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Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
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Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.

Spreu vom Weizen

Und im Sommer, trennt sich die Spreu vom Weizen. Und wir sind mit dabei. Captain Planet – Spreu vom Weizen

Als ich klein war – wenn man das als dicker Junge überhaupt sagen kann, also vielleicht besser, als ich noch jung war und man noch so Freundschaftsbücher ausgefüllt hat – wollte ich gerne Musikvideoregisseur werden. Okay, wenn ich ehrlich bin, wollte ich zur Freundschaftsbücherzeit noch Lehrer werden, aber während meines Studiums, als ich schon wusste, dass ich nicht Lehrer werden will, war Musikvideoregisseur dann mein Traum. Ich hatte und habe noch immer oft Bilder und Videos im Kopf, wenn ich Lieder höre. Erst vor einigen Tagen dachte ich bei einem Song meiner Lieblingsband: Wie geil wäre es, wenn jetzt genau das und das passieren würde und wenn man jetzt noch mal hier und überhaupt.

Da ich nicht so die Technik habe, Musikvideos wirklich zu drehen, beziehungsweise ich nicht das nötige Knowhow habe, um nicht an meinem eigenen Anspruch zu scheitern, entschloss ich mich, diesen einen Song zumindest in eine kurze Geschichte zu packen. Es sind mehrere Fragmente aus Songs der Band (Captain Planet, sollte man kennen und lieben) enthalten, aber vor allem ein großer Teil aus dem Lied Spreu vom Weizen. Am besten lest ihr erst die Geschichte, hört dann den Song so zwei- bis dreimal, dann lest ihr die Geschichte noch einmal und hört danach nur noch Captain Planet. So würde ich es machen. Viel Spaß dabei. Und danke an Captain Planet für alles, für tolle Musik und großartige Texte und für die unzähligen Konzerte in den letzten Jahren.

Spreu vom Weizen

Es war derselbe Weg, den du schon so oft gegangen bist, mit denselben Straßenlaternen und Mülleimern, mit dem Bushaltestellenhäuschen, in das jemand mit Edding „Viva allein“ geschrieben hat und mit dem Schild, gegen das irgendwann mal jemand gegengefahren ist und das seitdem schräg an der Straße steht.

Der Tag war grau wie der Asphalt und die Pfützen hatten nichts zum reflektieren, gelbe und braune Blätter quetschten sich in die Abflüsse. Du wolltest nur kurz zum Laden, eine Mate und ein paar Bier kaufen, vielleicht noch Knabberkram für später. Und du ranntest die Gasse entlang und in Richtung der Kreuzung, auf die sich nur selten mal ein Auto verirrt. Die Ampel schaltete um und Spotify spielte den nächsten Song. Weiter, bis die Stimme aufgibt, bis alles zerfällt und dann die Straße und der Knall und die Schwarzblende.

Vier Stunden später. Ein Club, eine Bar, eine Tanzfläche. Dunkle Sessel. Die Haken sind noch immer nicht blau, du dafür schon. Du hasst Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit und du hast auch keine Lust mehr zu warten. Du tanzt und du springst und du singst und du trinkst. Und irgendwann machst du dir keine Gedanken mehr und der Ring in deiner Tasche drückt immer weniger auf dein Herz. Und irgendwann klingelt das Telefon und du verstehst nicht was die Stimme am anderen Ende sagt und du quetscht dich raus aus dem Club und dann zieht es dir den Boden unter den Füßen weg und du fällst. Und du knallst auf den Boden. Schwarzblende.

Die Tage vergehen und werden zu Wochen und Monaten und Kalenderblätter fallen gelb und braun zu Boden und lassen kahle Wände zurück. Jahreszeiten verwischen wie frische Tinte und Nächte kommen und gehen. Und Schlaf wird sowieso überbewertet. Auf Feldern wird Getreide ausgesät und du siehst aus wie der Acker nachdem er gepflügt wurde. Und irgendwann kommen die Mähdrescher und knallen die Halme zu Boden und trennen die Spreu vom Weizen und du trennst keinen Müll mehr, weil du nicht weißt, welcher Teil von dir in die blaue Tonne gehört. Aber Weizen trinkst du auch, viel und nicht nur im Sommer sondern auch im Herbst und im Winter und in den Momenten dazwischen.

Es wird besser sagen die Leute und es wird wirklich besser. Alles wird besser, nächstes Jahr. Langsam. Und so wie die Zeit mit kleinen Schritten voranschreitet, so stolperst du dich auch zurück ins Leben. Du gehst erst wieder raus und dann auch irgendwann zu dem Ort, wo aus Viva Allein ein Ende geworden ist. Das Schild steht inzwischen gerade und witzige Sprüche pflastern die Mülleimer drumherum und irgendwer hat ein Baumhaus gebaut aus dem Kinder dich kritisch anschauen. Du bist eine Kulisse, die langsam auseinanderfällt und bevor du dich umdrehen kannst, läufst du los. Raus aus dem Vorort und rein in die Stadt und irgendwann auch wieder rein in die Bar und mit einer Zunge, die vom Rotwein ganz blau ist und mit Händen, die vom Zittern und Falten ganz rau sind, lässt du sogar irgendwann wieder Sektkorken knallen und fängst wieder von vorne an.

