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Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
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Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.

Kottbusser Tor, U1

Ich weiß nichts, bist du etwas sagst, wohin mit unseren Händen? Wo hängen wir unsere Augen hin, an diesen kargen Wänden? Captain Planet – St. Peter

Ich bin seit fast einem Jahr in Berlin und war nicht sehr kreativ. Aber jetzt kann ich mich endlich in die Reihe der großen Namen einreihen, die einen Text über die Hauptstadt geschrieben haben: Alfred Döblin, Erich Kästner und Peter Fox. Mein Text heißt:

Kottbusser Tor, U1.

Auch wenn ihre Geschichte dort nicht ihr Ende fand und sicher auch ganz woanders begonnen hatte, war selbst die kurze Episode, die ich auf der Durchreise mitansehen konnte, dort irgendwie fehl am Platz. Überhaupt sollten Dinge, so wie die zwei sie besprachen, nicht mitten auf einem Verkehrsknotenbahnsteig zwischen feierwütigen Frühdreißigern und ausgelaugten Anfangzwanzigern stattfinden. Aber wenn schon wie auch immer gelagerter Emotionskram und große Gefühle, dann doch wenigstens Deutsche Oper oder meinetwegen auch Kurfürstendamm oder halt am Hauptbahnhof. Aber doch nicht am Kottbusser Tor.

Ich mein Kottbusser Tor mit K. Nicht so wie die Stadt mit C, ne, Berlin denkt sich: „Mach ick nich. Hat mir doch keiner zu bestimmen, wie ich Kottbus schreib. Und wenn ick will schreib ich Kottbullar bei Ikea auch mit C. Is ne freie Stadt. Wir sind zwar arm aber sexy und wenn was richtig sexy ist, dann doch wohl das Kottbusser Tor. Mit C.“

Zwischen Kottiwood (if you eat Döner there, you can make it everywhere) und Bauschaumschutt fährt hier die U8 nach Neukölln. Auch wieder so ein Ding. Reicht nicht ein Köln? Ist ja jetzt nicht so, dass Rheinhattan nun die schönste Stadt der Welt ist, so ein Place to be und to have in your City. Aber auch hier denkt sich Berlin: „Lass mir doch. Ick nenn meine Viertel wie ich will und dit is nun Neukölln. Get over with it.“ Nicht mal nen Dom gibt es da.

Aber wir waren beim Kottbusser Tor stehengeblieben, wo die zwei aus irgendeiner Bar oder einem Club oder einem hippen Ding ohne Namen kamen. Sie sahen gut aus, wie zwei Berliner, die noch nicht lange Berliner sind aber sich schon umso mehr fühlen wie Berliner, real und zugezogen. Ich weiß nicht, wo sie waren, ob auf einem Konzert von irgendeinem Singer/Songwriter aus Texas oder Südfrankreich oder einfach nur kickern und über die großen Themen der Welt philosophieren. Bestimmt waren sie vorher noch kurz im Späti und haben sich ne Mate geholt als Grundlage für den Wein oder die Bierschorle. Jedenfalls sah ich sie, als sie einer der zwielichtigen Hauseingänge wieder ins Großstadtleben spuckte.

Sie redeten und strahlten und fanden sich gut, denke ich. Die Chemie stimmte, mehr als bei den chemischen Stoffen, die als Fastgratisprobe angeboten wurden. Sie gingen die Straße entlang als wäre es die Allee der Kosmonauten und über ihnen wäre keine Trasse der U-Bahn, sondern Sterne und Raumstationen und Kometen und wirbelnde Welten von Galaxien und nichts. Sie berührten sich nicht und ich war berührt davon, wie zwei Menschen einfach so gut funktionierten indem sie nur redeten und Blicke tauschten, so intensiv wie der Tausch zwischen Leergut und Nachschub im Rewe nebenan.

Was ich nicht sah, waren die Gedanken in ihren Köpfen. Die Zweifel und Fragen und ihre Ziele und Wünsche und die Hoffnung und ihren Plan vom weiteren Miteinander. Und vielleicht waren da auch ganz andere Sachen in ihrem Kopf, Silvesterpläne oder der nächste Urlaub, Steuernachzahlungen oder die Ringbahnsperrung zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, die nun endlich wieder aufgehoben war. Aber so wirkte es nicht, als sie die an der Ampel sogar auf grün warteten und dann die Treppe zur U1 hochstiegen.

Und für einen kurzen Augenblick gab es keine Verspätungen oder lustigen Aktionen der BVG, keine Motzverkäufer oder Handtaschenräuber, kein Schienenersatzverkehr und auch keinen bescheuerten Neunzehnjährigen, der meint, seine Nudelpfanne auf den Bahnsteig zu kotzen. Es gab nur die beiden und mich. Sie waren wie Emma Stone und Ryan Gosling in Lalaland, aber als noch nicht ganz klar war, zumindest für Emotionslegastheniker, ob die beiden sich überhaupt mögen oder wollen oder mögen wollen. Und ich war halt auch irgendwie da, störte jetzt keinen aber fiel auch nicht weiter auf.

In diesem Moment, als ich City of Stars pfiff, sagte er irgendwas zu ihr und sie wirkte unsicher und überrascht und irritiert und irgendwie veränderte sich alles. Und er schaute weg und schluckte und wusste auch nicht so recht, wohin mit seinen Augen und Blicken und Händen. Und dann umarmte sie ihn kurz, zu kurz und er umarmte sie auch, so mit einer Hand, aber nicht richtig und dann sagten sie noch irgendwas, drucksend und stotternd. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen passten die beiden so gut auf den Kotti, wie der türkische Lebensmittelladen und der Truppentransporter der Polizei. Denn sie waren genauso abgefuckt und hoffnungslos verbaut und bedient und voll gestellt mit Dingen und umgeben von Menschen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben in diesem kurzen Moment, das geht mich auch nichts an. Ich war nur der Zuschauer eines kleinen Berliner Ensembles, das sich wahrscheinlich unzählige Male am Tag in Bussen und Bahnstationen der Hauptstadt abspielt. Und dann fuhr eh die U1 ein, Richtung Warschauer Straße und sie stieg ein und er blieb stehen und schaute ihr hinterher und sie lächelte milde. Dann ging er die Treppen runter, „Zurückbleiben bitte, Attention, stay back!“ und sie fuhr davon und er drehte sich nicht mehr um. Kurz darauf sah ich ihn wieder die Treppe hinaufkommen und in meine Bahn einsteigen. Er setzte sich seine Kopfhörer auf und tippte auf dem Handy rum. Wer weiß, eine Nachricht an sie oder an ihn oder eine schlechte Bewertung für den Bahnhof Kottbusser Tor auf Google Maps. Und dann steckte er das Handy weg und schloss die Augen und seufzte kaum merklich aber doch viel zu deutlich und ich hätte gern gewusst, was er denkt. Doch vielleicht war es besser, dass ich es nicht wusste, so wie es besser wäre, wenn ich mir eine andere, eine schönere Strecke suchen würde.

