Archiv der Kategorie 'Die Oscars'

Oscars Werkschau 2015 – Teil 2: Boyhood

Wo gehen wir hin? Wo kommen wir her? Was ist der Sinn? Ist da noch mehr? Die fantastischen Vier – Geboren

Das Leben schreibt die besten Geschichten. Da aber das Leben halt kein Regisseur ist und somit auch keine Filme drehen kann, was wiederum auch bedeutet, dass eine Nominierung für den Oscar und die damit zusammenhängende Besprechung (die eher eine Beschreibung ist) hier unmöglich ist, hat sich Filmemacher Richard Linklater gedacht, dass man ja auch einfach das Leben verfilmen kann. Oder kurz: Boyhood erzählt die Geschichte eines Lebens. Also eigentlich nur einen Teil daraus, nämlich den, in dem ein Mensch von einem Kind über den langen und beschwerlichen Umweg Pubertät zu einem jungen Erwachsenen wird.

Der Clou an der ganzen Sache ist, dass Boyhood über elf Jahre hinweg gedreht wurde. Linklater zeigt seine Protagonisten quasi in Echtzeit. Aber – da war ich selbst ein wenig verwirrt – der Film ist keine Dokumentation, sondern erzählt eine fiktive Geschichte.

Im Zentrum steht dabei Mason, den wir bei seiner Zeit im Knabenalter (Übersetzung LEO) begleiten. Wir gehen gemeinsam mit ihm in die Schule, trinken unseren ersten Alkohol und fangen gemeinsam an, uns für Mädchen zu interessieren. Vor allem aber flicken wir uns Stück für Stück eine immer größer werdende Patchworkdeckenfamilie zusammen.

Und je größer der Familienflickenteppich wird, um so größer werden auch die Probleme und Spannungen zwischen den Akteuren. Vor allem die neuen Lebensabschnittsgefährten von Masons Mutter Olivia (Patricia Arquette) sorgen für Konflikte und reichlich Zoff.

Für mich war es ziemlich spannend zu sehen, dass mir die Geschichte eigentlich gar nicht so wichtig war. Es gab keinen klassischen Handlungsverlauf mit aufsteigendem Spannungsbogen, der sich auf den einen Höhepunkt zubewegt. Viel mehr war es eine gleichbleibend unaufgeregte Erzählung, die als Vehikel für das Konzept des Films funktioniert hat.

Ich hatte auch nicht das Gefühl, dass es Linklater darum ging, eine revolutionäre Geschichte zu erzählen. Es sind die Charaktere, die hier wichtig sind und die wir mit jeder der (teilweise etwas zu langen) 163 Minuten immer besser kennenlernen. Wir werden als Zuschauer irgendwie Teil der Familie.

Aber so ist es eben ein bisschen wie beim großen Familienessen am Sonntag. Es ist schön, alle wiederzusehen und mit ihnen Zeit zu verbringen, aber am Ende ist man auch wieder froh, wenn man allein Zuhause ist. Ich habe mich nie gelangweilt bei Boyhood, aber dieses Gefühl, zurück in mein „richtiges Zuhause“ zu wollen, war mehr als einmal da.

So kann ich auch nicht ganz verstehen, warum Boyhood im letzten Jahr über als DER FILM schlechthin verkauft wurde. Eine Durchschnittswertung von 100 von 100 möglichen Punkten bei 49 Kritiken (Metacritic) ist schon mehr als krass. Und das keiner davon den Film wenigstens ein bisschen blöd findet, ist in meinen Augen mehr als erstaunlich.

Jeder, der ein Herz für Familienfilme hat und damit leben kann, dass eben nicht viel passiert, sollte sich Boyhood aber vormerken. Wer zudem noch ein Faible für Filme hat oder sich selbst als Cineast bezeichnet, kommt eh nicht drum herum, den Streifen zu schauen, denn Boyhood ist ein bis dato einzigartiges und ambitioniertes Experiment, das auf jeden Fall funktioniert. Dafür gibt es von mir, auch wenn es nie mein Lieblingsfilm werden wird, 8 von 10 Sonntagsbraten.