Schwarzblende. Fünfzehn Jahre später. Viel hat sich verändert, du zum Beispiel. Oder die kleine Stadt. Das Kino hat schon lange zu. Im Eingang hängt noch das vergilbte Plakat von Rambo. Erinnerungssplitter aus Glas und Beton und überall Graffitis und Müll. Die Blätter sind andere als noch vor Jahren, aber immer noch gelb und grau. Das Baumhaus ist abgebrannt und alles wirkt wie eine fremde Welt, eine Miniatur. Zwischen all dem stehst du und gehst du zum Friedhof. Löwenzahn und Unkraut müssten mal wieder weggemacht werden. Morgen. Lieber Morgen. Heute nur da sein und atmen und funktionieren. Es ist nichts mehr übrig von euch beiden. Nur die verblassende Erinnerung und die Stille, die in der Luft hängt wie die Vögel, die keinen Mast mehr gefunden haben.

Du bleibst nur kurz und nimmst dir vor, es bleiben zu lassen. Einfach abschließen mit dem Kapitel und die alte Kiste zuknallen und abschließen und dann verbuddeln unter dem Pflaster, unter dem Strand und unter der Zeit. Und du fährst zurück nach Hause, wo dich dein Sohn schon sehnsüchtig erwartet. Und der Ring an deinem Finger wird noch einmal kurz schwer und es fällt dir wieder auf, wie schwer er doch ist und dann nimmst du deinen Sohn auf den Arm und dir fällt wieder auf, wie schwer er doch geworden ist. Und dann liegt ihr euch in den Armen und ihr werdet es immer wieder tun, die nächsten 25 Jahre lang. Und du wirst immer da sein, egal wohin er rennt, in den Morgen, auf den Straßen, in den Bars und auf den Brücken. Und das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt geht ihr raus. Es ist Erntezeit. Die Mähdrescher trennen die Spreu vom Weizen. Und ihr seid mit dabei.

Kottbusser Tor, U1

Ich weiß nichts, bist du etwas sagst, wohin mit unseren Händen? Wo hängen wir unsere Augen hin, an diesen kargen Wänden? Captain Planet – St. Peter

Ich bin seit fast einem Jahr in Berlin und war nicht sehr kreativ. Aber jetzt kann ich mich endlich in die Reihe der großen Namen einreihen, die einen Text über die Hauptstadt geschrieben haben: Alfred Döblin, Erich Kästner und Peter Fox. Mein Text heißt:

Kottbusser Tor, U1.

Auch wenn ihre Geschichte dort nicht ihr Ende fand und sicher auch ganz woanders begonnen hatte, war selbst die kurze Episode, die ich auf der Durchreise mitansehen konnte, dort irgendwie fehl am Platz. Überhaupt sollten Dinge, so wie die zwei sie besprachen, nicht mitten auf einem Verkehrsknotenbahnsteig zwischen feierwütigen Frühdreißigern und ausgelaugten Anfangzwanzigern stattfinden. Aber wenn schon wie auch immer gelagerter Emotionskram und große Gefühle, dann doch wenigstens Deutsche Oper oder meinetwegen auch Kurfürstendamm oder halt am Hauptbahnhof. Aber doch nicht am Kottbusser Tor.

Ich mein Kottbusser Tor mit K. Nicht so wie die Stadt mit C, ne, Berlin denkt sich: „Mach ick nich. Hat mir doch keiner zu bestimmen, wie ich Kottbus schreib. Und wenn ick will schreib ich Kottbullar bei Ikea auch mit C. Is ne freie Stadt. Wir sind zwar arm aber sexy und wenn was richtig sexy ist, dann doch wohl das Kottbusser Tor. Mit C.“

Zwischen Kottiwood (if you eat Döner there, you can make it everywhere) und Bauschaumschutt fährt hier die U8 nach Neukölln. Auch wieder so ein Ding. Reicht nicht ein Köln? Ist ja jetzt nicht so, dass Rheinhattan nun die schönste Stadt der Welt ist, so ein Place to be und to have in your City. Aber auch hier denkt sich Berlin: „Lass mir doch. Ick nenn meine Viertel wie ich will und dit is nun Neukölln. Get over with it.“ Nicht mal nen Dom gibt es da.

Aber wir waren beim Kottbusser Tor stehengeblieben, wo die zwei aus irgendeiner Bar oder einem Club oder einem hippen Ding ohne Namen kamen. Sie sahen gut aus, wie zwei Berliner, die noch nicht lange Berliner sind aber sich schon umso mehr fühlen wie Berliner, real und zugezogen. Ich weiß nicht, wo sie waren, ob auf einem Konzert von irgendeinem Singer/Songwriter aus Texas oder Südfrankreich oder einfach nur kickern und über die großen Themen der Welt philosophieren. Bestimmt waren sie vorher noch kurz im Späti und haben sich ne Mate geholt als Grundlage für den Wein oder die Bierschorle. Jedenfalls sah ich sie, als sie einer der zwielichtigen Hauseingänge wieder ins Großstadtleben spuckte.

Sie redeten und strahlten und fanden sich gut, denke ich. Die Chemie stimmte, mehr als bei den chemischen Stoffen, die als Fastgratisprobe angeboten wurden. Sie gingen die Straße entlang als wäre es die Allee der Kosmonauten und über ihnen wäre keine Trasse der U-Bahn, sondern Sterne und Raumstationen und Kometen und wirbelnde Welten von Galaxien und nichts. Sie berührten sich nicht und ich war berührt davon, wie zwei Menschen einfach so gut funktionierten indem sie nur redeten und Blicke tauschten, so intensiv wie der Tausch zwischen Leergut und Nachschub im Rewe nebenan.