Mit den Händen in der Tasche stieg er am Bahnhof Hallesches Tor aus. Unsere Blicke trafen sich kurz und seine Augen sahen aus wie die schmutzigen Pfützen auf den Bürgersteigen in Kreuzberg nach einem Platzregen im Herbst. Es war wohl kein guter Abend für ihn. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir uns an der Deutschen Oper oder am Hauptbahnhof getroffen hätten. Vielleicht ist die Kulisse aber auch egal für die kleinen Schauspiele, die das Leben schreibt. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich rumpelnd in Bewegung. Ich holte mein Handy raus und fing an, einen Text zu schreiben.

Wofür brennst du?

Und bitte erzähl mir doch noch mal, wie jung und dumm ich bin. Vielleicht fang ich Feuer, wenn du brennst! Tigeryouth – Streichholz

Lieber Leser, liebe Leserin,

wofür brennst du? Hast du dich das schon einmal gefragt und wenn nicht, denk mal kurz drüber nach, wie du diese Frage beantworten würdest. Ist da irgendwo ein Feuer in dir für etwas oder für jemanden? Oder sagst du: Ach naja, gebranntes Kind scheut das Feuer, ich bin zu cool dafür, mehr so der Wintermensch, ich weiß doch auch nicht, ich steh nicht so auf raubkopierte CDs und überhaupt ich brenne für nichts.

Bevor ich darauf zurückkomme, muss ich mich erst einmal für die direkte Leseransprache entschuldigen. Ich mache so etwas sonst nicht und eigentlich macht man so etwas nicht und ich fühle mich schlecht und wie einer dieser Kommentarspaltenvollschreiber, die immer voll ihre Kommentare in Spalten von analogen oder digitalen Zeitungen quetschen. Aber irgendwie dachte ich, das kann man mal machen. Auch mal was Neues probieren. No risk, no Toastbrot.

Ich hatte vor einigen Monaten ein Gespräch mit einem Menschen, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Es ging um die üblichen Themen – Arbeit, Leben, Schützenfest – als sie sagte, dass sie mit Hilfe der Frage Wofür brennst du? herausfindet, ob es sich lohnt, mehr Interesse in einen Menschen zu investieren, etwas überspitzt formuliert.

Und auch wenn ich nicht glaube, dass man mit einer Frage die soziale Konnektivität zu 100 Prozent klären kann (außer es sind so Fragen wie: Wählst du die AfD oder findest du Nirvana auch so blöd wie ich), habe ich doch seitdem sehr viel und immer wieder über diese Frage nachgedacht und sie auch einigen Menschen gestellt. Und es lässt sich auf jeden Fall festhalten, dass die Beantwortung der Frage alles andere als trivial ist.

Was bedeutet überhaupt für eine Sache zu brennen. Ich habe mal kurz und sehr oberflächlich, wie man es von einem Master der Germanistik erwartet, recherchiert und nichts zu den Ursprüngen gefunden. Lediglich die Dinge, die unter den Nägeln brennen, werden zur Genüge erklärt. Aber wenn ich selbst darüber nachdenke, wie man es ebenfalls von einem Master der Germanistik erwarten könnte, hat der Ausdruck mit der brennenden Leidenschaft für etwas zu tun. Ich bin Feuer und Flamme für ein Thema, ich möchte mich am liebsten mit nichts mehr anderem beschäftigen oder bin zumindest richtig gut darin oder mag es einfach total gern, zu diesem Thema Kommentarspalten vollzuschreiben. Das sind dann die Leute, die für das Schreiben von Kommentarspaltenkommentaren brennen.

Meine erste Antwort war damals und ist es auch jetzt noch, dass ich für die Sprache brenne oder genauer gesagt für Kommunikation. Ich liebe es, mich auszutauschen, über Gott und die Welt, über mich selbst und über andere und vor allem mit anderen. Ich höre Menschen unglaublich gerne zu und ja, vielleicht höre ich mich manchmal auch gerne reden. Ich glaube das kann ich, meistens, und dabei fühle ich mich wohl. Ich mag es auch vor großen Massen zu sprechen und Reaktionen in Menschen auszulösen, wenn sie Texte von mir hören oder lesen. Darum schreibe ich auch immer wieder mal Texte in dieses Blog. Natürlich auch, weil damit meine grauen Zellen und meine Finger trainiere, aber halt auch, weil es vielleicht der eine oder die andere liest und denkt: Joa, hätte ich zwar auch ein Youtube-Video in der Zeit gucken können, aber war jetzt auch nicht total scheiße.

Mit der Leidenschaft für Sprache geht auch meine Liebe zur Musik einher. Wenn ich auf einen Sinn in meinem Leben verzichten müsste, wäre das wahrscheinlich nicht das Gehör. Ich kann mir neunhundertsechsundreißig mal den gleichen Song anhören, und freue mich immer noch darüber. Ich liebe es, Alben zum ersten Mal komplett zu hören und dann bei jedem weiteren Durchlauf neue Stellen und Details zu entdecken, vor allem textlich. Vor 10 Jahren erschien das Album Vormann Leiss von Turbostaat, was zu meinen absoluten Top-10-Alben aller Zeiten gehört. Ich habe dieses Album so oft von vorne nach hinten, von hinten nach vorne und durcheinander gehört und trotzdem habe ich im vergangenen Jahr mal wieder einen dieser Abende gehabt, an dem ich das Album am Deich von Finkenwerder lautstark mitsingend gehört habe. Dabei ist mir ein Detail aufgefallen, dass mir in den allen anderen Durchgängen nie aufgefallen ist und ich war so begeistert und glücklich und überhaupt. Das war gut.

Wenn ich nun aber weiter schaue, dann fällt mir vor allem auf, dass mein Feuer für Sachen relativ schnell ausbrennt, wofür ich mich regelmäßig wieder selbst doof finde oder besser, wovon ich regelmäßig genervt bin. Ein gutes Beispiel dafür ist auch dieses Blog hier. Ich habe irgendwann angefangen, hatte total viel Spaß und hab mir Mühe gegeben und war fleißig und dann plötzlich: Zack, kam 2 Jahre kein neuer Text. Oder das Nordic Walking: Für 70 Euro hochwertige Stöcker gekauft und viermal walken gewesen: Zack, keine Lust mehr. Oder das Podcasten (zwei- bis dreimal) oder Twitter oder Instagram oder das Geocachen.

