Slamtext Liebe

Auch wenn ich momentan drei bis fünf Ideen habe, kann ich einfach nicht so viel Muße für neue Texte aufbringen, wie ich es mir selbst wünsche. Da ich aber in diesem Jahr wieder mehr veröffentlichen will und vielleicht sogar mit dem Blog auf eine etwas hübschere Seite umziehen will, habe ich mir gedacht, muss ich zumindest ab und zu mal ein bisschen was veröffentlichen. Daher heute mal wieder einen alten Schinken. Der Text ist ungefähr sechs Jahre alt, ich mag ihn aber sehr. Und es ist wahrscheinlich auch einer der persönlichsten Poetry Slam Texte, die ich je geschrieben habe. Der Arbeitstitel damals war Slamtext Liebe und irgendwie ist es auch dabei geblieben. Viel Spaß bei der Lektüre.

Slamtext Liebe

Ein anonymer Dichter hat es mal mit „Und es hat Zoom gemacht“ beschrieben, dieses Gefühl, das jeder kennt und doch bei jedem anders ist. Es fängt mit guten Gesprächen über das Leben und den ganzen Rest an, man geht mal einen Kaffee trinken und irgendwo zwischen Kino und Kickerkneipe knallt es einem dann die Sicherungen durch.

Und von da an ist alles schön und neu und faszinierend. Schon das ewige Katz-und-Maus-Spiel beim Händchenhalten. Ein hin und her und für und wider und plötzlich schnappt die Falle zu und man will nie wieder loslassen. Liebe Zeit, bleib doch einmal stehen, damit dieser Moment nie vergeht!

Ich möchte dein Schatten sein, wenn dich die Sonne blendet, dir von Montag bis Freitag die Arbeit abnehmen, dass du am Wochenende ganz für mich da sein kannst. Und wenn du nicht da bist, gieße ich deine Pflanzen. Ich pflanze dir einen Baum und ritze in die Rinde jeder Linde die ich finde, was noch kommt. Ich überlege schon jetzt, was ich dir in einem Jahr zum Geburtstag schenke und probiere aus, ob du auch genügend Platz in meinem Bett hättest, würdest du hier mal übernachten wollen. Wenn nicht, schlaf ich auch auf dem Boden, also nicht, wenn du nicht hier schlafen willst, sondern wenn du hier schlafen willst, aber dir der Platz nicht reicht. Dein Platz ist an meiner Seite und seit du da bist, ist meine Seite nie mehr kalt.

Doch leider beschlägt die rosarote Brille irgendwann und man beginnt wieder klar zu sehen. Rückschläge und Rückenwind. Brustschwimmen in knietiefen Gewässern, doch den Grund sieht man nicht. Viel mehr geht man allen Dingen auf den Grund und grübelt. Lässt den Hamster im Kopf Runde um Runde rennen, doch es gibt kein Happy End im Hamsterrad.

Irgendwann ist alles mürbe wie Teig und klebrig wie der Kaugummi, den man schon vor Stunden hätte ausspucken müssen. Und liebe Sätze werden zu Floskeln, die man sich wie die Spuckis, damals, in sein Stickeralbum der schlechten Sprüche kleben kann. Wer in dieses Büchlein schreibt, das Herz wohl zur Verzweiflung treibt. Und da findet sich auch die Blaue Mauritius: „Ich glaube, wir sind in einer Freundschaft besser aufgehoben.“ Warum hebt man sich gerade das auf und verhebt sich an den Konsequenzen der Überheblichkeit, bis zur überschwänglichen Übelkeit. Und überhaupt.

Weinen ist ein unspezifischer emotionaler Ausdruck. Teile der Wissenschaft gehen davon aus, dass der Mensch das einzige Lebewesen der Erde ist, das weint.
Sollte uns das glücklich machen? Freudentränen, wenn wir verheult im Taxi oder einem Bus des HVV sitzen? Oder sind das nur Nebensächlichkeiten der schönsten Sache der Welt, die irgendwann zu dieser einen Sache wird, über die man nicht reden möchte, aber dafür Texte schreiben und traurige Lieder und der ganze Krempel der dazugehört.

Auf wundersame Weise schafft es der Mensch innerhalb weniger Sekunden auf Wolke Sieben zu beschleunigen. Da ist es auch egal, ob die Beziehung nun 2 Stunden oder 20 Jahre gedauert hat – runter kommen sie alle und spätestens wenn sich der Boden mit dreifacher Flaschenweingeschwindigkeit nähert, fällt uns auf, dass wir überhaupt nicht fliegen können. Dann verkommen all die guten Vorsätze zu einem Vorspiel in Moll für das Konzert der traurigsten Geigen der Welt. Und in jedem Lied hört man Stimmen, die darin übereinstimmen, dass etwas mit einem nicht stimmt. Und jeder Text schreibt dich ab und du schreibst all die traurigen Texte ab und schaust dir alte Bilder an und du bildest dir ein, dass du dir erst jetzt ein Bild von der gesamten Sache machen kannst.

In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken also reiß ich sie raus und schlucke sie runter. Na los Liebe, geh mir durch den Magen.

Und vielleicht klingt das jetzt alles unglaublich hochtrabend platt oder ehrlich falsch. Aber was soll man denn machen, wenn sich die Decke, die einem auf den Kopf gefallen ist, nicht mehr wegbewegen lässt? Und klar kommen wieder andere Zeiten und klar kommt man klar und klar wird alles wieder gut und vielleicht ist man ja wirklich irgendwann in einer Freundschaft besser aufgehoben, aber im Moment will man einfach nur leiden und hoffen, dass es dem anderen wenigstens ein Stück genauso geht.

Und um das zu überprüfen, schaut man noch mal schnell bei Twitter und Facebook rein, ob sie nicht doch noch mal geschrieben hat. Und dann läuft man zum Briefkasten und da ist auch kein Brief drin also muss ich wohl eine SMS schreiben, damit man sich wenigstens wieder und auch auf der Straße und ganz zufällig geh ich nur jeden Tag dreimal an deinem bescheuerten Haus vorbei und nein, du, für mich ist alles okay. Hey, super, wir können doch ein Bier trinken und noch mal über alles reden, also rein freundschaftlich, versteht sich. Vielleicht telefonieren wir einfach mal, ach du hast nen neuen Freund?? Cool, also wow, freut mich voll für dich. Ich? Ach weißt du, ich… ich lebe.

Nicht, dass mir das je schwerer fiel als jetzt, aber ich will dir nicht ins Wort fallen, erzähl mir doch noch kurz, wie glücklich du jetzt bist und das du froh bist, dass wir über alles reden können. Und das damals alles die richtige Entscheidung war und überhaupt, ich hab dich auch ganz lieb, ganz relaxt und ganz freundschaftlich.

Und dann legt man wieder auf und legt sich hin und auch wenn 1000 Berührungen lang immer was passiert ist, ist die tausendunderste Nacht ohne Schlaf meist die längste auf der Welt. Und dann kann man sich wieder kurz darüber freuen, dass wir so besonders sind mit unseren Tränen. Und dass das Herz das mit dem Schlagen auch irgendwie alleine hinbekommt.


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