Was ich nicht sah, waren die Gedanken in ihren Köpfen. Die Zweifel und Fragen und ihre Ziele und Wünsche und die Hoffnung und ihren Plan vom weiteren Miteinander. Und vielleicht waren da auch ganz andere Sachen in ihrem Kopf, Silvesterpläne oder der nächste Urlaub, Steuernachzahlungen oder die Ringbahnsperrung zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, die nun endlich wieder aufgehoben war. Aber so wirkte es nicht, als sie die an der Ampel sogar auf grün warteten und dann die Treppe zur U1 hochstiegen.

Und für einen kurzen Augenblick gab es keine Verspätungen oder lustigen Aktionen der BVG, keine Motzverkäufer oder Handtaschenräuber, kein Schienenersatzverkehr und auch keinen bescheuerten Neunzehnjährigen, der meint, seine Nudelpfanne auf den Bahnsteig zu kotzen. Es gab nur die beiden und mich. Sie waren wie Emma Stone und Ryan Gosling in Lalaland, aber als noch nicht ganz klar war, zumindest für Emotionslegastheniker, ob die beiden sich überhaupt mögen oder wollen oder mögen wollen. Und ich war halt auch irgendwie da, störte jetzt keinen aber fiel auch nicht weiter auf.

In diesem Moment, als ich City of Stars pfiff, sagte er irgendwas zu ihr und sie wirkte unsicher und überrascht und irritiert und irgendwie veränderte sich alles. Und er schaute weg und schluckte und wusste auch nicht so recht, wohin mit seinen Augen und Blicken und Händen. Und dann umarmte sie ihn kurz, zu kurz und er umarmte sie auch, so mit einer Hand, aber nicht richtig und dann sagten sie noch irgendwas, drucksend und stotternd. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen passten die beiden so gut auf den Kotti, wie der türkische Lebensmittelladen und der Truppentransporter der Polizei. Denn sie waren genauso abgefuckt und hoffnungslos verbaut und bedient und voll gestellt mit Dingen und umgeben von Menschen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben in diesem kurzen Moment, das geht mich auch nichts an. Ich war nur der Zuschauer eines kleinen Berliner Ensembles, das sich wahrscheinlich unzählige Male am Tag in Bussen und Bahnstationen der Hauptstadt abspielt. Und dann fuhr eh die U1 ein, Richtung Warschauer Straße und sie stieg ein und er blieb stehen und schaute ihr hinterher und sie lächelte milde. Dann ging er die Treppen runter, „Zurückbleiben bitte, Attention, stay back!“ und sie fuhr davon und er drehte sich nicht mehr um. Kurz darauf sah ich ihn wieder die Treppe hinaufkommen und in meine Bahn einsteigen. Er setzte sich seine Kopfhörer auf und tippte auf dem Handy rum. Wer weiß, eine Nachricht an sie oder an ihn oder eine schlechte Bewertung für den Bahnhof Kottbusser Tor auf Google Maps. Und dann steckte er das Handy weg und schloss die Augen und seufzte kaum merklich aber doch viel zu deutlich und ich hätte gern gewusst, was er denkt. Doch vielleicht war es besser, dass ich es nicht wusste, so wie es besser wäre, wenn ich mir eine andere, eine schönere Strecke suchen würde.

Mit den Händen in der Tasche stieg er am Bahnhof Hallesches Tor aus. Unsere Blicke trafen sich kurz und seine Augen sahen aus wie die schmutzigen Pfützen auf den Bürgersteigen in Kreuzberg nach einem Platzregen im Herbst. Es war wohl kein guter Abend für ihn. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir uns an der Deutschen Oper oder am Hauptbahnhof getroffen hätten. Vielleicht ist die Kulisse aber auch egal für die kleinen Schauspiele, die das Leben schreibt. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich rumpelnd in Bewegung. Ich holte mein Handy raus und fing an, einen Text zu schreiben.

Katzen und Bilder

Es war ’ne laue Nacht, du weißt es noch genau, als ob es gestern war, du warst ein bisschen drauf. Frittenbude – Bilder mit Katze

Vor zwei Monaten führte ich hier im Blog eine neue Kategorie ein, die ich seitdem schon relativ häufig und ziemlich erfolgreich ignoriert habe, die Musikvideos für die Ewigkeit. Doch darum soll es gar nicht direkt gehen. Ich habe damals den Song und das Video Bilder mit Katze von Frittenbude vorgestellt. Wer das mit Absicht aus Versehen ignoriert hat, kann den Beitrag noch einmal hier nachlesen oder nicht beachten.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich das offene Ende des Songs nicht ertrage und wissen will, wie es ausgeht. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bei der Band nachfragen, was sie sagen würden (spannend, aber nicht befriedigend) oder einfach selbst eine Fortsetzung schreiben. Wie reagiert das Mädchen auf das Foto vom Shirt und gibt es ein Happy End? Fragen, die ich mir gern beantworten wollte. Also habe ich eine kurze Fortsetzung der Geschichte geschrieben, die ich nun hier präsentieren möchte.

Der Text funktioniert sicher auch ohne Kenntnis des Originals, macht aber vielleicht mehr Spaß. Ich habe auch noch ein paar andere Songtextstellen eingebaut und wer mag, kann sie finden und sich dann daraus ein Lebkuchenhaus bauen. Außerdem finde ich, dass mir der erste Absatz irgendwie gut gelungen ist, ich weiß auch nicht. Kann das sein? Nun aber genug Intro hier.

