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Katzen und Bilder

Es war ’ne laue Nacht, du weißt es noch genau, als ob es gestern war, du warst ein bisschen drauf. Frittenbude – Bilder mit Katze

Vor zwei Monaten führte ich hier im Blog eine neue Kategorie ein, die ich seitdem schon relativ häufig und ziemlich erfolgreich ignoriert habe, die Musikvideos für die Ewigkeit. Doch darum soll es gar nicht direkt gehen. Ich habe damals den Song und das Video Bilder mit Katze von Frittenbude vorgestellt. Wer das mit Absicht aus Versehen ignoriert hat, kann den Beitrag noch einmal hier nachlesen oder nicht beachten.

Mir ist irgendwann aufgefallen, dass ich das offene Ende des Songs nicht ertrage und wissen will, wie es ausgeht. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bei der Band nachfragen, was sie sagen würden (spannend, aber nicht befriedigend) oder einfach selbst eine Fortsetzung schreiben. Wie reagiert das Mädchen auf das Foto vom Shirt und gibt es ein Happy End? Fragen, die ich mir gern beantworten wollte. Also habe ich eine kurze Fortsetzung der Geschichte geschrieben, die ich nun hier präsentieren möchte.

Der Text funktioniert sicher auch ohne Kenntnis des Originals, macht aber vielleicht mehr Spaß. Ich habe auch noch ein paar andere Songtextstellen eingebaut und wer mag, kann sie finden und sich dann daraus ein Lebkuchenhaus bauen. Außerdem finde ich, dass mir der erste Absatz irgendwie gut gelungen ist, ich weiß auch nicht. Kann das sein? Nun aber genug Intro hier.

Katzen und Bilder

Sie haben Post“, würde eine schlecht computergenerierte Stimme jetzt sagen, wenn dieser Text in einer Zeit spielen würde, als es noch AOL-CDs gab und Boris Becker fast noch Tennis spielte. Da dieser Text nun aber in einem gedachten heute passiert, war es nur eine roteingerahmte, weiße eins über zwei blauangedeuteten Sprechblasensymbolen, die Katze darüber informierte, dass jemand versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen.

Katze nutzte das Netzwerk, um in Kontakt zu bleiben. Gelegentliches Geschreibe über Sinn und Sinnloses und manchmal, aber nur manchmal – selten –, ein Austausch von Sinnlichkeiten. Hier konnte sie virtuell Bekannte treffen, Lerngruppen planen und die Zeit verplempern. Dann war wieder eine Stunde um, in der sie eigentlich noch einen Entwurf fertig machen oder an diesem einen Bericht weiterarbeiten oder was kochen wollte und dann gab es doch wieder nur Nudeln mit Pesto aus dem Glas und halbgeschmolzene Sandwichkäsescheiben.

Zwischen dem Konzert im SO36 – fast bei ihr vor der Haustür – und Bett, wollte sie nur noch einmal kurz gucken, ob sie auf der Welt oder die Welt etwas von ihr verpasst hatte, als sie, mit der Zahnbürste im Mund und ihrem Kuschelschlafanzug am Körper, die Nachricht entdeckte. Es war ein schwarzes Shirt mit neun großen gelben Buchstaben. Ein verblasstes Foto, ebenso wie die Erinnerung an die Zeit, die super war, und dann irgendwann auf einmal nicht mehr.

Sie weiß nicht, was sie wissen will oder wissen kann oder wissen soll und spuckt die Zahnpastareste, die sich schon viel zu lange in ihrem Mund befinden, weil sie vom Putzen abgekommen ist, ins Waschbecken. Es war das eine Shirt, ihr Lieblingsshirt, aus der Zeit, als sie und er noch Bilder gemacht haben, Bilder mit Katzenmasken und Hundeblicken, Bilder mit Hasenohren und schiefen Schatten, Bilder, auf denen im Hintergrund die gewaltigen Tiere mit metallenen Krallen zu sehen waren, Bilder aus dem vierten Stock mit Schwänen an der Wand, Bilder im Gegenlicht der Sonnenstrahlen und im Herzen ihrer Welt. Das war alles so weit weg und doch nie so ganz entfernt.

