Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Cut my life into pieces, I‘ve reached my last resort. Papa Roach – Last Resort

Ich habe mal wieder einen alten Text von mir gefunden, den ich vor etwa fünf Jahren geschrieben haben muss. Man erkennt daran, dass ich schon immer ein Herz für schlechte Wortspiele hatte. Viel Spaß bei der Lektüre.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Wirtschaftsflauten, Bankenpleiten und die Eurokrise gehen auch an bekannten Märchencharakteren nicht spurlos vorüber. Es sind diese persönlichen Schicksale, die jedoch in den Medien oft unter den Teppich gekehrt werden. So auch beim tapferen Schneiderlein. Was wurde aus der Moral, die laut Wikipedia besagt, dass auch der Schwache, wenn er nur selbstbewusst und einfallsreich ist, Großes erreichen kann? Hier die wahre Story des ersten echten Modedesigners der heutigen Zeit.

Kleider machen Leute und er war es einst, der die Kleider der Leute machte. Keiner wollte sich seine Dienste entnähen lassen. Er machte die Berufung zum Beruf und die Selbstständigkeit zu seinem Geschäftsmodell: Das tapfere Schneiderlein – vom Staat gefördert – wurde zu einer Marke und er selbst zur ersten deutschen Ich-ANäh.

Es war Jacke wie Hose was er tat, egal welche Stoffe er sich vorknöpfte, alles, was bei ihm über die Klinge sprang, war im Handumdrehen edel wie Edelmetall und weich wie Weichkäse und bequem wie sehr bequeme Kleidung. Alles lief wie ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien: ziemlich gut.

Doch wer hoch stickt, lässt irgendwann mal eine Masche fallen und wenn der Erfolg nur mit der heißen Nadel genäht ist, kann man sich schnell daran verbrennen. Und so war es auch beim tapferen Schneiderlein, den die Mutter schon in der Kindheit gewarnt hatte: „Junge, schneid nicht immer so laut herum!“

Im Laufe der Jahre bildete er sich nicht nur oft weiter und viel ein, sondern auch viele Lehrlinge, seine Schneiderleinleins, aus. Diese wurden nach ihrer Ausbildung so gut, dass sie ihrem Meister nicht nur den sprichwörtlichen Schneid abkauften, sondern auch Geräte, um ihre eigenen Geschäfte zu eröffnen. Dabei konzentrierte sich jeder auf einen ganz eigenen Kundenkreis. Innerhalb kürzester Zeit hieß das Viertel, in dem sie arbeiteten, überall nur noch Little Schnaidatown. Dort gab es Geschäfte wie:

o AB-Schnitt: Ein Laden, in dem sich Kunden schnell und einfach Sachen kürzen lassen konnten
o Ein-Schnitt: Für alle Kleiderveränderungen nach großen Ereignissen im Leben.
o Durch-Schnitt: Für Kleidertrennung nach der Ehe.
o Schnitt-er: Wenn die Scheidung nicht genug ist – spezialisiert auf den Bestattungsbereich.
o Schnipp und Schnappi: Für Kleidungsstücke aus Krokodil und anderen seltenen Materialien.
o Schnitt-zel: Für Arbeitskleidung aus dem Gastronomiebereich.
o Schneidepflicht: Für den Mann von Welt im Zeugenschutzprogramm.

Diese Vielzahl an Möglichkeiten führte dazu, dass das tapfere Schneiderlein in seiner Nähstube kaum noch Kunden zu Gesicht bekam. Die Selbstständigkeit war nur ein kleiner Schnitt für die Menschheit, aber ein großer Schnitt für die Schneiderleinleins und ihren Lehrmeister. Die Jugend bestimmte schon bald den Trend und das Schneiderlein wurde zur Old Couture.

Ausgebrannt und ausgemustert streifte er durch die Stadt wie ein Lumpenhändler ohne Lumpen, das letzte Hemd hatte er einem gehemdicapten Bettler mit freiem Oberkörper geschenkt. Er war ein nackter Mann, der nicht mal mehr Taschen hatte, an denen man sich vergreifen konnte. Alles war verloren, der rote Faden und die Nadel und die Nähmaschinen. Nur sein Gürtel ist ihm geblieben. Während es Bindfäden regnete, schaute er ihn sich noch einmal an: Sieben auf einen Streich stand dort geschrieben.

Dieser Satz hatte ihn erst so weit gebracht, als er ihn zum ersten Mal anlegte und enger schnallte, war es, als hätte ihn noch mal so richtig jemand mit der Fusselrolle abgerollert und auf Hochglanz gebracht. Sieben auf einen Streich – dieser Satz müsste ihn doch auch diesmal wieder retten, vor Hartz 4 oder vor einer unvermeidbaren Schaftat als Halsabschneider und der daraus resultierenden Flucht nach Burkina Faser.

Er hängte seine Arbeitsstiefel an den Nagel und war das erste Mal in seinem Leben so richtig aus dem Schneider. Sieben auf einen Streich, kein Wunder, dass er es da zuerst einmal als Maler versuchte. Dabei trug er die Farbe jedoch viel zu dünn auf (sonst wären es niemals sieben Häuser auf einen Streich geworden.)

Nach seiner Entlassung versuchte er es in einem Restaurant. Sein Chef war begeistert – wer sonst konnte schon als Pizzaschneider sieben Teigfladen mit einem mal zerkleinern? Doch das Talent hatte wieder einen Nachtteil: Die Küche sah danach aus wie Sau, oft waren die Pizzastücke wie ein Flickenteppich im Raum verteilt und so verkaufte sich das Essen natürlich nicht mehr wirklich wie geschnitten Brot.

Das wird doch so alles nichts und so entschied er, den Gürtel zu verändern und an neue berufliche Herausforderungen anzupassen. Sieben und dann bin ich reich zierte seine Taille, als er sich als Goldschürfer in Texas versuchte. Mit Sieben auf einem Strich probierte er im Hamburger Rotlichtmilieu Fuß zu fassen, jedoch ohne Erfolg – die Branche bot ihm einfach zu wenig Stoff.

Zum Schluss kümmerte er sich wie schon in seinem Ausbildungsberuf tapfer um Trennungen. Siegen in jedem Streit – die fadenscheinige Anlaufstelle für außergerichtliche Auseinandersetzungen im ehelichen Umfeld. Mit Ratschlägen wie: Drum prüfe, mit wem du ewig Soße bindest und seiner samtweichen Stimme konnte er einige Beziehungen wieder zusammenflicken. Nur er selbst wurde irgendwie nicht glücklich.

Eines Abends passierte es dann. Leicht angetrunken zog er sich seinen Gürtel über die Augen und schaute sich im Spiegel an und sah nichts, weil er den Gürtel über den Augen hatte. Doch in dem Moment wusste er, was er zu tun hatte: Er schnappte sich Nadel und Faden und Messer und Schere und ein Cape, stickte und flickte und nähte und häkelte und am Ende lächelte er.

Seitdem ist es sicher in der Stadt. Immer, wenn irgendwo jemand im Schutze der Nacht eine Bank überfallen oder seinen Hundekot nicht wegmachen will, ist er zur Stelle: Der Räuber bekommt einen Scherentritt verpasst und der Hund wird zugenäht. Verflixt, Verbrechen lohnt sich nicht mehr. Denn jetzt sorgt jemand für Recht und Ordnung – noch genau so tapfer wie früher, aber kein Schneiderlein mehr. Heute kennt man ihn nur noch als Schneiderman.

Und die Moral von der Geschichte: Reden ist Silber, Schneiden ist Gold.


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