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Alles und Nichts

Doch mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war. Farin Urlaub Racing Team – Niemals

Im Moment habe ich wieder eine ziemlich kreative Phase. So kam es dann auch, dass ich gerade auf dem Heimweg von einer beeindruckenden Erzählbühne eine Idee hatte, die dann rasant angewachsen ist und unbedingt noch auf das digitale Papier gebracht werden wollte. So ist innerhalb einer Stunde der dritte Beitrag zu meiner Berlin-Anthologie entstanden. Dabei habe ich beschlossen, dass ich es so machen will, wie bei der Three Flavours Cornetto Trilogy (rund um Shaun of the Dead), nur eben mit Mate. Ich muss mir nur noch einen griffigen Namen überlegen, bin da auf jeden Fall auch für Vorschläge offen. Jetzt aber erstmal zum Text.

Alles und Nichts

„Hier, wo jetzt all die Menschen warten und Züge fahren und Häuser stehen und Autos halten, hier, wo jetzt alles ist, war irgendwann einmal nichts. Und irgendwann, vielleicht in vielen tausend Jahren oder aber schon sehr bald, wird hier bestimmt auch wieder einmal nichts sein. Stell dir das mal vor.“

Wenige Momente zuvor am Berliner Hauptbahnhof. Ich stehe mit meinen Händen in den Taschen und den Kopfhörern auf den Ohren und der Kapuze tief im Gesicht auf dem Bahnsteig und warte darauf, dass dein Zug endlich einfährt. Er hat Verspätung. Ich tippe auf meinem Smartphone herum, nächster Song bei Spotify, passt gerade nicht. Spiegel Online. Facebook. Dann eine Ansage, die ich nicht verstehe, weil irgendein Deutschpunksong in meine Ohren schreit. Ich streife die Kapuze nach hinten, setze die Kopfhörer ab, stecke sie in die Tasche und in dem Moment bremst die Bahn ab und wirft all die wuseligen Touristen und Geschäftsmenschen und Familien und irgendwann auch dich auf die frisch gewischten Steinfliesen. Und du begrüßt mich nicht und du umarmst mich nicht, sondern sagst direkt diese Sätze über alles und nichts.

Ich weiß nicht, was ich darauf erwidern soll und mühe mir ein Lächeln ab und vielleicht macht mein Gesicht von alleine noch irgendwelche komischen Verrenkungen und ich schaue dich einfach nur an und fände es glaube ich ganz gut, wenn jetzt nicht die ganze Hektik und die Züge und die Menschen um uns herum wären, sondern wenn wir hier alleine stünden. Und wir würden nichts sagen, sondern uns nur anschauen und uns unsere Teile denken. Und du wischt unter deiner Brille in dein Auge und verschmierst die Farbe ein wenig und dann setzen wir uns in Bewegung, wie die langsam wieder anfahrende Bahn. Raus aus dem Mikrokosmos Hauptbahnhof und rein in die Stadt, Richtung Stadtmitte, Richtung Prenzlauer Berg.

Wir kommen am Naturkundemuseum vorbei und du erzählst von den letzten Wochen und was du gemacht hast und was du erlebt hast und was du geträumt hast und ich träume auch so vor mich hin und versuche nicht von dir zu tagträumen und ich stelle mir vor, wie das wohl war, als die Skelette und Präparate aus dem Museum noch Berlin bevölkerten. Und dann male ich mir aus, wie ein Tyrannosaurus Rex über den Rosenthaler Platz zieht und nach Beute sucht und wie das wohl war, als auf dem Alexanderplatz noch nicht der Fernsehturm der beste Aussichtspunkt war, sondern der Hals eines Brachiosaurus. Ich würde jetzt gerne deinen Hals sehen, den du aber leider viel zu fest in einen Schal gewickelt hast.

Unsere Schritte führen uns an den Resten der Mauer entlang und du erzählst etwas von Mauern in Köpfen, die man endlich mal einreißen müsste. Währenddessen frage ich mich, wie das wohl war, als die Stahlstäbe wirklich noch eine Mauer waren und wie es davor war, als die Mauer noch Steine waren, die in Gebirgen oder Ozeanen oder dazwischen lagen. Und ich male mir aus, wie wir diese Steine nehmen und irgendwo ein Haus daraus bauen, ein Zuhause, und dann haben wir auch eine Mauer oder einen Zaun drumherum aus Holz, das ich selbst im Wald geschlagen habe.

Du willst dir noch etwas zu trinken kaufen im Späti. Und wir betreten das kleine Büdchen und irgendwo geht eine Mateflasche zu Bruch und das klebrige Getränk trägt die großen und kleinen Glassplitter unter Regale und in die hintersten Ecken des Ladens. Und irgendwann wird aus dem Glas vielleicht wieder Sand, aus dem dann Kinder Sandburgen bauen und du regst dich über den Tollpatsch auf und in meinen Gedanken macht ein Tollpatsch die Sandburg kaputt, die ich für dich und mich und niemanden sonst errichtet habe.

Es ist mal wieder Herbst stellst du fest. Die Blätter überall und es wird ja auch wieder früh dunkel und kalt und du rückst dir deine Mütze zurecht und ich finde das irgendwie faszinierend. Ich muss kurz dein Bier halten, damit du dir eine Zigarette anzünden kannst und ich will mich viel lieber an dir festhalten und mich an dich klammern wie dieses eine, letzte Blatt, das den Baum nicht loslassen will, das den Kopf oben behält und das nicht nachgibt.

Wir gehen vielsagend rauchend und nichts sagend stumm durch die Kastanienallee und ich muss daran denken, wie wir früher als Kind immer Kastanien gesammelt haben, säckeweise. Und die haben wir dann zum Förster gebracht und ein bisschen Geld dafür bekommen und damit haben wir Geschwister und das dann Spielzeug gekauft. Doch dieses Spielzeug gibt es nicht mehr und auch die Tiere, die die Kastanien dann im Winter gegessen haben, sind auch alle schon tot und ich weiß nicht mal, ob die Bäume noch stehen. Aber ich weiß, dass ich jetzt gerne mit dir durch diese Straße tanzen will und dabei würden uns die Menschen zujubeln oder es wären gar keine Menschen da, weil noch niemand geboren wurde und nur wir zwei hier wären und sonst nichts. Du schaust kurz zu mir rüber und ich nicke und lasse mir nichts anmerken und du merkst mir nichts an und irgendwann kommen wir an deiner Haustür an.

Du bedankst dich dafür, dass ich dich abgeholt und durch die Nacht gebracht habe und wir umarmen uns kurz und du fragst mich, was eigentlich mit mir los ist, ich sei so still und nachdenklich. Und ich sage: „Stell dir bitte mal folgendes vor. Hier, wo ich jetzt stehe, war mal nichts. Kein Fußweg, keine parkenden Autos und erst recht nicht ich. Aber da, wo du stehst, ist jetzt alles für mich. Und egal was war oder ist oder kommt, ich will es gemeinsam mit dir erleben und das am liebsten noch die nächsten tausend Jahre lang.“

Und diesmal sagst du nichts und schaust mich stattdessen mit diesem viel zu langen Blick an, der nichts sagt. Und irgendwie doch alles.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Cut my life into pieces, I‘ve reached my last resort. Papa Roach – Last Resort

Ich habe mal wieder einen alten Text von mir gefunden, den ich vor etwa fünf Jahren geschrieben haben muss. Man erkennt daran, dass ich schon immer ein Herz für schlechte Wortspiele hatte. Viel Spaß bei der Lektüre.

Das tapfere Schneiderlein im Hier und Jetzt

Wirtschaftsflauten, Bankenpleiten und die Eurokrise gehen auch an bekannten Märchencharakteren nicht spurlos vorüber. Es sind diese persönlichen Schicksale, die jedoch in den Medien oft unter den Teppich gekehrt werden. So auch beim tapferen Schneiderlein. Was wurde aus der Moral, die laut Wikipedia besagt, dass auch der Schwache, wenn er nur selbstbewusst und einfallsreich ist, Großes erreichen kann? Hier die wahre Story des ersten echten Modedesigners der heutigen Zeit.

Kleider machen Leute und er war es einst, der die Kleider der Leute machte. Keiner wollte sich seine Dienste entnähen lassen. Er machte die Berufung zum Beruf und die Selbstständigkeit zu seinem Geschäftsmodell: Das tapfere Schneiderlein – vom Staat gefördert – wurde zu einer Marke und er selbst zur ersten deutschen Ich-ANäh.

Es war Jacke wie Hose was er tat, egal welche Stoffe er sich vorknöpfte, alles, was bei ihm über die Klinge sprang, war im Handumdrehen edel wie Edelmetall und weich wie Weichkäse und bequem wie sehr bequeme Kleidung. Alles lief wie ein Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien: ziemlich gut.