Und sie klickt die Nachricht weg und öffnet sie wieder und macht das Bild groß und es ist wirklich das Shirt, denn auch die Ärmel sind abgerissen – das war damals in dieser Nacht als sie heimlich in ein Freibad eingebrochen sind – und dann schließt sie das Bild und den Laptop und Facebook und öffnet die Schachtel und schaut sich all die Bilder noch einmal an und dann öffnet sie auch den Computer wieder und auch Facebook und schaut sich sein Profil an und sieht nicht viel, weil er noch immer seine Privatsphäre liebt und die Einstellungen entsprechend gesetzt hat, nur ein Profilfoto und ein Gruppenbild vor irgendeiner Frittenbude in Hamburg mit Freunden oder Bekannten oder mit zufällig zusammengewürfelten Personen des öffentlichen Lebens und dann klickt sie so durch und versucht ihn zu stalken, obwohl sie das nicht wissen will oder braucht oder möchte, und sie kann ja auch nichts erfahren, außer dass ihm House of Cards gefällt, was ihr ja zu politisch war, und dann schließt sie den Computer erneut und ihre Augen und in ihrem Kopf dreht sich die Welt schneller als sonst um ihre eigene Achse, vielleicht zu schnell, denn ihr wird schwindelig und dann öffnet sie die Augen und das Chatfenster auf ihrem Handy, das leer bleibt und wahrscheinlich bei ihm anzeigt, dass sie das Bild gesehen hat, woraufhin er alle fünf Minuten checken wird, ob sie schon geantwortet hat, denkt sie, denn so würde sie es machen, wenn sie an seiner Stelle wäre und sie oder ihn oder irgendwen in so eine Situation gebracht hätte und dann fährt sie erst sich und dann den Computer für den Rest der schlaflosen Nacht runter. Nur etwas Ruhe.

Am nächsten Tag, was eigentlich noch der gleiche Tag ist, jedoch nach dem Aufstehen, was nicht richtig zählt, weil sie nicht geschlafen hat, aber dann wäre ewig gestern, sieht die Welt auf einmal noch immer genauso aus, wie ein paar Stunden zuvor, nur hell hinter den zugezogenen Vorhängen. Es ist damals auseinandergegangen. Von Wegen (aus Gründen). Und sie weiß, dass sie nicht zurückgehen will und selbst wenn sie bloß zurückschaut, sieht sie da kein Land in Sicht nur mehr weniger.

Auch nach zwei Tagen hat er nicht noch einmal geschrieben und das ist auch gut so, denkt sie, aber auch, dass es nicht gut ist und jetzt all das Ungesagte einfach so wie unbestellt und abgeholt im Raum steht, ohne Antwort auf keine der Fragen. Also macht sie ein Foto vom dem Text der Band, nicht von sich, und schickt es ihm.

Und ist alles so weit weg,
das alles so lang her?
Ich allein in dieser Stadt
und du unten am Meer.
Am einen Ende die Sonne,
am anderen Ende der Mond.
Wir haben alles verloren,
doch uns dabei nie geschont.
Fortlaufend zu fliehen,
unser Oxycotin.
Doch soweit können wir nicht rennen,
um uns nicht mehr zu kennen.

Heute bist du nur ein Junge den ich einmal gekannt habe. Mach es gut, aber ohne mich. Katze.

Und dann faltet sie das Papier zusammen und steckt das Blatt in den Umschlag und klebt den Brief zu und macht eine Marke rauf und verschickt ihn und das alles digital und so gibt es keine Marke und keinen Brief und keinen Umschlag und kein Blatt und kein gefaltetes Papier, sondern nur den Druck auf die Entertaste, der so viel Druck aufbaut und ihr nimmt und der wichtig und nötig und das einzig richtige war und ist und sein gewesen sein wird – sagt sie sich – und klingt in ihrem Kopf fast sicher, dass es stimmt.

Sie sieht nicht ein, die alten Wunden wieder aufzureißen, die zwar noch nicht ganz verheilt sind, aber auf denen schon Schorf ist, den man sich am Anfang noch aufkratzt, obwohl man weiß, dass es dann blutet, an dem man dann aber irgendwann doch das Interesse verliert und ihn dann so vor sich hin heilen lässt. Und so blockt sie alle Gefühle ab und ihn in diesem Netzwerk und dann macht sie die Augen zu und ihre Lunge auf und atmet durch. Die Welt dreht sich wieder normal und die Kiste steht wieder im Schrank, irgendwo unter dem Krach und Schutt und Staub der letzten Jahre. Die zwei kommen nicht mehr zusammen. Nicht heute oder irgendwann. Und die Bilder mit Katze werden wohl irgendwann ausbleichen und nur noch verschwommen wird man die Schemen sehen, die einmal sie gewesen sind. Nur um das Shirt, da ist es schade. Und um die großen, gelben Buchstaben.