Oscarchancen? Boyhood ist der wohl größte Favorit in den Königskategorien Film und Regie und eine Auszeichnung hier wäre definitiv verdient. Richard Linklater hat ein Stück Film geschaffen, das man gesehen haben sollte und das, selbst wenn man der Thematik nicht so viel abgewinnen kann, niemanden wehtut. Den Preis als beste Nebendarstellerin würde ich Patricia Arquette auf jeden Fall gönnen, wobei ich da nicht einschätzen kann, wie die Konkurrenz ist (wie auch bei Ethan Hawke.) Ich glaube, dass Boyhood einer der Gewinner des Abends am 22. Februar in Los Angeles wird.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Beste Nebendarstellerin
  • Bester Nebendarsteller
  • Bester Schnitt

Oscars Werkschau 2015 – Teil 1: Grand Budapest Hotel

Plenty of room at the Hotel California. Any time of year you can find it here. Eagles – Hotel California

Okay, ich gebe zu, das Einstiegszitat ist nicht besonders kreativ, Wes Andersons Oscarhotel liegt nicht in Kalifornien und es kommt nicht ein einziger Igel im Film vor. Aber wenigstens ist es ein Hotel und damit doch immerhin ein Anfang. Ein Anfang nämlich für diese erste Oscarfilmkritiksbeschreibungsrezensionsgedönsdingens 2015! Und alle so: „Hey, das Wort gibt’s aber so nicht!“ Und ich dann so: „Hey, das Grand Budapest Hotel gibt´s auch so nicht. Und es steht auch nicht in Ungarn!“ Hätten wir das also schon einmal geklärt.

Lang lang (wie der chinesische Pianist) ist es her, dass ich Grand Budapest Hotel gesehen habe. Irgendwann Anfang 2014, kurz bevor ich temporär nach Irland auswanderte, habe ich im wundervollen Rostocker Lichtspieltheater Wundervoll den ersten Nominierten für den Film des Jahres gesehen. Und damals konnte ja keiner ahnen, dass der Film mit neun Nominierungen zusammen mit Birdman zu den großen Favoriten des Jahres gehören würde.

So kann ich mich auch nicht mehr an alle Details erinnern, sodass ich, bevor ich diesen Text verfassen konnte, erst noch einmal bei Wikipedia nachlesen musste, was überhaupt passiert. Denn so richtig ist mir die Handlung nicht im Gedächtnis hängen geblieben. Vielmehr glaube ich mich zu erinnern, dass ich schon direkt nach dem Kinobesuch so dachte: Hä?

Da Hä? Jedoch eher unzureichend für eine Inhaltsangabe ist, versuche ich kurz und wie immer spoilerfrei zusammenzufassen, was Wikipedia über die Zusammenfassung des Films zusammenfasst, oder so. Es gibt vier Zeitebenen und fünf Kapitel und eigentlich wird auf jeder Ebene eine Geschichte erzählt, die auf einer anderen Ebene zu einer anderen Geschichte führt und wie auf eine andere Ebene überleitet. Eigentlich geht es aber um den Lobbyboy Zéro und seinen charismatischen Lehrmeister Gustave H.

Dieser hat einen Schlag bei den Frauen und bekommt ein Bild vererbt, dass irgendwie jeder haben will und auch die Polizei und sowieso ist ja grad Krieg und die Schriftstellerei, die spielt auch eine wichtige Rolle und Verfolgungsjagden und Schnee. Ehrlich gesagt dachte ich mehrfach beim Lesen der Zusammenfassung: Was, das ist passiert? Daran kann ich mich gar nicht erinnern! Trotzdem ist Grand Budapest Hotel ein Film, der einem im Gedächtnis bleibt und zwar ob seiner tollen Optik und seiner vielen Stars. Meiner Meinung ist hier eindeutig Style over Substance die Devise.

Einmalig ist, was Wes Anderson für Bilder auf die Kinoleinwand (oder inzwischen auf den heimischen Fernseher) wirft und was für eine eigene kleine Welt er dort und damit entwirft. Am besten lässt es sich für mich mit dem Wort pittoresk beschreiben. Nicht selten denkt man, man schaut sich eine quietschbunte Puppenstube mit vielen lustigen Puppen an. Dazu kommen vereinzelte Scherenschnitteinlagen, verrückte Kameraeinstellungen und tolle Kulissen. Wirklich ein Festmahl für die Augen, wobei man, wie bei jedem guten Festmahl irgendwann mal satt ist. Es ist aber nicht dieses: „Boah, ich muss gleich spucken“-satt, sondern viel mehr ein „Ich würde gern noch einen Happen essen aber ich kann nicht mehr“-satt.