Doch wer hoch stickt, lässt irgendwann mal eine Masche fallen und wenn der Erfolg nur mit der heißen Nadel genäht ist, kann man sich schnell daran verbrennen. Und so war es auch beim tapferen Schneiderlein, den die Mutter schon in der Kindheit gewarnt hatte: „Junge, schneid nicht immer so laut herum!“

Im Laufe der Jahre bildete er sich nicht nur oft weiter und viel ein, sondern auch viele Lehrlinge, seine Schneiderleinleins, aus. Diese wurden nach ihrer Ausbildung so gut, dass sie ihrem Meister nicht nur den sprichwörtlichen Schneid abkauften, sondern auch Geräte, um ihre eigenen Geschäfte zu eröffnen. Dabei konzentrierte sich jeder auf einen ganz eigenen Kundenkreis. Innerhalb kürzester Zeit hieß das Viertel, in dem sie arbeiteten, überall nur noch Little Schnaidatown. Dort gab es Geschäfte wie:

o AB-Schnitt: Ein Laden, in dem sich Kunden schnell und einfach Sachen kürzen lassen konnten
o Ein-Schnitt: Für alle Kleiderveränderungen nach großen Ereignissen im Leben.
o Durch-Schnitt: Für Kleidertrennung nach der Ehe.
o Schnitt-er: Wenn die Scheidung nicht genug ist – spezialisiert auf den Bestattungsbereich.
o Schnipp und Schnappi: Für Kleidungsstücke aus Krokodil und anderen seltenen Materialien.
o Schnitt-zel: Für Arbeitskleidung aus dem Gastronomiebereich.
o Schneidepflicht: Für den Mann von Welt im Zeugenschutzprogramm.

Diese Vielzahl an Möglichkeiten führte dazu, dass das tapfere Schneiderlein in seiner Nähstube kaum noch Kunden zu Gesicht bekam. Die Selbstständigkeit war nur ein kleiner Schnitt für die Menschheit, aber ein großer Schnitt für die Schneiderleinleins und ihren Lehrmeister. Die Jugend bestimmte schon bald den Trend und das Schneiderlein wurde zur Old Couture.

Ausgebrannt und ausgemustert streifte er durch die Stadt wie ein Lumpenhändler ohne Lumpen, das letzte Hemd hatte er einem gehemdicapten Bettler mit freiem Oberkörper geschenkt. Er war ein nackter Mann, der nicht mal mehr Taschen hatte, an denen man sich vergreifen konnte. Alles war verloren, der rote Faden und die Nadel und die Nähmaschinen. Nur sein Gürtel ist ihm geblieben. Während es Bindfäden regnete, schaute er ihn sich noch einmal an: Sieben auf einen Streich stand dort geschrieben.

Dieser Satz hatte ihn erst so weit gebracht, als er ihn zum ersten Mal anlegte und enger schnallte, war es, als hätte ihn noch mal so richtig jemand mit der Fusselrolle abgerollert und auf Hochglanz gebracht. Sieben auf einen Streich – dieser Satz müsste ihn doch auch diesmal wieder retten, vor Hartz 4 oder vor einer unvermeidbaren Schaftat als Halsabschneider und der daraus resultierenden Flucht nach Burkina Faser.

Er hängte seine Arbeitsstiefel an den Nagel und war das erste Mal in seinem Leben so richtig aus dem Schneider. Sieben auf einen Streich, kein Wunder, dass er es da zuerst einmal als Maler versuchte. Dabei trug er die Farbe jedoch viel zu dünn auf (sonst wären es niemals sieben Häuser auf einen Streich geworden.)

Nach seiner Entlassung versuchte er es in einem Restaurant. Sein Chef war begeistert – wer sonst konnte schon als Pizzaschneider sieben Teigfladen mit einem mal zerkleinern? Doch das Talent hatte wieder einen Nachtteil: Die Küche sah danach aus wie Sau, oft waren die Pizzastücke wie ein Flickenteppich im Raum verteilt und so verkaufte sich das Essen natürlich nicht mehr wirklich wie geschnitten Brot.

Das wird doch so alles nichts und so entschied er, den Gürtel zu verändern und an neue berufliche Herausforderungen anzupassen. Sieben und dann bin ich reich zierte seine Taille, als er sich als Goldschürfer in Texas versuchte. Mit Sieben auf einem Strich probierte er im Hamburger Rotlichtmilieu Fuß zu fassen, jedoch ohne Erfolg – die Branche bot ihm einfach zu wenig Stoff.

Zum Schluss kümmerte er sich wie schon in seinem Ausbildungsberuf tapfer um Trennungen. Siegen in jedem Streit – die fadenscheinige Anlaufstelle für außergerichtliche Auseinandersetzungen im ehelichen Umfeld. Mit Ratschlägen wie: Drum prüfe, mit wem du ewig Soße bindest und seiner samtweichen Stimme konnte er einige Beziehungen wieder zusammenflicken. Nur er selbst wurde irgendwie nicht glücklich.

Eines Abends passierte es dann. Leicht angetrunken zog er sich seinen Gürtel über die Augen und schaute sich im Spiegel an und sah nichts, weil er den Gürtel über den Augen hatte. Doch in dem Moment wusste er, was er zu tun hatte: Er schnappte sich Nadel und Faden und Messer und Schere und ein Cape, stickte und flickte und nähte und häkelte und am Ende lächelte er.

Seitdem ist es sicher in der Stadt. Immer, wenn irgendwo jemand im Schutze der Nacht eine Bank überfallen oder seinen Hundekot nicht wegmachen will, ist er zur Stelle: Der Räuber bekommt einen Scherentritt verpasst und der Hund wird zugenäht. Verflixt, Verbrechen lohnt sich nicht mehr. Denn jetzt sorgt jemand für Recht und Ordnung – noch genau so tapfer wie früher, aber kein Schneiderlein mehr. Heute kennt man ihn nur noch als Schneiderman.

Und die Moral von der Geschichte: Reden ist Silber, Schneiden ist Gold.

Im Paradies der Aussortierten

Ich will nicht ins Paradies wenn der Weg dorthin so schwierig ist. Die Toten Hosen – Paradies

Heute gibt es einen kleinen Text, der vielleicht sogar der Anfang einer Reihe sein könnte (wenn er nicht aus der Reihe tanzt.) Aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall geht es um die kleinen Dinge, die in unserer schnelllebigen Zeit immer mehr in Vergessenheit geraten. #deep

Im Paradies der Aussortierten

„In 400 Metern links abbiegen. Jetzt links abbiegen. Sie haben die Ausfahrt verpasst. Bitte bei der nächsten Gelegenheit wenden.“ Tom führte wieder einmal Selbstgespräche. Sein Leben war die letzten drei Jahre komplett ereignislos verlaufen. Nichts passierte, gar nichts. Wie jeden Tag und jede Nacht lag er nur rum und wartete. Seit fast jeder Mensch ein Smartphone besitzt und jedes dieser Geräte über eine Kartenapp verfügt, wird er nicht mehr gebraucht, denn Tom ist ein Navigationsgerät und auch sein Fahrer nutzt nun schon seit Ewigkeiten nur noch sein Handy.

Als der Fahrer zum ersten Mal mit dem Smartphone navigierte, dachte Tom noch, es sei eine Ausnahme gewesen, diese moderne Technik wird sich eh nicht durchsetzen. Damals, am ersten Tag, fühlte sich Tom schlapp und leer, als wäre sein Akku nicht geladen. Warum also nicht der jungen Generation den Vortritt lassen und auch mal ruhig bleiben und nur mitfahren. Doch schnell wurde klar, dass der Fortschritt ihn nicht nur ein-, sondern mit voller Geschwindigkeit links überholt hatte. Tom war zwar erfahren was Straßenführung und Blitzerwarnungen anging, allerdings konnte er sich nicht in Echtzeit auf die aktuelle Verkehrslage einstellen. Er wusste auch nicht, wie es diese kleinen Computer schafften, immer die neusten Staus zu kennen und sofort eine Ausweichroute parat zu haben.

Anfangs konnte Tom wenigstens noch die Aussicht genießen, während er stumm in seinem Logenplatz hinter der Windschutzscheibe saß. Doch irgendwann wurde die Halterung abgebaut und unter dem Fahrersitz zwischen Staub und Laub und leeren Getränkedosen verfrachtet. Dieser Ort war nun auch seit Ewigkeiten Toms Zuhause.
„Hier geht es nicht weiter, bitte ändern Sie die Richtung“, überlegte er. Und nach vielen weiteren Kurven und Abzweigungen und Sackgassen und Einbahnstraßen in seinem Kopf, fasste er den Entschluss, dass sein Leben so keinen Sinn mehr ergab. Und so entschied er sich, auszubrechen.

Als seine Mitfahrgelegenheit mal wieder an einer Tankstelle hielt und die Tür wie immer offenließ, fasste er sich ein Herz, welches irgendwo auf seiner Hauptplatine lag, und sprang aus dem Auto auf den harten Boden. Dabei verletzte er sich leicht am Gehäuse und auch sein Display splitterte an einer Ecke ein wenig. Doch er konnte noch gehen und rannte in einen Wald neben der Straße und versteckte sich im Gras. Sein Arbeitsspeicher arbeitete vor Aufregung wie wild, doch niemand hatte ihn gesehen und als er sicher war, dass die Luft rein war, atmete er kräftig durch und schaute etwas enttäuscht in den wolkenverhangenen Himmel.