Heimsucht

Eigentlich wollte ich hier ja aus Irland berichten und den Blog weiterführen und Fotos posten und coole Storys und alles. Uneigentlich ist hier im letzten halben Jahr nichts passiert. Kann man jetzt auch nicht mehr ändern.

Allerdings war ich heute Nacht in einem Anflug von spontaner Kreativität mal wieder in der Lage, einen (Poetry Slam) Text zu schreiben. Den möchte ich ohne lange Vorrede mit euch teilen. Nur so viel: Es ist natürlich wie immer nicht biografisch und ein rein fiktiver Text. Alle Ähnlichkeiten mit real existierendem … Krams sind rein zufällig. Der Text heißt Heimsucht und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Heimsucht

Wenn einer eine Reise tut und diese Reise nicht nur eine Reise ist, im Sinne von: Mensch, endlich mal wieder schön verreisen, schön mit Handgepäck und Urlaubsspeck, nix wie weg aus Deutschland, und schön in die Karibik, aber nur für zwei schöne Wochen, dann ist aber auch schön wieder gut und überhaupt sprechen die ja auch eh alle kein Deutsch da, und das muss ja auch nicht sein, ganz pauschal: Tourist ist nicht nur zufällig phonetisch nah dran am Terrorist.

Sondern im Sinne von: Das Land verlassen und auf zu neuen Ufern, in anderen Städten ausufern und auschecken, was so geht und aus dem Hotel, das für die ersten 14 Tage die Heimat war, und rein in die erste eigene Wohnung im Ausland, das von nun an nicht mehr Ausland ist, sondern der Ort, wo du arbeitest und lebst und schläfst und kochst und Pizza bestellst und Klopapier kaufst und den du dann immer mit Deutschland vergleicht, im Sinne von: Mensch, das hätte es ja in Deutschland nicht gegeben und: Hach, guck ma einer an, diese Verrückten hier. Und überhaupt ist das ja alles ganz anders, aber schon auch irgendwie ähnlich.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du betrittst das erste Mal den lokalen Aldimarkt, der vielleicht eine deutsche Erfindung sein mag, aber genau so ein Exportschlager ist, wie der der Lidlmarkt nebenan oder Milka Schokolade oder Rammstein oder deutsche Autos oder alkoholfreies Becks Blue. Und dann hörst du das erste Mal die Frage: „How are you?“ Und du bist verdutzt und verwirrt und verzweifelt. Und du bastelst dir mit deinem besten schlechten Englisch eine Antwort. Und du stotterst sie deinem Gegenüber ins Gesicht: „Ähm. Yeah. Thank you. I am äh good. And you?“ Und du erntest das erste Mal diesen absolut verdutzten und verwirrten und fast verzweifelten Gesichtsausdruck. Und zwar nicht, weil dein Englisch so schlecht ist, sondern, weil man auf „How are you“ nicht antwortet, sondern einfach nur nickt oder grinst oder ausdruckslos angestrengt gar nichts macht, weil es eigentlich auch scheißegal ist, how you are.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und am Anfang skypst du noch regelmäßig mit deinen Bekannten und machst dich mit neuen Menschen bekannt und du kennst schnell den einen oder die andere, aber verkennst die Veränderung und bestehst auf der Vergangenheit. Mit Postkarten teilst du jedem, der es nicht wissen will, mit, dass es auch im Ausland Wetter gibt. Und Wettervorhersagen. Und Alkohol. Und es geht dir gut, aber der Postkartenempfangende fehlt schon irgendwie ein bisschen. Und das Meer auch. Aber die Postkarten werden weniger, denn du kannst nicht ertragen, dass das Leben in der alten Heimat auch ohne dich weitergeht. Und du gehst weiter deinen Umweg und du hast das Gefühl, etwas zu verpassen, und du verpasst den Anschluss und den Tag auf Arbeit, und im Anschluss verlierst du deinen Job und das Interesse daran, das zu ändern, denn Veränderung hattest du schon genug in letzter Zeit, und die Richtung, in die sich die Welt dreht, hat sich ja auch nicht verändert in den letzten 1000 Jahren.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Und du hältst dich wieder an deinem Smartphone fest und stellst alle zwei Minuten neu fest, dass dir wieder niemand geschrieben hat. Und du schreibst ab, dich, und die Zeilen aus diesem Auswander-Forum im Internet, wo ja eh jeder irgendwie zu Hause ist, und da steht: „Am Anfang ist es ganz normal, ein bisschen Heimweh zu haben. Das geht vorbei“, und zwar dir und mir und jedem und am Arsch. Home is where your heart is und dein Herz will langsam mal nach Hause.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Es geht doch immer weiter, zumindest noch bergab, wussten schon Turbostaat und du weißt es jetzt auch und nicht besser, und Wissen ist Macht, macht dich aber irgendwie machtlos, und loslassen willst du, aber losmachen kannst du nicht, denn du hast dir vorher geschworen, dass Scheitern keine Option ist. Denn du hast schon so viel angehäuft auf deinem Scheiterhaufen und haufenweise Sachen ausprobiert und aufgegeben und angefangen und abgebrochen. Failure is not an option. Und so ist dieses Mal alles anders und du bist anders und anders ist gut also bist du gut und das alles muss gut sein und damit ist alles gut. Sagst du dir, und glaubst sogar fast selber dran.