Der Cast ist, wie fast immer wenn Wes Anderson einen Film macht, hochkarätig besetzt. Adrien Brody, Willem Dafoe, Jeff Goldblum, Tilda Swinton, Edward Norton, Bill Murray usw. usf. Es ist zwar schön die Nasen (vor allem die von Adrien Brody) mal vereint zu sehen, allerdings entsteht dabei auch wieder ein Problem, das ich häufig bei Filmen des Regisseurs habe. Es wird einfach kaum eine Symphatiefigur entwickelt. Alles geht so schnell: Zack,da. Zack, weg. Und die Tatsache, dass sie alle verrückte und verschrobene Figuren sind, macht die Sache nicht leichter. Irgendwann dachte ich so: Ach guck, wieder ein Star, der kurz durch das Bild huscht und dann nie wieder kommt. Auch hier wieder ein Effekt, den böse Zungen als Ablenkung vom eigentlichen Film auslegen könnten.

Ich bin aber keine böse Zunge und so kann ich einen Besuch im Grand Budapest Hotel schon insgesamt empfehlen. Es sieht schick aus, hört sich gut an und ist in einigen Momenten durch seine Skurrilität wirklich witzig. Trotzdem ist es halt mehr Kino für die Augen, als für das Herz und ich habe mich zwischendrin schon ein wenig gelangweilt. Daher ist er für mich auch kein (potenzieller) Gewinner in der Kategorie bester Film. Aber dazu kommen wir (Pluralis Majestatis) gleich. Erst noch schnell die 7 (von 10) Punktekoffer auf das Hotelzimmer bringen.

Oscarchancen? Bei neun Nominierungen sollte schon der eine oder andere Goldjunge für Wes Anderson und sein Team drin sein (auch wenn American Hustle im letzten Jahr zeigte, dass man auch 10-mal nominiert werden kann und dann trotzdem nichts gewinnen muss.) Wie gesagt, bester Film und auch beste Regie sind meiner Meinung nach unwahrscheinlich. Szenebild ist fast ein Muss, Kamera und Schnitt sind die Chancen sicher auch nicht schlecht und auch beim Originaldrehbuch hat der Streifen sicher noch ein Wort mitzureden.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Beste Regie
  • Bestes Originaldrehbuch
  • Bestes Szenenbild
  • Beste Kamera
  • Bestes Kostümdesign
  • Bester Schnitt
  • Bestes Make-up und beste Frisuren
  • Beste Filmmusik

Eine Vorschau auf die Oscars 2015 und ein Rückblick auf mein Filmjahr 2014

Theater, Theater, der Vorhang geht auf – Katja Ebstein

Ein Oscar kommt selten allein (außer es ist Oscar aus der Tonne, der ziemlich einzigartig ist) und so werden am 22.2.2015 wieder zahlreiche Goldjungen unter das Volk gebracht. Und nachdem ich mir im letzten Jahr erfolglos vorgenommen hatte, mehr zu schreiben und überhaupt alle Filme zu rezensieren, nehme ich mir das ganze einfach wieder (hoffentlich nicht erfolglos) vor.

Anders als in den vergangenen Jahren sind in diesem Jahr nur acht statt neun Filmen nominiert. Das passt auch ganz gut zu meiner persönlichen Meinung zum Filmjahr 2014: Es war irgendwie nicht schlecht, aber so richtige Kracher fehlten mir. So habe ich zum Beispiel Interstellar heiß erwartet, jedoch entpuppte er sich dann als kleine Enttäuschung. Ich kann nicht mal genau sagen, was mich konkret gestört hat, aber es fehlte irgendwas, weshalb ich, obwohl großer Nolan-Fan, nicht traurig bin, dass es nicht für eine Nominierung zum besten Film gereicht hat.

Was ich aber doch ziemlich schade finde ist, dass der grandiose Lego-Film nicht zum besten Animationsfilm nominiert wurde. Das Klötzchenspektakel war für mich eine der größten Überraschungen des vergangenen Jahres und kann Groß und Klein gleichermaßen viel Spaß machen, vor allem wenn man auf ziemlich quatschige Witze steht. Dafür ist nun ein relativ unbekannter Film nominiert, der nicht mal einen deutschen Wikipedia-Artikel hat – Skandal!
Ebenfalls gegönnt hätte ich Jake Gyllenhaal eine Nominierung, der in seiner Hauptrolle als Louis Bloom mit Nightcrawler meinen persönlichen Film des Jahres 2014 abgeliefert hat. Ein beeindruckend unangenehmer und zeitgleich faszinierender Film mit einem Antihelden, der kaum Sympathiepotenzial hat und mit dem man trotzdem voll mitfiebert. Und das ist eben vor allem Gyllenhaals Performance zu verdanken, die sogar in der unvermeidbaren deutschen Version noch ziemlich großartig war.