Katzen und Bilder

Sie haben Post“, würde eine schlecht computergenerierte Stimme jetzt sagen, wenn dieser Text in einer Zeit spielen würde, als es noch AOL-CDs gab und Boris Becker fast noch Tennis spielte. Da dieser Text nun aber in einem gedachten heute passiert, war es nur eine roteingerahmte, weiße eins über zwei blauangedeuteten Sprechblasensymbolen, die Katze darüber informierte, dass jemand versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Katze nutzte das Netzwerk, um in Kontakt zu bleiben. Gelegentliches Geschreibe über Sinn und Sinnloses und manchmal, aber nur manchmal – selten –, ein Austausch von Sinnlichkeiten. Hier konnte sie virtuell Bekannte treffen, Lerngruppen planen und die Zeit verplempern. Dann war wieder eine Stunde um, in der sie eigentlich noch einen Entwurf fertig machen oder an diesem einen Bericht weiterarbeiten oder was kochen wollte und dann gab es doch wieder nur Nudeln mit Pesto aus dem Glas und halbgeschmolzene Sandwichkäsescheiben.

Zwischen dem Konzert im SO36 – fast bei ihr vor der Haustür – und Bett, wollte sie nur noch einmal kurz gucken, ob sie auf der Welt oder die Welt etwas von ihr verpasst hatte, als sie, mit der Zahnbürste im Mund und ihrem Kuschelschlafanzug am Körper, die Nachricht entdeckte. Es war ein schwarzes Shirt mit neun großen gelben Buchstaben. Ein verblasstes Foto, ebenso wie die Erinnerung an die Zeit, die super war, und dann irgendwann auf einmal nicht mehr.

Sie weiß nicht, was sie wissen will oder wissen kann oder wissen soll und spuckt die Zahnpastareste, die sich schon viel zu lange in ihrem Mund befinden, weil sie vom Putzen abgekommen ist, ins Waschbecken. Es war das eine Shirt, ihr Lieblingsshirt, aus der Zeit, als sie und er noch Bilder gemacht haben, Bilder mit Katzenmasken und Hundeblicken, Bilder mit Hasenohren und schiefen Schatten, Bilder, auf denen im Hintergrund die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen zu sehen waren, Bilder aus dem vierten Stock mit Schwänen an der Wand, Bilder im Gegenlicht der Sonnenstrahlen und im Herzen ihrer Welt. Das war alles so weit weg und doch nie so ganz entfernt.

Und sie klickt die Nachricht weg und öffnet sie wieder und macht das Bild groß und es ist wirklich das Shirt, denn auch die Ärmel sind abgerissen – das war damals in dieser Nacht als sie heimlich in ein Freibad eingebrochen sind – und dann schließt sie das Bild und den Laptop und Facebook und öffnet die Schachtel und schaut sich all die Bilder noch einmal an und dann öffnet sie auch den Computer wieder und auch Facebook und schaut sich sein Profil an und sieht nicht viel, weil er noch immer seine Privatsphäre liebt und die Einstellungen entsprechend gesetzt hat, nur ein Profilfoto und ein Gruppenbild vor irgendeiner Frittenbude in Hamburg mit Freunden oder Bekannten oder mit zufällig zusammengewürfelten Personen des öffentlichen Lebens und dann klickt sie so durch und versucht ihn zu stalken, obwohl sie das nicht wissen will oder braucht oder möchte, und sie kann ja auch nichts erfahren, außer dass ihm House of Cards gefällt, was ihr ja zu politisch war, und dann schließt sie den Computer erneut und ihre Augen und in ihrem Kopf dreht sich die Welt schneller als sonst um ihre eigene Achse, vielleicht zu schnell, denn ihr wird schwindelig und dann öffnet sie die Augen und das Chatfenster auf ihrem Handy, das leer bleibt und wahrscheinlich bei ihm anzeigt, dass sie das Bild gesehen hat, woraufhin er alle fünf Minuten checken wird, ob sie schon geantwortet hat, denkt sie, denn so würde sie es machen, wenn sie an seiner Stelle wäre und sie oder ihn oder irgendwen in so eine Situation gebracht hätte und dann fährt sie erst sich und dann den Computer für den Rest der schlaflosen Nacht runter. Nur etwas Ruhe.

Am nächsten Tag, was eigentlich noch der gleiche Tag ist, jedoch nach dem Aufstehen, was nicht richtig zählt, weil sie nicht geschlafen hat, aber dann wäre ewig gestern, sieht die Welt auf einmal noch immer genauso aus, wie ein paar Stunden zuvor, nur hell hinter den zugezogenen Vorhängen. Es ist damals auseinandergegangen. Von Wegen (aus Gründen). Und sie weiß, dass sie nicht zurückgehen will und selbst wenn sie bloß zurückschaut, sieht sie da kein Land in Sicht nur mehr weniger.

Auch nach zwei Tagen hat er nicht noch einmal geschrieben und das ist auch gut so, denkt sie, aber auch, dass es nicht gut ist und jetzt all das Ungesagte einfach so wie unbestellt und abgeholt im Raum steht, ohne Antwort auf keine der Fragen. Also macht sie ein Foto vom dem Text der Band, nicht von sich, und schickt es ihm.

Und ist alles so weit weg,
das alles so lang her?
Ich allein in dieser Stadt
und du unten am Meer.
Am einen Ende die Sonne,
am anderen Ende der Mond.
Wir haben alles verloren,
doch uns dabei nie geschont.
Fortlaufend zu fliehen,
unser Oxycotin.
Doch soweit können wir nicht rennen,
um uns nicht mehr zu kennen.

Heute bist du nur ein Junge den ich einmal gekannt habe. Mach es gut, aber ohne mich. Katze.