Zwei Tage lang lief er in Straßengräben umher und verirrte sich mehrfach, weil seine Kartendaten schon lange Zeit nicht mehr aktualisiert wurden. Irgendwann traf ihn die Erkenntnis wie Rollsplitt, der von der Schnellstraße aufgewirbelt wurde: „Ich bin zwar frei, aber ich bin noch immer nutzlos. Ich habe kein Ziel vor Augen und niemand braucht mich, weder mein Fahrer noch irgendwer sonst auf diesem Planeten. Und nicht alle Wege führen nach Rom.“

Und während er in einen immer pessimistischeren Monolog verfiel, befand er sich auf einmal auf einer hohen Brücke, die nicht auf seiner Karte eingezeichnet war. Sie musste in den letzten Jahren neu gebaut worden sein und mit ihr wurde die gesamte Straßenführung in der Region verändert. Tom hatte sich zu allem Überfluss auch noch verlaufen und hatte keine Ahnung, wie er wieder zurück auf eine ihm bekannte Route gelangen sollte.

„So geht es nicht weiter, hier ist Endstation. Ein Navigationssystem, das sich nicht mal orientieren kann. Lächerlich“ Er näherte sich dem Rand der Brücke und machte sich bereit für einen Sprung in die Hoffnung, nach seinem Tod irgendwo in der Cloud zu sein. Doch bevor er sich für immer formatieren konnte, erschien eine alte, dicke Fee neben ihm.
„Hallo kleines Navi. Ich weiß genau, wie du dich fühlst. Auch ich fühlte mich mal komplett allein gelassen. Märchen sind nicht mehr im Trend, es gibt jetzt Serien und Filme und Geschichten. Klar, es gibt immer noch Prinzen und Prinzessinnen, aber der Arbeitsmarkt für Fantasybuchcharaktere ist sehr schlecht. Kinder lesen einfach nicht mehr so viel. Auch wir werden irgendwann nicht mehr gebraucht werden. Aber ich sag dir was: Lass mich dir helfen. Ich kann dich an einen Ort bringen, an dem du glücklich wirst. Was meinst du?“

Tom war zwar skeptisch, doch was hatte er zu verlieren? Er akzeptierte das Angebot der Fee und sie wirbelte herum, versprühte Feenstaub (viel davon war nur Showeffekt, aber sie liebte ihren Job einfach zu sehr) und auf einmal waren die beiden in einem sehr großen Raum. „Herzlich Willkommen im Paradies der Aussortierten.“ Tom war sprachlos. Um ihn herum tobte das Leben. Unzählige Gegenstände und Dinge liefen umher, spielten miteinander, sprachen und waren glücklich.

„Komm mit, ich zeig dir was“, sprach die Fee und führte Tom zu einer großen Rennstrecke. „Das hier ist eine Carrerabahn, hast du so etwas schon einmal gesehen?“ „Gesehen nicht, aber ich habe davon gehört. Spielen damit nicht Kinder und fahren mit Autos um die Wette“, erkundigte sich Tom. „Ganz genau. Wir haben hier einige Bahnen, die auf Dachböden vermoderten und nicht mehr gebraucht wurden, weil die Kinder viel lieber vor einer Spielekonsole saßen als mit den alten Fahrzeugen ihre Runden zu drehen. Das hier ist Michael, er ist unser bester Wagen.“ Ein roter Sportflitzer kam auf der großen Bahn, die einmal durch das ganze Zimmer führte, angerast und blieb neben der Fee und dem Navigationsgerät stehen. Auf seinem Dach war eine spezielle Halterung, die Tom an seinen früheren Platz hinter der Windschutzscheibe erinnerte.

„Hi, ich bin Michael, freut mich dich kennenzulernen. Du kommst genau richtig, ich verfahre mich leider manchmal und könnte etwas Navigation gebrauchen. Hast du Bock?“ Und natürlich musste er nicht zweimal fragen. Tom setzte sich in die Dachhalterung, schaute sich einmal genau um und strahlte. „Hier bin ich Zuhause. Es ist wirklich ein Paradies. Sie haben ihr Ziel erreicht.“ Und dann brauste das Auto los. „In 300 Metern scharf links. Jetzt rechts halten. An der nächsten Kreuzung geradeaus fahren.“ Und so wurden Michael und Tom Freunde und Partner und fuhren gemeinsam ihre Runden und eine alte Canon-Minidigitalkamera hielt ihre siegreichen Zieleinfahrten für die Ewigkeit (oder bis die SD-Karte voll war) fest.

Und während die beiden so fahren, vergrößert sich das Bild. Die Kamera zoomt raus. An der Wand steht ein Regal mit der Brockhaus-Enzyklopädie in 30 Bänden. Um die große Carrerabahn herum schlurfen vier Nordic-Walking-Stöcke über die überall verteilten Spielteppiche. Irgendwo im Hintergrund röchelt eine alte Filterkaffeemaschine vor sich hin. Das Bild wird unschärfer, man erkennt Umrisse eines Wackel-Dackels, der mit seiner Schnauze Jojo-Tricks vollführt.

Und irgendwann ist die Kamera so weit rausgefahren, dass wir uns schon gar nicht mehr im Raum befinden. Wir sind jetzt vor einem großen Gebäude. In der letzten Einstellung erkennen wir, dass es sich um eine mit Brettern vernagelte und verfallene alte Videothek handelt. Über der Eingangstür steht mit Leuchtbuchstaben, die schon lange nicht mehr funktionieren, der Name: Das Paradies.

Ein kurzer Ausflug in den Untergrund

Hier im Bus ist immer Sommer und du in deiner Winterkluft, die Scheiben neben dir beschlagen, ein Knopf schreit Lieder in dein Ohr. Captain Planet – Fenster im Fenster

Ungelenk quietschend schiebt sich die gelbe Raupe den Bahnsteig entlang, wird langsamer und kommt im hinteren Kurzzugbereich zum Stillstand. Gesundbrunnen, Ausstieg in Fahrtrichtung links. Und ich betrete den Wagen und ein Platz ist noch frei und ich eile herbei und lasse mich fallen und schaue mich um.

Da sind die üblichen Verdächtigen, die latent Übernächtigten, die großgewachsenen und noch nicht ausgewachsenen, stets flacksenden und frechdacksenen Kids, mit ihren ungewaschenen Brustbeutelgürteltaschen. In der Hand halten sie die Mateflaschen und ihre Backshopsachen und sie spucken vor Lachen auf den Boden. Ihre Masche hat Klasse und ihre Klasse hat Ausgang und der eine Ausgang ist defekt und dort klebt ein Aufkleber und der Typ auf Kleber kapiert es nicht und probiert den Knopf und es passiert nicht und er passiert den Moritzplatz und zuckt mit den Schultern und nimmt wieder Platz.

Da ist Mister Kreuzberg 93 und der alte „früher kosteten die Kippen noch Zweimarkneunzig“ Typ, sein Blick ist trüb und mit seinem Glauben ist er auf dem Holzweg, wie ein Vegetarier auf einem Bootssteak. Da sind Belegarbeiten schreibende, sich die Augen rot reibende, mit starrem Blick auf Laptopscheiben starrende Intellektuelle und auch sie sind nicht immer ganz helle, wenn das Licht ausgeht. Da steht die Mutter mit Sohn und Smartphone und mit dem Rücken zur Wand steht da einer und liest Faserland von Christian Kracht und er lacht an den falschen Stellen und am Kottbusser Tor macht er sich auf zum Ausgang und steigt aus und nimmt den Aufgang zur U1.

Ich sitze nur da und höre Musik und kriege nicht viel mit, von meiner Umwelt und ihrer ganz generellen Verschmutzung um mich rum. Ich bleibe die meiste Zeit stumm, auch wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen oder mal kurz um die Wette laufen will und ich bleibe auch still, wenn sich jemand eine Kippe von mir schlauchen will, weil man in der U-Bahn eh nicht rauchen darf und ich nicht mehr rauche, weil mir die kleinen bunten Bilder auf den Zigarettenschachteln die Augen geöffnet haben, wie dieser eine Heilige von Wonder Waffel den Hungrigen wieder satt gemacht hat. Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen oder nie, stellt der verbitterte Bittsteller fest, der seine Hand aufhält und meinem Blick Stand hält und auffällt, weil ihm ein Bein fehlt und sein Gebiss nur noch bis drei zählt und so gebe ich ihm mein restliches Kleingeld, auf dass er es für sich behält und seinen restlichen Tag auf den Kopf stellt und ich mir was auf mein Karma einbilden kann.