Trotzdem bleibt der männliche Hauptdarsteller spannend, da auf jeden Fall – wie auch bei der Regie und dem Drehbuch– jemand gewinnt, der vorher noch nie mit einem Goldjungen ausgezeichnet wurde. Und das ist doch schön, oder? (Rhetorische Frage bitte mit ja beantworten.)

So viel zur Vorbesprechung des Oscarverleihung 2015. Ich freue mich auf die kommenden, filmreichen Wochen. Wird gut, auch wenn meine Mitmenschen möglicherweise minimal von meinem Rumgenerde genervt sein könnten gewesen worden sein, oder so.

Nur noch kurz zum Abschluss meine Top 5 Filme aus dem letzten Jahr:

5. The Raid 2 – Absolut kompromissloser und brutaler Actionfilm aus Indonesien mit okayer Mafiastory, der aber wirklich mitreißend und genial inszeniert ist (deutlich besser als sein Vorgänger.)
4. The Wolf of Wall Street – Hätte ich im letzten Jahr mehr als drei Oscarfilme rezensiert, hätte ich hier auf die Rezension verwiesen. Hab ich aber nicht. Kennt aber eh fast jeder. Drei Stunden, die irgendwie nie langweilig werden und Leonardo DiCarpio, der irgendwie nie nicht gut ist in diesem Film und überhaupt. War gut.
3. American Hustle – Hätte ich im letzten Jahr mehr als drei Oscarfilme rezensiert, ach naja, ihr wisst schon. Sehr schicker und spaßiger Film im 70er-Jahre-Look, von David O. Russell, der schon mit Silver Linings ganz groß abgeliefert hat. Amy Adams…hach und Jennifer Lawrence…hach.
2. Gone Girl – Hätte ich in Irland mehr geschrieben, hätte ich den vielleicht auch rezensiert. Am besten funktioniert das Drama mit der großartigen Rosamund Pike und dem auch nicht schlechten Ben Affleck, wenn man möglichst wenig darüber weiß.
1. Nightcrawler – Hättest du den Text oben gelesen, wüsstest du schon, dass ich den wirklich gut fand. Ein Außenseiter wird zum Katastrophen-Kameramann. Keine leichte Kost, aber ziemlich faszinierend.

Oscars Werkschau 2014 – Teil 3: Captain Phillips

I am sailing, I am sailing. Home again ‚cross the sea. Rod Stewart – Sailing

Tom Hanks ist zurück. Okay, er war nie wirklich weg, aber eine Rolle, in der er auftrumpfen kann und einen guten Film trägt, ist doch schon etwas länger her. 19 Jahre nach Forrest Gump spielt er in Captain Phillips mal wieder den titelgebenden Helden. Wie er sich dabei schlägt, warum die Piraten keine Augenklappen tragen und nicht die ganze Zeit „ARRRRRR“ machen und ob man sich den neusten Streich von Paul Greengrass angucken sollte, verrate ich euch gleich. Von der Handlung verrate ich dagegen wie immer nicht viel – ihr könnt also beruhigt weiterlesen, ohne gespoilert zu werden.

Captain Phillips ist – und das kommt jetzt wahrscheinlich für einige mehr als überraschend – Kapitän. Auch ich dachte, dass ich ein Biopic über Gerard Philips, den Gründer des Elektronikkonzerns, zu sehen bekomme. Aber nein, wir haben ein L mehr im Namen und auch sonst gibt es kein auffälliges unauffälliges Product Placement – Tom Hanks trägt sogar Bart und hat nicht die Chance genutzt, sich in einer Szene formschön mit dem neuen Philips-Schwingkopf-Fünfklingentrimmer die Gesichtsbehaarung zu stutzen.

Der Bärtige ist also Schiffslenker (und nein, es gibt auch keine Szene, in der er irgendwo hinschifft) und steuert sein Containerfrachter über alle sieben Weltmeere. Sein aktueller Auftrag führt ihn vom Oman über den Golf von Aden nach Mombasa. Für die Leute, die keine Afrika/Asienkarte im Kopf haben: Der Weg führt vorbei an Somalia und in Somalia gibt es ganz viele Piraten. Darum hat Captain Jack (eigentlich heißt er Richard, aber Jack klingt lustiger) auch ein ganz schlechtes Gefühl als er im Hafen losschippert und lässt die Crew Sicherheitsübungen durchführen. Und weil es wirklich es nicht wirklich hollywoodtauglich wäre, einen Film zu zeigen, wo ein Schiff von A nach B fährt, zwischendrin eine Übung macht und dann problemlos ankommt, treten die Piraten natürlich wirklich auf den Plan. Und dann wird es spannend, denn ein packender Wettkampf zwischen David und Goliath beginnt.