Und dann faltet sie das Papier zusammen und steckt das Blatt in den Umschlag und klebt den Brief zu und macht eine Marke rauf und verschickt ihn und das alles digital und so gibt es keine Marke und keinen Brief und keinen Umschlag und kein Blatt und kein gefaltetes Papier, sondern nur den Druck auf die Entertaste, der so viel Druck aufbaut und ihr nimmt und der wichtig und nötig und das einzig richtige war und ist und sein gewesen sein wird – sagt sie sich – und klingt in ihrem Kopf fast sicher, dass es stimmt.

Sie sieht nicht ein, die alten Wunden wieder aufzureißen, die zwar noch nicht ganz verheilt sind, aber auf denen schon Schorf ist, den man sich am Anfang noch aufkratzt, obwohl man weiß, dass es dann blutet, an dem man dann aber irgendwann doch das Interesse verliert und ihn dann so vor sich hin heilen lässt. Und so blockt sie alle Gefühle ab und ihn in diesem Netzwerk und dann macht sie die Augen zu und ihre Lunge auf und atmet durch. Die Welt dreht sich wieder normal und die Kiste steht wieder im Schrank, irgendwo unter dem Krach und Schutt und Staub der letzten Jahre. Die zwei kommen nicht mehr zusammen. Nicht heute oder irgendwann. Und die Bilder mit Katze werden wohl irgendwann ausbleichen und nur noch verschwommen wird man die Schemen sehen, die einmal sie gewesen sind. Nur um das Shirt, da ist es schade. Und um die großen, gelben Buchstaben.

Heimsucht

Eigentlich wollte ich hier ja aus Irland berichten und den Blog weiterführen und Fotos posten und coole Storys und alles. Uneigentlich ist hier im letzten halben Jahr nichts passiert. Kann man jetzt auch nicht mehr ändern.

Allerdings war ich heute Nacht in einem Anflug von spontaner Kreativität mal wieder in der Lage, einen (Poetry Slam) Text zu schreiben. Den möchte ich ohne lange Vorrede mit euch teilen. Nur so viel: Es ist natürlich wie immer nicht biografisch und ein rein fiktiver Text. Alle Ähnlichkeiten mit real existierendem … Krams sind rein zufällig. Der Text heißt Heimsucht und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Heimsucht

Wenn einer eine Reise tut und diese Reise nicht nur eine Reise ist, im Sinne von: Mensch, endlich mal wieder schön verreisen, schön mit Handgepäck und Urlaubsspeck, nix wie weg aus Deutschland, und schön in die Karibik, aber nur für zwei schöne Wochen, dann ist aber auch schön wieder gut und überhaupt sprechen die ja auch eh alle kein Deutsch da, und das muss ja auch nicht sein, ganz pauschal: Tourist ist nicht nur zufällig phonetisch nah dran am Terrorist.

Sondern im Sinne von: Das Land verlassen und auf zu neuen Ufern, in anderen Städten ausufern und auschecken, was so geht und aus dem Hotel, das für die ersten 14 Tage die Heimat war, und rein in die erste eigene Wohnung im Ausland, das von nun an nicht mehr Ausland ist, sondern der Ort, wo du arbeitest und lebst und schläfst und kochst und Pizza bestellst und Klopapier kaufst und den du dann immer mit Deutschland vergleicht, im Sinne von: Mensch, das hätte es ja in Deutschland nicht gegeben und: Hach, guck ma einer an, diese Verrückten hier. Und überhaupt ist das ja alles ganz anders, aber schon auch irgendwie ähnlich.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du betrittst das erste Mal den lokalen Aldimarkt, der vielleicht eine deutsche Erfindung sein mag, aber genau so ein Exportschlager ist, wie der der Lidlmarkt nebenan oder Milka Schokolade oder Rammstein oder deutsche Autos oder alkoholfreies Becks Blue. Und dann hörst du das erste Mal die Frage: „How are you?“ Und du bist verdutzt und verwirrt und verzweifelt. Und du bastelst dir mit deinem besten schlechten Englisch eine Antwort. Und du stotterst sie deinem Gegenüber ins Gesicht: „Ähm. Yeah. Thank you. I am äh good. And you?“ Und du erntest das erste Mal diesen absolut verdutzten und verwirrten und fast verzweifelten Gesichtsausdruck. Und zwar nicht, weil dein Englisch so schlecht ist, sondern, weil man auf „How are you“ nicht antwortet, sondern einfach nur nickt oder grinst oder ausdruckslos angestrengt gar nichts macht, weil es eigentlich auch scheißegal ist, how you are.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und am Anfang skypst du noch regelmäßig mit deinen Bekannten und machst dich mit neuen Menschen bekannt und du kennst schnell den einen oder die andere, aber verkennst die Veränderung und bestehst auf der Vergangenheit. Mit Postkarten teilst du jedem, der es nicht wissen will, mit, dass es auch im Ausland Wetter gibt. Und Wettervorhersagen. Und Alkohol. Und es geht dir gut, aber der Postkartenempfangende fehlt schon irgendwie ein bisschen. Und das Meer auch. Aber die Postkarten werden weniger, denn du kannst nicht ertragen, dass das Leben in der alten Heimat auch ohne dich weitergeht. Und du gehst weiter deinen Umweg und du hast das Gefühl, etwas zu verpassen, und du verpasst den Anschluss und den Tag auf Arbeit, und im Anschluss verlierst du deinen Job und das Interesse daran, das zu ändern, denn Veränderung hattest du schon genug in letzter Zeit, und die Richtung, in die sich die Welt dreht, hat sich ja auch nicht verändert in den letzten 1000 Jahren.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und du hältst dich wieder an deinem Smartphone fest und stellst alle zwei Minuten neu fest, dass dir wieder niemand geschrieben hat. Und du schreibst ab, dich, und die Zeilen aus diesem Auswander-Forum im Internet, wo ja eh jeder irgendwie zu Hause ist, und da steht: „Am Anfang ist es ganz normal, ein bisschen Heimweh zu haben. Das geht vorbei“, und zwar dir und mir und jedem und am Arsch. Home is where your heart is und dein Herz will langsam mal nach Hause.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Es geht doch immer weiter, zumindest noch bergab, wussten schon Turbostaat und du weißt es jetzt auch und nicht besser, und Wissen ist Macht, macht dich aber irgendwie machtlos, und loslassen willst du, aber losmachen kannst du nicht, denn du hast dir vorher geschworen, dass Scheitern keine Option ist. Denn du hast schon so viel angehäuft auf deinem Scheiterhaufen und haufenweise Sachen ausprobiert und aufgegeben und angefangen und abgebrochen. Failure is not an option. Und so ist dieses Mal alles anders und du bist anders und anders ist gut also bist du gut und das alles muss gut sein und damit ist alles gut. Sagst du dir, und glaubst sogar fast selber dran.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du kannst die Frage nicht beantworten und willst die Frage nicht beantworten und du willst dir auch die Frage nicht mehr stellen, sondern lieber gleich die Antwort kennen oder lernen, was es heißt, zu sein. Irgendwo angekommen und nicht wieder auf der Strecke abhanden, selbst wenn die Strecke nur ein Rückweg ist. Ins alte Leben, das ja doch gar nicht mal so schlecht war, irgendwie.