So läuft das immer in der Bahn. Jeden Morgen und jeden Abend pendelt das Uhrwerk die Menschen herbei und schiebt sie auf Gleise. Und jede Reise ist scheiße, denn sie ist nicht pauschal, sondern irrational und mehr Nahverkehr als Fernwärme, die auch schon wieder ausgefallen ist. So ein Mist, denkt sich der eine und ich hab leider nicht mal vier Wände sondern nur die Osloer Straße, hier ist das Ende der Bahn. Doch im Leben gibt es immer eine Wende und so geht es zurück zum Rathaus Steglitz, nicht gerade das Paradies aber auch nicht ganz so fies wie – ich weiß nicht, ich muss jetzt jemanden beleidigen und der wird sich dann verteidigen und beschreiben und schreien, dass hier und da ein ganz toller Ort ist und wenn man erstmal ne Weile fort ist, würde man es auch vermissen und wissen, was man daran hat oder hatte und dann steht man wieder auf der Fußmatte an Weihnachten mit dem lustigen Spruch wie Tritt mich! und fragt sich: Ist das wirklich witzig?

Und nein, ist es nicht und auch nicht der Gedanke daran, auf immer hier gefangen zu sein. Wie die Fliege vor der Spinne im Nahrverkehrsnetz, wie auf der Anklageviererbank ohne Richtergeschwätz, wie ein Tramedar im Zoo oder wie ein Gefangener irgendwo in Moabit im Knast. Rastlos rattern die Räder auf den Gleisen bis irgendwo ein Notarzteinsatz die Weiterfahrt aussetzt und man sich aufsetzt und abschätzt, ob man wirklich sitzen bleiben sollte oder doch auf den Ersatzverkehr ausweicht und die Wartezeit ausgleicht, oder ob es für heute einfach mal ausreicht mit der Fortbewegung und man auch einfach mal ankommt.

Ich öffne die Augen. Verdammt, mal wieder eingenickt im sonoren Gleichklang der Motoren. Mal wieder zu lange im Warmen gewartet und den Ausstieg verpatzt. Schon am Walter-Schreiber-Platz. Ich verlasse trotzdem das fahrende Biotop im Untergrund und steige die Stufen hinauf zur Stadt. Berlin steht noch. Beruhigend und auch mal ganz schön.

Für heute habe ich den Ausstieg geschafft, doch morgen bin ich wieder drauf und drin und einer dieser üblichen Verdächtigen, einer dieser latent Übernächtigten. Nur werde ich mal was Verrücktes machen und wenn mich jemand fragt, ob ich die Motz kaufen möchte, werde ich es vielleicht einfach mal tun.

Funktionieren

Und ich fühle nur, was mich nicht berührt. Halt mich einfach nur auf den Roboterbeinen. Bosse – Roboterbeine

Augen auf, Wecker noch einmal 10 Minuten weiterstellen, umdrehen. Dann doch schon mal alle sozialen Netzwerke abklappern und überprüfen, ob es neue Likes oder Kommentare gab oder wenigstens etwas zum liken oder kommentieren gibt. Pünktlich 10 Minuten später den Wecker nach den ersten zwei Takten ausschalten, beide Füße auf den Boden setzen, ins Bad, Zähne putzen, duschen. Kann man den Pullover noch einmal anziehen? Kurz dran riechen – ja, geht noch. Dann Jacke, Schal und die Kopfhörer vom Haken im Flur nehmen, denn ohne Musik geht es nicht. Und raus in die immer gleiche Stadt die sich jeden Tag verändert und auf die Straße und in die U-Bahn und ins Büro. Alles eine gigantische Routine. Alles funktioniert, fast wie auf Schienen.

Wir Menschen sind manchmal wie diese Roboter, die man immer in den Dokumentationen im Fernsehen sieht, wenn gezeigt wird, wie Autos gebaut werden. Da sind dann diese Maschinen und wie von Geisterhand machen sie die Schrauben fest und setzen Teile zusammen und dann schweißen sie und selbst in ihrer roboterhaften Anmut, die nur aus mechanischen Armbewegungen besteht, sieht es am Ende so aus, als würden sie nicken. Und dann kommt das nächste Teil und alles beginnt von vorne, Schraube, zack, Schweißnaht, zack, Nicken, nächstes Teil.

So ähnlich ist es auch bei uns im Alltag. Und wenn ich bei uns sage oder schreibe, kann ich natürlich nur für mich selbst sprechen und für andere Menschen maximal mutmaßen. Ich fühle mich aber oft genug wie in einer Produktionsschleife, ohne wirklich zu produzieren, also vielleicht eher in einer Funktionsschleife. Nachfragen, wie war das Wochenende, hast du schon Pläne, wie geht es, danke gut, mithelfen, zuhören, witzig sein, auch mal nicht witzig sein, am Versuch, witzig zu sein, scheitern und gerade das unglaublich witzig finden (als einziger), seinen Job machen, Pläne machen, absagen und Absagen kriegen, es alles okay finden, sich nicht beschweren, nein es ist wirklich alles okay, nach Hause gehen, sich einreden, dass wirklich alles okay ist, noch mal die sozialen Netzwerke checken, Zähneputzen und kurz vor dem Einschlafen noch einmal kurz nicken. Funktionieren. Immer.

Der menschliche Körper ist in seiner Komplexität so erstaunlich. Allein, wie wir das mit der Atmung ganz allein hinbekommen. Wann hast du das letzte Mal bewusst über deine Atmung nachgedacht? Dabei würden wir ohne Atem relativ schnell relativ tot sein. Der wichtigste Prozess für unser Überleben läuft also ganz automatisch ab. Und auch andere Dinge können oder brauchen wir nicht oder nur wenig beeinflussen. Wenn wir etwas lustig finden, lachen wir. Bei einem einfachen Lächeln werden dabei zwei bis vier Muskeln verwendet, wenn wir jedoch richtig herzhaft lachen, sind es bis zu 135 Muskeln im ganzen Körper, die zusammenspielen. Aber während wir im Fitnessstudio aufwändig einzelne Muskelgruppen gezielt trainieren, funktioniert unser Lachen einfach so.

Im Wedding habe ich einmal auf einem LKW gelesen: It takes a muscle to fall in love. Ich glaube, es bedarf noch deutlich mehr, Gedanken und Gefühle und Ideen und Berührungen und wahrscheinlich noch mehr Muskeln und sehr wahrscheinlich noch mehr Mut, aber kaum jemand wird sagen können: Pass auf, ich verliebe mich jetzt in dich. Wenn dem so wäre, würde es keine traurigen romantischen Filme und Songs und Texte mehr geben, weil irgendwer die Gefühle von irgendwem nicht erwidert und dieser irgendwem sich dann neu verliebt oder wahlweise das Leben nimmt und dann irgendwer merkt, dass er irgendwem irgendwie doch ganz gut fand und dann ist aber schon alles zu spät oder es ist eine Schnulze mit Happy End, die auch keiner sehen will. Es funktioniert einfach oder einfach nicht. Unser Herz schlägt für sich allein, bis es irgendwann nicht mehr schlägt.

It takes a muscle to fall in love

In jeder noch so perfekt programmierten Fabrik kann sich trotzdem irgendwann einmal ein Fehler einschleichen. Da wird die Schraube in die falsche Richtung gedreht und das Gewinde geht kaputt oder die Tür wird falschherum an den Rahmen gesetzt oder die Schweißnaht ist uneben oder das Nicken am Ende bleibt aus. Dann kommt ein Techniker und behebt das mechanische Problem oder spielt ein Softwareupdate ein und dann geht alles wieder seinen geregelten Gang. Und es funktioniert wieder, sogar das Nicken.

Wenn bei uns aber etwas Ungeplantes passiert, wir verstimmt sind oder wieder keine Likes oder Kommentare für diesen Text bekommen haben, in den wir unser gesamtes Herzblut reingesteckt haben oder wenn wir am Morgen auf ein beliebiges Stück Wohnungsinventar getreten sind oder unsere Bahn ausfällt oder der Mensch, den wir so toll finden, nicht zurücklächelt oder sich ein anderes der 3875 möglichen Störteile in unser gut geöltes Getriebe verirrt, dann kommt da in der Regel niemand, der unseren Kopf aufschraubt oder den einen Gedanken austauscht oder ein Update für unser Betriebssystem aufspielt. Und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir funktionieren und nicken.

Als ich in Irland an der Supermarktkasse auf die Frage: How are you? einmal Good and you? antwortete, bekam ich einen sehr verwunderten und irritierten Blick und keine Antwort. Wir funktionieren, bis etwas passiert, was unsere Routine durchbricht und in diesem Fall ist die Routine wohl auch nur ein Nicken als Antwort, wie ich in den folgenden Monaten gelernt habe. So wie es laut offizieller Smalltalkverordnung Paragraph 3; Absatz 6 erwartet wird, auf die Frage: Wie geht´s? mit Ganz gut oder Okay oder Alles Tutti zu antworten. Oder mit einem selbstbewussten Nicken. Was passiert aber, wenn wir dann sagen: Weißt du, mir geht es heute richtig schlecht; ich habe einen ganz schlechten Tag oder ich habe Angst vor der Zukunft? Ich wäre irritiert und würde Interesse zeigen und versuchen zuzuhören oder zu helfen. Weil so funktioniere ich nun einmal. Aber ist das so gewollt? Will man das? Will ich das?