Nicht bei allen Sachen bereue ich es, dass ich keine Leidenschaft mehr dafür aufbringen kann – ich mein Nordic Walking und Twitter, who cares? – aber bei den anderen Dingen wünschte ich mir manchmal, ich könnte meine Motivation dazu zwingen, regelmäßig und standhaft dranzubleiben. Das geht auch mit dem Thema meines letzten Textes einher, Weight Watchers und Sport. Ich gehe noch immer zu den Treffen, aber schreibe nicht mehr alles auf, obwohl ich es mir vornehme und es mir irgendwie Spaß macht und was bringt. Und ich gehe im Moment laufen, seit einem Monat und es ist gut und tut gut und wird immer besser, aber wie lange kann ich das Feuer entfacht lassen? Ich habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr einen 10-Kilometer-Lauf zu bestehen und habe das möglichst vielen Leuten gesagt, einfach in der Hoffnung, dann auch wirklich dran zu bleiben. Und jetzt steht es hier noch mal, also gibt es eigentlich keine Ausreden. Aber das ist das Problem, es braucht nicht mal Ausreden, es fadet einfach langsam aus, wird weniger und hört auf und dann frage ich mich manchmal: War da nicht irgendwas, doch dann fällt es mir nicht ein oder ich schiebe das Unterbewusstsein weg oder esse wieder Eis. Weil dafür brenne ich auch, wenn man das so sagen kann. Und das hört nicht einfach so auf, leider.

Muss man für etwas brennen? Ich glaube nicht. Man kommt auch gut durchs Leben, wenn man das was man tut, genießt und wenn man sich nicht so viele Gedanken macht und Dinge ausprobiert. Aber gerade den Part mit den Gedanken bekomme ich einfach nicht hin. Das sieht man schon daran, wie viel ich zu dieser eigentlich doch simplen Frage geschrieben habe. Und genau dafür brenne ich nicht, für das Durchdenken und Nachdenken und Totdenken und Umdenken und alles, was mit zu vielen Gedanken zu tun hat. Und auch wenn ich nicht dafür brenne, so kriege ich das nervend stechende Feuer in meinem Kopf einfach nicht aus.

Bleibt nur noch die Frage zu klären, wofür du brennst, lieber Leser oder liebe Leserin. Worauf könntest du nicht verzichten, was sind die Dinge, die dir am meisten bedeuten? Wenn dieses Blog die Antwort ist, solltet ihr echt noch mal eure Prioritäten überdenken. Fragt die Menschen, mit denen ihr euch umgebt, was sie antworten und vor allem wie sie antworten. Auch wenn man der Antwort nicht zu viel Gewicht geben sollte, glaube ich doch, dass man viel erfährt. Nicht nur durch die Antwort selbst, sondern auch auf dem Weg dahin. Und außerdem kann es der Start für ein gutes Gespräch sein. Muss ja nicht immer nur um das Wetter gehen. Und schließlich brennt die Sonne auch. Für etwas. Oder?

Scheitern

Und die Leute lieben scheitern und ich scheitere so sehr. Tomte – Voran, voran

Morgen höre ich auf oder fange ich an. Mit dem Rauchen und Sport zu machen. Täglich Eis zu essen und mich gesund zu ernähren. Mir Gedanken zu machen und regelmäßig Texte zu schreiben. Die Möglichkeiten sind unendlich und untereinander austauschbar wie falsch zugeschriebene Zitate von Marc-Uwe Kling.

Trotzdem sage ich mir immer wieder und jedes Mal aufs Neue sicher, dass ich mich ändern werde. Morgen. Und wieder Morgen. Und vielleicht auch erst nächste Woche. Oder nie, aber das sage ich mir dann nicht, sondern verdränge den Gedanken daran. Viel mehr wache ich jeden Morgen wieder komplett überzeugt auf, dass ich ab heute ein ganz anderer Mensch bin und hochmotiviert und endlich besser und dann ziehe ich die Tür hinter mir zu und gehe zur U-Bahn und arbeite und schon währenddessen rückt der Vorsatz in den Hinterkopf und wird zum Absatz, den ich mit Enter solange weiterschiebe, bis er auf der nächsten Seite ist und ich ihn nicht mehr sehe. Und dann gehe ich wieder nach Hause und komme wie durch Zufall an einem Späti vorbei, der überhaupt nicht auf meinem Heimweg liegt, und gehe wie durch Zufall an die Eistruhe und kaufe mir einen großen Cup Ben and Jerrys, der überhaupt nicht nötig ist, und dann esse ich den ganzen Becher an einem Abend komplett auf der Couch, obwohl ich schon satt bin, und selbst wenn ich Hunger hätte, wäre ein ganzer Becher Eis die denkbar schlechteste Wahl.

Am nächsten Morgen ist es fast so wie nach einer durchzechten Nacht. Ich wache unausgeschlafen auf und entdecke als erstes den leeren Becher als Mahnmal für das erneute Scheitern. Und obwohl das natürlich der letzte Ausrutscher in diese Richtung war und ab heute alles wieder anders wird – der Absatz mit dem Text von gestern ist wieder hochgerutscht – nehme ich doch erstmal den angetrockneten Löffel um die krustigen Eisreste aus dem Becher zu lösen und herunterzuwürgen. Und überhaupt, jetzt ist Dienstag und somit die Woche auch hinüber, es lohnt nicht mehr mit dem Aufhören anzufangen und dann kann ich die paar Tage auch noch richtig reinhauen und mir jeden Abend so einen Becher Eis gönnen. Was soll´s, ist eh egal und ab nächster Woche starte ich dann richtig los, mit gesunder Ernährung und Sport und all dem ganzen Kladderadatsch.

Ich habe im vergangenen Jahr innerhalb von neun Monaten 55 Kilo abgenommen. Ich bin zu meinen Bestzeiten dreimal die Woche ins Fitnessstudio gegangen und hatte sogar das Gefühl, so etwas wie Muskeln aufzubauen. Ich habe mich gut gefühlt und schon vorgeplant, wann ich das nächste Zwischenziel erreiche und wie es wohl wird mit weiteren 10 Kilo weniger und das ich ja bald „ganz normal“ aussehe (wobei mir schon bewusst ist, das normal nichts mit Übergewicht zu tun hat und es ein normal nicht gibt und selbst wenn ein normal furchtbar langweilig wäre, aber so funktioniert der Kopf – oder zumindest mein Kopf – nun einmal.)

Und dann bin ich nicht mehr so regelmäßig zum Sport gegangen. Und habe hier mal eine Hand voll Süßigkeiten gegessen und da mal ein Snickers und die neue Sorte Ben and Jerrys ist halt auch wirklich verdammt lecker. Und so bin ich wieder in alte Muster gefallen, Angewohnheiten, die ich mir mühevoll abtrainiert habe, innerhalb weniger Wochen oder gar Tage wieder angenommen. Nur war dieses mal anders, dass ich häufiger neben mir stand. Und jetzt nicht nur stimmungstechnisch, sondern als Betrachter, der genau weiß, dass es falsch und dumm und scheiße ist, was ich da tue. Und ich konnte das Eis zwar genießen, aber bei jedem Löffel löffelte auch mein schlechtes Gewissen genussvoll mit.