Auch wenn die Grundprämisse erst mal nicht wirklich unterhaltsam klingt – Piraten wollen Schiff kapern, Schiff will nicht gekapert werden und keiner isst Kapern – gelingt es Paul Greengrass wirklich erstaunlich, über zwei Stunden hinweg die Spannung aufrechtzuerhalten. Dabei lässt er sich viel Zeit und lässt die Kamera auch immer wieder auf dem großen Pott und seinen kleinen Verfolgern verweilen, sodass man wirklich ein Gefühl bekommt, mit dabei auf hoher See zu sein. Es sieht einfach toll aus und gerade für mich, der total auf maritimes Flair steht, reichen die Aufnahmen von Chefkameramann Barry Ackroyd schon aus, um dem Film zu mögen.

Die Hauptdarsteller des Films sind zwar vor allem die Schiffe und das Meer, aber ohne gute Akteure ließe sich wohl kaum die Stimmung des Thrillers über die gesamte Spielzeit halten. Dabei liefert der schon erwähnte Tom Hanks natürlich gewohnt souverän ab, aber auch der Rest vom Cast macht einen super Job. Vor allem die Piraten, die von Schauspielanfängern verkörpert werden, überzeugen komplett. Durch sie bekommt die sonst etwas platte und abgedroschene Handlung auch etwas Tiefgang, denn sie werden hier nicht als die bösen, fiesen Piraten präsentiert, sondern als Menschen, die nicht anders können und nur ihre Familie ernähren wollen. Dieser Zwiespalt, in dem sie stecken wird, gut deutlich und auch glaubhaft von Barkhad Abdi und seinen Kollegen verkörpert.

Der Film erzählt eine wahre Geschichte aus dem Jahr 2009 nach, weshalb es natürlich schwierig ist, den Sinn hinter einigen Aktionen zu erfragen. Trotzdem haben wir es nicht mit einer Dokumentation, sondern mit einem Spielfilm zu tun, weshalb er sich diese Fragen zumindest gefallen lassen muss. So sind die Piraten zwar schon glaubhaft und zwiespältig gezeichnet, Captain Phillips selbst wirkt aber wie ein klassischer (ja, vielleicht auch amerikanischer) Superheldenmenschtyp, der nie einen Fehler oder etwas Böses tut und vielleicht sogar am liebsten selbst noch Geld für seine Angreifer spenden würde. Man würde doch ein etwas anderes Verhalten bei Angriffen erwarten. Und auch die Rolle und das Bild des Militärs hätte meiner Meinung nach noch etwas differenzierter ausfallen können.

Außerdem geht der Film halt eben doch über zwei Stunden und soooo viel passiert da eben nicht. Klar ist es schon irgendwie immer spannend und man ist auch gepackt, das täuscht aber nicht über einige kleine Längen hinweg, die es auf jeden Fall gibt. Und auch großartige Innovationen sollte man von Captain Phillips nicht erwarten. Aber die braucht es ja auch nicht immer und ein sehenswerter und spannender Thriller ist es auf jeden Fall, weshalb ich insgesamt 7,5 von 10 Punkten vergebe, eventuell mit einer ganz leichten Tendenz nach oben. Sehr solide Kost mit schönen Bildern, die man aber vor allem kein zweites Mal sehen braucht, da die Spannung vor allem daherrührt, dass man nicht weiß, wie die Situation ausgeht.

Oscarchancen?
Auch wenn Tom Hanks wirklich gut abliefert, ist er – meiner Meinung nach auch zurecht – nicht für einen Goldjungen nominiert. Die Konkurrenz bei den männlichen Hauptdarstellern ist in diesem Jahr auch einfach gigantisch. Bester Film wird er ziemlich sicher auch nicht, beim Preis für den besten Nebendarsteller könnte Barkhad Abdi eine Überraschung gelingen. Bei den Bafta, dem britischen Filmpreis, konnte er das Rennen für sich entscheiden, bei den Oscars würde ich aber eher auf Bradley Cooper oder Jared Leto tippen.