Überhaupt ist dieser Wunsch, mit allem klar zu kommen und sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und immer souverän zu sein vor allem in mir selbst und in meinem Kopf. Ich weiß genau, dass ich mich mit tollen Menschen umgebe, die auch so funktionieren wie ich, die dann nachfragen und Ratschläge geben und mir helfen, das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und auch eine kurze Funktionsstörung nicht schlimm finden. Aber ich erwarte selbst von mir, dass ich funktioniere und mein Kopf so gut programmiert ist, dass er all die ungeplanten Ereignisse wegsteckt und wegnickt und nicht unter der Last der Gedanken wegknickt und irgendwann zusammenbricht. Denn ich bin keine Autofabrik, in der man mal kurz das Fließband anhalten und den mechanischen Arm austauschen kann. Ich muss funktionieren, das erwarten die Menschen um mich rum und die Kollegen und die Fremden und alle und irgendwann glaube ich mir das sogar, dass es nicht im Kern nur ich selbst bin, der das von mir erwartet. Und so versuche ich meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu behalten und zu lächeln und zu nicken und mir dann am Abend allein zu Hause das Teil aus dem Getriebe zu ziehen und dabei möglichst wenig Schaden anzurichten.

Meistens funktioniert das ganz gut. Also alles. Das mit den Gesichtsmuskeln und mit den anderen Gedanken und mit der Ablenkung und mit dem abends allein zu Hause sein. Und am nächsten Tag sieht alles wieder anders aus und dann drücke ich den Wecker wieder 10 Minuten lang weg, weil ich dem einem Gedanken nachhänge und dann putze ich die Zähne und dusche und ziehe zur Feier des Tages mal einen neuen Pullover an und dann gehe ich raus und zur Arbeit und unternehme etwas und bin witzig und es ist wirklich alles okay und tutti und ganz gut.

Nur manchmal, wenn gerade ein neues Gedankenmodel ausgeliefert werden soll oder überstundenweise Fragen zusammengeschraubt werden müssen oder wenn alle Schrauben locker sind und überhaupt alles zu viel ist, dann komme ich an meine Grenzen. Und dann bricht die schön geölte Maschine auseinander und dann möchte ich nur noch raus aus dem Fließbandkreislauf. Alles runterfahren und abkühlen lassen und alles auf Anfang. Neustart. Und wenn ich dann mal nicht auf Nachrichten antworte oder mal gar nichts unter Kontrolle habe oder die Produktion stillsteht oder nix geht, dann muss ich lernen, dass auch das zum Funktionieren dazugehört und das niemand etwas anderes von mir erwartet
.
Funktionieren ist kein Zwang, sondern eine Fähigkeit, die wir Menschen haben und die uns hilft, einen Umgang mit ungewohnten Situationen oder Hindernissen zu finden. Vielleicht ist der Begriff einfach falsch gewählt. Wir sollten viel mehr und viel eher akzeptieren. Uns selbst und wie wir mit Stress oder Problemen oder mit Glück umgehen, unsere Routinen, unsere Ängste und Wünsche und Ansprüche, aber auch andere Menschen und ihre Gedanken und Werte, die Umstände an sich und auch, dass sich die Welt manchmal auch ohne unser Zutun – ganz von alleine – weiterdreht. Denn auch sie funktioniert. Und das schon unendlich viel länger als jeder von uns. Und das stimmt mich gerade irgendwie versöhnlich.

Am Abend stelle ich die Weckzeit direkt 10 Minuten weiter nach hinten. Und dann, kurz vor dem Einschlafen, spanne ich zwei Muskeln an und nicke noch einmal lächelnd.

Spreu vom Weizen

Und im Sommer, trennt sich die Spreu vom Weizen. Und wir sind mit dabei. Captain Planet – Spreu vom Weizen

Als ich klein war – wenn man das als dicker Junge überhaupt sagen kann, also vielleicht besser, als ich noch jung war und man noch so Freundschaftsbücher ausgefüllt hat – wollte ich gerne Musikvideoregisseur werden. Okay, wenn ich ehrlich bin, wollte ich zur Freundschaftsbücherzeit noch Lehrer werden, aber während meines Studiums, als ich schon wusste, dass ich nicht Lehrer werden will, war Musikvideoregisseur dann mein Traum. Ich hatte und habe noch immer oft Bilder und Videos im Kopf, wenn ich Lieder höre. Erst vor einigen Tagen dachte ich bei einem Song meiner Lieblingsband: Wie geil wäre es, wenn jetzt genau das und das passieren würde und wenn man jetzt noch mal hier und überhaupt.

Da ich nicht so die Technik habe, Musikvideos wirklich zu drehen, beziehungsweise ich nicht das nötige Knowhow habe, um nicht an meinem eigenen Anspruch zu scheitern, entschloss ich mich, diesen einen Song zumindest in eine kurze Geschichte zu packen. Es sind mehrere Fragmente aus Songs der Band (Captain Planet, sollte man kennen und lieben) enthalten, aber vor allem ein großer Teil aus dem Lied Spreu vom Weizen. Am besten lest ihr erst die Geschichte, hört dann den Song so zwei- bis dreimal, dann lest ihr die Geschichte noch einmal und hört danach nur noch Captain Planet. So würde ich es machen. Viel Spaß dabei. Und danke an Captain Planet für alles, für tolle Musik und großartige Texte und für die unzähligen Konzerte in den letzten Jahren.

Spreu vom Weizen

Es war derselbe Weg, den du schon so oft gegangen bist, mit denselben Straßenlaternen und Mülleimern, mit dem Bushaltestellenhäuschen, in das jemand mit Edding „Viva allein“ geschrieben hat und mit dem Schild, gegen das irgendwann mal jemand gegengefahren ist und das seitdem schräg an der Straße steht.

Der Tag war grau wie der Asphalt und die Pfützen hatten nichts zum reflektieren, gelbe und braune Blätter quetschten sich in die Abflüsse. Du wolltest nur kurz zum Laden, eine Mate und ein paar Bier kaufen, vielleicht noch Knabberkram für später. Und du ranntest die Gasse entlang und in Richtung der Kreuzung, auf die sich nur selten mal ein Auto verirrt. Die Ampel schaltete um und Spotify spielte den nächsten Song. Weiter, bis die Stimme aufgibt, bis alles zerfällt und dann die Straße und der Knall und die Schwarzblende.

Vier Stunden später. Ein Club, eine Bar, eine Tanzfläche. Dunkle Sessel. Die Haken sind noch immer nicht blau, du dafür schon. Du hasst Unzuverlässigkeit und Unpünktlichkeit und du hast auch keine Lust mehr zu warten. Du tanzt und du springst und du singst und du trinkst. Und irgendwann machst du dir keine Gedanken mehr und der Ring in deiner Tasche drückt immer weniger auf dein Herz. Und irgendwann klingelt das Telefon und du verstehst nicht was die Stimme am anderen Ende sagt und du quetscht dich raus aus dem Club und dann zieht es dir den Boden unter den Füßen weg und du fällst. Und du knallst auf den Boden. Schwarzblende.

Die Tage vergehen und werden zu Wochen und Monaten und Kalenderblätter fallen gelb und braun zu Boden und lassen kahle Wände zurück. Jahreszeiten verwischen wie frische Tinte und Nächte kommen und gehen. Und Schlaf wird sowieso überbewertet. Auf Feldern wird Getreide ausgesät und du siehst aus wie der Acker nachdem er gepflügt wurde. Und irgendwann kommen die Mähdrescher und knallen die Halme zu Boden und trennen die Spreu vom Weizen und du trennst keinen Müll mehr, weil du nicht weißt, welcher Teil von dir in die blaue Tonne gehört. Aber Weizen trinkst du auch, viel und nicht nur im Sommer sondern auch im Herbst und im Winter und in den Momenten dazwischen.

Es wird besser sagen die Leute und es wird wirklich besser. Alles wird besser, nächstes Jahr. Langsam. Und so wie die Zeit mit kleinen Schritten voranschreitet, so stolperst du dich auch zurück ins Leben. Du gehst erst wieder raus und dann auch irgendwann zu dem Ort, wo aus Viva Allein ein Ende geworden ist. Das Schild steht inzwischen gerade und witzige Sprüche pflastern die Mülleimer drumherum und irgendwer hat ein Baumhaus gebaut aus dem Kinder dich kritisch anschauen. Du bist eine Kulisse, die langsam auseinanderfällt und bevor du dich umdrehen kannst, läufst du los. Raus aus dem Vorort und rein in die Stadt und irgendwann auch wieder rein in die Bar und mit einer Zunge, die vom Rotwein ganz blau ist und mit Händen, die vom Zittern und Falten ganz rau sind, lässt du sogar irgendwann wieder Sektkorken knallen und fängst wieder von vorne an.

