Fußmatte an Weihnachten mit dem lustigen Spruch wie Tritt mich! und fragt sich: Ist das wirklich witzig?

Und nein, ist es nicht und auch nicht der Gedanke daran, auf immer hier gefangen zu sein. Wie die Fliege vor der Spinne im Nahrverkehrsnetz, wie auf der Anklageviererbank ohne Richtergeschwätz, wie ein Tramedar im Zoo oder wie ein Gefangener irgendwo in Moabit im Knast. Rastlos rattern die Räder auf den Gleisen bis irgendwo ein Notarzteinsatz die Weiterfahrt aussetzt und man sich aufsetzt und abschätzt, ob man wirklich sitzen bleiben sollte oder doch auf den Ersatzverkehr ausweicht und die Wartezeit ausgleicht, oder ob es für heute einfach mal ausreicht mit der Fortbewegung und man auch einfach mal ankommt.

Ich öffne die Augen. Verdammt, mal wieder eingenickt im sonoren Gleichklang der Motoren. Mal wieder zu lange im Warmen gewartet und den Ausstieg verpatzt. Schon am Walter-Schreiber-Platz. Ich verlasse trotzdem das fahrende Biotop im Untergrund und steige die Stufen hinauf zur Stadt. Berlin steht noch. Beruhigend und auch mal ganz schön.

Für heute habe ich den Ausstieg geschafft, doch morgen bin ich wieder drauf und drin und einer dieser üblichen Verdächtigen, einer dieser latent Übernächtigten. Nur werde ich mal was Verrücktes machen und wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen möchte, werde ich es vielleicht einfach mal tun.


2 Antworten auf „Ein kurzer Ausflug in den Untergrund“


  1. 1 Matthias 26. September 2018 um 17:43 Uhr

    Klasse Text.
    Gut beobachtet und nicht beiläufig niedergeschrieben.
    Mehr davon!

  2. 2 Eric 22. Oktober 2018 um 16:39 Uhr

    Immernoch Fan deiner Texte und Gedanken. Gern wieder mehr davon und gern auch wieder im Podcastformat.

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