Nominiert für:

  • Bester Film
  • Bester Nebendarsteller (Barkhad Abdi)

Oscars Werkschau 2014 – Teil 2: Nebraska

These boots are made for walking, and that’s just what they‘ll do. Nancy Sinatra – These Boots Are Made for Walkin‘

Ich sitze gespannt und auch etwas müde in einem kleinen Kino in Berlin. Endlich wieder Oscarfilme schauen! Auf dem Programm steht Nebraska, von dem ich eigentlich gar nichts weiß, außer, dass er für den begehrten Hauptpreis nominiert ist. Nach dem Vorspann dann eine Szene in schwarz-weiß. Ich tippe meinen besten Freund neben mir an: „Der ist doch nicht etwa komplett so, oder?“ Er: „Doch, ich dachte, das wüsstest du?!“

Viel zu lange hat es gedauert, dass ich hier endlich mit meiner Werkschau der diesjährigen Academy Awards weitermache. Zum jetzigen Zeitpunkt, gut zwei Wochen vor der Verleihung, habe ich bereits acht der neun Nominierten gesehen. Ich könnte das Gesamtfeld schon gut einschätzen und habe auch schon einen Favoriten, allerdings hebe ich mir das alles noch auf. Heute soll es erstmal um Nebraska gehen. Dabei verzichte ich natürlich wie immer auf Spoiler oder zu detaillierte Hintergründe zur Handlung – ihr sollt den Film ja auch noch selbst schauen.

Es war einmal ein alter Mann (und alte Männer gibt es ja viele, ich selbst bin gar nicht mehr so weit weg davon und womöglich lässt sich dieses Alter auch nicht mehr lange aufhalten – wie dem auch sei) und ein Lotterielos. Diese Lose kennt jeder: Herzlichen Glückwunsch [zufälliger Name in anderer Schriftart], sie haben gewonnen. Überweisen sie uns nur 100 Euro und schon überweisen wir Ihnen 10000 Euro! Dem alten Woody wird sogar noch mehr versprochen: eine Million Dollar, die er sich nur persönlich in Nebraska abholen muss. „1500 Kilometer? Ein Klacks!“, denkt er sich und marschiert los.

Auf einer Autobahnauffahrt wird er von zwei Polizisten gestoppt und nach Hause gebracht (das erinnert mich an eine Geschichte, die mir mal passiert, allerdings war ich da noch nicht alt und senil, habe jedoch noch getrunken.) Apropos Trinken; auch dem war Woody über die Jahre nicht abgeneigt, worunter auch die Beziehung zu seinen Söhnen gelitten hat. Seine Frau (wirklich toll gespielt von June Squibb) meckert und zetert, doch der leicht senile und sehr dickköpfige Rentner geht bei der nächsten Gelegenheit wieder los. Er will seinen Gewinn und lässt sich nicht davon überzeugen, dass die ganze Sache vielleicht nur eine Betrügerei ist.

Also erbarmt sich sein Sohn David, mit ihm die (Tor)Tour zu machen. Beide kommen auch in der alten Heimat vorbei, wo sich schnell rumspricht, dass Woody bald reich ist. Auf einmal fällt jedem ein, dass er ihm doch vor Ewigkeiten was geliehen hat und überhaupt immer schon sein bester Freund war. Und gönnen tut natürlich sowieso keiner keinem etwas. Die Familie zofft und verträgt sich und es entwickelt sich ein familiärer Roadtrip. Allerdings nicht in einem geklauten Sportwagen, wie sonst häufig in Roadmovies, sondern in einem gut klimatisierten Reisebus mit Wärmedecken.

Nebraska verzichtet komplett auf Hektik und ist der wohl am langsamsten erzählte Film im gesamten, diesjährigen Oscarfeld. Die Kamera bleibt lange auf Szenen, es wird oft nicht viel gesagt, Landschaften werden gezeigt und alles wird von einem ganz entspannten Country-Soundtrack untermalt. Es wirkte schon so, als wäre das vorwiegend alte (Ü 50) Kinopublikum mit mir im Saal eher die Zielgruppe, als ich, der ja sowieso ein von Actionfilmen und den Medien abgestumpfter Klotz ist. Und weil alles soooo ruhig und beschaulich war und mein Tag lang und anstrengend, schlummerte ich – gegen meinen Willen – auch einige Minuten ein.

Das machte aber nichts, denn als ich die Augen aufmachte, war immer noch nicht viel passiert. Und auch wenn das alles ziemlich abwertend klingt, ist Nebraska ein guter, ansehnlicher Film, den ich auch gern mehr gemocht hätte. Die Darsteller sind sympathisch, die Stimmung ist versöhnlich, man kann sich gut entspannen und es gibt auch viele wirklich lustige Stellen. Aber in leise, nicht so zum Brüllen komisch. Ich war halt einfach nicht in der Stimmung für so einen Film und auch nicht vorbereitet. Und vielleicht bin ich auch zu jung, aber gleichzeitig wäre es auch ziemlicher Quatsch, die Wirkung eines Films vom Alter abhängig zu machen. Es soll ja auch junge Menschen geben, die Lost in Translation gut finden (für mich persönlich ja absolut unverständlich.)