Schwarzblende. Fünfzehn Jahre später. Viel hat sich verändert, du zum Beispiel. Oder die kleine Stadt. Das Kino hat schon lange zu. Im Eingang hängt noch das vergilbte Plakat von Rambo. Erinnerungssplitter aus Glas und Beton und überall Graffitis und Müll. Die Blätter sind andere als noch vor Jahren, aber immer noch gelb und grau. Das Baumhaus ist abgebrannt und alles wirkt wie eine fremde Welt, eine Miniatur. Zwischen all dem stehst du und gehst du zum Friedhof. Löwenzahn und Unkraut müssten mal wieder weggemacht werden. Morgen. Lieber Morgen. Heute nur da sein und atmen und funktionieren. Es ist nichts mehr übrig von euch beiden. Nur die verblassende Erinnerung und die Stille, die in der Luft hängt wie die Vögel, die keinen Mast mehr gefunden haben.

Du bleibst nur kurz und nimmst dir vor, es bleiben zu lassen. Einfach abschließen mit dem Kapitel und die alte Kiste zuknallen und abschließen und dann verbuddeln unter dem Pflaster, unter dem Strand und unter der Zeit. Und du fährst zurück nach Hause, wo dich dein Sohn schon sehnsüchtig erwartet. Und der Ring an deinem Finger wird noch einmal kurz schwer und es fällt dir wieder auf, wie schwer er doch ist und dann nimmst du deinen Sohn auf den Arm und dir fällt wieder auf, wie schwer er doch geworden ist. Und dann liegt ihr euch in den Armen und ihr werdet es immer wieder tun, die nächsten 25 Jahre lang. Und du wirst immer da sein, egal wohin er rennt, in den Morgen, auf den Straßen, in den Bars und auf den Brücken. Und das ist alles Zukunftsmusik. Jetzt geht ihr raus. Es ist Erntezeit. Die Mähdrescher trennen die Spreu vom Weizen. Und ihr seid mit dabei.

Kottbusser Tor, U1

Ich weiß nichts, bist du etwas sagst, wohin mit unseren Händen? Wo hängen wir unsere Augen hin, an diesen kargen Wänden? Captain Planet – St. Peter

Ich bin seit fast einem Jahr in Berlin und war nicht sehr kreativ. Aber jetzt kann ich mich endlich in die Reihe der großen Namen einreihen, die einen Text über die Hauptstadt geschrieben haben: Alfred Döblin, Erich Kästner und Peter Fox. Mein Text heißt:

Kottbusser Tor, U1.

Auch wenn ihre Geschichte dort nicht ihr Ende fand und sicher auch ganz woanders begonnen hatte, war selbst die kurze Episode, die ich auf der Durchreise mitansehen konnte, dort irgendwie fehl am Platz. Überhaupt sollten Dinge, so wie die zwei sie besprachen, nicht mitten auf einem Verkehrsknotenbahnsteig zwischen feierwütigen Frühdreißigern und ausgelaugten Anfangzwanzigern stattfinden. Aber wenn schon wie auch immer gelagerter Emotionskram und große Gefühle, dann doch wenigstens Deutsche Oper oder meinetwegen auch Kurfürstendamm oder halt am Hauptbahnhof. Aber doch nicht am Kottbusser Tor.

Ich mein Kottbusser Tor mit K. Nicht so wie die Stadt mit C, ne, Berlin denkt sich: „Mach ick nich. Hat mir doch keiner zu bestimmen, wie ich Kottbus schreib. Und wenn ick will schreib ich Kottbullar bei Ikea auch mit C. Is ne freie Stadt. Wir sind zwar arm aber sexy und wenn was richtig sexy ist, dann doch wohl das Kottbusser Tor. Mit C.“

Zwischen Kottiwood (if you eat Döner there, you can make it everywhere) und Bauschaumschutt fährt hier die U8 nach Neukölln. Auch wieder so ein Ding. Reicht nicht ein Köln? Ist ja jetzt nicht so, dass Rheinhattan nun die schönste Stadt der Welt ist, so ein Place to be und to have in your City. Aber auch hier denkt sich Berlin: „Lass mir doch. Ick nenn meine Viertel wie ich will und dit is nun Neukölln. Get over with it.“ Nicht mal nen Dom gibt es da.

Aber wir waren beim Kottbusser Tor stehengeblieben, wo die zwei aus irgendeiner Bar oder einem Club oder einem hippen Ding ohne Namen kamen. Sie sahen gut aus, wie zwei Berliner, die noch nicht lange Berliner sind aber sich schon umso mehr fühlen wie Berliner, real und zugezogen. Ich weiß nicht, wo sie waren, ob auf einem Konzert von irgendeinem Singer/Songwriter aus Texas oder Südfrankreich oder einfach nur kickern und über die großen Themen der Welt philosophieren. Bestimmt waren sie vorher noch kurz im Späti und haben sich ne Mate geholt als Grundlage für den Wein oder die Bierschorle. Jedenfalls sah ich sie, als sie einer der zwielichtigen Hauseingänge wieder ins Großstadtleben spuckte.

Sie redeten und strahlten und fanden sich gut, denke ich. Die Chemie stimmte, mehr als bei den chemischen Stoffen, die als Fastgratisprobe angeboten wurden. Sie gingen die Straße entlang als wäre es die Allee der Kosmonauten und über ihnen wäre keine Trasse der U-Bahn, sondern Sterne und Raumstationen und Kometen und wirbelnde Welten von Galaxien und nichts. Sie berührten sich nicht und ich war berührt davon, wie zwei Menschen einfach so gut funktionierten indem sie nur redeten und Blicke tauschten, so intensiv wie der Tausch zwischen Leergut und Nachschub im Rewe nebenan.

Was ich nicht sah, waren die Gedanken in ihren Köpfen. Die Zweifel und Fragen und ihre Ziele und Wünsche und die Hoffnung und ihren Plan vom weiteren Miteinander. Und vielleicht waren da auch ganz andere Sachen in ihrem Kopf, Silvesterpläne oder der nächste Urlaub, Steuernachzahlungen oder die Ringbahnsperrung zwischen Gesundbrunnen und Beusselstraße, die nun endlich wieder aufgehoben war. Aber so wirkte es nicht, als sie die an der Ampel sogar auf grün warteten und dann die Treppe zur U1 hochstiegen.

Und für einen kurzen Augenblick gab es keine Verspätungen oder lustigen Aktionen der BVG, keine Motzverkäufer oder Handtaschenräuber, kein Schienenersatzverkehr und auch keinen bescheuerten Neunzehnjährigen, der meint, seine Nudelpfanne auf den Bahnsteig zu kotzen. Es gab nur die beiden und mich. Sie waren wie Emma Stone und Ryan Gosling in Lalaland, aber als noch nicht ganz klar war, zumindest für Emotionslegastheniker, ob die beiden sich überhaupt mögen oder wollen oder mögen wollen. Und ich war halt auch irgendwie da, störte jetzt keinen aber fiel auch nicht weiter auf.

In diesem Moment, als ich City of Stars pfiff, sagte er irgendwas zu ihr und sie wirkte unsicher und überrascht und irritiert und irgendwie veränderte sich alles. Und er schaute weg und schluckte und wusste auch nicht so recht, wohin mit seinen Augen und Blicken und Händen. Und dann umarmte sie ihn kurz, zu kurz und er umarmte sie auch, so mit einer Hand, aber nicht richtig und dann sagten sie noch irgendwas, drucksend und stotternd. Und innerhalb von Sekundenbruchteilen passten die beiden so gut auf den Kotti, wie der türkische Lebensmittelladen und der Truppentransporter der Polizei. Denn sie waren genauso abgefuckt und hoffnungslos verbaut und bedient und voll gestellt mit Dingen und umgeben von Menschen.

Ich weiß nicht, worüber sie gesprochen haben in diesem kurzen Moment, das geht mich auch nichts an. Ich war nur der Zuschauer eines kleinen Berliner Ensembles, das sich wahrscheinlich unzählige Male am Tag in Bussen und Bahnstationen der Hauptstadt abspielt. Und dann fuhr eh die U1 ein, Richtung Warschauer Straße und sie stieg ein und er blieb stehen und schaute ihr hinterher und sie lächelte milde. Dann ging er die Treppen runter, „Zurückbleiben bitte, Attention, stay back!“ und sie fuhr davon und er drehte sich nicht mehr um. Kurz darauf sah ich ihn wieder die Treppe hinaufkommen und in meine Bahn einsteigen. Er setzte sich seine Kopfhörer auf und tippte auf dem Handy rum. Wer weiß, eine Nachricht an sie oder an ihn oder eine schlechte Bewertung für den Bahnhof Kottbusser Tor auf Google Maps. Und dann steckte er das Handy weg und schloss die Augen und seufzte kaum merklich aber doch viel zu deutlich und ich hätte gern gewusst, was er denkt. Doch vielleicht war es besser, dass ich es nicht wusste, so wie es besser wäre, wenn ich mir eine andere, eine schönere Strecke suchen würde.