Nun mag man meinen, dass das die perfekte Voraussetzung ist, um etwas an seinem Verhalten zu ändern. Aber nein, im Gegenteil. Klar, wollte ich mich ändern, aber ich war irgendwie blockiert. Und mit jedem neuen Rückfall – und es gab einige, viele- wuchs die Frustration darüber, dass ich schon wieder schwach geworden bin. Gisbert zu Knyphausen beschreibt es in seinem Song Gute Nachrichten ganz gut: Ich hab versucht mich zu ändern, aber meistens hab ich mich bloß gedreht. Und irgendwann dreht sich alles im Kopf und es dreht sich nur noch darum, wie man es je schaffen soll, sich zu ändern und wie ich endlich diese verdammte Schwäche abschalten kann. Und dann frisst man diese ganzen Gedanken und die Wut in sich hinein und ist so satt davon und von sich selbst. Und dann geht man trotzdem noch einmal in der Nacht um 23:45 Uhr los, um sich wie ein Drogensüchtiger beim Späti einen weiteren Schuss Eis zu holen (so stelle ich mir das zumindest in meiner von Filmen geprägten Fantasie vor.)

Das ist doch irgendwie Scheiße, oder? Geht das nur mir so? Oder hat der Mensch an sich eine Schwäche für die Schwäche (klingt fast wie ein Song von Tocotronic.) Ist es wirklich so schwer, vernünftig zu sein. Okay, pure Vernunft darf niemals siegen ist nun wirklich von Tocotronic und es mag auch was dran sein, aber manchmal wünschte ich mir etwas weniger Aufregung und Ausfall. Denn ich weiß ja, wie es richtig geht und kann auch perfekt darüber reden oder schreiben, wie dieser viel zu lange Text zeigt, aber ich kriege es trotzdem nicht in meinen Kopf rein. Beziehungsweise ich kriege es ja in den Kopf, es war nie weg, aber ich tue mich so unendlich schwer damit, es umzusetzen.

Ein guter Text würde jetzt eine Lösung oder zumindest mal einen Lösungsansatz präsentieren. Ein mittelguter Text hätte hier vielleicht einen Link zu einem Selbsthilfeblog oder zu Leuten, die wissen was sie tun. Und ein schlechter Text würde jetzt die Weltformel verkünden. Mein Text hat nichts von alledem. Ich musste mir das einfach mal von der Seele schreiben, in der Hoffnung, dass es etwas bringt. Mir oder meinem Kopf oder den Dingen, die da kommen mögen. Und vor allem habe ich mir seit Monaten vorgenommen, morgen mal wieder etwas zu schreiben. Okay, es ist vielleicht kein Poetry Slam-Text aber immerhin ein Blogbeitrag und davon gab es in den letzten zwei Jahren ja nicht unbedingt viele.

Außerdem habe ich vor zwei Wochen wieder mit WeightWatchers angefangen. Aus den 124 Kilo, die ich irgendwann im Oktober mal gewogen habe, sind in der Zwischenzeit wieder 135 Kilo geworden. Das hat mich aber bei der Menge an Eis in den vergangenen Wochen (es waren dreistellige Eurobeträge im Monat) schon fast positiv überrascht. Ich habe alles wieder aufgeschrieben, was ich gegessen habe und habe inzwischen die Phase des kalten (Eis)Entzuges schon ganz gut überstanden, glaube ich, und auch schon wieder fünf Kilo abgenommen. Nur mit dem Sport schleift es noch etwas, auch wenn ich mich generell wieder mehr bewege. Aber wäre ich heute zum Sport gegangen, hätte ich sicher nicht diesen Text geschrieben. Und irgendwo muss man ja mal anfangen. Und aufhören.

So wie dieser Text jetzt auch endlich.

Der Marlboro-Mann

The saddest thing that I‘d ever seen, were smokers outside the hospital doors. Editors – Smokers outside the hospital doors

Wenn eine Idee schon über sieben Jahre in meinem Kopf rumschwebt und da einfach nicht herausgeht, dann muss sie verdammt gut sein, schließlich herrscht da oben neben einem reichlichen Durcheinander auch ein ständiges Kommen und Gehen.

Im Jahre 2008 hatte ich die Idee zu einem Werbespot. Er sollte – so meine gewagte Phantasie – in Kinos laufen. Da ich jedoch nicht über ausreichendes filmisches Know-How und die, für meinen tollkühnen Plan nötigen, finanziellen Mittel verfüge, wurde dieser Film nie gedreht und lief somit einzig und allein in meinem kleinen Kopfkino.

Da jedoch heutzutage bei Raubkopien selbst vor kleinen Indie-Kopfkino-Produktionen nicht zurückgeschreckt wird, habe ich beschlossen, meine Idee hier niederzuschreiben. Sollte dann also doch jemand den Spot drehen, könnte ich wenigstens anschließend nett fragen, ob die Person mich irgendwie am garantiert eintretenden, unermesslichen Ruhm beteiligt.

Der Titel des Spots ist Der Marlboro-Mann und ich versuche alles möglichst genau zu beschreiben, jedoch dürft ihr die gedanklichen Leerstellen gerne mit Beiwerk füllen.

Es ist ein sonniger Tag und die Kamera fängt einen sehr runtergekommenen Bahnsteig ein. Es sieht aus, als wäre die letzte Bahn hier schon längst abgefahren. Unkraut wuchert, eine alte grüne Holzbank, bei der die Farbe schon abplatzt ist, steht verloren herum und sogar einen alten Aschenbecher gibt es, ein Relikt aus einer Zeit, als noch keine kleinen gelben Quadrate die Bahnhöfe dieser Welt musterten.

Auf der Bank sitzt ein alter, ungepflegter Mann, der auch so aussieht, als hätte er seine besten Tage schon hinter sich. Zerschlissene, ausgewaschene Jeans, ein kaputtes Karohemd und ein Gesicht wie sieben Jahre Kohlebergwerk. Zerfurcht, abgespannt, kaputt. Die Haare fettig und verklebt und der Bart voll, aber nicht rasiert, sondern verwahrlost.

Der Marlboro-Mann sitzt da und die Kamera fängt ihn langsam ein und hält unangenehm drauf. Langsam holt er mit seinen schmutzigen Händen eine Packung Zigaretten aus der Brusttasche. Mit gelben Fingernägeln fischt er sich zitternd eine Kippe raus und zündet diese bedächtig mit einem Streichholz an. Er inhaliert die erste Dosis Rauch mit geschlossenen Augen, verzieht aber sonst keine Miene.

Die Kamera schwenkt und zeigt in der Ferne einen Zug, der näherkommt. Allerdings nur sehr klein als Punkt zu erkennen. Die Luft flimmert, es ist heiß. Ein schöner Tag. Der Mann steht auf und stellt sich an den Bahnsteig. Alles passiert sehr langsam. Er wartet. Der Zug kommt. Er zieht. Rauch umweht seinen Kopf.

Dann erreicht ihn die Bahn und es gibt einen riesigen Knall, Explosionen, dichter, schwarzer Nebel. Blackscreen. Die Kamera fährt raus und dabei lichtet sich der Rauch etwas. Man sieht den entgleisten, brennenden Zug. Ein Rad dreht sich. Zerstörung und die Kamera fährt weiter raus und der Blick fällt auf einen abgetrennten Arm, der dort unter der Lok hervorschaut. In der Hand die Zigarette und in genau diesem Moment fällt ein letztes Stück Asche von der Kippe. Blut fließt aus dem Arm heraus. Es bildet sich ein Satz. Immer deutlicher wird es. Da steht: Jeder Zug kann tödlich sein.

