Nur einen Kuss – Vom Musikvideo zur Kurzgeschichte

Ich liebe Musik und fast noch mehr liebe ich gute Musikvideos, das habe ich ja auch schon in diesem Blog an der einen oder anderen Stelle erwähnt. Mein nicht ganz so geheimer Traumberuf ist ja auch Musikvideoregisseur. Da mir dafür aber die Technik, die Erfahrung und die Kamera fehlen (anders als die Ausreden, es einfach mal zu versuchen), bleibt es meistens beim Konsum. Meistens, denn ab und zu probiere, mich diesem Medium auf einem eigenen Weg zu nähern. So habe ich zum Beispiel vor einiger Zeit eine Fortsetzung für das Video Bilder mit Katze von Frittenbude geschrieben.

Heute geht es wieder in die Richtung, aber doch auch etwas anders. Die Ärzte haben mit Nur einen Kuss einen wunderschön traurigen Song für das Album Jazz ist anders komponiert. Ich hatte die Idee, die Story des Songs für einen Text noch einmal etwas auszuformulieren. In meinem Kopf spielt die Handlung eigentlich irgendwie in einem Westernszenario, für meine Version habe ich aber entschieden, sie im Hier und Jetzt anzusiedeln. Als ich mir noch einmal zur Inspiration das Lied anhörte, entdeckte ich, dass es ein sehr minimalistisches, aber doch toll gezeichnetes Video dazu gibt. Das Video gibt es hier, einmal anschauen und schön finden bitte. Danach dann gerne die folgende Geschichte lesen.

Nur einen Kuss

Ich war schon einige Jahre in Berlin, aber im Herbst ist es immer wieder am schlimmsten. Die Tage werden kürzer und man kann nicht mehr irgendwo im Park oder in den unzähligen Cafés draußen sitzen und lesen oder schreiben. Es liegt ein grauer Schleier über den Straßen und Häusern und dann immer dieser Regen. So sehr man auch versucht den Pfützen auszuweichen, man tritt doch irgendwann hinein und dann weichen die Stoffschuhe durch und die Strümpfe werden nass. Schließlich merkt man, dass man selbst unter einem grauen Schleier durch den Tag wandelt, mit Schuhen, die nicht richtig getrocknet sind und nach nassem Hund riechen und mit Gedanken, die – gelinde gesagt – auch schon nach dem nächsten Baum zum dran aufhängen suchen.

Wenn man dann auch noch Single ist und Facebook dir schon gar nicht mehr die Möglichkeit gibt, den Beziehungsstatus zu ändern, weil etwas anderes gar nicht mehr vorstellbar ist, dann macht es die ganze Geschichte auch nicht gerade angenehmer. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht habe, es gab immer mal wieder Freundinnen und Bekanntschaften und auch in den letzten Monaten hin und wieder mal eine Tinderei, aber es war nie etwas Ernstes. Keine Gefühle, keine Leidenschaft, keine Lust. Und irgendwann resignierte ich dann und versuchte mir einzureden, dass es schon okay wäre, dass ich niemanden brauche und allein besser aufgehoben bin. Wenn ich genug Wein getrunken hatte, blieb die Stimme in meinem Herzen leise und ich glaubte mir, an den paar anderen Tagen, konnte ich mir aber nichts vormachen.

An einem dieser nüchternen Abende stand ich mal wieder im Unrockbar, der Bar meines besten Freundes, hinter dem Tresen. Ich hatte eigentlich keinen wirklichen Bock auszuhelfen und wollte lieber mit mir und einer Flasche Merlot allein auf der Couch abhängen, aber zwei Barkeeper waren ausgefallen und da ich nicht nein sagen kann und sowieso das Interesse der anderen Menschen liebend gern über meine eigenen Bedürfnisse stellte, sprang ich ein.

Der Abend verlief die ersten Stunden ziemlich ereignislos, doch irgendwann kam eine junge Frau hinein. Sie war allein, setzte sich an die Bar und bestellte einen Gin Tonic. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche, las und schrieb dann mit genervtem Blick eine lange Textnachricht. Ihre ganze Mimik ließ mich vermuten, dass sie sich ihren Abend auch anders vorgestellt hatte. Ich weiß nicht warum, aber ich stellte ihr das Getränk hin, sagte: „Willkommen in meiner Welt, der Begrüßungsdrink geht auf mich“, und prostete ihr mit einem Bier zu. Sie war kurz verdutzt und musterte mich, aber nach dieser einen skeptischen Sekunde lachte sie und erhob ihr Glas.