Und dann sagst du der Ferne Ade und suchst dein altes Heim auf und: Verflucht noch mal mal, tut das gut, wieder hier zu sein. Und dann bestellst du dir erst einmal schön ne Pizza und kaufst dir schön Klopapier und suchst dir schön ne Arbeit und du bist froh, dass alle wieder Deutsch sprechen, mehr oder weniger, und du bist selbst wieder einer dieser verrückten Deutschen, die es ja im Ausland so nicht gibt. Sondern nur so ähnlich. Irgendwie.

Gedicht: Mit Steinen im Magen

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen, will auf und davon und nie wiederkommen! Casper – Im Ascheregen

Seit geraumer Zeit fehlt mir das Durchhaltevermögen, Sachen zu beenden. Das merke ich an Serien, die ich ganz gut finde, aber dann doch nach fünf Folgen nicht weiterschaue, an Spielen, auf die ich kurz vor dem Ende einfach keine Lust mehr habe und leider besonders bei Büchern. Ich habe früher sehr viel gelesen, nicht umsonst habe ich mich für ein Germanistikstudium entscheiden. In letzter Zeit ist es aber so, dass ich Bücher anfange, 80 Seiten am Stück lese, dann Pause mache und nach nem halben Jahr merke, da war ja noch was und dann hab ich den Anfang vergessen und dann habe ich natürlich auch keine Lust, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Doch gestern konnte ich endlich mal wieder ein Buch bis ganz zum Ende lesen, allerdings auch keinen Roman, sondern eine Gedichtsammlung. Es handelte sich um Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, ein Buch, das in keinem Haushalt fehlen sollte. Kästner schreibt tolle, einfach gestrickte, manchmal etwas holprige Gedichte, die zu fast allen Lebenslagen passen. Besonders die traurigen Texte sind toll.

Wahrscheinlich hat mich die Lektüre motiviert, selbst mal wieder lyrische tätig zu werden. Überhaupt habe ich das kreative Schreiben ziemlich vernachlässigt in den letzten Monaten. Vielleicht ändert sich das ja im Herbst, hier auf jeden Fall mein neustes Gedicht:

Mit Steinen im Magen

Wir gehen auf Abstand und auf uns los,
wir sehen uns an und bringen uns um.
Das Ego so klein, die Enttäuschung so groß.
Ich bin zum Nachgeben einfach zu dumm.

So vieles blieb hier ungesagt,
ich suche in Briefen und zwischen den Zeilen.
Die Konfrontation ist nach hinten vertagt,
du suchst die Wahrheit in Puzzleteilen.

Jetzt tun wir so und es wird getan,
als würden wir zwei uns nicht kennen.
Das, war wir hatten, hat sich verfahren –
Mit Steinen im Magen lässt sich nicht rennen.

Wie lösen wir uns und uns endlich auf,
nur weg mit weiß wehenden Fahnen?
Kollateralschaden nehmen wir dankend in Kauf
und hinterlassen verbrannte Brücken und Bahnen.

Irgendwann kommt dann der Ascheregen,
und wäscht weg, was wichtig war.
Mit den Resten aus für und dagegen,
sind auch wir einfach nicht mehr da.

Wenn es so einfach wäre…

She‘ll never know how much she means to me, I play the game but I‘m the referee. Billy Talent – Surrender

Manchmal gibt es so Tage, da wünscht man sich, dass man noch mal in der Zeit zurückreisen kann um einfach im Bett zu bleiben, das Handy in den Computer zu schmeißen und mit den Händen über den Ohren und „Lalala“ singend so zu tun, als würde das alles grad nicht passieren. Problem ist, dass selbst mit dieser Verdrängungstaktik das meiste genauso passieren würde, nur die Konsequenzen würde man erst einen Tag später zu spüren bekommen. Ich spreche da aus Erfahrung.