Wer ein Problem damit hat, sich Landschaften mit Menschen und Musik anzuschauen, ohne dass viel passiert, sollte Nebraska vielleicht lieber weiträumig umfahren. Wem das jedoch bewusst ist, kann mit diesem Film auch ein kleines Juwel entdecken, dass man ins Herz schließen möchte und nicht mehr loslassen, weil es doch so lieb und nett ist. Ich schwanke irgendwo dazwischen und fühlte mich stellenweise gelangweilt, stellenweise gut unterhalten und größtenteils in so eine warme, flauschige Wolke eingehüllt. Und diese Wolke hatte die Form einer 6,5, was ganz zufällig auch meiner Punktzahl entspricht (auf einer Skala von 0 bis 10.)

Oscarchancen? Kaum! In der Königsklasse sind einfach zu viele starke Streifen im Rennen, da ist es zwar schön, dass so eine kleine Komödie etwas Bekanntheit erlangt, allerdings wäre es eine enorme Überraschung, wenn er dort, ebenso wie bei der Regie, gewinnt. Beide Darsteller überzeugen in ihrer Rolle, aber auch da ist die Konkurrenz einfach zu groß, besonders bei den Männern. Ähnliches gilt auch für Drehbuch und Kamera. Ich lege mich mal fest, dass Nebraska leer ausgehen wird. Und damit könnte ich auch leben.

Nominiert für:

  • Nominierung in der Kategorie Bester Film
  • Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Alexander Payne
  • Nominierung in der Kategorie Bester Hauptdarsteller für Bruce Dern
  • Nominierung in der Kategorie Beste Nebendarstellerin für June Squibb
  • Nominierung in der Kategorie Bestes Originaldrehbuch für Bob Nelson
  • Nominierung in der Kategorie Beste Kamera

Oscars Werkschau 2014 – Teil 1: Gravity

Völlig losgelöst, von der Erde, schwebt das Raumschiff, völlig schwerelos. Tom Schilling – Major Tom

Da ist so ein Kribbeln. Ein komisches Gefühl auf der Haut. Mein Kopf ist leicht benommen. Irgendwas stimmt da doch nicht. Also Arzt aufgesucht, angestellt, abgecheckt und Aufklärung bekommen: Es sind die Oscars! Nehmen Sie regelmäßig Filme zu sich und bei Risiken und Nebenwirkungen schreiben Sie am besten selbst die Packungsbeilage.

Im letzten Jahr habe ich angefangen, im Rahmen der Oscars zwei von meinen liebsten Hobbys miteinander zu verbinden: Filme und Schreibkram. Da ich Spaß daran hatte, werde ich auch in diesem Jahr wieder versuchen, alle Nominierten für Bester Film zu schauen und für jeden einen kleinen Text zu schreiben. Los geht es mit Gravity, dem SciFi-Streifen von Alfonso Cuarón, der bereits im Oktober des vergangenen Jahres bei uns lief.

Gravity sind 90 Minuten visueller Hochgenuss. Um das zu bezahlen, wurde bei den Schauspielern gespart. Es gibt Sandra Bullock und George Clooney, dazu die Stimme von Ed Harris und einen weiteren Typen. Das war es. Aber der eigentliche Star des Films ist eh der Weltraum, den Alfonso Cuarón und sein Team auf die Leinwand zaubern.

Astronaut Matt Kowalsky und Wissenschaftlerin Ryan Stone haben die Mission, das Weltraumteleskop Hubble zu reparieren. Doch das Weltall ist groß und so fliegt da einiges rum und trifft dann anderes und schon kommt es zur Katastrophe. Und zack ist auf einmal ein Müllsturm in der Umlaufbahn und der trifft dummerweise auch Shuttle, Teleskop und Forscher. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf.

Ich muss zugeben, dass ich vor dem Kinobesuch überhaupt nicht an Gravity interessiert war. Ja, die Effekte sollen super sein, aber der Rest? Sandra Bullock, die ne Stunde allein und verwirrt durchs All fliegt – wie soll das bitte ein guter Film werden? Das kann doch überhaupt nicht spannend oder mitreißend sein. Allerdings täuschte ich mich, zumindest ein wenig. Denn irgendwie wurde ich doch mitgerissen. Auch wenn es nur ein Kammerspiel (mit der wahrscheinlich größten denkbaren Kammer überhaupt) ist, kommt doch Spannung auf. Schafft sie, es rechtzeitig zur rettenden Station zu kommen? Was ist mit ihrem Kollegen? Reicht der Sauerstoff? Begegnet sie den Naziflugscheiben aus Iron Sky?