Und aus Fernweh wird Heimsucht, die dich heimsucht und verflucht und: Verflucht noch mal, was soll ich noch hier. Du kannst die Frage nicht beantworten und willst die Frage nicht beantworten und du willst dir auch die Frage nicht mehr stellen, sondern lieber gleich die Antwort kennen oder lernen, was es heißt, zu sein. Irgendwo angekommen und nicht wieder auf der Strecke abhanden, selbst wenn die Strecke nur ein Rückweg ist. Ins alte Leben, das ja doch gar nicht mal so schlecht war, irgendwie.

Und dann sagst du der Ferne Ade und suchst dein altes Heim auf und: Verflucht noch mal mal, tut das gut, wieder hier zu sein. Und dann bestellst du dir erst einmal schön ne Pizza und kaufst dir schön Klopapier und suchst dir schön ne Arbeit und du bist froh, dass alle wieder Deutsch sprechen, mehr oder weniger, und du bist selbst wieder einer dieser verrückten Deutschen, die es ja im Ausland so nicht gibt. Sondern nur so ähnlich. Irgendwie.

Gedicht: Mit Steinen im Magen

Dies ist kein Abschied, denn ich war nie willkommen, will auf und davon und nie wiederkommen! Casper – Im Ascheregen

Seit geraumer Zeit fehlt mir das Durchhaltevermögen, Sachen zu beenden. Das merke ich an Serien, die ich ganz gut finde, aber dann doch nach fünf Folgen nicht weiterschaue, an Spielen, auf die ich kurz vor dem Ende einfach keine Lust mehr habe und leider besonders bei Büchern. Ich habe früher sehr viel gelesen, nicht umsonst habe ich mich für ein Germanistikstudium entscheiden. In letzter Zeit ist es aber so, dass ich Bücher anfange, 80 Seiten am Stück lese, dann Pause mache und nach nem halben Jahr merke, da war ja noch was und dann hab ich den Anfang vergessen und dann habe ich natürlich auch keine Lust, noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Doch gestern konnte ich endlich mal wieder ein Buch bis ganz zum Ende lesen, allerdings auch keinen Roman, sondern eine Gedichtsammlung. Es handelte sich um Doktor Erich Kästners Lyrische Hausapotheke, ein Buch, das in keinem Haushalt fehlen sollte. Kästner schreibt tolle, einfach gestrickte, manchmal etwas holprige Gedichte, die zu fast allen Lebenslagen passen. Besonders die traurigen Texte sind toll.