Silvester im Bademantel – Jahresrückblick vor dem Schlafengehen

Erinnerst Du Dich, dass es jemals nicht die reinste Pest war, zu Silvester? Sven van Thom – Scheiß Silvester

2013: So, ich geh dann mal Zigaretten holen.
Ich: Muss das sein? Kannst du nicht einen Abend auf die Dinger verzichten?
2013: Ich habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr damit aufzuhören.
Ich: Ach, man macht sich Vorsätze? Wie wäre es denn gleich mal damit, etwas mehr Sport zu treiben?
2013: Da fange ich sogar jetzt schon mit an, indem ich mal losgehe. Wir sehen uns.

Und dann ging 2013 und ließ mich hier sitzen, vor dem Computer mit meiner Flasche Mate und kam nie wieder zurück. So ist es ja auch immer in solchen Geschichten und natürlich rechnet da auch niemand mit, zack, und auf einmal ist es aus, das Jahr. Der ganz große Knall, na frohes Fest. Das Feuerwerk der Gefühle ausgebrannt. 2013 du Schwein, ich dachte, es wäre etwas Ernstes mit uns beiden!?

Nachdem mein Silvester letztes Jahr eine relative Katastrophe war – es fing damit an, dass unser Zug fünf Minuten nach Fahrtbeginn ein Auto voll in die Seite rammte, was die Stimmung unabänderlich zu Boden drückte – dachte ich mir, dass ich dieses Jahr etwas mache, das vor zwei Jahren schon mal super geklappt hat: Den Tag einfach mal ganz allein Zuhause verbringen, nichts Sinnvolles machen, den ganzen Tag im Bademantel rumlaufen (wie der Dude) und früh ins Bett gehen, um den Jahreswechsel zu verschlafen. So entspannt wie damals bin ich lange nicht mehr an Neujahr erwacht.

Daher habe ich gestern alle Vorbereitungen getroffen, um einen perfekten Tag zu haben. Ich habe mein Bett frisch bezogen, habe mich rasiert, aufgeräumt, Wäsche gewaschen und ganz viel leckeres Zeug gekauft – Mate, eine Tüte Chips und ein Eis – um noch einmal so richtig zu sündigen, bevor es im nächsten Jahr wieder mit Sport und ordentlicher Ernährung weitergeht. Vorsätze und so.

Warum ich nicht mit anderen Leuten feiern wollte? Schwer zu sagen, hat auf jeden Fall mit meinem komischen Kopf zu tun. Ich habe wirklich viele Einladungen und Angebote von lieben Menschen bekommen, den Abend gemeinsam zu verbringen, aber ich habe alle abgelehnt. Schon seit zwei Monaten habe ich mich diebisch auf diesen Tag gefreut. Einerseits mal so richtig gehen lassen, andererseits das Jahr noch mal sacken lassen. Und jetzt, um kurz nach 22 Uhr, war es zwar wirklich entspannt. Aber irgendwie hatte ich es mir besser vorgestellt, erfüllender und so. Aber konnte ja auch keiner ahnen, dass 2013 einfach so abhauen würde. Was für ein blöder Zeitpunkt für eine Trennung!

Jahresrückblicke sind bescheuert, finde ich. Da wird schon Anfang Dezember zusammengefasst, wie krass das Jahr war und wie geil und was für fette Partys am Start waren und wer der heißeste Promi war und wo das übelste Unwetter tobte und so weiter. Und dann ist am 28. Dezember doch noch ne richtig geile Party mit Promis und Unwettern und alle Redakteure bei den Sendern so: „Doof.“ Trotzdem will auch ich, nicht im Detail, sondern nur ganz allgemein auf die vergangen 365 (es war doch kein Schaltjahr, oder?) zurückblicken. Als kleines Hilfsmittel nutze ich Facebook. Nachdem ich mich im Oktober 2012 (um nach einem Mädchen zu suchen, Trottel ich) da angemeldet habe, ist es nun mein erstes richtiges Jahr mit dem sozialen Netzwerk. Dadurch lohnt sich auch mal zu schauen, was Facebook sagt, was meine 20 wichtigsten Momente waren – wahrscheinlich durch Gefällt-mir-Klicks und Kommentare bewertet. Ich werde nicht alle durchgehen, sondern nur auf einige wenige eingehen.

Wurde gerade vom #sutra als Mitarbeiter für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim AStA bestätigt. Danke dafür. (23. Januar) – Fast ein ganzes Jahr habe ich diesen Job gemacht und dabei wirklich viel gelernt und noch mehr tolle Leute kennengelernt. Wäre ich noch länger Student gewesen, hätte ich das sehr gerne weiter gemacht. War jut!

Meine erste, selbstgekochte, vegane Lasagne. (27. März)
– Ja, um die Zeit habe ich ungefähr angefangen meine Ernährung umzustellen. Und siehe da, es hat nicht nur funktioniert, sondern auch geschmeckt. Auch wenn der Dezember wieder sehr sündenreich war, bin ich sicher, dass der Monat als Ausrutscher zu verzeichnen ist. Ab Januar geht es wieder deutlich bewusster zu. Ging doch und mir besser! Seit über einem halben Jahr habe ich übrigens auch keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Ich glaube, das behalte ich auch noch eine Weile bei.

Letzter Gürtelkauf: 1,50 Meter (Dezember) – heutiger Gürtelkauf: 1,30 Meter (heute). Mysteriös. (18. Juni)
– Es hat sich halt doch bemerkbar gemacht. Die Gewichtsbeiträge wiegen eindeutig am schwersten (höhö) in meiner Jahreschronik. Über 50 Kilo in nem halben Jahr. Kann man mal machen und sollte man, ich, wenn auch nicht ganz so krass, wiederholen. 20 Kilo weniger sollte das Jahresziel sein.

Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen: M.A. André Marschke! Ich habs geschafft und auch die letzte Hürde souverän und mit 2,0 übersprungen. Yippieyayeah Schweinebacke. (29. Oktober) – Das war das zweite große Ding in diesem Jahr. Das Ende meines Studiums und der Anfang der Arbeitslosigkeit (hoffentlich nur eine kurze Etappe meines Lebens.) Hat ja dann alles doch irgendwie geklappt, aber davon konnte man ja hier schon zu Genüge lesen.