Die visuellen Effekte sind wirklich bombastisch und hier wird Gravity auch mit ziemlicher Sicherheit den Oscar einstreichen. Noch nie zuvor hatte ich nach einem Film so sehr das Gefühl, dass ich doch gern mal die Erde von ganz oben sehen würde (trotz Höhenangst). Selbst richtige Astronauten sollen von dem Ausblick begeistert gewesen sein. Doch auch der Rest der Inszenierung steht der Optik in nichts nach. Alfonso Cuarón spielt mit der Abwesenheit von Geräuschen in der Schwerelosigkeit und setzt nur auf ganz wenige Töne, die dann aber umso beeindruckender wirken. Ergänzt wird alles mit einem Soundtrack, der irgendwie immer passt, aber dabei doch dezent im Hintergrund bleibt.

Also alles gut und volle Punktzahl? Nein, denn auch die schönste Milchstraße hat einige Schlaglöcher. Denn auch wenn Sandra Bullocks Überlebenskampf irgendwie mitreißt, ist es doch außen hui und innen geht so. Denn es bleiben so richtige Überraschungen aus. Sie wird von einer Katastrophe in die nächste geschleudert und dabei geht es auch gerne mal reichlich unrealistisch zur Sache. Okay, ich kann es nicht beurteilen, also ist vielleicht unglaubwürdig der bessere Ausdruck. Gerade im Gegensatz zu der unfassbar realistischen und detaillierten Welt wirken die Dinge, die darin passieren, teilweise sogar ziemlich dämlich. Da ist auf einmal ein freundlicher Farmer, der heimlich die Frequenz mithört und multilinguale Gebrauchsanweisungen und ein Feuerlöscher.

Das klingt vielleicht komisch, aber für mich persönlich schafft der Film einfach den Spagat nicht. Er sieht aus, wie eine Weltraumdoku und präsentiert aber eine hanebüchene Ereigniskette. Wie man das hätte lösen können, weiß ich allerdings auch nicht. Mehr Doku wäre wahrscheinlich langweilig geworden und mehr Kram und Bang und Zeug wäre wahrscheinlich Trash gewesen. So war es teilweise recht lahm und ermüdend und teilweise trotzdem zu übertrieben spannend.

Mich hat Gravity einfach nicht mitnehmen können. Klar, es war schon schön für die Augen und Ohren, aber nach 20 Minuten hatte ich mich erstmal sattgesehen und dann ließ die Begeisterung spürbar nach. Klar, Clooney und vor allem Sandra Bullock machen ihre Sache super, die Kamera ist toll und alles, aber für mich eben einfach nicht überragend. Trotzdem sollte man Gravity gesehen haben, allein um mitreden zu können. Ich glaube, er funktioniert auch auf dem kleineren Bildschirm, aber wenn ihr die Chance habt, noch eine Vorstellung im Kino mitzunehmen, dann tut lieber das, denn da wirkt der Film sicher deutlich stärker. Für mich 7 von 10 Punkten und damit eine gelungene Eröffnung der Oscarsaison. Ich habe zum jetzigen Zeitpunkt erst zwei weitere Streifen gesehen und kann daher noch nicht wirklich einschätzen, wo Gravity im Gesamtfeld steht. Was man so hört, werden es wohl einige Goldjungen in den technischen Kategorien, aber in den großen Kategorien dürfte die Konkurrenz stärker sein. Aber im März wissen wir mehr.

Nominiert für:

  • Nominierung in der Kategorie Bester Film
  • Nominierung in der Kategorie Beste Regie für Alfonso Cuarón
  • Nominierung in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin für Sandra Bullock
  • Nominierung in der Kategorie Bestes Szenenbild für Andy Nicholson, Rosie Goodwin und Joanne Woollard
  • Nominierung in der Kategorie Beste Filmmusik für Steven Price
  • Nominierung in der Kategorie Beste Kamera für Emmanuel Lubezki
  • Nominierung in der Kategorie Bester Schnitt für Alfonso Cuarón und Mark Sanger
  • Nominierung in der Kategorie Bester Ton für Skip Lievsay, Niv Adiri, Christopher Benstead und Chris Munro
  • Nominierung in der Kategorie Bester Tonschnitt für Glenn Freemantle
  • Nominierung in der Kategorie Beste visuelle Effekte für Tim Webber, Chris Lawrence, Dave Shirk und Neil Corbould