Mit den Händen in der Tasche stieg er am Bahnhof Hallesches Tor aus. Unsere Blicke trafen sich kurz und seine Augen sahen aus wie die schmutzigen Pfützen auf den Bürgersteigen in Kreuzberg nach einem Platzregen im Herbst. Es war wohl kein guter Abend für ihn. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir uns an der Deutschen Oper oder am Hauptbahnhof getroffen hätten. Vielleicht ist die Kulisse aber auch egal für die kleinen Schauspiele, die das Leben schreibt. Die Türen schlossen sich und die Bahn setzte sich rumpelnd in Bewegung. Ich holte mein Handy raus und fing an, einen Text zu schreiben.

Katzen und Bilder

Es war ’ne laue Nacht, du weißt es noch genau, als ob es gestern war, du warst ein bisschen drauf. Frittenbude – Bilder mit Katze

Vor zwei Monaten führte ich hier im Blog eine neue Kategorie ein, die ich seitdem schon relativ häufig und ziemlich erfolgreich ignoriert habe, die Musikvideos für die Ewigkeit. Doch darum soll es gar nicht direkt gehen. Ich habe damals den Song und das Video Bilder mit Katze von Frittenbude vorgestellt. Wer das mit Absicht aus Versehen ignoriert hat, kann den Beitrag noch einmal hier nachlesen oder nicht beachten.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich das offene Ende des Songs nicht ertrage und wissen will, wie es ausgeht. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bei der Band nachfragen, was sie sagen würden (spannend, aber nicht befriedigend) oder einfach selbst eine Fortsetzung schreiben. Wie reagiert das Mädchen auf das Foto vom Shirt und gibt es ein Happy End? Fragen, die ich mir gern beantworten wollte. Also habe ich eine kurze Fortsetzung der Geschichte geschrieben, die ich nun hier präsentieren möchte.

Der Text funktioniert sicher auch ohne Kenntnis des Originals, macht aber vielleicht mehr Spaß. Ich habe auch noch ein paar andere Songtextstellen eingebaut und wer mag, kann sie finden und sich dann daraus ein Lebkuchenhaus bauen. Außerdem finde ich, dass mir der erste Absatz irgendwie gut gelungen ist, ich weiß auch nicht. Kann das sein? Nun aber genug Intro hier.

Katzen und Bilder

Sie haben Post“, würde eine schlecht computergenerierte Stimme jetzt sagen, wenn dieser Text in einer Zeit spielen würde, als es noch AOL-CDs gab und Boris Becker fast noch Tennis spielte. Da dieser Text nun aber in einem gedachten heute passiert, war es nur eine roteingerahmte, weiße eins über zwei blauangedeuteten Sprechblasensymbolen, die Katze darüber informierte, dass jemand versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Katze nutzte das Netzwerk, um in Kontakt zu bleiben. Gelegentliches Geschreibe über Sinn und Sinnloses und manchmal, aber nur manchmal – selten –, ein Austausch von Sinnlichkeiten. Hier konnte sie virtuell Bekannte treffen, Lerngruppen planen und die Zeit verplempern. Dann war wieder eine Stunde um, in der sie eigentlich noch einen Entwurf fertig machen oder an diesem einen Bericht weiterarbeiten oder was kochen wollte und dann gab es doch wieder nur Nudeln mit Pesto aus dem Glas und halbgeschmolzene Sandwichkäsescheiben.

Zwischen dem Konzert im SO36 – fast bei ihr vor der Haustür – und Bett, wollte sie nur noch einmal kurz gucken, ob sie auf der Welt oder die Welt etwas von ihr verpasst hatte, als sie, mit der Zahnbürste im Mund und ihrem Kuschelschlafanzug am Körper, die Nachricht entdeckte. Es war ein schwarzes Shirt mit neun großen gelben Buchstaben. Ein verblasstes Foto, ebenso wie die Erinnerung an die Zeit, die super war, und dann irgendwann auf einmal nicht mehr.

Sie weiß nicht, was sie wissen will oder wissen kann oder wissen soll und spuckt die Zahnpastareste, die sich schon viel zu lange in ihrem Mund befinden, weil sie vom Putzen abgekommen ist, ins Waschbecken. Es war das eine Shirt, ihr Lieblingsshirt, aus der Zeit, als sie und er noch Bilder gemacht haben, Bilder mit Katzenmasken und Hundeblicken, Bilder mit Hasenohren und schiefen Schatten, Bilder, auf denen im Hintergrund die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen zu sehen waren, Bilder aus dem vierten Stock mit Schwänen an der Wand, Bilder im Gegenlicht der Sonnenstrahlen und im Herzen ihrer Welt. Das war alles so weit weg und doch nie so ganz entfernt.

Und sie klickt die Nachricht weg und öffnet sie wieder und macht das Bild groß und es ist wirklich das Shirt, denn auch die Ärmel sind abgerissen – das war damals in dieser Nacht als sie heimlich in ein Freibad eingebrochen sind – und dann schließt sie das Bild und den Laptop und Facebook und öffnet die Schachtel und schaut sich all die Bilder noch einmal an und dann öffnet sie auch den Computer wieder und auch Facebook und schaut sich sein Profil an und sieht nicht viel, weil er noch immer seine Privatsphäre liebt und die Einstellungen entsprechend gesetzt hat, nur ein Profilfoto und ein Gruppenbild vor irgendeiner Frittenbude in Hamburg mit Freunden oder Bekannten oder mit zufällig zusammengewürfelten Personen des öffentlichen Lebens und dann klickt sie so durch und versucht ihn zu stalken, obwohl sie das nicht wissen will oder braucht oder möchte, und sie kann ja auch nichts erfahren, außer dass ihm House of Cards gefällt, was ihr ja zu politisch war, und dann schließt sie den Computer erneut und ihre Augen und in ihrem Kopf dreht sich die Welt schneller als sonst um ihre eigene Achse, vielleicht zu schnell, denn ihr wird schwindelig und dann öffnet sie die Augen und das Chatfenster auf ihrem Handy, das leer bleibt und wahrscheinlich bei ihm anzeigt, dass sie das Bild gesehen hat, woraufhin er alle fünf Minuten checken wird, ob sie schon geantwortet hat, denkt sie, denn so würde sie es machen, wenn sie an seiner Stelle wäre und sie oder ihn oder irgendwen in so eine Situation gebracht hätte und dann fährt sie erst sich und dann den Computer für den Rest der schlaflosen Nacht runter. Nur etwas Ruhe.

Am nächsten Tag, was eigentlich noch der gleiche Tag ist, jedoch nach dem Aufstehen, was nicht richtig zählt, weil sie nicht geschlafen hat, aber dann wäre ewig gestern, sieht die Welt auf einmal noch immer genauso aus, wie ein paar Stunden zuvor, nur hell hinter den zugezogenen Vorhängen. Es ist damals auseinandergegangen. Von Wegen (aus Gründen). Und sie weiß, dass sie nicht zurückgehen will und selbst wenn sie bloß zurückschaut, sieht sie da kein Land in Sicht nur mehr weniger.

Auch nach zwei Tagen hat er nicht noch einmal geschrieben und das ist auch gut so, denkt sie, aber auch, dass es nicht gut ist und jetzt all das Ungesagte einfach so wie unbestellt und abgeholt im Raum steht, ohne Antwort auf keine der Fragen. Also macht sie ein Foto vom dem Text der Band, nicht von sich, und schickt es ihm.

Und ist alles so weit weg,
das alles so lang her?
Ich allein in dieser Stadt
und du unten am Meer.
Am einen Ende die Sonne,
am anderen Ende der Mond.
Wir haben alles verloren,
doch uns dabei nie geschont.
Fortlaufend zu fliehen,
unser Oxycotin.
Doch soweit können wir nicht rennen,
um uns nicht mehr zu kennen.

Heute bist du nur ein Junge den ich einmal gekannt habe. Mach es gut, aber ohne mich. Katze.

Und dann faltet sie das Papier zusammen und steckt das Blatt in den Umschlag und klebt den Brief zu und macht eine Marke rauf und verschickt ihn und das alles digital und so gibt es keine Marke und keinen Brief und keinen Umschlag und kein Blatt und kein gefaltetes Papier, sondern nur den Druck auf die Entertaste, der so viel Druck aufbaut und ihr nimmt und der wichtig und nötig und das einzig richtige war und ist und sein gewesen sein wird – sagt sie sich – und klingt in ihrem Kopf fast sicher, dass es stimmt.

Sie sieht nicht ein, die alten Wunden wieder aufzureißen, die zwar noch nicht ganz verheilt sind, aber auf denen schon Schorf ist, den man sich am Anfang noch aufkratzt, obwohl man weiß, dass es dann blutet, an dem man dann aber irgendwann doch das Interesse verliert und ihn dann so vor sich hin heilen lässt. Und so blockt sie alle Gefühle ab und ihn in diesem Netzwerk und dann macht sie die Augen zu und ihre Lunge auf und atmet durch. Die Welt dreht sich wieder normal und die Kiste steht wieder im Schrank, irgendwo unter dem Krach und Schutt und Staub der letzten Jahre. Die zwei kommen nicht mehr zusammen. Nicht heute oder irgendwann. Und die Bilder mit Katze werden wohl irgendwann ausbleichen und nur noch verschwommen wird man die Schemen sehen, die einmal sie gewesen sind. Nur um das Shirt, da ist es schade. Und um die großen, gelben Buchstaben.