Heute ist mal wieder so ein Tag, der aus ganz verschiedenen Gründen, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll (vielleicht später mal, is ja schließlich mein Blog und oben steht: „Alles kann, nichts muss“). Mein Kopf fühlt sich momentan unglaublich voll und komplett taub und leer gleichermaßen an. Ich habe das Bedürfnis laut zu schreien und irgendwas (am besten mich selbst) zu zerstören, im nächsten Moment möchte ich aber einfach nur heulen. Ja, ich glaube, leer trifft die momentane Situation schon ganz gut. Einfach irgendwie geschafft und kraftlos und müde.

Aber darum sollte es ja gar nicht gehen. Ich musste nur in diesem Kontext an ein altes Gedicht denken, dass ich vor über sieben Jahren geschrieben habe. Das muss, wenn ich mich recht erinnere, mein letzter Schultag gewesen sein, von daher passt es auch schon wieder ganz gut, jetzt wo sich das mit der Uni nähert (wenn ich nicht durch meine Masterarbeit geflogen bin, ich glaube das erwähnte ich noch nicht, dass mein Dozent nicht so begeistert war). Ich konnte die Nacht nicht schlafen, auch da ging es mir schlecht und der Hauptauslöser war ganz ähnlich wie heute. Zu der Zeit habe ich noch echt viel geschrieben, manchmal mehrere Gedichte am Tag. Das vermisse ich irgendwie, diese jugendliche Kreativität (auch wenn viel Schrott dabei war). Jedenfalls habe ich da dieses Gedicht geschrieben, am 08.07.2006 (lustiges Datum) und das möchte ich hier mal vorstellen, auch wenn es natürlich doof ist, als Premierengedicht gerade so ein ernstes Gedicht zu nehmen. Aber so ist das Leben manchmal.

Noch als kleine Anmerkung: Dieses Gedicht ist reine Fiktion, Lyrik, Hirngespinst – nennt es, wie ihr es wollt. Es ist nicht autobiographisch und ich habe auch nicht vor, mich selbst zu verletzen (wenn es doch mal passiert, dann nur aus Tollpatschigkeit – recht wahrscheinlich). Es ist ein Zeitdokument. Ich hab es vor sieben Jahren geschrieben und ich lebe immer noch und hab mir nie was angetan. Hab ich auch weiterhin nicht vor. Nur mal so, damit sich hier keiner Sorgen macht. Ich kenn das alles schon, es ist immer wieder schwer und scheiße, doch ich krieg es schon hin und spätestens in einem Jahr (eher früher) werde ich hier (wenn es den Blog dann noch gibt) wieder rumheulen, dass es mir wieder richtig schlecht geht (hoffentlich nicht).

Wenn es so einfach wäre…

Man lässt die Seele baumeln,
an einem Faden ums Genick.
Sich einfach hängen lassen,
an einem seidnen Strick.

Ein schneidendes Erlebnis
und die Sonne scheint,
die rote Glut verteilt sich
und der Himmel weint.

Sich einfach treiben lassen,
beim schwimmen gehen im Meer,
man lässt sich einfach sinken,
wie ein Stein so schwer.

Ein Sprung ins kalte Wasser
aus dem zehnten Stock.
Fliegend wie ein Vogel,
vergessen jeder Schock.

Sich selbst die Kugel geben,
klingt einfach nur zu gut.
Den goldenen Schuss zu setzen,
allein, es fehlt der Mut.

Wenn es so einfach wäre,
den letzten Schritt zu gehen.
Der Ausweg für die Menschen,
die keinen Ausweg sehen.

Kopfkino

Dein Leben läuft gut, mein Leben läuft Amok! Kraftklub (Mein Leben)

Am Anfang fand ich die Idee super, jedem Beitrag ein thematisch passendes Zitat aus Musik, Film und Spiel zu verpassen. Heute machte mir das aber enorme Probleme, weil mir einfach nichts Passendes einfallen wollte. Mag sein, dass es auch daran liegt, dass es kurz vor vier Uhr in der Nacht ist und nur die zwei Flaschen Mate dafür sorgen, dass ich nicht mit offenen Augen auf meinem Sessel einschlafe.

Und so grübelte ich jetzt mindestens ne halbe Stunde und bin mit Kraftklub an dieser Stelle gar nicht hundertprozentig zufrieden. Aber da es nervig ist, immer grübeln und denken und überlegen zu müssen, dachte ich, es passt wenigstens etwas und ich muss nicht schon im fünften Beitrag mit der jungen Zitattradition brechen.

Hier folgt nun eine doppelte Premiere. Zum einen für diesen Blog, in dem ich immer wieder auch eigene literarische Texte vorstellen möchte. Zum anderen für den Text selbst, der ist nämlich brandneu und erst heute spontan auf der Zugfahrt zurück nach Rostock entstanden. Es geht darin um die Dinge, die uns täglich so durch den Kopf gehen. Mir gefällt er ganz gut, ist wieder mal was Ernsteres, könnte mir aber vorstellen, den vielleicht auch an gegebener Stelle mal auf einem Slam vorzutragen. Alles kann, nix muss!

Kopfkino

    Wissen ist Macht, Ungewissheit macht aber auch nichts!