Wenn man das alles so liest, kann man schon sagen, dass es insgesamt ein ereignisreiches und gutes Jahr war. Allerdings gab es auch unzählige Tiefpunkte, die Facebook nicht mit aufzählt – entweder, weil ich sie nicht mit aller Welt geteilt habe, oder weil sowas nicht wirklich viele Gefällt-mir-Klicks bekommt, was dafür spricht, dass ich nicht viele Freunde habe, denen es gefällt, wenn es mir schlecht geht. Das gefällt mir! Trotzdem waren diese Momente da und oftmals waren es eher Monate als Momente. Zum Glück war aber immer jemand da, der mich trotz Übergewicht aufgefangen hat und für mich da war. Danke. Für mehr fehlen mir einfach die Worte. Ich hoffe aber, dass ihr noch etwas Kraft habt, denn auch im nächsten Jahr wird es aller Wahrscheinlichkeit nach wieder Rückschläge geben. Wäre schön, wenn ihr auch dann wieder für mich da seid. Ich hoffe natürlich, dass ich mich mit offenen Armen und Ohren dafür revanchieren kann.

Es gab viele Dinge, die blöd gelaufen sind und Sachen, mit denen ich auch jetzt noch nicht ganz klarkomme. Menschen, mein Kopf, Herzen, die Zeit und der ganze Rest – wer mich kennt, weiß, was gemeint ist und wer gut gemeint nachfragen will, kann mich gerne kennenlernen. Ich bin wie ein offenes Blog, oder aber anders. Man weiß es nicht. Und ich finde es doof, dass mich das jetzt schon wieder etwas runterzieht. Aber so ist es nun mal oder so bin ich nun mal oder so ist dieses Blog nun mal (in das ich schon wieder viel zu selten schreibe, mal nebenbei.)

Wenn ihr die Möglichkeit hättet, in die Zukunft zu schauen, genau ein Jahr, würdet ihr es tun? Ich schon, weil das Warten scheiße ist. Denn wenn man wartet, dann denkt man und wenn man denkt, verrennt man sich in Gedanken und verheddert sich in seinen eigenen Erwartungen. Wenn man jedoch schon wüsste, wie das Jahr wird, könnte man dagegen steuern. Obwohl … vielleicht versuche ich auch einfach so, das Beste aus allem zu machen. Auch wenn ich irgendwie nicht wirklich optimistisch sein kann (is ein seltener Hirndefekt, eine Nebenwirkung von Dings, habe ich bei Dr. House gelernt) und sagen kann, dass alles toll und geil und überhaupt wird, bin ich doch gespannt, was kommt. Und wenn die Zukunft einen Vorteil hat, dann den, dass sie kommt und sich nicht aufhalten lässt.

Auch wenn ich bei Facebook geschrieben habe, dass ich mir vornehme im nächsten Jahr weniger nett und mehr Arschloch zu sein, glaube ich nicht, dass ich das einhalten möchte. Zwar scheinen Arschlöcher einen enormen Reiz, gerade auf Frauen auszuüben, aber das bin einfach nicht. Ich kann nun mal nicht Nein sagen und denke lieber an andere als an mich selbst. Das ist aber für die anderen zumindest nicht schlecht, glaube ich. Und das ist doch schon mal etwas.

Und außerdem ist Silvester doch eh nur ein Tag wie jeder andere auch. Nun gut, ich trage den ganzen Tag einen Bademantel und kann nicht mit offenem Fenster schlafen, aber wenn Silvester im Juni und nicht im Dezember wäre, wäre heute ein Tag wie jeder andere auch. Darum gehe ich nun auch ins Bett und freue mich morgen früh, dass ich keine Böller- oder Partyüberreste aufräumen muss. Allen Lesern wünsche ich viel Kraft, Vergnügen, Glück und Freude in den nächsten 365 Tagen. Und wer weiß, vielleicht versuche ich es nächstes Jahr mal mit wieder mit einer Feierei. Schließlich braucht selbst Dinner for One mindestens zwei Personen.

Andre ist schuld

Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt. Die Ärzte – Deine Schuld

Ich wohne jetzt seit über sechs Jahren in einer Wohnung, die im Grunde genommen eine WG ist, nur anders. Ich teile mir mit fünf weiteren Menschen einen Flur mit vier separaten Toiletten, ein Badezimmer mit zwei Duschkabinen und eine Küche. Bis vor Kurzem gab es noch einen großen Gemeinschaftsraum, doch der wurde inzwischen wegrationalisiert. Unten im Haus wohnen noch mal vier Leute, oben gibt es eine klassische WG. Zwei Mal die Woche kommt eine Reinigungsfirma vorbei und reinigt die gemeinschaftlich genutzten Räume. Das alles liegt in sehr zentraler Lage und ist dazu noch wirklich günstig. Trotzdem ist die Lage hier momentan alles andere als spaßig, hab ich ja in den vergangen Posts schon angedeutet. Und vielleicht schreibe ich darüber demnächst auch noch einmal ausführlich, was die Gründe dafür sind. An dieser Stelle soll es aber um ein Fundstück gehen, das mir noch einmal gezeigt hat, dass ich wahrscheinlich die längste Zeit in diesem Zimmer gewohnt habe.

Immer wieder wird unsere Küche bei Feierlichkeiten als gemeinschaftlicher Treffpunkt zum Vorglühen genutzt. So auch gestern. Im LT, einem Tanzschuppen, war SpoWi-Party (Kleine, absolut wertungsfreie Anmerkung für Leute, die mit einem „Prädikat: SpoWi“ T-Shirt rumlaufen: SpoWi mag ein Akronym sein, aber kein Prädikat. Er SpoWit die 400 Meter in einer Minute? Das Pferd und SpoWiehert die ganze Zeit?) Jedenfalls waren wohl auch viele Menschen aus meinem Haus da, ich selbst war außer Haus und hab lieber einen Spieleabend gemacht. Abends bin ich dann nur ins Bett gefallen und am nächsten Morgen habe ich dann folgendes Fundstück auf unserem Küchentisch entdeckt:

Was man so in der WG-Küche findet

Was für eine schöne, morgendliche Begrüßung! Als kurze Erläuterung: Auf dem Zettel sollte sich jeder für ein gemeinsames WG-Treffen eintragen. Die Aussage „Andre ist schuld“ lässt sich damit allerdings nur schwer in Verbindung bringen. Aber zu einer inhaltlichen Analyse komme ich gleich. Interessant ist vorher ein Blick auf die Typografie. Zuerst scheint es so, als ob der Schreibende (Wer es war, kann nur geahnt werden) ein wenig zittrig/betrunken war, was nicht unwahrscheinlich ist. Besonders gut scheint mich dieser jemand auch nicht zu kennen, sonst wüsste er, dass ich mit Strich auf dem e (Accent aigu) geschrieben werde und darauf auch relativ viel Wert lege. Was jedoch positiv zu bemerken ist, dass der Schreibende nicht den beliebten Fehler macht und die Schuld großschreibt (so wie in diesem Beispiel.) „Er hat Schuld“ ist richtig, in der Verbindung mit haben wäre eine Majuskel jedoch falsch. Dafür gibt es ein Bienchen.

