Im Paradies der Aussortierten

Ich will nicht ins Paradies wenn der Weg dorthin so schwierig ist. Die Toten Hosen – Paradies

Heute gibt es einen kleinen Text, der vielleicht sogar der Anfang einer Reihe sein könnte (wenn er nicht aus der Reihe tanzt.) Aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall geht es um die kleinen Dinge, die in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten. #deep

Im Paradies der Aussortierten

„In 400 Metern links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Sie haben die Ausfahrt verpasst. Bitte bei der nächsten Gelegenheit wenden.“ Tom führte wieder einmal Selbstgespräche. Sein Leben war die letzten drei Jahre komplett ereignislos verlaufen. Nichts passierte, gar nichts. Wie jeden Tag und jede Nacht lag er nur rum und wartete. Seit fast jeder Mensch ein Smartphone besitzt und jedes dieser Geräte über eine Kartenapp verfügt, wird er nicht mehr gebraucht, denn Tom ist ein Navigationsgerät und auch sein Fahrer nutzt nun schon seit Ewigkeiten nur noch sein Handy.

Als der Fahrer zum ersten Mal mit dem Smartphone navigierte, dachte Tom noch, es sei eine Ausnahme gewesen, diese moderne Technik wird sich eh nicht durchsetzen. Damals, am ersten Tag, fühlte sich Tom schlapp und leer, als wäre sein Akku nicht geladen. Warum also nicht der jungen Generation den Vortritt lassen und auch mal ruhig bleiben und nur mitfahren. Doch schnell wurde klar, dass der Fortschritt ihn nicht nur ein-, sondern mit voller Geschwindigkeit links überholt hatte. Tom war zwar erfahren was Straßenführung und Blitzerwarnungen anging, allerdings konnte er sich nicht in Echtzeit auf die aktuelle Verkehrslage einstellen. Er wusste auch nicht, wie es diese kleinen Computer schafften, immer die neusten Staus zu kennen und sofort eine Ausweichroute parat zu haben.

Anfangs konnte Tom wenigstens noch die Aussicht genießen, während er stumm in seinem Logenplatz hinter der Windschutzscheibe saß. Doch irgendwann wurde die Halterung abgebaut und unter dem Fahrersitz zwischen Staub und Laub und leeren Getränkedosen verfrachtet. Dieser Ort war nun auch seit Ewigkeiten Toms Zuhause.
„Hier geht es nicht weiter, bitte ändern Sie die Richtung“, überlegte er. Und nach vielen weiteren Kurven und Abzweigungen und Sackgassen und Einbahnstraßen in seinem Kopf, fasste er den Entschluss, dass sein Leben so keinen Sinn mehr ergab. Und so entschied er sich, auszubrechen.

Als seine Mitfahrgelegenheit mal wieder an einer Tankstelle hielt und die Tür wie immer offenließ, fasste er sich ein Herz, welches irgendwo auf seiner Hauptplatine lag, und sprang aus dem Auto auf den harten Boden. Dabei verletzte er sich leicht am Gehäuse und auch sein Display splitterte an einer Ecke ein wenig. Doch er konnte noch gehen und rannte in einen Wald neben der Straße und versteckte sich im Gras. Sein Arbeitsspeicher arbeitete vor Aufregung wie wild, doch niemand hatte ihn gesehen und als er sicher war, dass die Luft rein war, atmete er kräftig durch und schaute etwas enttäuscht in den wolkenverhangenen Himmel.

Zwei Tage lang lief er in Straßengräben umher und verirrte sich mehrfach, weil seine Kartendaten schon lange Zeit nicht mehr aktualisiert wurden. Irgendwann traf ihn die Erkenntnis wie Rollsplitt, der von der Schnellstraße aufgewirbelt wurde: „Ich bin zwar frei, aber ich bin noch immer nutzlos. Ich habe kein Ziel vor Augen und niemand braucht mich, weder mein Fahrer noch irgendwer sonst auf diesem Planeten. Und nicht alle Wege führen nach Rom.“

Und während er in einen immer pessimistischeren Monolog verfiel, befand er sich auf einmal auf einer hohen Brücke, die nicht auf seiner Karte eingezeichnet war. Sie musste in den letzten Jahren neu gebaut worden sein und mit ihr wurde die gesamte Straßenführung in der Region verändert. Tom hatte sich zu allem Überfluss auch noch verlaufen und hatte keine Ahnung, wie er wieder zurück auf eine ihm bekannte Route gelangen sollte.