    Die Gedankenmaschine im Kopf läuft auf Hochtouren, angefeuert von Was-wäre-wenn-Kohlestücken und den fantastisch, fahnenschwenkenden Fans am Fahrbahnrand. „Wird schon, komm schon, mach schon“, rufen sie und johlen und schreien und jubeln und denken sich nichts dabei. Wäre ja noch schöner, wenn ich auch für jeden imaginären Menschen in meinem Kopf das Denken übernehmen müsste. Dann würde mein Kopf wahrscheinlich in kürzester Zeit einfach explodieren.

    Und dann fliegen all die kranken Gedanken wie Granatsplitter durch die Gegend, Hoffnungen und Ängste vermischen sich zu einem feinen roten Fleischnebel und Zähne landen wie Räder im Getriebe des Lebens. Dazu kommen Unmengen an Blut und Hirn und der ganze andere Mist, der sich so in meinem Kopf rumtreibt. Und das will ja auch keiner wegmachen, hinterher.

    Wie gerne überdenke ich Ideen und Entscheidungen noch einmal, bevor ich sie in die Tat umsetze. Nochmal. Nochmal. Und nochmal. Irgendwann habe ich mir selbst die beste Idee über gedacht. Und dann rede ich mit jemandem drüber. Nochmal. Nochmal. Und nochmal. Und dann ist es vorbei und alle Gedanken danken ab und Ideen sind überdehnt und Momente werden zu Monumenten des An-sich-selbst-Scheiterns. Aus Sinn für Sinnlichkeit wird eine Sinnlosbude, die Hauptgewinne verspricht und doch nur Nietengürtel umlegt und jeden umlegt, der es wagt, das System Glück zu hinterfragen, selbst wenn in dem gesamten Lostopf nur einmal das bescheuerte Kind drin ist, das man für die glückliche Familie und die damit verbundene freie Auswahl braucht. Ich verspüre immer mehr den Wunsch, den Topf umzustoßen und alle Lose aufzureißen. Nur einmal freie radikale Auswahl.

    Manchmal wünsche ich mir, ich hätte einen Ausknopf für meinen Kopf. Immer vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen, beim Aufstehen und Einfallen, bei Einfällen und Auftritten, zwischen Aufschieben und Einziehen, trotz Einwänden und Aufsätzen, inmitten von Aufgaben und Einsichten, egal ob einzeln oder aufgereiht. Eigentlich und auf den Punkt gebracht: Immer, wenn ich ein- und wieder ausatme.

    Und dann suche ich danach, mit einem Spiegel auf der gebeugten Rückseite meines Körpergehäuses, zwischen den zusammengebissenen Zähnen, bei Hochgefühl und Tiefpunkten, neben schlotternden Knien und auch bei dir, dem Ehrengast in meiner eigenen kleinen Synapsenparty. Doch alles, was ich finde, ist nur die Fernbedienung, die mal wieder zwischen die Kissen gerutscht ist. Und so sehr ich auch drücke – vielleicht sind die Batterien leer und so drücke ich noch fester – ich kann einfach nicht abschalten. Entschlüsse ausgeschlossen.

    Dabei will ich nicht immer nur schwarz sehen, weißte? Ich will den Rückspiegel verstellen und die Frontscheibe beschlagen. Mal im Hier und Jetzt Gas geben und wegkommen, raus aus dem Leerlauf, raus aus dem Parkhaus, rein in den echten, zähflüssigen Verkehr. Riskieren, den Wagen mal so richtig vor einen Baum zu setzen, den man vor lauter Wald im Kopf nicht gesehen hat. Fest fahren und festhalten, nicht anhalten, Anhalter ablehnen, weit aus dem Fenster lehnen und den Kopf einfach mal vom Fahrtwind durchpusten lassen. Doch es bleibt bei Autosuggestion.

    „Es ist alles nur in meinem Kopf“, singt ein austauschbar hochtrabend tiefstapelnder Möchtegern-Indiespacken in den Charts. Doch leider hat er recht, auch wenn seine lyrischen Ergüsse in etwa die Qualität meiner Nudelwasserabgüsse haben. Da sind Welten in meinem Kopf. Zwischen Hirnrinde und Schädelplatte habe ich mir mein Leben zusammengezimmert. Wissen macht erfinderisch und die Schere im Kopf erspart das Zimmer, Mann!

    So gibt es Seen und Wälder dort oben und Bäume, unter die man sich auch bei Blitzen stellen kann. Eichen sollst du weichen und Weiden sollst du meiden, doch Linden auf Hirnrinden sollst du finden und jedes Gewitter wird sofort verschwinden. Die tektonische Schädelplattenbewegung hat Gebirge geschaffen, in denen der Schnee von gestern schon geschmolzen ist und darin bin ich groß und wild und Jäger und auch das Gejagte bin ich selbst. Ich erschrecke die Geister, die ich rief, schicke Leichen in den Keller, setze mich zu meinen Gedanken in das langsamste Karussell der Welt und schau mir das ganze in Endlosschleife in meinem 3D-High-Definition-Dolby- Surround-Kopfkino an. Und dann sitze ich in meinem Kopf und schaue jemanden zu, der in meinem Kopf jemanden zuschaut, der in meinem Kopf jemanden zuschaut und so weiter.

    Was ist, wenn die Stimme im Kopf der einzige Mensch ist, der mich mag? Mag sein oder nicht sein, aber hier ist die Frage doch eine ganz andere. Denn wenn das alles so scheiße ist, hier und im Kopf und überall, warum lassen wir es dann nicht einfach sein? Versuchen wir uns, der Ungewissheit unbelastet zu überlassen. Denn Wissen ist Macht. Aber mal absolut nichts wissen, macht doch hin und wieder auch nichts.