Heimsucht

Eigentlich wollte ich hier ja aus Irland berichten und den Blog weiterführen und Fotos posten und coole Storys und alles. Uneigentlich ist hier im letzten halben Jahr nichts passiert. Kann man jetzt auch nicht mehr ändern.

Allerdings war ich heute Nacht in einem Anflug von spontaner Kreativität mal wieder in der Lage, einen (Poetry Slam) Text zu schreiben. Den möchte ich ohne lange Vorrede mit euch teilen. Nur so viel: Es ist natürlich wie immer nicht biografisch und ein rein fiktiver Text. Alle Ähnlichkeiten mit real existierendem … Krams sind rein zufällig. Der Text heißt Heimsucht und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Heimsucht

Wenn einer eine Reise tut und diese Reise nicht nur eine Reise ist, im Sinne von: Mensch, endlich mal wieder schön verreisen, schön mit Handgepäck und Urlaubsspeck, nix wie weg aus Deutschland, und schön in die Karibik, aber nur für zwei schöne Wochen, dann ist aber auch schön wieder gut und überhaupt sprechen die ja auch eh alle kein Deutsch da, und das muss ja auch nicht sein, ganz pauschal: Tourist ist nicht nur zufällig phonetisch nah dran am Terrorist.

Sondern im Sinne von: Das Land verlassen und auf zu neuen Ufern, in anderen Städten ausufern und auschecken, was so geht und aus dem Hotel, das für die ersten 14 Tage die Heimat war, und rein in die erste eigene Wohnung im Ausland, das von nun an nicht mehr Ausland ist, sondern der Ort, wo du arbeitest und lebst und schläfst und kochst und Pizza bestellst und Klopapier kaufst und den du dann immer mit Deutschland vergleicht, im Sinne von: Mensch, das hätte es ja in Deutschland nicht gegeben und: Hach, guck ma einer an, diese Verrückten hier. Und überhaupt ist das ja alles ganz anders, aber schon auch irgendwie ähnlich.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du betrittst das erste Mal den lokalen Aldimarkt, der vielleicht eine deutsche Erfindung sein mag, aber genau so ein Exportschlager ist, wie der der Lidlmarkt nebenan oder Milka Schokolade oder Rammstein oder deutsche Autos oder alkoholfreies Becks Blue. Und dann hörst du das erste Mal die Frage: „How are you?“ Und du bist verdutzt und verwirrt und verzweifelt. Und du bastelst dir mit deinem besten schlechten Englisch eine Antwort. Und du stotterst sie deinem Gegenüber ins Gesicht: „Ähm. Yeah. Thank you. I am äh good. And you?“ Und du erntest das erste Mal diesen absolut verdutzten und verwirrten und fast verzweifelten Gesichtsausdruck. Und zwar nicht, weil dein Englisch so schlecht ist, sondern, weil man auf „How are you“ nicht antwortet, sondern einfach nur nickt oder grinst oder ausdruckslos angestrengt gar nichts macht, weil es eigentlich auch scheißegal ist, how you are.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und am Anfang skypst du noch regelmäßig mit deinen Bekannten und machst dich mit neuen Menschen bekannt und du kennst schnell den einen oder die andere, aber verkennst die Veränderung und bestehst auf der Vergangenheit. Mit Postkarten teilst du jedem, der es nicht wissen will, mit, dass es auch im Ausland Wetter gibt. Und Wettervorhersagen. Und Alkohol. Und es geht dir gut, aber der Postkartenempfangende fehlt schon irgendwie ein bisschen. Und das Meer auch. Aber die Postkarten werden weniger, denn du kannst nicht ertragen, dass das Leben in der alten Heimat auch ohne dich weitergeht. Und du gehst weiter deinen Umweg und du hast das Gefühl, etwas zu verpassen, und du verpasst den Anschluss und den Tag auf Arbeit, und im Anschluss verlierst du deinen Job und das Interesse daran, das zu ändern, denn Veränderung hattest du schon genug in letzter Zeit, und die Richtung, in die sich die Welt dreht, hat sich ja auch nicht verändert in den letzten 1000 Jahren.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und du hältst dich wieder an deinem Smartphone fest und stellst alle zwei Minuten neu fest, dass dir wieder niemand geschrieben hat. Und du schreibst ab, dich, und die Zeilen aus diesem Auswander-Forum im Internet, wo ja eh jeder irgendwie zu Hause ist, und da steht: „Am Anfang ist es ganz normal, ein bisschen Heimweh zu haben. Das geht vorbei“, und zwar dir und mir und jedem und am Arsch. Home is where your heart is und dein Herz will langsam mal nach Hause.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Es geht doch immer weiter, zumindest noch bergab, wussten schon Turbostaat und du weißt es jetzt auch und nicht besser, und Wissen ist Macht, macht dich aber irgendwie machtlos, und loslassen willst du, aber losmachen kannst du nicht, denn du hast dir vorher geschworen, dass Scheitern keine Option ist. Denn du hast schon so viel angehäuft auf deinem Scheiterhaufen und haufenweise Sachen ausprobiert und aufgegeben und angefangen und abgebrochen. Failure is not an option. Und so ist dieses Mal alles anders und du bist anders und anders ist gut also bist du gut und das alles muss gut sein und damit ist alles gut. Sagst du dir, und glaubst sogar fast selber dran.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du kannst die Frage nicht beantworten und willst die Frage nicht beantworten und du willst dir auch die Frage nicht mehr stellen, sondern lieber gleich die Antwort kennen oder lernen, was es heißt, zu sein. Irgendwo angekommen und nicht wieder auf der Strecke abhanden, selbst wenn die Strecke nur ein Rückweg ist. Ins alte Leben, das ja doch gar nicht mal so schlecht war, irgendwie.

Und dann sagst du der Ferne Ade und suchst dein altes Heim auf und: Verflucht noch mal mal, tut das gut, wieder hier zu sein. Und dann bestellst du dir erst einmal schön ne Pizza und kaufst dir schön Klopapier und suchst dir schön ne Arbeit und du bist froh, dass alle wieder Deutsch sprechen, mehr oder weniger, und du bist selbst wieder einer dieser verrückten Deutschen, die es ja im Ausland so nicht gibt. Sondern nur so ähnlich. Irgendwie.

Gedicht: Mit Steinen im Magen

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen, will auf und davon und nie wiederkommen! Casper – Im Ascheregen

Seit geraumer Zeit fehlt mir das Durchhaltevermögen, Sachen zu beenden. Das merke ich an Serien, die ich ganz gut finde, aber dann doch nach fünf Folgen nicht weiterschaue, an Spielen, auf die ich kurz vor dem Ende einfach keine Lust mehr habe und leider besonders bei Büchern. Ich habe früher sehr viel gelesen, nicht umsonst habe ich mich für ein Germanistikstudium entscheiden. In letzter Zeit ist es aber so, dass ich Bücher anfange, 80 Seiten am Stück lese, dann Pause mache und nach nem halben Jahr merke, da war ja noch was und dann hab ich den Anfang vergessen und dann habe ich natürlich auch keine Lust, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Doch gestern konnte ich endlich mal wieder ein Buch bis ganz zum Ende lesen, allerdings auch keinen Roman, sondern eine Gedichtsammlung. Es handelte sich um Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, ein Buch, das in keinem Haushalt fehlen sollte. Kästner schreibt tolle, einfach gestrickte, manchmal etwas holprige Gedichte, die zu fast allen Lebenslagen passen. Besonders die traurigen Texte sind toll.

Wahrscheinlich hat mich die Lektüre motiviert, selbst mal wieder lyrische tätig zu werden. Überhaupt habe ich das kreative Schreiben ziemlich vernachlässigt in den letzten Monaten. Vielleicht ändert sich das ja im Herbst, hier auf jeden Fall mein neustes Gedicht:

Mit Steinen im Magen

Wir gehen auf Abstand und auf uns los,
wir sehen uns an und bringen uns um.
Das Ego so klein, die Enttäuschung so groß.
Ich bin zum Nachgeben einfach zu dumm.

So vieles blieb hier ungesagt,
ich suche in Briefen und zwischen den Zeilen.
Die Konfrontation ist nach hinten vertagt,
du suchst die Wahrheit in Puzzleteilen.

Jetzt tun wir so und es wird getan,
als würden wir zwei uns nicht kennen.
Das, war wir hatten, hat sich verfahren –
Mit Steinen im Magen lässt sich nicht rennen.

Wie lösen wir uns und uns endlich auf,
nur weg mit weiß wehenden Fahnen?
Kollateralschaden nehmen wir dankend in Kauf
und hinterlassen verbrannte Brücken und Bahnen.

Irgendwann kommt dann der Ascheregen,
und wäscht weg, was wichtig war.
Mit den Resten aus für und dagegen,
sind auch wir einfach nicht mehr da.