Alles und Nichts

Doch mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war. Farin Urlaub Racing Team – Niemals

Im Moment habe ich wieder eine ziemlich kreative Phase. So kam es dann auch, dass ich gerade auf dem Heimweg von einer beeindruckenden Erzählbühne eine Idee hatte, die dann rasant angewachsen ist und unbedingt noch auf das digitale Papier gebracht werden wollte. So ist innerhalb einer Stunde der dritte Beitrag zu meiner Berlin-Anthologie entstanden. Dabei habe ich beschlossen, dass ich es so machen will, wie bei der Three Flavours Cornetto Trilogy (rund um Shaun of the Dead), nur eben mit Mate. Ich muss mir nur noch einen griffigen Namen überlegen, bin da auf jeden Fall auch für Vorschläge offen. Jetzt aber erstmal zum Text.

Alles und Nichts

„Hier, wo jetzt all die Menschen warten und Züge fahren und Häuser stehen und Autos halten, hier, wo jetzt alles ist, war irgendwann einmal nichts. Und irgendwann, vielleicht in vielen tausend Jahren oder aber schon sehr bald, wird hier bestimmt auch wieder einmal nichts sein. Stell dir das mal vor.“

Wenige Momente zuvor am Berliner Hauptbahnhof. Ich stehe mit meinen Händen in den Taschen und den Kopfhörern auf den Ohren und der Kapuze tief im Gesicht auf dem Bahnsteig und warte darauf, dass dein Zug endlich einfährt. Er hat Verspätung. Ich tippe auf meinem Smartphone herum, nächster Song bei Spotify, passt gerade nicht. Spiegel Online. Facebook. Dann eine Ansage, die ich nicht verstehe, weil irgendein Deutschpunksong in meine Ohren schreit. Ich streife die Kapuze nach hinten, setze die Kopfhörer ab, stecke sie in die Tasche und in dem Moment bremst die Bahn ab und wirft all die wuseligen Touristen und Geschäftsmenschen und Familien und irgendwann auch dich auf die frisch gewischten Steinfliesen. Und du begrüßt mich nicht und du umarmst mich nicht, sondern sagst direkt diese Sätze über alles und nichts.

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll und mühe mir ein Lächeln ab und vielleicht macht mein Gesicht von alleine noch irgendwelche komischen Verrenkungen und ich schaue dich einfach nur an und fände es glaube ich ganz gut, wenn jetzt nicht die ganze Hektik und die Züge und die Menschen um uns herum wären, sondern wenn wir hier alleine stünden. Und wir würden nichts sagen, sondern uns nur anschauen und uns unsere Teile denken. Und du wischt unter deiner Brille in dein Auge und verschmierst die Farbe ein wenig und dann setzen wir uns in Bewegung, wie die langsam wieder anfahrende Bahn. Raus aus dem Mikrokosmos Hauptbahnhof und rein in die Stadt, Richtung Stadtmitte, Richtung Prenzlauer Berg.

Wir kommen am Naturkundemuseum vorbei und du erzählst von den letzten Wochen und was du gemacht hast und was du erlebt hast und was du geträumt hast und ich träume auch so vor mich hin und versuche nicht von dir zu tagträumen und ich stelle mir vor, wie das wohl war, als die Skelette und Präparate aus dem Museum noch Berlin bevölkerten. Und dann male ich mir aus, wie ein Tyrannosaurus Rex über den Rosenthaler Platz zieht und nach Beute sucht und wie das wohl war, als auf dem Alexanderplatz noch nicht der Fernsehturm der beste Aussichtspunkt war, sondern der Hals eines Brachiosaurus. Ich würde jetzt gerne deinen Hals sehen, den du aber leider viel zu fest in einen Schal gewickelt hast.

Unsere Schritte führen uns an den Resten der Mauer entlang und du erzählst etwas von Mauern in Köpfen, die man endlich mal einreißen müsste. Währenddessen frage ich mich, wie das wohl war, als die Stahlstäbe wirklich noch eine Mauer waren und wie es davor war, als die Mauer noch Steine waren, die in Gebirgen oder Ozeanen oder dazwischen lagen. Und ich male mir aus, wie wir diese Steine nehmen und irgendwo ein Haus daraus bauen, ein Zuhause, und dann haben wir auch eine Mauer oder einen Zaun drumherum aus Holz, das ich selbst im Wald geschlagen habe.

Du willst dir noch etwas zu trinken kaufen im Späti. Und wir betreten das kleine Büdchen und irgendwo geht eine Mateflasche zu Bruch und das klebrige Getränk trägt die großen und kleinen Glassplitter unter Regale und in die hintersten Ecken des Ladens. Und irgendwann wird aus dem Glas vielleicht wieder Sand, aus dem dann Kinder Sandburgen bauen und du regst dich über den Tollpatsch auf und in meinen Gedanken macht ein Tollpatsch die Sandburg kaputt, die ich für dich und mich und niemanden sonst errichtet habe.

Es ist mal wieder Herbst stellst du fest. Die Blätter überall und es wird ja auch wieder früh dunkel und kalt und du rückst dir deine Mütze zurecht und ich finde das irgendwie faszinierend. Ich muss kurz dein Bier halten, damit du dir eine Zigarette anzünden kannst und ich will mich viel lieber an dir festhalten und mich an dich klammern wie dieses eine, letzte Blatt, das den Baum nicht loslassen will, das den Kopf oben behält und das nicht nachgibt.

Wir gehen vielsagend rauchend und nichts sagend stumm durch die Kastanienallee und ich muss daran denken, wie wir früher als Kind immer Kastanien gesammelt haben, säckeweise. Und die haben wir dann zum Förster gebracht und ein bisschen Geld dafür bekommen und damit haben wir Geschwister und das dann Spielzeug gekauft. Doch dieses Spielzeug gibt es nicht mehr und auch die Tiere, die die Kastanien dann im Winter gegessen haben, sind auch alle schon tot und ich weiß nicht mal, ob die Bäume noch stehen. Aber ich weiß, dass ich jetzt gerne mit dir durch diese Straße tanzen will und dabei würden uns die Menschen zujubeln oder es wären gar keine Menschen da, weil noch niemand geboren wurde und nur wir zwei hier wären und sonst nichts. Du schaust kurz zu mir rüber und ich nicke und lasse mir nichts anmerken und du merkst mir nichts an und irgendwann kommen wir an deiner Haustür an.

Du bedankst dich dafür, dass ich dich abgeholt und durch die Nacht gebracht habe und wir umarmen uns kurz und du fragst mich, was eigentlich mit mir los ist, ich sei so still und nachdenklich. Und ich sage: „Stell dir bitte mal folgendes vor. Hier, wo ich jetzt stehe, war mal nichts. Kein Fußweg, keine parkenden Autos und erst recht nicht ich. Aber da, wo du stehst, ist jetzt alles für mich. Und egal was war oder ist oder kommt, ich will es gemeinsam mit dir erleben und das am liebsten noch die nächsten tausend Jahre lang.“

Und diesmal sagst du nichts und schaust mich stattdessen mit diesem viel zu langen Blick an, der nichts sagt. Und irgendwie doch alles.


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