Wahrscheinlich hat mich die Lektüre motiviert, selbst mal wieder lyrische tätig zu werden. Überhaupt habe ich das kreative Schreiben ziemlich vernachlässigt in den letzten Monaten. Vielleicht ändert sich das ja im Herbst, hier auf jeden Fall mein neustes Gedicht:

Mit Steinen im Magen

Wir gehen auf Abstand und auf uns los,
wir sehen uns an und bringen uns um.
Das Ego so klein, die Enttäuschung so groß.
Ich bin zum Nachgeben einfach zu dumm.

So vieles blieb hier ungesagt,
ich suche in Briefen und zwischen den Zeilen.
Die Konfrontation ist nach hinten vertagt,
du suchst die Wahrheit in Puzzleteilen.

Jetzt tun wir so und es wird getan,
als würden wir zwei uns nicht kennen.
Das, war wir hatten, hat sich verfahren –
Mit Steinen im Magen lässt sich nicht rennen.

Wie lösen wir uns und uns endlich auf,
nur weg mit weiß wehenden Fahnen?
Kollateralschaden nehmen wir dankend in Kauf
und hinterlassen verbrannte Brücken und Bahnen.

Irgendwann kommt dann der Ascheregen,
und wäscht weg, was wichtig war.
Mit den Resten aus für und dagegen,
sind auch wir einfach nicht mehr da.

Wenn es so einfach wäre…

She‘ll never know how much she means to me, I play the game but I‘m the referee. Billy Talent – Surrender

Manchmal gibt es so Tage, da wünscht man sich, dass man noch mal in der Zeit zurückreisen kann um einfach im Bett zu bleiben, das Handy in den Computer zu schmeißen und mit den Händen über den Ohren und „Lalala“ singend so zu tun, als würde das alles grad nicht passieren. Problem ist, dass selbst mit dieser Verdrängungstaktik das meiste genauso passieren würde, nur die Konsequenzen würde man erst einen Tag später zu spüren bekommen. Ich spreche da aus Erfahrung.

Heute ist mal wieder so ein Tag, der aus ganz verschiedenen Gründen, auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden soll (vielleicht später mal, is ja schließlich mein Blog und oben steht: „Alles kann, nichts muss“). Mein Kopf fühlt sich momentan unglaublich voll und komplett taub und leer gleichermaßen an. Ich habe das Bedürfnis laut zu schreien und irgendwas (am besten mich selbst) zu zerstören, im nächsten Moment möchte ich aber einfach nur heulen. Ja, ich glaube, leer trifft die momentane Situation schon ganz gut. Einfach irgendwie geschafft und kraftlos und müde.

Aber darum sollte es ja gar nicht gehen. Ich musste nur in diesem Kontext an ein altes Gedicht denken, dass ich vor über sieben Jahren geschrieben habe. Das muss, wenn ich mich recht erinnere, mein letzter Schultag gewesen sein, von daher passt es auch schon wieder ganz gut, jetzt wo sich das mit der Uni nähert (wenn ich nicht durch meine Masterarbeit geflogen bin, ich glaube das erwähnte ich noch nicht, dass mein Dozent nicht so begeistert war). Ich konnte die Nacht nicht schlafen, auch da ging es mir schlecht und der Hauptauslöser war ganz ähnlich wie heute. Zu der Zeit habe ich noch echt viel geschrieben, manchmal mehrere Gedichte am Tag. Das vermisse ich irgendwie, diese jugendliche Kreativität (auch wenn viel Schrott dabei war). Jedenfalls habe ich da dieses Gedicht geschrieben, am 08.07.2006 (lustiges Datum) und das möchte ich hier mal vorstellen, auch wenn es natürlich doof ist, als Premierengedicht gerade so ein ernstes Gedicht zu nehmen. Aber so ist das Leben manchmal.

Noch als kleine Anmerkung: Dieses Gedicht ist reine Fiktion, Lyrik, Hirngespinst – nennt es, wie ihr es wollt. Es ist nicht autobiographisch und ich habe auch nicht vor, mich selbst zu verletzen (wenn es doch mal passiert, dann nur aus Tollpatschigkeit – recht wahrscheinlich). Es ist ein Zeitdokument. Ich hab es vor sieben Jahren geschrieben und ich lebe immer noch und hab mir nie was angetan. Hab ich auch weiterhin nicht vor. Nur mal so, damit sich hier keiner Sorgen macht. Ich kenn das alles schon, es ist immer wieder schwer und scheiße, doch ich krieg es schon hin und spätestens in einem Jahr (eher früher) werde ich hier (wenn es den Blog dann noch gibt) wieder rumheulen, dass es mir wieder richtig schlecht geht (hoffentlich nicht).