So lernte ich Emma kennen. Sie blieb, bis ich die Bar abschloss und wir wanderten noch bis es hell wurde durch die Straßen von Berlin, in denen der graue Schleier auf einmal verschwunden war. Und ich weiß nicht ob es an ihr oder unserer Begegnung lag, aber am nächsten Tag zeigte sich der Herbst von seiner goldenen Seite und die Sonne schien und die Menschen in den Straßen lachten und waren gut drauf. Und ich war einer von ihnen.

Dann kam unser zweites Treffen und ich war so aufgeregt wie wahrscheinlich noch nie in meinem Leben. Wir gingen essen und dann wieder spazieren. Und während wir schweigend durch die Straßen gingen, schluckte ich all die schlechten Gedanken, die ich mir vorher sorgfältig Zurecht gelegt hatte und all die Ängste, die so akribisch im Inneren meines Kopfes für den Fall der Fälle bereit lagen, herunter und sagte zu ihr: „Wenn du mich nicht küsst, bleibst du vielleicht allein. Und wer will schon im Winter alleine sein?“ Danach waren wir ein Paar und es wurde der beste Herbst meines Lebens.

Nur einen Kuss

Ich war nie wieder so glücklich, wie in den paar Wochen, in denen wir alles teilten und ich alles für Emma tat. Sie war meine Sonne, sie gab mir Vitamin D und alles, was ich brauchte und ich machte mir seit langer Zeit endlich mal keine Sorgen mehr. Auch nicht, als sie mir eines Abends von einem Musiker erzählte, den sie mit ihren Freundinnen traf. Er war mit seiner Band hier im Studio, um ein Album aufzunehmen, das die Musikwelt komplett verändern würde. So sagte er es ihr zumindest und so berichtete sie mit leuchtenden Augen von ihrer ersten Begegnung.

Sie trafen sich wieder und ich merkte, wie sie das Interesse an mir verlor und das war furchtbar. Egal was ich tat oder wie sehr ich mich anstrengte, ihr der perfekte Freund zu sein, ihre Gedanken drehten sich um den Rockstar. Und an einem der ersten richtig kalten Wintertage, zwischenzeitlich flockte es sogar ein wenig, beendete sie mich und unsere Beziehung, um sich voll auf Jan, den geheimnisvollen Gitarristen, konzentrieren zu können.

Ich war am Boden zerstört, doch ich ließ sie ziehen. Was sollte ich tun? Außerdem habe ich in unserer viel zu kurzen gemeinsamen Zeit gelernt und erfahren, was ihr alles schon passiert ist im Leben und ich wollte nur, dass sie glücklich ist. Und wenn das nicht mit mir ging, so musste ich halt zurückstecken und versuchen irgendwie weiterzuleben. Sie war mir dankbar und stürzte sich Hals über Kopf in ihren Untergang.

Die Beziehung der beiden war das reine Chaos. Ich bekam das mit, weil ich nicht mit ihr abschließen konnte oder wollte und jeden Tag mehrmals ihr Profil in den diversen sozialen Netzwerken nach Hinweisen absuchte. Manchmal schrieb sie mir auch traurige, kurze Nachrichten und ich versuchte sie aufzubauen, doch meine Antworten blieben meistens unkommentiert. Dass es mir mit jedem Tag unserer Trennung schlechter ging und ich sie mehr und mehr vermisste, war nur zweitrangig.

Schließlich waren die Aufnahmen der Band im Frühling beendet und er ging auf große Deutschlandtournee, nicht ohne ihr vorher noch einmal wortreich zu schwören, dass sie alles für ihn sei und er immer an sie denken würde und er gar nicht abwarten könne, wieder bei ihr zu sein. All das war gelogen. Er meldete sich nie, antwortete nicht auf ihre Anrufe, Texte oder Sprachnachrichten und postete auf Instagram gefühlt jeden Abend ein Bild mit einem anderen knapp bekleideten Groupie.