Aber was will uns der Autor dieser Zeilen nun sagen oder anders gefragt, worin liegt meine Schuld? Diese Frage geistert mir tatsächlich schon den ganzen Tag im Kopf rum. Gemeint könnte sein, dass ich den angesetzten Termin in der letzten Woche nicht wahrnehmen konnte (Hochschulpolitik). Allerdings waren da auch Mitbewohner verhindert, wäre also eine nicht haltbare Unterstellung. Der Verfasser könnte mir auch die Schuld daran geben, dass die momentane WG-Stimmung eher angespannt ist. Das fände ich allerdings komisch, denn da gehören ja auch immer mindestens zwei dazu. Und ich hab nicht das Gefühl, das irgendwen beeinflussen sollte, wenn ich schlecht drauf bin. Komisch.

Vielleicht denke ich auch zu klein und es sind eher große Probleme, die ich nicht verhindert habe. NSA-Skandal? Ja, da hätte ich Frau Merkel schon mal Bescheid sagen können, dass ihr Handy im Visier ist. Tebartz-van Elst? Ja, sorry. Hab ihm halt gesagt: Komm altes Haus, gönn dir mal was! Krieg und Naturkatastrophen? Ich gestehe, warn Fehler damals mit der Schöpfung und so.

Was auch immer es war oder ist, an dem ich die Schuld trage: Es tut mir bestimmt leid. Ehrlich. Ich weiß zwar nicht was, aber das ist sicher dumm gelaufen. Möglicherweise.

Nach längerer Betrachtung sehe ich die ganze Geschichte als nette Geste an. Meine WG (oder der Verfasser dieser Zeilen) möchten mir einfach den Abschied aus dem Haus und aus Rostock erleichtern. Danke, echt. Bin im Kopf schon raus und auf Wohnungssuche in einer anderen Stadt. Noch Dienstag die Verteidigung irgendwie in trockene Tücher bringen und dann nix wie weg. Und ich weiß jetzt schon, dass das furchtbar wird. Ich muss jetzt schon heulen, wenn ich dran denke, was für tolle Menschen hier sind und bleiben. Wenigstens wird der Auszug wahrscheinlich nicht so hart, wie ich es vielleicht vor zwei Monaten gedacht hätte. Und auch wenn ich die Schuld für echt viele Sachen auf mich nehme, daran bin ich ausnahmsweise mal nicht (oder wenigstens nicht alleine) schuld.

Home is where your…ja wo eigentlich?

Einsamkeit allein ist Einsamkeit. Einsamkeit unter Menschen ist Tristesse. Muff Potter – Gestern an der Front

Ich habe mich noch nie so unwohl in Rostock, so wenig Zuhause in der Stadt gefühlt, wie im Moment. Zu dieser Erkenntnis bin ich in den letzten Tagen gekommen, sie ist sozusagen in mir herangereift, und ich kann nicht sagen, dass ich damit glücklich bin. Im Gegenteil, es ist ein beschissenes Gefühl, wenn die Wände immer enger werden und von oben die Decke ohne Rücksicht auf meine Verluste immer näherkommt.

Ich war gestern bestimmt sechs Stunden unterwegs, bin lange spaziert (über zehn Kilometer auf jeden Fall), war geocachen (super Sache, muss ich demnächst unbedingt noch mal drüber schreiben) und zum Abschluss eine Stunde schwimmen. Es fühlte sich gut an, es war ein schöner Tag, doch je näher ich meiner WG kam, umso komischer fühlte ich mich. Und als ich dann schließlich zu Hause war und auf meinem Bett saß, war es vorbei mit der entspannten Stimmung und meine schlechte Laune war wieder da. Damit bin ich auch unerträglich für mein Umfeld, aber ich mache das nicht bewusst, sondern es passiert von allein, ohne dass ich mich dagegen wehren könnte.

Auch wenn mir so richtig ein Plan zur Änderung des Zustandes fehlt, so kann ich mir die Gründe doch einigermaßen zusammenreimen. Zum einem ist das natürlich der Herbst, da bin ich eh anfällig für Stimmungsschwankungen und depressive Grundgedanken. Zwar ist es schön und goldig und auch die Blätter rascheln, aber die Tage werden kürzer, glückliche Menschen gehen zu ihren glücklichen Menschenpartnern und man selbst schreibt komisches Zeug in noch komischere Internetblogs.

Dann ist das die Ungewissheit. Im Text Kopfkino schrieb ich zwar: „Ungewissheit macht aber auch nichts“, doch manchmal sollte man schon auch mal die nötigen Informationen bekommen. So ist es bei mir im Moment bei meiner Masterarbeit. Ich fragte vor etwa drei Wochen bei meinem Dozenten nach und er meinte, sie sei eine enttäuschende Abschlussarbeit, sie sei zwar ambitioniert verfasst, stünde aber auf philologisch wackligen Beinen und er wolle sich in Kürze mit einer Note melden. In seiner Definition von in Kürze hat er wohl noch etwas Zeit, denn bisher hat er sich nicht wieder gemeldet. Eigentlich hat er vier Wochen für die Kontrolle Zeit, jetzt sind sechs rum und ich weiß immer noch nicht, ob ich überhaupt bestanden habe. Das macht mich fertig, wirklich. Zumal ich so auch nicht wirklich planen kann, wie es mit mir weitergeht, denn wenn ich durchfallen sollte, kann ich innerhalb eines halben Jahres nacharbeiten, das heißt ich bleibe aktiver Student, das heißt, ich muss mir nen Nebenjob suchen usw. Wenn ich bestehe, brauche ich das logischerweise nicht. Und noch einmal nachfragen ist auch blöd, weil es so bettelnd klingt und sicher keinen guten Eindruck macht, verdammt.

Ein letztes Problem, was annähernd genau so groß ist, ist, dass mich in diesem Jahr meine eigentlich recht gute Menschenkenntnis ziemlich im Stich gelassen hat. Ich will gar nicht konkret auf bestimmte Personen eingehen, aber immer wieder dachte ich: Menschen sind echt furchtbar und außerdem, und das wusste schon Dr. House, lügen sie immer, irgendwie. Ich vertraue schnell und vielen Menschen und öffne dann auch mein Herz, mag sein, dass ich damit einige Leute nerve, aber dann kann man mir das sagen, jedenfalls ging das ziemlich nach hinten los. Das führte in diesem Jahr zu wirklich schlimmen Schmerzen, ganz dummen Gedanken und zum Schluss zu Wut und Unverständnis. Ich habe die Bedeutung von einigen Freundschaften leider komplett falsch eingeschätzt. Vielleicht war ich auch einfach nur kurzzeitig wieder zu glücklich, oder blind oder dumm – alles relativ realistisch, teilweise auch in der Kombination. Nur das, was daraus folgte, hätte ich so nicht erwartet und das überraschte mich auch sehr und hat mich auch wieder irgendwie ziemlich mitgenommen. Aber so ist das mit dem Leben und den Menschen, ich bin ja selber einer und bei Leibe kein Vorzeigeexemplar.