Wenn es so einfach wäre…

Man lässt die Seele baumeln,
an einem Faden ums Genick.
Sich einfach hängen lassen,
an einem seidnen Strick.

Ein schneidendes Erlebnis
und die Sonne scheint,
die rote Glut verteilt sich
und der Himmel weint.

Sich einfach treiben lassen,
beim schwimmen gehen im Meer,
man lässt sich einfach sinken,
wie ein Stein so schwer.

Ein Sprung ins kalte Wasser
aus dem zehnten Stock.
Fliegend wie ein Vogel,
vergessen jeder Schock.

Sich selbst die Kugel geben,
klingt einfach nur zu gut.
Den goldenen Schuss zu setzen,
allein, es fehlt der Mut.

Wenn es so einfach wäre,
den letzten Schritt zu gehen.
Der Ausweg für die Menschen,
die keinen Ausweg sehen.

Kopfkino

Dein Leben läuft gut, mein Leben läuft Amok! Kraftklub (Mein Leben)

Am Anfang fand ich die Idee super, jedem Beitrag ein thematisch passendes Zitat aus Musik, Film und Spiel zu verpassen. Heute machte mir das aber enorme Probleme, weil mir einfach nichts Passendes einfallen wollte. Mag sein, dass es auch daran liegt, dass es kurz vor vier Uhr in der Nacht ist und nur die zwei Flaschen Mate dafür sorgen, dass ich nicht mit offenen Augen auf meinem Sessel einschlafe.

Und so grübelte ich jetzt mindestens ne halbe Stunde und bin mit Kraftklub an dieser Stelle gar nicht hundertprozentig zufrieden. Aber da es nervig ist, immer grübeln und denken und überlegen zu müssen, dachte ich, es passt wenigstens etwas und ich muss nicht schon im fünften Beitrag mit der jungen Zitattradition brechen.

Hier folgt nun eine doppelte Premiere. Zum einen für diesen Blog, in dem ich immer wieder auch eigene literarische Texte vorstellen möchte. Zum anderen für den Text selbst, der ist nämlich brandneu und erst heute spontan auf der Zugfahrt zurück nach Rostock entstanden. Es geht darin um die Dinge, die uns täglich so durch den Kopf gehen. Mir gefällt er ganz gut, ist wieder mal was Ernsteres, könnte mir aber vorstellen, den vielleicht auch an gegebener Stelle mal auf einem Slam vorzutragen. Alles kann, nix muss!

Kopfkino

    Wissen ist Macht, Ungewissheit macht aber auch nichts!

    Die Gedankenmaschine im Kopf läuft auf Hochtouren, angefeuert von Was-wäre-wenn-Kohlestücken und den fantastisch, fahnenschwenkenden Fans am Fahrbahnrand. „Wird schon, komm schon, mach schon“, rufen sie und johlen und schreien und jubeln und denken sich nichts dabei. Wäre ja noch schöner, wenn ich auch für jeden imaginären Menschen in meinem Kopf das Denken übernehmen müsste. Dann würde mein Kopf wahrscheinlich in kürzester Zeit einfach explodieren.

    Und dann fliegen all die kranken Gedanken wie Granatsplitter durch die Gegend, Hoffnungen und Ängste vermischen sich zu einem feinen roten Fleischnebel und Zähne landen wie Räder im Getriebe des Lebens. Dazu kommen Unmengen an Blut und Hirn und der ganze andere Mist, der sich so in meinem Kopf rumtreibt. Und das will ja auch keiner wegmachen, hinterher.