„So geht es nicht weiter, hier ist Endstation. Ein Navigationssystem, das sich nicht mal orientieren kann. Lächerlich“ Er näherte sich dem Rand der Brücke und machte sich bereit für einen Sprung in die Hoffnung, nach seinem Tod irgendwo in der Cloud zu sein. Doch bevor er sich für immer formatieren konnte, erschien eine alte, dicke Fee neben ihm.
„Hallo kleines Navi. Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Auch ich fühlte mich mal komplett allein gelassen. Märchen sind nicht mehr im Trend, es gibt jetzt Serien und Filme und Geschichten. Klar, es gibt immer noch Prinzen und Prinzessinnen, aber der Arbeitsmarkt für Fantasybuchcharaktere ist sehr schlecht. Kinder lesen einfach nicht mehr so viel. Auch wir werden irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Aber ich sag dir was: Lass mich dir helfen. Ich kann dich an einen Ort bringen, an dem du glücklich wirst. Was meinst du?“

Tom war zwar skeptisch, doch was hatte er zu verlieren? Er akzeptierte das Angebot der Fee und sie wirbelte herum, versprühte Feenstaub (viel davon war nur Showeffekt, aber sie liebte ihren Job einfach zu sehr) und auf einmal waren die beiden in einem sehr großen Raum. „Herzlich Willkommen im Paradies der Aussortierten.“ Tom war sprachlos. Um ihn herum tobte das Leben. Unzählige Gegenstände und Dinge liefen umher, spielten miteinander, sprachen und waren glücklich.

„Komm mit, ich zeig dir was“, sprach die Fee und führte Tom zu einer großen Rennstrecke. „Das hier ist eine Carrerabahn, hast du so etwas schon einmal gesehen?“ „Gesehen nicht, aber ich habe davon gehört. Spielen damit nicht Kinder und fahren mit Autos um die Wette“, erkundigte sich Tom. „Ganz genau. Wir haben hier einige Bahnen, die auf Dachböden vermoderten und nicht mehr gebraucht wurden, weil die Kinder viel lieber vor einer Spielekonsole saßen als mit den alten Fahrzeugen ihre Runden zu drehen. Das hier ist Michael, er ist unser bester Wagen.“ Ein roter Sportflitzer kam auf der großen Bahn, die einmal durch das ganze Zimmer führte, angerast und blieb neben der Fee und dem Navigationsgerät stehen. Auf seinem Dach war eine spezielle Halterung, die Tom an seinen früheren Platz hinter der Windschutzscheibe erinnerte.

„Hi, ich bin Michael, freut mich dich kennenzulernen. Du kommst genau richtig, ich verfahre mich leider manchmal und könnte etwas Navigation gebrauchen. Hast du Bock?“ Und natürlich musste er nicht zweimal fragen. Tom setzte sich in die Dachhalterung, schaute sich einmal genau um und strahlte. „Hier bin ich Zuhause. Es ist wirklich ein Paradies. Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Und dann brauste das Auto los. „In 300 Metern scharf links. Jetzt rechts halten. An der nächsten Kreuzung geradeaus fahren.“ Und so wurden Michael und Tom Freunde und Partner und fuhren gemeinsam ihre Runden und eine alte Canon-Minidigitalkamera hielt ihre siegreichen Zieleinfahrten für die Ewigkeit (oder bis die SD-Karte voll war) fest.

Und während die beiden so fahren, vergrößert sich das Bild. Die Kamera zoomt raus. An der Wand steht ein Regal mit der Brockhaus-Enzyklopädie in 30 Bänden. Um die große Carrerabahn herum schlurfen vier Nordic-Walking-Stöcke über die überall verteilten Spielteppiche. Irgendwo im Hintergrund röchelt eine alte Filterkaffeemaschine vor sich hin. Das Bild wird unschärfer, man erkennt Umrisse eines Wackel-Dackels, der mit seiner Schnauze Jojo-Tricks vollführt.

Und irgendwann ist die Kamera so weit rausgefahren, dass wir uns schon gar nicht mehr im Raum befinden. Wir sind jetzt vor einem großen Gebäude. In der letzten Einstellung erkennen wir, dass es sich um eine mit Brettern vernagelte und verfallene alte Videothek handelt. Über der Eingangstür steht mit Leuchtbuchstaben, die schon lange nicht mehr funktionieren, der Name: Das Paradies.


0 Antworten auf „Im Paradies der Aussortierten“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


fünf + = elf