Ich will das nicht mehr, dieses Rumgedenke und das Kopfzerbrechen, die schlechte Laune und den Wunsch, irgendwas kaputt zu hauen. Aber ich kann nicht wirklich weg, nicht wirklich raus. Eine andere Wohnung kann und will ich mir nicht leisten, bevor ich kein Ergebnis der Masterarbeit hab, brauch ich mich nicht nach anderen Orten und Möglichkeiten umsehen, Menschen kann ich nicht ändern (ich kann nur versuchen, zukünftig vorsichtiger zu sein und auch meine Gefühle vielleicht ein weniger mehr in mir behalten, keine Ahnung, ob ich das wirklich kann) und Herbst is nun mal auch relativ unveränderbar. Und dann kommt Winter, da wird es eher noch schlimmer.

All das hat zur Folge, dass ich in den letzten Tagen und Wochen weniger motiviert bin, Sport zu machen, soziale Kontakte zu pflegen oder auf meine Ernährung zu achten. Ich will nicht das alles, was ich im letzten halben Jahr erreicht habe, mit dem Arsch wieder einreißen und ich hab auch eigentlich keine Lust hier nur düsteres Zeug (wie mir vorgeworfen wurde) zu schreiben, aber so ist es nun mal im Moment. Vielleicht, bestimmt, hoffentlich kommen wieder bessere Zeiten. Aber im Moment frage ich mich wirklich, wo mein Zuhause ist und wo mein Herz sich nicht so mies anfühlt wie im Hier und jetzt.

Rostock vermissen

Ich hab dir nie gesagt, dass du mir fehlst – du fehlst mir. Die Ärzte (Nie gesagt)

Nachdem ich meine Masterarbeit abgegeben habe und ich schon ungefähr ein halbes Jahr nicht mehr bei meiner Familie in Lübz war, bin ich am Freitag mal wieder für eine Woche in die Heimat gefahren. Hier ist es schön und ruhig und man bekommt seinen Kopf mal frei, allerdings gibt es auch Sachen, die ich schon nach wenigen Stunden total vermisst habe. Darum hier mal eine kleine Übersicht, die keinesfalls vollständig ist, aber doch einen kleinen Eindruck vermittelt, was ich an Rostock so mag.

Was ich vermisse:
- Einige Menschen, einige sogar sehr doll
- Meine Mensa und die Leute da
- Mein eigenes Bett
- Den Stadthafen
- Badminton am Montag
- Die Schwimmhalle in Gehlsdorf
- Meinen Computer
- Die abendlichen Skyperunden mit Dota
- Noch ne Mate am Späti holen
- Frozen Joghurt

Was ich nicht vermisse:
- Das Nachdenken (kann ich leider auch hier nicht abstellen, aber Abstand hilft)
- Ungebügelte Wäsche (ich gebe zu, ich habe kein Problem, knautschige Hemden anzuziehen, aber wenn Mutti gern bügelt, ist das auch mal ganz schön)
- Die unaufgeräumte Küche und das Gefühl, dass er den meisten Mitbewohnern scheißegal ist, wenn die Tiere aus dem Biomüll rauskriechen wollen
- Das AStA-Büro und die Sitzungen da

Es gibt sicher noch mehr Dinge, aber besonders bei den Sachen, die ich nicht vermisse, fällt mir nicht viel ein. Wäre ja auch komisch, oder? Weil, wenn ich es wüsste, würde ich es doch vermissen? Außerdem habe ich auch viel Gepäck dabei, sodass ich auch in Lübz lesen, Musik hören und Geocachen (mein neues absolutes Lieblingshobby) kann. Aber dazu später mehr.

Über das Alter

Weil es damals kein gestern gab, weil ich bis heute noch kein Morgen hab, bin ich fürchterlich müde, denn die Gegenwart strengt an. Jupiter Jones (Heute ist der erste Tag an dem ich mich offiziell alt fühle)

Ich fahre gerne Straßenbahn. Anders als viele andere Kommilitonen bin ich nicht die meisten Strecken in Rostock mit dem Rad gefahren, sondern habe mein Semesterticket immer voll ausgenutzt. So auch gestern, als ich für eine kurze Erledigung in die Stadt musste. Ich stieg in die Bahn ein und sie war ziemlich gut gefüllt, was an sich kein Problem ist, jedoch waren gefühlt alle Gäste fünf bis zehn Jahre jünger als ich. Zumindest sahen sie so aus, als ob sie kurz vor ihrem Studienbeginn stehen oder zumindest grad auf Abiabschlussfahrt in Rostock sind.

In diesem Moment wurde mir klar, wie alt ich eigentlich schon bin. Klar, 26 klingt nach nix, wenn man jedoch bedenkt, dass wir Menschen eine Lebenserwartung von ungefähr 75 Jahren haben, habe ich immerhin schon über ein Drittel hinter mir. Und was hab ich in der Zeit gemacht oder erreicht? Wenig, wenn ich mit mir ehrlich bin.

Die Zeit vergeht einfach wie im Flug. Vor sechs Jahren war ich noch ein Ersti und bin ohne Plan und völlig hilflos über den Campus gelaufen. Heute habe ich nicht nur einen Bachelor in der Tasche, sondern auch gerade meine Masterarbeit abgegeben, meint Studium nähert sich also mit großen Schritten dem Ende. Das ist okay, ich habe Lust ne spannende Arbeit anzufangen (wenn ich denn eine finde) und trotzdem kommt so eine ganz komische nostalgische Melancholie bei mir auf. Es gab viele erinnerungswürdige Momente, die wenigsten davon wirklich im Lehrbetrieb, aber das ganze Drumherum war einfach einmalig. Und dieser Abschnitt geht nun zu Ende.

Wenn man mit älteren Menschen spricht, sagen viele, dass das Studium die beste Zeit in ihrem Leben war. Wenn das auch bei mir so ist, dann ist es bald vorbei mit dem schönen Leben. Davor habe ich ein wenig Angst, dass alles, was jetzt kommt, nur noch halb so gut und halb so schön und dafür doppelt so lang ist. Klar ist diese Einstellung ein wenig pessimistische, aber irgendwie habe ich da so ein ungutes Bauchgefühl.

Zurück in die Straßenbahn. Ich beobachte die Jünglinge um mich rum und fühle mich unfassbar alt. Sie sehen so anders aus, so fremd. Ihre Frisuren, ihre Klamotten, ihre Brillen und ihr gesamtes Auftreten sind komisch. Bestimmt sie die meisten von ihnen total intelligent und einige auch supernett, aber ich, in meiner unendlichen Oberflächlichkeit, denke nur so: „Oh mein Gott, das soll die Generation nach mir sein?“

Zurück in der Straßenbahn. Die Jünglinge um mich rum beobachten mich und denken, der Typ ist echt unfassbar alt. Ihm gehen die Haare aus, er trägt eine komische, alte Jacke und einen artifiziellen Schal. Dazu noch diese riesigen Kopfhörer, die er nur aufhat, um jugendlicher, hipper zu wirken. Und sie kommen zu dem Ergebnis: „Zum Glück ist der nicht mehr unsere Generation!“

Ich steige nach einigen Stationen aus. Bald habe ich kein Semesterticket mehr und ich muss für jede Straßenbahnfahrt zahlen. Und ich denke so: Schade. Ich wäre gerne wieder Erstsemester.