Sie wartete vergebens auf seine Rückkehr und ein Wunder und schließlich entschied sie, dass es im Leben nichts mehr gab, worauf es sich zu warten lohnt. An diesem Abend hörte ich in den Nachrichten, dass sich eine junge Frau von einem Hochhaus gestürzt hatte. Zu den Hintergründen wolle man nichts sagen und überhaupt würde man ja über Selbstmord eigentlich nicht berichten, aber da hörte ich schon nicht mehr hin, weil ich die wahre Geschichte kannte. Und so wie ihre Knochen beim Aufschlag auf dem Bürgersteig brachen, so zerbrach das Weinglas, das ich in meiner schwachen Hand nicht mehr halten konnte und so splitterte auch mein Herz und mir war sofort klar, dass ich die Scherben nur zusammenfegen, nicht aber wieder zu einem funktionierenden und liebendem Herzen zusammensetzen kann.

Ich verlies Berlin und reiste den Sommer über durch Deutschland. Ich konnte die Stadt nicht mehr ertragen und versuchte mich abzulenken, neu zu sortieren. Ohne Erfolg. Immer wieder träumte ich von ihr und wie schlecht es ihr in ihren letzten Tagen gegangen sein muss und wie er einfach weitermachte, als wäre nichts gewesen. Nur eine weitere Kerbe in seinem Bettpfosten, ein Groupie, dem man keine Träne nachweinen musste. Und obwohl mein Herz in vielen kleinen Scherben irgendwo auf einer Müllhalde lag, spürte ich doch immer wieder diese Stiche, wo es sich mal unter meiner Brust befunden hatte. Also fasste ich einen Entschluss.

Es war leicht, ihn aufzuspüren, Social Media sei Dank. Ich buchte mich in ein Hotel ganz in seiner Nähe ein, besuchte das Konzert (was für beschissene Musik) und blieb auch nach der Show noch dort. Irgendwann kam er aus dem Backstage, um Autogramme zu geben oder vielleicht das nächste Groupie für die After Show klarzumachen, aber dieses Mal gewann ich seine Aufmerksamkeit. Ich quatschte irgendwas vom besten deutschsprachigen Album der letzten Jahre und stellte mich als Musikredakteur vor. Da er das Rampenlicht noch mehr als junge Frauen mochte, gab er mir die Chancen, ihn spontan und kurzfristig für mein frei erfundenes Magazin zu interviewen.

Wir gingen in eine ruhige Bar und sprachen und tranken und mit jedem Satz, mit jedem Wort, ja sogar mit jedem egoistisch rausgespuckten Buchstaben wuchs meine Verachtung für diesen Typen. Aber ich blieb ruhig und gab ihm jede Menge Getränke seiner Wahl aus. Der Abend wurde lang und irgendwann schlug ich vor, sich doch noch einmal die Beine vertreten zu gehen. Er stimmte zu und so marschierten wir, wobei es mehr ein leichtes Torkeln war, in Richtung des Stadtparks. Es war gespenstisch still und ein voller Mond leuchtete vom wolkenlosen Himmel. Mir war es fast ein bisschen kitschig, aber es musste passieren, das war klar und hatte er sich selbst zuzuschreiben.

Als er sich an einen Baum zum pinkeln stellte, stürzte ich mich von hinten auf ihn, warf ihn zu Boden und schlug ihn bewusstlos. Nach einigen Minuten kam er wieder zu sich, doch da hatte ich ihn schon an eine Eiche gebunden und seinen Mund mit einem Knebel verschlossen. Ich erzählte ihm, wer ich bin und von Emma und was mit ihr passiert ist. Er konnte sich nicht mal erinnern, versteht ihr? Was für ein Mensch muss man sein, um so mit den Gefühlen einer anderen Person zu spielen? Genug. Ich zog ein Messer und schnitt ihm die Brust auf. Er muss Höllenqualen gelitten haben, doch es war mir egal, schließlich fühlte ich mich seit Monaten so wie er jetzt und ein Mensch musste seinetwegen sogar sterben.

Und dann griff ich durch die offene Wunde und riss ihm mit einer schnellen, kraftvollen Bewegung das Herz heraus. Es war alles voller Blut und ich musste mit einem Würgreflex kämpfen, doch ich wollte mein Herz zurück. Und das habe ich bekommen, für mich und für dich Emma. Er schloss die Augen und ich kehrte mit dem Herzen nach Berlin zurück. Aber geliebt habe ich niemals


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