    Wie gerne überdenke ich Ideen und Entscheidungen noch einmal, bevor ich sie in die Tat umsetze. Nochmal. Nochmal. Und nochmal. Irgendwann habe ich mir selbst die beste Idee über gedacht. Und dann rede ich mit jemandem drüber. Nochmal. Nochmal. Und nochmal. Und dann ist es vorbei und alle Gedanken danken ab und Ideen sind überdehnt und Momente werden zu Monumenten des An-sich-selbst-Scheiterns. Aus Sinn für Sinnlichkeit wird eine Sinnlosbude, die Hauptgewinne verspricht und doch nur Nietengürtel umlegt und jeden umlegt, der es wagt, das System Glück zu hinterfragen, selbst wenn in dem gesamten Lostopf nur einmal das bescheuerte Kind drin ist, das man für die glückliche Familie und die damit verbundene freie Auswahl braucht. Ich verspüre immer mehr den Wunsch, den Topf umzustoßen und alle Lose aufzureißen. Nur einmal freie radikale Auswahl.

    Manchmal wünsche ich mir, ich hätte einen Ausknopf für meinen Kopf. Immer vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen, beim Aufstehen und Einfallen, bei Einfällen und Auftritten, zwischen Aufschieben und Einziehen, trotz Einwänden und Aufsätzen, inmitten von Aufgaben und Einsichten, egal ob einzeln oder aufgereiht. Eigentlich und auf den Punkt gebracht: Immer, wenn ich ein- und wieder ausatme.

    Und dann suche ich danach, mit einem Spiegel auf der gebeugten Rückseite meines Körpergehäuses, zwischen den zusammengebissenen Zähnen, bei Hochgefühl und Tiefpunkten, neben schlotternden Knien und auch bei dir, dem Ehrengast in meiner eigenen kleinen Synapsenparty. Doch alles, was ich finde, ist nur die Fernbedienung, die mal wieder zwischen die Kissen gerutscht ist. Und so sehr ich auch drücke – vielleicht sind die Batterien leer und so drücke ich noch fester – ich kann einfach nicht abschalten. Entschlüsse ausgeschlossen.

    Dabei will ich nicht immer nur schwarz sehen, weißte? Ich will den Rückspiegel verstellen und die Frontscheibe beschlagen. Mal im Hier und Jetzt Gas geben und wegkommen, raus aus dem Leerlauf, raus aus dem Parkhaus, rein in den echten, zähflüssigen Verkehr. Riskieren, den Wagen mal so richtig vor einen Baum zu setzen, den man vor lauter Wald im Kopf nicht gesehen hat. Fest fahren und festhalten, nicht anhalten, Anhalter ablehnen, weit aus dem Fenster lehnen und den Kopf einfach mal vom Fahrtwind durchpusten lassen. Doch es bleibt bei Autosuggestion.

    „Es ist alles nur in meinem Kopf“, singt ein austauschbar hochtrabend tiefstapelnder Möchtegern-Indiespacken in den Charts. Doch leider hat er recht, auch wenn seine lyrischen Ergüsse in etwa die Qualität meiner Nudelwasserabgüsse haben. Da sind Welten in meinem Kopf. Zwischen Hirnrinde und Schädelplatte habe ich mir mein Leben zusammengezimmert. Wissen macht erfinderisch und die Schere im Kopf erspart das Zimmer, Mann!

    So gibt es Seen und Wälder dort oben und Bäume, unter die man sich auch bei Blitzen stellen kann. Eichen sollst du weichen und Weiden sollst du meiden, doch Linden auf Hirnrinden sollst du finden und jedes Gewitter wird sofort verschwinden. Die tektonische Schädelplattenbewegung hat Gebirge geschaffen, in denen der Schnee von gestern schon geschmolzen ist und darin bin ich groß und wild und Jäger und auch das Gejagte bin ich selbst. Ich erschrecke die Geister, die ich rief, schicke Leichen in den Keller, setze mich zu meinen Gedanken in das langsamste Karussell der Welt und schau mir das ganze in Endlosschleife in meinem 3D-High-Definition-Dolby- Surround-Kopfkino an. Und dann sitze ich in meinem Kopf und schaue jemanden zu, der in meinem Kopf jemanden zuschaut, der in meinem Kopf jemanden zuschaut und so weiter.

    Was ist, wenn die Stimme im Kopf der einzige Mensch ist, der mich mag? Mag sein oder nicht sein, aber hier ist die Frage doch eine ganz andere. Denn wenn das alles so scheiße ist, hier und im Kopf und überall, warum lassen wir es dann nicht einfach sein? Versuchen wir uns, der Ungewissheit unbelastet zu überlassen. Denn Wissen ist Macht. Aber mal absolut nichts wissen, macht doch hin und wieder auch nichts.